Gesetz im Requiem - für eine Freundin

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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arme
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Gesetz im Requiem - für eine Freundin

Beitrag von arme » 4. Sep 2019, 09:33

Ich möchte euch fragen, wie man das Wort "Gesetz" im Requiem Für eine Freundin verstehen soll https://gutenberg.spiegel.de/buch/requiem-827/1

da brauchtest du dich ganz: da gingst du hin
und brachst in Brocken dich aus dem Gesetz
mühsam heraus, weil du dich brauchtest.

Ich glaube, daβ ich den Inhalt schon irgendwie verstehe, aber möchte es begründen können. Wenn ihr Ideen hätten?
Grüβt euch alle! arme

stilz
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Re: Gesetz im Requiem - für eine Freundin

Beitrag von stilz » 6. Sep 2019, 23:39

Liebe arme,

ich versuche eine Antwort.

Vorausschicken möchte ich: es handelt sich dabei natürlich nicht um eine "einzig gültige" Feststellung, sondern um Interpretation.
Und zwar in diesem Fall nicht nur um meine Interpretation der Worte Rilkes, sondern auch schon um Rilkes Interpretation seiner Empfindungen/Erlebnisse in Bezug auf die verstorbene Freundin (Paula Modersohn-Becker).

Das "Gesetz", von dem Rilke hier spricht, scheint mir zu sein:
Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft / zwischen dem Leben und der großen Arbeit.
Die "große Arbeit" des Künstlers besteht darin, sich selbst in bestimmter Weise zu "gebrauchen": alles im Leben muß "verwandelt" werden.

So heißt es in der Neunten Duineser Elegie:
Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht,
einmal unsichtbar zu sein? - Erde! unsichtbar!
Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
Erde, du liebe, ich will.


Oder im Brief an Witold Hulewicz:
Alle Welten des Universums stürzen sich ins Unsichtbare, als in ihre nächst-tiefere Wirklichkeit; einige Sterne steigern sich unmittelbar und vergehen im unendlichen Bewußtsein der Engel —, andere sind auf langsam und mühsam sie verwandelnde Wesen angewiesen, in deren Schrecken und Entzücken sie ihre nächste unsichtbare Verwirklichung erreichen. Wir sind, noch einmal sei's betont, im Sinne der Elegien, sind wir diese Verwandler der Erde, unser ganzes Dasein, die Flüge und Stürze unserer Liebe, alles befähigt uns zu dieser Aufgabe (neben der keine andere, wesentlich, besteht).

Ein Künstler, der sich selbst dazu "gebraucht", das Leben zu leben, statt es zu "verwandeln", verstößt nach dieser Überzeugung gegen seine "Bestimmung", eben gegen dieses "Gesetz".

Was war geschehen - etwas grob zusammengefaßt (detailliert nachzulesen im sehr ausführlichen wikipedia-Artikel, und natürlich in Paulas Briefen und Tagebüchern:
Die Malerin Paula Becker, mit Rilke befreundet, heiratet 1901 den Maler Otto Modersohn und lebt mit ihm in Worpswede.
Im Frühjahr 1906 trennt sie sich von ihm - Rilke (inzwischen selbst von seiner Frau getrennt) hatte sie dazu ermutigt, Worpswede endgültig zu verlassen, nach Paris zu gehen und ganz ihrem Künstlertum zu leben.
Im Herbst desselben Jahres finden Paula und Otto jedoch wieder zusammen, und Paulas großer Wunsch geht in Erfüllung: sie wird schwanger, gebiert eine Tochter - und stirbt, beinahe noch im Kindbett.

Nach ihrem Tod hat Rilke offensichtlich innere Erlebnisse, die er so interpretiert, daß Paula "ihn streift", "umgeht", "an etwas stoßen will", "bittet"... in einer Weise, wie er es mit anderen Verstorbenen nicht erlebt hat.
Er meint zu begreifen, warum sie das tut:
Statt dem "Gesetz" der "großen Arbeit" zu gehorchen, hatte sie sich dann doch für das "Leben" entschieden... für Mann und Kind...
Und das, so Rilkes Überzeugung, bereut sie nun, das treibt sie jetzt um - So mußt du kommen, tot, und hier mit mir / Klagen nachholen.

Soweit mein Antwortversuch.

Ob Rilke "recht" hatte mit seiner Interpretation, ob nicht auch noch andere Interpretationen seiner inneren Erlebnisse möglich wären - das wäre noch eine ganz andere Frage.

Und nun würde mich natürlich interessieren, ob Du es ähnlich verstanden hast - oder vielleicht ganz anders?
(Diese Frage richtet sich natürlich auch an etwaige Mitleser...)

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

arme
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Re: Gesetz im Requiem - für eine Freundin

Beitrag von arme » 9. Sep 2019, 14:03

Liebe Stilz, danke sehr für deine Antwort. Ich habe noch sehr eingehend das Requiem studiert und verstehe, daβ es so sein muβ wie du beschreibst. Paulas Weg war schon ein anderer, aber wie aus einem Einfall tritt sie zurück von ihrem Weg des Sehens und der Verwandlung zu der Welt, wo die Säfte wollen. ”Die willenden Säfte” ist vielleicht eine Metapher für das Verlangen des Körpers. Es gab also ein Gesetz für sie – und vielleicht ist es dasgleiche für alle Künstler und Dichter – die hiesige Welt zu Kunst verwandeln. Und das geht schlecht mit dem Alltag zusammen. ”Das Gesetz” einsam läβt sich aber nicht leicht zu verstehen. Ich fühle mich gelockt, es ”das Gesetz der Verwandlung” oder ”das Gesetz der groβen Arbeit” zu übersetzen, den Gedanden auf diese Weise zu verdeutlichen, aber weiβ nicht, ob ich da zu weit gehe.

Dann denke ich noch an eine Stelle: Doch jetzt klag ich an: / den Einen nicht, der dich aus dir zurückzog… - Meint Rilke hier durchaus den Modersohn?

Noch eine dritte Stelle:
Im Garten drauβen, unvermischt mit mir,
hätte sie (=die Rose) bleiben müssen oder hingehen, –
nun währt sie so: was ist ihr mein Bewuβtsein?

Ich verstehe nicht richtig den Inhalt der Verbe hin/gehen und währen. Ist hin/gehen hier dasselbe wie welken im Gegensatz zum Währen. Und ist Bewuβtsein der Bewuβtsein im allgemeinen oder gerade das, was Rilke jetzt von Paula weiβ?
Dankbar für diese Diskussion, arme

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