rilke und humor?

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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stilz
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rilke und humor?

Beitrag von stilz » 17. Feb 2005, 11:41

HEILIGE


Grosse Heilige und kleine
Feiert jegliche Gemeine;
Hölzern und von Steine feine,
große Heilige und kleine.

Heilige Annen und Kathrinen,
die im Traum erschienen ihnen,
baun sie sich und dienen ihnen,
heiligen Annen und Kathrinen.

Wenzel lass ich auch noch gelten,
weil sie selten ihn bestellten;
denn zu viele gelten selten –
nun, St. Wenzel lass ich gelten.

Aber diese Nepomucken!
Von des Torgangs Lucken gucken
und auf allen Brunnen spucken
lauter, lauter Nepomucken!

(1895)



Ich war sehr fröhlich erstaunt, als ich gestern die Bekanntschaft mit diesem Gedicht machte... meine Frage ans Forum: gibt es noch mehr Lustiges von Rilke, oder war das der einzige Versuch?

Liebe Grüße

stilz

sedna
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Re: rilke und humor?

Beitrag von sedna » 29. Jun 2010, 01:09

Aufrichtig ist der Christ! Wer kanns bestreiten,
daß er es ist? Daß er's zu allen Zeiten
und unter jeder Fügung immer war?
Ihr zweifelt dran? Mir scheint es doch ganz klar,
hat er sich selbst nicht in so vielen Sprüchen
vortrefflich mit den Schafen stets verglichen? -

(in einem Brief an Valerie von David-Rhonfeld, 1894)
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

stilz
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Re: rilke und humor?

Beitrag von stilz » 29. Jun 2010, 08:19

:D :D :D

Danke! Ich freu mich seeehr über dieses Gedichtchen.
Lieben Gruß,
stilz
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sedna
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Re: rilke und humor? - Nicht länger zu verschweigen ...

Beitrag von sedna » 30. Jun 2010, 22:46

Mein Gedichtbändchen rühmt sich zwar, alle deutschsprachigen Gedichte Rilkes ab 1906 zu enthalten ... es fehlt jedoch die nachstehende Parodie auf das in einer Zeitung veröffentlichte Gedicht Vielleicht von Franziska Stoecklin (1894-1931) – soeben erstmalig (und beidseitig überfließenden Auges) gelesen in einem Brief vom 29. Januar 1926 an Nanny Wunderly-Volkart:

[Franziska Stoecklin:]

Vielleicht

Willst du ein Kleid?
Willst du ein Leid?
Wir sind so schwer,
und doch zu leer.

Nur im Warum
wehn wir herum.
Nur im Vielleicht
wo alles weicht.

Steht noch ein Haus
blas es nicht aus.
Brennt noch ein Licht
lösche es nicht.

Wirkt noch ein Wort
nimm es nicht fort.
Schwebt noch ein Tanz
lebe ihn ganz.

Willst du ein Kleid?
Willst du ein Leid?



[Parodie von RMR:]

Vielleicht auch nicht

Willst du ein Bad?
Willst du Salat - ?
Wir sind so dumm,
und doch nicht stumm.

Wozu der Mund,
so ohne Grund?
Nur im Vielleicht
ist es schön seicht.

Legst du ein Ei,
was ist dabei.
Blas es nicht aus,
auch nicht das Haus.

Wirkt dies und das,
laß ihm den Spaß.
Lebt noch ein Bein,
schwebe hinein.

Willst du ein Bad?
Willst du Salat?

(nach Franziska Stoecklin)


sedna :cry: :lol:
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vivic
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Re: rilke und humor?

Beitrag von vivic » 18. Jan 2012, 20:18

Im ganzen Forum habe ich nur dieses sehr kurzes Thema zu RILKE UND HUMOR gefunden; hier sind zwei Gedichte zitiert von 1894 und 1895, die such ueber die Christen lustig machen. Es ist interessant dass es darueber so wenig gibt.

In 2011 schrieb ich fuer ein anderes Thema das Folgende:

Vivic: … dass der meistens sehr ernste Rilke doch eine spielerische und manchmal sogar humoristische Seite hatte. Man muss nicht jede Zeile allzu ernst nehmen. Wenn er zB in diesem Gedicht schreibt

Erkennst du mich, Luft, du voll noch einst meiniger Orte

lese ich dass zum Teil als einen liebenswuerdigen, luftigen (!) Humor. Er hasste zwar das Lachen (und Biertrinken!) aber Laecheln war ihm sehr lieb.

Helle: Was Du, vivic, über das Lachen sagst, stimmt sicher nicht – warum sollte Rilke es hassen, es gibt viele Äußerungen von Freund(inn)en und Bekannten, die das Gegenteil bezeugen. Klar hat er nicht an Stammtischen und auf Herrenabenden gesessen und sich auf die Schenkel geschlagen.

Vivic: Uebrigens bin ich dir noch eine Antwort schuldig ueber Rilke's Verhaeltnis zum "Lachen." Da habe ich einmal einen Deutschen Kritiker gelesen der sehr humoristisch sich geauessert hat ueber Rilke's "Lachverbot." Aber ich habe das noch immer nicht wieder gefunden. Er hat viel von R zu zitieren gewusst.

Lilaloufan: das war Stephan POROMBKA: «„Wer jetzt lacht […]lacht mich aus“ – Lachen mit Rilke», erschienen in: Brittnacher, H. R., Porombka, St., Störmer, F.: «Poetik der Krise; Rilkes Rettung der Dinge in den Weltinnenraum», Würzburg {Königshausen und Neumann} (2000), pp. 63-83.

Du kannst den Aufsatz aus dem Web fischen, hier. Scheinwissenschaftlich tendenziös! Braver Schüler der Simenauerschen Zynismen und der Holthusenschen Polemik, bloßer Wiederkäuer. Fröhliches Weihnachtsfest mit solcher Lektüre.

Nun, hier ist etwas von diesem Wiederkauer:

Porombka: Was im kleinsten privaten Kreis durchaus passieren konnte, war
in der Öffentlichkeit undenkbar. Hier galt es für Rilke, ein Gesicht
zu schaffen und zu wahren, von dem er meinte, daß es eines echten
Dichters würdig sei. Ein solches Gesicht lacht nicht. Es sieht sogar
so aus, als ob es gar nicht lachen könnte, weil es sich mit so viel
Leid und Eigentlichkeit beschäftigt und weil es Bereiche der Existenz
gesehen und ausgemessen hat, in denen es nichts zu lachen
gibt und die deshalb den notorischen Lachern für immer
verschlossen bleiben. In seinen Briefen an den jungen Dichter
Franz Xaver Kappus, in denen Rilke mit einiger Aufdringlichkeit
immer wieder den Ernst, das Schwere, die Traurigkeit, die
Einsamkeit, die Geduld, die Mühsal, den Schmerz, das Leiden des
Dichtens beschwört, wird ein solches Gesicht entworfen,
aus dem nachdrücklich jedes Moment von Fröhlichkeit oder gar von
Lachen getilgt ist.

Vivic: Nun, der Aufsatz von Porombka scheint mir klug, amuesant, und durchaus boesartig; er hat mich unterhalten, ohne mich von Rilke irgendwie zu entfernen. Aber steckt denn doch nicht wenigstens ein ganz kleiner Kern Wahrheit darin? Fuer mich ist Rilke ein beinahe vollkommener Dichter; er konnte fast alles. Hier und da finde ich sogar – wie oben gesagt – eine reine, kindliche, spielerische Freude. Es tut meinem Herzen gut. Aber konnte er lachen? Konnte er – was doch so gesund ist – ueber sich selbst mal richtig lachen?
Nein, Humor finde ich nicht viel in den Gedichten, und deshalb kann ich Rilke nicht IMMER lesen. Diesem totalen Ernst bin ich nicht immer faehig. Dann gehe ich fuer ein wenig Erholung zu Heine, oder Byron, zu Chaucer oder Larkin.

Was meint ihr darueber?

vivic
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.

stilz
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Re: rilke und humor?

Beitrag von stilz » 19. Jan 2012, 14:43

Lieber vivic,

kennst Du eigentlich Rilkes Erzählungen?
In den Geschichten vom lieben Gott zum Beispiel finde ich einen wirklich herzerwärmenden Humor.
Seit ich das gelesen habe, bin ich mir vollkommen sicher, daß Rilke sowohl ganz fein lächeln als auch sehr herzhaft lachen konnte.

Oder wie wäre es mit dieser kleinen Stelle aus Wladimir der Wolkenmaler:

  • Aus diesem Gefühle heraus sagt der Baron: »Man kann nicht mehr in dieses Caféhaus gehen. Keine Zeitungen, keine Bedienung, nichts.«
    Die beiden anderen sind ganz seiner Meinung.
    So sitzt man weiter um den kleinen Marmortisch herum, der nicht weiß, was diese drei Menschen von ihm wollen. Ruhe wollen sie, einfach Ruhe. Der Dichter drückt das ebenso deutlich wie onomatopoetisch aus.
    »Quatsch« sagt er nach einer halben Stunde.
    Und wieder sind die anderen derselben Ansicht.


:D Herzlichen Gruß!

Ingrid
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helle
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Re: rilke und humor?

Beitrag von helle » 19. Jan 2012, 16:34

Die Schrift von Porombka ist mir nur flüchtig bekannt, und ich hab’ auch nichts dagegen, ironisch und kritisch und, von mir aus, »bösartig« über Rilke zu sprechen, wenn es denn kein Selbstzweck ist, aber was da vom Autor zitiert wird, ist relativ dumm und oberflächlich, er scheint wenig vom Leben Rilkes zu wissen oder nur das zu sehen, was er sehen will. Unterscheidet er eigentlich zwischen Dichtung und Person, das wäre ja ein Mindestes? Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich einige Gegenbeispiele liefern, die man bei Lou Albert-Lazard oder Katharina Kippenberg oder Marie von Thurn und Taxis finden kann, aber auch in den größeren Briefwechseln wie mit Nanny Wunderly-Volkardt.

Rilke war kein Komödiant und sein Stil nicht ironisch, er hat sich auch gern auf weihevoll stilisiert, gerade in jüngeren Jahren, und die Rolle des hohen Dichters, bis zum Klischee hin, gepflegt, aber zu meinen, daß er keinen Humor gehabt und nicht gern gelacht hätte, ist so borniert, man mag eigentlich nicht dran rühren, da gibt’s interessantere Fragen.

Grüße, helle

sedna
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Re: rilke und humor?

Beitrag von sedna » 20. Jan 2012, 13:32

Hallo in die Runde,

(Oh, ich glaube, jetzt werdet ihr lachen ...)
Vor mir liegt das kleine Bändchen Erinnerungen an Rilke und Hofmannsthal von deren Freund Carl J. Burckhardt, aus dem ich zum Thema eine Passage zitieren möchte:

"Es war im Jahre 1924; ich arbeitete damals in der Bibliothèque Nationale in Paris. An einem Wintermorgen betrat ich ein Friseurgeschäft in der Nähe der Madeleine und ließ mir den Kopf waschen. [...] da hörte ich plötzlich streitende Stimmen: einen männlichen Tenor, der immer heftiger wiederholte:„ Mein Herr, das kann jeder sagen.“ Eine weibliche grelle Stimme und Worte wie kleine Salven:“Unglaublich“, rief diese Frauenstimme,“und Haarwasser von Houbigant hat er verlangt!“ „Wir kennen Sie nicht, mein Herr! Sie sind uns gänzlich fremd und unbekannt. Das ist nicht Sitte bei uns!“ und derartiges mehr. Gegen diesen Andrang von Vorwürfen tönte die Erwiderung des augenscheinlich Bedrängten sehr schwach, klagend und wie aus einer anderen Welt, mit einem Ton von weltfernem Leid und gleichzeitig einer fremdartigen, leicht slavischen Klangfarbe. Auf die Gefahr hin, daß das noch über die Stirne rinnende Seifenwasser mir in die Augen fließe, schaute ich nun auf und sah im Spiegel eine Gruppe von drei heftig gestikulierenden Friseuren, [...] im Profil zu sehen, klein, schmächtig, unscheinbar – ein Herr mit hoher Stirne und hängendem Schnurrbart. Und dieser Herr beteuerte immer wieder:“Verzeihung, ich habe meine Brieftasche vergessen, ich hole sie im Hotel. Ich verspreche es Ihnen, Sie können anrufen, ich bin – ich bin – der Dichter Rainer Maria Rilke.“ Und darauf der Chor der Friseure mit der metallischen Sprecherin:“Das kann ein jeder sagen. Sie sind uns völlig unbekannt.“
Und nun, so wie ich war, im ärmellosen Frisiermantel, überlebensgroß – wie mir schien -, mit steil zu Berg stehenden, nassen, damals noch rabenschwarzen Haaren, stand ich von meinem Marterstuhl auf, durchschritt den ganzen Frisiersalon und erschien in der streitenden Gruppe im entscheidenden Augenblick mit den Worten:“Ich übernehme die Kosten!“
Rilke, den ich seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, und von dessen Anwesenheit in Paris ich nichts wußte, starrte mich vorerst an wie einen Geist, dann erkannte er mich. Erschöpft setzte er sich auf einen kleinen Louis-XVI-Sessel und begann zu lachen, wie nur er zu lachen vermochte, mit diesem klangvollen Kinderlachen, das ihm eigen war und das jedem, der es gehört hat, völlig unvergeßlich ist, vorallem weil er nicht wie die meisten Leute beim Lachen die Augen schloß oder zusammenkniff, sondern sie weit öffnete und einen voll anschaute, fragend, wobei diese meist unter den schweren Lidern nachdenklichen, ja wehmütigen Augen voll von Heiterkeit waren."

(Quelle: Carl J. Burckhardt: Erinnerungen an Rilke und Hofmannsthal. Basel: Schwabe Verlag 2009, S. 9-10.)

Er lachte also mit heiteren Augen, und ein Kinderlachen ...
Es ist zwar eine Anekdote, ja, aber mir mag der Eindruck entstehen - paßt. Was meint ihr?

Wünsche ein schönes, winterliches Wochenende (hier schneit es auf einmal wie aus Federbetten ... )

sedna :D
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stilz
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Re: rilke und humor?

Beitrag von stilz » 20. Jan 2012, 13:40

Liebe sedna,

danke!

:lol: Ja - ich habe beim Lesen ganz herzlich gelacht.
Und mich gefreut - was ja nicht dasselbe ist.

Lieben Gruß,
Ingrid
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Renée
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Re: rilke und humor?

Beitrag von Renée » 20. Jan 2012, 21:52

Liebe Ingrid,

als 1921 der von Hünich (Lektor im Insel-Verlag) zusammengestellte Sammelband "Aus der Frühzeit Rainer Maria Rilkes. Vers / Prosa / Drama" erschien, schrieb Rilke, dem das eigentlich nicht gepasst hatte, für seine Tochter Ruth folgende Widmung:

Ach in den Tagen, da ich noch ein Tännlein,
ein zartes war, in einer Gartenecke,
was sprach mir niemand von dem Eckermännlein,
das später aufkommt, daß es sich entdecke
Struktur und Stärke meiner frühsten Sprossen - ?
Wie hätte mich so mancher Vers verdrossen
von jenen leicht und zeitig hingestreuten:
hätt ich geahnt: er soll mich einst bedeuten !
Viel rücksichtsvoller hätt ich mich erschlossen,
mich gründlich jeden Morgen prüfend: grün ich
auch schön genug für meinen künftigen Hünich ?

Und für Hünich schrieb er:

Ich komme mir leicht verstorben vor,
da ich dieses nicht hindern konnte -,
wie ein Mond, der sein Recht verlor
über das wiederbesonnte

Land. Sie führten das neue Licht
weckender Exegesen.
Nun sagt ich am Liebsten: Ich war es nicht.
Aber wer ists gewesen ?

Lieber Herr Hünich: besser zirpt
von Anfang die kleinste Grille;
aber freilich: ihr verdirbt
niemend Natur und Stille.

Schließlich möchte ich auch auf das einzige Photo hinweisen, auf dem Rilke lacht! Das wurde 1926 aufgenommen, als Rilke am Genfer See Paul Valéry besuchte. Es findet sich in dem Schnackschen Bildband. Vielleicht liegt es an den vielen ernsten Rilkebildern, daß man von seinem Lachen nur aus den Berichten seiner Freunde erfährt, übrigens auch von Rudolf Kassner.

Die beiden Hünich betreffenden Gedichte: SW 2, S.249 und 250. Aber auch das Gedicht zur Doktorfeier von Charles Wunderly gehört dazu, ebd., S, 261/62.

Herzlich grüßend: Renée

stilz
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Re: rilke und humor?

Beitrag von stilz » 21. Jan 2012, 10:52

Liebe Renée,

oh wie schön! Ganz herzlichen Dank!!!


Zum Thema »grün ich/auch schön genug für meinen künftigen Hünich?« ( :lol: ) möchte ich (auch wenn Rilke hier nur nebenbei erwähnt wird) eine Bemerkung aus einem Buch zitieren, das ich gerade sehr begeistert lese - es handelt sich um den 1967 erschienenen Essay-Band „Ketzereien“ des 1972 verstorbenen und leider heute wohl ziemlich unbekannten Walter Hueck:

»Eine typische Dichter-Biographie [...] ist der „Goethe“ von Gundolf. Dieses bedeutende und gedankenschwere Werk ist insgesamt unausstehlich und gänzlich unfruchtbar, weil es jeden Buchstaben, den Goethe geschrieben hat, ins Inkommensurable aufbläht. [...] Ein gutes Goethe-Buch – gibt es eines? – müßte sich bemühen, aus dem ungeheuren Wust der Gesammelten Werke den . u n s t e r b l i c h e n . Goethe herauszuschälen. Ähnlich steht es um Storm oder Heine. Sie zu lesen ist ein Auslese-Prozeß, ein kritischer Genuß: er besteht darin, daß man aus einer Masse von Belanglosigkeit und Sentimentalität da und dort jählings entzückt ein unsterbliches Gedicht herausfindet, zwei unvergängliche Zeilen oder auch nur ein einziges Wort, das ins Schwarze trifft und uns das Herz bewegt. Warum wehrt ihr euch dagegen, daß ich auch an Benn oder Rilke diesen strengen Maßstab anlege, den Unsterblichkeits-Maßstab? Wer es mit diesen unglücklichen Dichtern gut meint, der erweist ihnen einen schlechten Dienst, wenn er ihre viel zu vielen Verse samt und sonders unsterblich nennt oder uns mit ihren Gesammelten Werken zur Last fällt; er tut ihnen und uns genug, wenn er eine ganz schmale Auswahl unvergänglicher Lyrik oder Prosa vorlegt.«


Ich muß sagen - da ist einiges dran.
Dennoch finde ich es wunderbar, daß uns das Gesamtwerk vieler Dichter (oder auch Komponisten), so gut es eben ging, erhalten blieb. Denn es ist natürlich die Frage, ob dieser „Unsterblichkeits-Maßstab“ (den anzulegen ich für vollkommen berechtigt halte), den ein Zeitgenosse oder unmittelbarer „Nachgeborener“ an ein Kunstwerk anlegt, sich nicht von dem „Maßstab“ unterscheidet, mit dem „derjenige“ mißt, der schließlich in Wirk-lichkeit darüber entscheidet, welches Gedicht oder Musikstück oder Gemälde zu den „Unsterblichen“ zu zählen ist...

---
Renée hat geschrieben:Vielleicht liegt es an den vielen ernsten Rilkebildern, daß man von seinem Lachen nur aus den Berichten seiner Freunde erfährt...
Ja - das ist eine sehr plausible Erklärung.
Nikolaus Harnoncourt beispielsweise geht es ja schon zu Lebzeiten so, daß ihm häufig ein sehr „ernster“, wenn nicht gar humorloser Ruf vorauseilt. Wer je mit ihm zusammengearbeitet hat, der weiß natürlich, wie unglaublich witzig er sein kann und auch sehr oft (in gewissem Sinne: fast immer) ist - etwa wenn er »diesen Kuß der ganzen Welt« mit dem Schmatz eines Nilpferdes vergleicht (und vom Chor einfordert, es auch so klingen zu lassen...) – – –

Herzlichen Gruß!
Ingrid
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vivic
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Re: rilke und humor?

Beitrag von vivic » 21. Jan 2012, 17:46

Freunde, die letzten Antworten haben mir ganz unerwartete Freuden gebracht, und auch sehr viel Kichern. Man hoerte sogar den tiefernsten Vivic laut lachen ... die Nachbarn waren erstaunt. Vielen, vielen Dank, Renee, Sedna, Stilz. In Englisch: you have made my day.
vivic
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camillo
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Re: rilke und humor?

Beitrag von camillo » 23. Jan 2012, 16:13

http://www.rilke.ch/aktuell/

(passend zum string)
reden ist schweigen - Silber ist Gold

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Re: rilke und humor?

Beitrag von sedna » 14. Mai 2016, 23:00

Wie mit von Feuer zerteilter Feder an Marie Taxis nach Duino, am 10. April 1913 (Donnerstag):

Auf der Erde ist Frühling und im Himmel Ablehnung, und ich übersetze (endlich nun) die Briefe der Marianna Alcoforado [...] Wasfür eine rücksichtslose Herrlichkeit, aber wie f u r c h t b a r, Liebe zu entzünden, welcher Brand, welches Unheil, welcher Untergang. Selbst zu brennen freilich, wenn mans kann, ja das möchte wohl des Lebens und des Todes werth sein. So ein Verhältnis wie das der Nonne müßte an den Ausgang aller Tage zu liegen kommen, diese Schreye und dann nur noch eine kleine Stille, durchgehend, un silence universel, und dann gleich die Posaunen. Es ist lächerlich, nach dieser Stimme, diesem Erlebnis, das durch alle Grade des Herzens hindurchreicht, noch weiter Liebe zu stümpern, ein bischen glücklich, nicht hinreichend unglücklich zu sein und mit alledem Zeit zu verbringen, die gewissermaßen schon verbracht ist, eh man sie anfängt.
Bei mir fängts endlich an, sich zu setzen und zu beruhigen, in der Wohnung, meine ich. Aber am ersten Tag, da ich mich zurücklehnte in meinem großen Sorgensessel und mich umsah und sagen wollte: «So – », schaffte sich mein Nachbar ein Clavier an, das mich möglicherweise töten wird. Es ist fürchterlich, wie der stupide boshafte Zufall hinter mir her ist, in Venedig die Kinder, in Duino die Luft, und hier nun wieder dieses Schaf, das sich amüsieren will. Ich lache mich selber aus, aber ich finde, daß es eine Noth ist in der Welt, und Gott muß mir doch irgendwo eine Stelle gemacht haben, er will doch nicht, daß man solche Dinge in der Luft macht zwischen zwei Winden, schnell –; ich bilde mir manchmal ein, ich seh sie, diese Stelle, und sie ist so bekümmerlich leer ohne mich.


(passend zu Pfingsten)

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