Rilke und Religion

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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martinette
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Rilke und Religion

Beitrag von martinette » 7. Nov 2005, 17:34

Ich bin zu einer Gruppe eingeladen, die gerade ein Buch von Etty Hillesum liest, die sich in ihrer Beziehung zu Gott, Religiösität und Spiritualität sehr von Rilke insperiert fühlt. Sie schreibt, wenn sie stirbt, möchte sie die Bibel und Gedichte von Rilke mitnehmen. Kann mit jemand mehr zu seiner Religiösität sagen?
Annette

Antoninus Rainer
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Beitrag von Antoninus Rainer » 30. Nov 2005, 17:32

Ich lese gerade die Hillesum - und finde in ihrem Tagebuch:

".. Guten Morgen, mein unordentlicher Schreibtisch. Ein Staubtuch schlingt sich in lässigen Farben um meine fünf blutjungen Rosenknospen, und Rilkes "Über Gott" liegt vergraben unter dem 'Russisch für Kaufleute'..."
(rororo 5575. S. 108)

*

Ich habe diesen Rilke-Text mir dazugelegt:

Rilke: Über Gott

Wie ist es möglich zu leben, wenn doch die Elemente dieses Lebens uns völlig unfaßlich sind? Wenn wir immerfort im Lieben unzulänglich, im Entschließen unsicher und dem Tode gegenüber unfähig sind, wie ist es möglich, da zu sein? Ich bin nicht durchgekommen, in diesem unter der tiefsten inneren Verpflichtung geleisteten Buch, mein ganzes Staunen auszuschreiben, darüber, daß die Menschen seit Jahrtausenden mit Leben und Tod umgehen (von Gott gar nicht zu reden) und dabei diesen ersten unmittelbarsten, ja genau genommen, einzigen Aufgaben: (denn was haben wir anderes zu tun) noch heute (und wie lange noch?) so neulinghaft ratlos, so zwischen Schrecken und Ausrede, so armselig gegenüberstehen. Ist das nicht unbegreiflich? Meine Verwunderung über diese Tatsache drängt mich, sooft ich mich ihr überlasse, zunächst in die größte Bestürzung hinein und weiter in eine Art Grauen; aber auch hinter dem Grauen ist etwas Nächstes und Übernächstes, etwas so Intensives, daß ich mit dem Gefühl nicht zu entscheiden vermöchte, ob es glühend oder eisig sei. Ich habe schon einmal, vor Jahren über den Malte jemandem, den dieses Buch erschreckt hatte, zu schreiben versucht, daß ich es selbst manchmal wie eine hohle Form, wie ein Negativ empfände, dessen alle Mulden und Vertiefungen Schmerz sind, Trostlosigkeit und weheste Einsicht; der Ausguß davon aber, wenn es möglich wäre, einen herzustellen (wie bei einer Bronze die positive Figur, die man daraus gewönne), wäre vielleicht Glück, Zustimmung; — genaueste und sicherste Seligkeit. Wer weiß, ich frage mich, ob wir nicht immer sozusagen an der Rückseite der Götter heraustreten, von ihrem erhaben strahlenden Gesicht durch nichts als durch sie selber getrennt, dem Ausdruck, den wir ersehnen, ganz nah, nur eben hinter ihm stehen; aber was will das anders bedeuten, als daß unser Antlitz und das göttliche Gesicht in dieselbe Richtung hinausschauen, einig sind; und wie sollen wir demnach aus dem Raume, den der Gott vor sich hat, auf ihn zutreten?

Verwirrt es Sie, daß ich Gott sage und Götter und mit diesen Satzungen (genau wie mit dem Gespenst) um der Vollzähligkeit willen umgehe, meinend, es müsse sich dabei auch für Sie gleich etwas denken lassen? Aber nehmen Sie Übersinnliches an. Verständigen wir uns darüber, daß der Mensch, seit seinen frühesten Anfängen, Götter gebildet hat, in denen da und dort nur das Tote und Drohende und Vernichtende und Schreckliche, die Gewalt, der Zorn, die überpersönliche Benommenheit, enthalten waren, verknotet gleichsam zu einem dichten bösartigen Zusammengezogensein: das Fremde, wenn Sie wollen, aber in diesem Fremden schon gewissermaßen zugegeben, daß man es gewahrte, ertrug, ja anerkannte um einer gewissen, geheimnisvollen Verwandtschaft und Einbeziehung willen: man war auch dies, nur, daß man vor der Hand mit dieser Seite des eigenen Erlebens nichts anzufangen wußte; sie waren zu groß, zu gefährlich, zu vielseitig, sie wuchsen über einen hinaus zu einem Übermaß von Bedeutung an; es war unmöglich, neben den vielen Zumutungen des auf Gebrauch und Leistung eingerichteten Daseins, diese unhandlichen und unfaßlichen Umstände immer mitzunehmen, und so kam man überein, sie ab und zu hinauszustellen. — Da sie aber Überfluß waren, das Stärkste, ja eben zu Starke, das Gewaltige, ja Gewaltsame, das Unbegreifliche, oft Ungeheure —: wie sollen, sollten sie nicht, an einer Stelle zusammengetragen, Einfluß, Wirkung, Macht, Überlegenheit ausüben? Und zwar nun von außen. Könnte man die Geschichte Gottes nicht behandeln als einen gleichsam nie angetretenen Teil des menschlichen Gemütes, einen immer aufgehobenen, aufgesparten, schließlich versäumten, für den eine Zeit, Entschluß und Fassung da war und der dort, wohin man ihn verdrängt hatte, nach und nach zu einer Spannung anwuchs, gegen die der Antrieb des einzelnen, immer wieder zerstreuten und kleinlich verwendeten Herzens kaum noch in Frage kommt?

Sehen Sie, und so ging es nicht anders mit dem Tod. Erlebt und doch in seiner Wirklichkeit uns nicht erlebbar, uns immerfort überwachsend und doch von uns nicht recht zugegeben, den Sinn des Lebens kränkend und überholend von Anfang an, wurde auch er, damit er uns im Finden dieses Sinnes nicht beständig unterbräche, ausgewiesen, hinaus verdrängt, er, der uns wahrscheinlich so nahe ist, daß wir die Entfernung von ihm und der inneren Lebensmitte in uns gar nicht feststellen können, er wurde ein Äußeres, täglich fern Gehalteneres, das irgendwo im Leeren lauerte, um in bösartiger Auswahl den und jenen anzufallen —; mehr und mehr stand der Verdacht wider ihn, daß er der Widerspruch der Widersacher sei, der unsichtbare Gegensatz in der Luft, der, an dem unsere Freuden eingehen, das gefährliche Glas unseres Glücks, aus dem wir jeden Augenblick können vergossen werden.

Gott und Tod waren nun draußen, waren das Andere, und das Eine war unser Leben, das nun um den Preis dieser Ausscheidung menschlich zu werden schien, vertraulich, möglich, leistbar, in einem geschlossenen Sinn das unsrige. Da aber in diesem gewissermaßen für Anfänger eingerichteten Lebenskurs, in dieser Lebensvorklasse, der zu ordnenden und begreifenden Dinge immer noch unzählige waren und zwischen gelösten Aufgaben und nur eben vorläufig übersprungenen nie ganz strenge Unterschiede gemacht werden konnten, so ergab sich, selbst in dieser eingeschränkten Fassung kein gerader und zuverlässiger Fortgang, sondern man lebte, wie es kam, von wirklichen Erträgen und Fehler-Summen, und aus allem Ergebnis mußte endlich wiederum als Grundfehler eben diejenige Bedingung hervortreten, auf deren Voraussetzung dieser ganze Daseinsversuch aufgerichtet war; indem nämlich aus jeder in Gebrauch genommenen Bedeutung Gott und Tod abgezogen schienen (als ein nicht Hiesiges, sondern Späteres, Anderwärtiges und Anderes), beschleunigte sich der kleinere Kreislauf des nur Hiesigen immer mehr; der sogenannte Fortschritt wurde zum Ereignis einer in sich befangenen Welt, die vergaß, daß sie, wie sie sich auch anstellte, durch den Tod und durch Gott von vornherein übertroffen war. Nun hätte das noch eine Art Besinnung ergeben, wäre man imstande gewesen, Gott und Tod als bloße Ideen sich im Geistigen fernzuhalten —: aber die Natur wußte nichts von dieser uns irgendwie gelungenen Verdrängung - blüht ein Baum, so blüht so gut der Tod in ihm wie das Leben, und der Acker ist voller Tod, der aus seinem liegenden Gesicht einen reichen Ausdruck des Lebens treibt, und die Tiere gehen geduldig von einem ins andere - und überall um uns ist der Tod noch zu Haus, und aus den Ritzen der Dinge sieht er uns zu, und ein rostiger Nagel, der irgendwo aus einer Planke steht, tut Tag und Nacht nichts als sich freuen über ihn.
Und auch die Liebe, die zwischen den Menschen die Zahlen verwirrt, um ein Spiel von Nähen und Fernen einzuführen, in dem wir immer uns so weit erweisen, als wäre das Weltall voll und nirgends Raum als in uns; — — auch die Liebe nimmt nicht Rücksicht auf unsere Einteilungen, sondern reißt uns, zitternd wie wir sind, in ein endloses Bewußtsein des Ganzen hinein, — die Liebenden leben nicht aus dem abgetrennt Hiesigen; als ob nie eine Teilung vorgenommen worden wäre, greifen sie den ungeheueren Besitzstand ihrer Herzen an; von ihnen kann man sagen, daß ihnen Gott nahrhaft wird und daß der Tod ihnen nicht schadet: denn sie sind voller Tod, indem sie voller Leben sind.
Aber vom Erleben haben wir hier nicht zu reden, es ist ein Geheimnis, kein sich verschließendes, keines, das den Anspruch macht, versteckt zu werden, es ist das seiner selbst sichere Geheimnis, das wie ein Tempel offen steht, dessen Eingänge sich rühmen, Eingang zu sein, zwischen überlebensgroßen Säulen singend, daß sie die Pforte sind.
*
Aus: Rainer Maria Rilke, Über Gott . Zwei Briefe . Im Insel Verlag zu Leipzig. Brief an L. H. vom 8. November 1915 (S. 13-21)
Naturgeheimnisse nachstammeln; stimmig fassen.

Michaela

Beitrag von Michaela » 10. Dez 2005, 17:29

Hallo,

was meint Ihr: könnte dieses Gedicht von Rilke sein ?

Du bist so groß
und so unendlich weit,
daß man kein Ende sieht.
Du schreitest mit der Zeit,
und die Unendlichkeit
begreift dein Lied.

Du bist so schwer,
daß niemand je erwägt,
wer Dich dereinst erschuf
und jetzt noch trägt.
Doch jeder Wunsch zerschlägt
Dein heilger Ruf.

Du bist so tief,
denn alles Große lenkt
dem einen Ziele zu,
das sich hineinversenkt
und ewig nur erdenkt
daß Du bist Du!

Michaela :lol:

sedna
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von sedna » 3. Jan 2011, 21:15

:lol: :lol: :lol:

Du meinst, weil sich sogar die Namen so schön reimen? Nein, ich glaube nicht, daß Rilke ein Spaßvogel war.
Also, es handelt sich hierbei allem Anschein nach um ein Lied eines Rudolf Gnilke aus der "Deutschen Jugendmusikbewegung", gedruckt in Die Musikergilde, Jahrbuch der Neudeutschen Künstlergilden, 1921.
(Und ich würde Rilke auch nicht ohne Not als "Wandervogel" bezeichnen wollen, obwohl er ja viel unterwegs war ...)
Ein paar Fehlerchen haben sich reingeschlichen, ich stell's noch mal ein, so, wie es in Walther Jantzen: Die lyrische Dichtung der Jugendbewegung (1974) zu lesen ist:

Du bist so groß
und so unendlich weit,
daß man kein Ende sieht.
Du schreitest mit der Zeit,
und die Unendlichkeit
begreift dein Lied.

Du bist so schwer,
daß niemand je erwägt,
wer dich dereinst erschuf
und jetzt noch trägt.
Doch jeden Wunsch zerschlägt
dein heiliger Ruf.

Du bist so tief,
denn alles Große lenkt
dem einen Ziele zu,
das sich hineinversenkt,
und ewig nur erdenkt
daß du bist du!"

Dazu ist weiter zu lesen:

"Wieder steht das Motiv des Unfaßbaren im Vordergrund. Der Gedanke der Verwandtschaft solcher Empfindung mit der deutschen Mystik des Mittelalters liegt nahe. Es lag auch der Jugend nahe, darum griff sie zu den Schriften Eckharts und Seuses — um sie enttäuscht wieder aus der Hand zu legen."

Sowas haben die damals gemacht

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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lilaloufan
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von lilaloufan » 29. Okt 2017, 12:57

Weil Etty Hillesum hier erwähnt wird, die im Konzentrationslager Birkenau die „Briefe an einen jungen Dichter“ und das „Stundenbuch“ wie ein Brevier bei sich trug, ein Wort von ihr über Rilke aus ihrem Tagebuch («Das denkende Herz«):
Etty Hillesum hat geschrieben:Immer wieder komme ich auf Rilke zurück. Es ist sonderbar, er war ein empfindsamer Mensch und schrieb viele seiner Werke innerhalb der Mauern gastfreundlicher Schlösser, und er wäre möglicherweise zugrunde gegangen unter den Umständen, unter denen wir heute leben müssen. Aber zeugt es nicht von einer guten Ökonomie, dass sensitive Künster in ruhigen Zeiten und unter günstigen Umständen ungestört nach der schönsten und passendsten Form für ihre tiefsten Erkenntnisse suchen können, an denen sich Menschen, die in bewegteren und kräftezehrenden Zeiten leben, aufrichten können und in denen sie ein fertiges Gehäuse vorfinden für ihre Verwirrung und ihre Fragen, die noch zu keiner eigenen Form und Lösung gelangt sind, weil die tägliche Energie für die täglichen Nöte aufgebraucht wird?
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Regenrauschen
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von Regenrauschen » 26. Dez 2017, 23:30

Es freut mich sehr, hier etwas über Etty Hillesum zu lesen.
Die seit einigen Jahren andauernde intensive Beschäftigung mit dieser besonderen Frau war für mich die Brücke zu Rilke; durch sie habe ich bei ihm Feuer gefangen und freue mich immer wieder auf´s neue, wie nah beide auf bestimmten Ebenen beieinander liegen.
Einmal ( 5.September 1942) schreibt sie Folgendes : "...Der Doktor sagte gestern, ich führe ein zu intensives inneres Leben, ich lebe zu wenig auf der Erde und fast schon an der Grenze des Himmels, und meine Konstitution halte das nicht aus. Vielleicht hat er recht. Die letzten 1 1/2 Jahre, mein Gott! Und die beiden letzten Monate, die für sich allein ein ganzes Leben aufwiegen. Und habe ich nicht Stunden erlebt, von denen ichsagen konnte: Diese eine Stunde ist ein ganzes Leben gewesen, und wennn ich sofort sterben müßte, wäre diese eine Stunde das Leben wert gewesen? Und ich habe vieler solcher Stunden erlebt.Warum darf ich nicht auch im Himmel leben? Da es den Himmel ja gibt, warum darf man dann nicht darin leben? Aber eigentlich ist es eher umgekehrt : Der Himmel lebt in mir. Ich muss an ein Wort aus einem Gedicht von Rilke denken : Weltinnenraum."

Die letzten 2 Jahre ihres Lebens, als sich die tödliche Schlinge der Vernichtung (sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet) immer enger um sie zog, erweiterte sich ebenso ihr Verständis und ihre Annahme des Lebens und genauso des Todes.
Da muss ich an die 4. Elegie denken : " Aber dies : den Tod, den ganzen Tod, noch vor dem Leben so sanft zu enthalten und nicht bös zu sein, ist unbeschreiblich" .
Ja - es ist unbeschreiblich - Etty hat tatsächlich, wie Rilke es schreibt, in den Mulden und Vertiefungen seiner Texte sehr viel Freude, Kraft und unglaubliche Bejahung gewonnen.
Grüße an das Forum,
Björn

stilz
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von stilz » 31. Dez 2017, 15:53

Lieber Björn,

herzlichen Dank für Deinen Beitrag!
Es berührt mich sehr, zu lesen, wieviel Hilfestellung zur inneren Aufrichtung ein Mensch selbst unter schlimmsten Umständen in Rilkes Werk gefunden hat.

Ich denke dabei auch an Rilkes Brief an Lou Andreas-Salomé (24.2.1912) zum „Malte“, worin es heißt:

»Ich sehe seit einer Weile ein, daß ich Menschen, die in der Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen muß, in den Aufzeichnungen Analogien für das zu finden, was sie durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht, muß notwendig abwärts kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen werden, die es gewissermaßen gegen den Strom zu lesen unternehmen.
Diese Aufzeichnungen, indem sie ein Maß an sehr angewachsene Leiden legen, deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte, die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre.«


Ich wünsche uns allen eine solche „Lesart“ in der Rückschau auf all das, was im jetzt zu Ende gehenden Jahr „durchzumachen“ war – auf daß wir innerlich aufgerichtet das Jahr 2018 beginnen!
Es möge - wieder in Rilkes Worten (11.1.1914 an August Sauer) - »ein reiches und erfreuliches werden, in der Arbeit sowohl als im Erleben, an dem es ja liegt, den Boden zu mischen, aus dem die Leistung und ihre Freudigkeit sich erheben möchte.«

Herzlichen Gruß in die Runde,

Ingrid (stilz)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Regenrauschen
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von Regenrauschen » 1. Jan 2018, 17:43

Liebe Ingrid,
ich freue mich sehr über Deine Antwort auf meinen Beitrag!
Ein Grund, warum mir Rilke so sehr am Herzen liegt (und das ist in relativ kurzer Zeit geschehen, da ich mich erst seit etwa zwei/drei Jahren mit ihm beschäftige), ist seine Art, vorsichtig, bar jeglicher Arroganz/Überheblichkeit Dinge zu beschreiben, bzw. sanft die Existenz dieser Dinge überhaupt für möglich zu halten.
So auch in dem von Dir gesendeten Text, als er schreibt, "...deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte, die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre."
Allein dieser Sprachgebrauch hilft mir ganz enorm, auch mein Ahnen, mein es-für-möglich-halten vorsichtig für die Welt zu öffnen. Also die inneren Sinnesorgane auf feinster Ebene aufnahmefähig sein zu lassen, ohne große Erwartungen und es ernst zu nehmen, was sie empfangen, ohne sogleich den analytischen Verstand über den möglichen Wahrheitsgehalt entscheiden zu lassen.
Diese Zurückhaltung ist eine besondere Qualität, die mich auch mit Etty verbindet, z.B. wenn sie schreibt, dass sie täglich einfach in sich hineinhorchen würde, ganz schlicht, z.B. auf der harten Kokosmatte im Badezimmer knieend. Diese innere Haltung eröffnet erst den Raum, in dem auch ich mich als empfänglich wahrnehme.
allen ein gutes, bewusstes Neues Jahr
Björn

stilz
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von stilz » 5. Jan 2018, 09:45

Lieber Björn,

danke!
Das hast Du sehr schön beschrieben.

»sanft die Existenz dieser Dinge überhaupt für möglich zu halten« – das ist für mich der wichtigste Schlüssel überhaupt.

Auch für mich haben Rilkes Texte Räume geöffnet, von deren Existenz ich davor nicht wußte, auch wenn ich manches etwas vage ahnte. Viele Gedichte waren mir erst auf den zweiten oder dritten Blick verständlich - verwandelten sich dann aber gleichsam in „Türen“ zu einer anderen Welt, die ich, wie sich herausstellte, im eigenen Inneren trug...

Das erste der Sonette an Orpheus fällt mir ein:

[…] Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,

ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, -
da schufst du ihnen Tempel im Gehör.


Und wie passend, daß unser Gespräch im thread Rilke und Religion stattfindet...

Herzlichen Gruß!
Ingrid
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Regenrauschen
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von Regenrauschen » 15. Jan 2018, 15:44

Liebe Ingrid
"Tempel im Gehör" - ja, ich kann Deine Assoziation zum ersten Sonett gut nachvollziehen.
Gerade habe ich eine Weile inne gehalten, gehört: Geräusche im Raum, das Ticken der Uhr, auch weit Entferntes.
Im Gegensatz zu früheren, mehr suchenden als findenden Jahren bin ich nun immer wieder erstaunt, wie weit, wie - um einen Begriff von Rilke zu nehmen - "offen" die Stille sein kann und ich dann selber an dieser Offenheit teilnehmen kann, darin sein kann. Und dass dieses Bewußtsein innerhalb von Sekunden entsteht.
Wohl auch einfach darum, weil ich es nicht mehr haben, nicht herbeiführen will.
Das Bild des inneren Tempels taucht wieder auf, ist eine gute Metapher um etwas zu diesem Prozess zu sagen.
Und auch der Atem, " in dem ich mich rhythmisch ereigne".

Es ist ein schönes Unterfangen, eine Balance zu finden, um einerseits Gedanken, Einsichten und Fragen auszutauschen und andererseits mit dem auf Tuchfühlung zu sein, um was es bei dem Gespräch geht.

Liebe Grüße,
Björn

stilz
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von stilz » 22. Jan 2018, 21:32

Lieber Björn,

Du sagst:
Regenrauschen hat geschrieben:
15. Jan 2018, 15:44
... und ich dann selber an dieser Offenheit teilnehmen kann, darin sein kann. Und dass dieses Bewußtsein innerhalb von Sekunden entsteht.
- - - und erinnerst mich damit an ein Gedicht aus dem Buch vom Mönchischen Leben, über das wir vor Jahren hier gesprochen haben:
  • Wer seines Lebens viele Widersinne
    versöhnt und dankbar in ein Sinnbild faßt,
    der drängt
    die Lärmenden aus dem Palast,
    wird anders festlich, und du bist der Gast,
    den er an sanften Abenden empfängt.

    . . Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
    die ruhige Mitte seinen Monologen;
    und jeder Kreis, um dich gezogen,
    spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.
Schon damals hat die Zeile »der drängt« in ihrer fast schroffen Kürze mich an die Sekundenschnelle denken lassen, in der dieses »anders festliche« Bewußtsein entstehen kann.

Herzlichen Gruß,
stilz
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Regenrauschen
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Re: Rilke und Religion

Beitrag von Regenrauschen » 28. Jan 2018, 21:27

Liebe Ingrid,
wie sehr freue ich mich über dieses Gedicht an dieser Stelle!
Ja, es drückt so trefflich diese Erfahrung aus. Und auch die festlich, aber anders festliche Atmosphäre passt so gut zu diesem inneren Geschehen, welches mich immer wieder so sehr erstaunt und berührt.
Es erinnert mich auch an viele Märchen, in denen das königliche Element, all das Gold und die Schätze Metaphern für unsere inneren Schätze sein können. (Das hat mich besonders in meinem Lieblingsmärchen "Eisenhans" sehr angesprochen).
Und die inneren Schätze - sind sie nicht letztlich Eins mit dem Göttlichen...?
Ich kann auch gut Deine Gedanken, die Du vor über 11 Jahren im Forum geäußert hast, gut nachvollziehen. Das "Sinnbild" ist auch für mich eine Vereinigung innerer Wiedersprüche, also von - oberflächlich betrachtet - völlig unvereinbar erscheindenden Anteilen unserer Persönlichkeit (z.B. Missgunst <> Mitgefühl oder: Angst, zu kurz zu kommen<> Vertrauen in die Fülle).
Ich sage manchmal zu Menschen, die gerne Anteile von sich ablehnen :"Alles darf mit ins Boot, all unsere Eigenschaften, nichts möchte "ausgebootet" werden, gemeinsam geht die Reise viel besser voran. Jeder Teil von uns hat seinen Grund, seine Daseins-Berechtigung, seine Geschichte. Manches darf ja durchaus Heilung, Veränderung in seiner Position erfahren, aber dafür ist es wichig, dass es ans lebendige Tageslicht kommen darf, anstatt verdrängt zu werden oder " in den Griff bekommen" werden soll."
Wie wunderbar dichtet Rilke über diesen elementaren (psychotherapeutisch, bzw. spirituell) wichtigen Prozess!
Und allein das Bild des Zirkels ist überwältigend. Wieder einmal durchbricht hier für mich die Kunst die bekannten Grenzen meiner Welt um Ahnung für das Unbeschreibliche, das Wunderbare zu schaffen. Wie ich es auch in der Musik, z.B. beim Hören von Mozarts Klarinettenkonzert, Vivaldis "Winter" oder Mendelsohns Violinkonzert erfahren durfte.


Liebe Grüße,
Björn

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