Alles ist eins

Rilke-Texte gesucht und gefunden

Moderatoren: Thilo, stilz

MariaElisabeth

Alles ist eins

Beitrag von MariaElisabeth » 2. Jun 2005, 15:48

Hallo,
ich suche dasLiebesgedicht, das auf der Brigitte CD - Starke Stimmen von iris Berben vorgelesen wird und "alles ist eins" heißt?
Bitte, ich brauche den Text, denn ich will es azswendig lernen.

DhaliaIris

Beitrag von DhaliaIris » 2. Jun 2005, 22:00

Hallo,

dieses Gedicht ist eines meiner Lieblings-Gedichte von R. M. Rilke. Ich verbinde sehr viel damit.

Alles ist eins

Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir einsam beisammen
und sind festlich, wie Flammen -
fühlen: Alles ist eins.

Halten uns fest umfasst,
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.

Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders:
Sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.

Meine Seele spürt,
dass wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf...

Und wir sind nichtmehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.

Rainer Maria Rilke

Liebe Grüße von DhaliaIris :lol:

ps: es ist auch auf einer CD des Rilke-Projekts zu hören

MariaElisabeth

Alles ist eins

Beitrag von MariaElisabeth » 6. Jun 2005, 08:42

ist auch eines meiner Lieblingsgedichte und ich verbinde wahnsinnig viel damit :cry: - ich kannte es nur von der CD und habe es nie als Text gefunden - :oops: herzlichen Dank auch - MariaElisabeth :wink:

DhaliaIris

Beitrag von DhaliaIris » 6. Jun 2005, 20:03

Liebe MariaElisabeth ,

Iris Berben bewundert Rainer Maria Rilke, "weil er eine so große Sensibilität hat im Erkennen von Leid und Schmerzen des Herzens." So steht es in der "Brigitte" 12/2005.

Für mich spricht aus diesem Gedicht ganz Vieles, was in eine hoffnungsvolle Zukunft weist, wenn wir gemeinsam durch das Tor auf die Allee gehen ... Alles wird weit und öffnet sich uns ...

Liebe Grüße von DhaliaIris :lol:

Gast

Re: Alles ist eins

Beitrag von Gast » 24. Okt 2005, 23:04

MariaElisabeth hat geschrieben:Hallo,
ich suche dasLiebesgedicht, das auf der Brigitte CD - Starke Stimmen von iris Berben vorgelesen wird und "alles ist eins" heißt?
Bitte, ich brauche den Text, denn ich will es azswendig lernen.

olga.fischer
Beiträge: 3
Registriert: 27. Nov 2011, 13:33

Re: Alles ist eins

Beitrag von olga.fischer » 1. Dez 2011, 00:00

Merci beaucoup, wieso konnte ich es nirgendwo finden? O, es ist so gefühlvoll. Bonne nuit O.F.

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re:

Beitrag von lilaloufan » 1. Dez 2011, 07:44

DhaliaIris (2005) hat geschrieben:Für mich spricht aus diesem Gedicht ganz Vieles, was in eine hoffnungsvolle Zukunft weist, wenn wir gemeinsam durch das Tor auf die Allee gehen ... Alles wird weit und öffnet sich uns ...
Chère Olga,
en disant : » gefühlvoll «, veux-tu dire qc de pensée similaire ?
Pour moi, il est plein de confiance à la vie éternelle – pas d'aucune mélancolie.

Ich freue mich, Olga, dass Du an diese alte Gesprächs-Ouverture anknüpfst.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

olga.fischer
Beiträge: 3
Registriert: 27. Nov 2011, 13:33

Re: Alles ist eins

Beitrag von olga.fischer » 1. Dez 2011, 10:08

.....Bonjour.........auch für mich ist es eines der schönsten und tiefgründigsten Gedichte von Rilke. "Liebe-große Zuversicht-Vertrauen." Ich verstehe es so............
.............." Werden und Vergehen. Dazwischen das Leben. Verstehen kann ich weder das Werden, noch das Vergehen. Ich muss innehalten beim Versuch des Erklärens.
Je nach "Standpunkt" wird sich die Sicht auf das Entstehen, oder des Vergehens richten. Eine Mitte sehe ich nicht statisch,sie ist für mich fließend."-

Bonne journée
Olga

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: ἕν τὸ πᾶν ― Eins ist Alles

Beitrag von lilaloufan » 14. Mär 2012, 18:58

Liebe Olga,

vor wenigen Tagen hat mir ein Fachschüler seine Interpretation dieses Gedichts geschickt, die er für den Deutschunterricht zu verfassen hatte. Er betont dabei das Motiv der Entwicklung und Reifung von Liebesbeziehung und weist die vielen Parallelen auf zu dem, was man als junger Mensch biographisch noch nicht fassen, aber erträumen, ersehnen oder auch scheuen kann: schrittweise wachsende Liebe, Einander-nahe-Kommen, Zusammenstehen, Sich-seelisch-Finden, Paar-Werden, Miteinander-Vertraut-Werden, Zusammenhalten, Verbunden-Sein, Zur-Einheit-Verschmelzen, Sich-füreinander-Öffnen, Zusammengehören, Frieden-miteinander-Halten sind einige der Motive, die er in seiner Interpretation hervorhebt. Die Allee gleiche einem „Zeitstrom“ des Paares, schreibt er. Und er entdeckt, dass der „umarmende Reim“ zu dieser Motivik passt.

Ich habe das als sehr gute Schülerarbeit ehrlich loben können, zumal die Steigerung im Verlauf der sechs Strophen schön herausgearbeitet ist und die Stimmung des Gedichts gut charakterisiert ist.

Und doch werde ich die Frage nicht los, ob es sich wirklich, wie er empfindet, um ein „Liebes-Erzählgedicht“ handele. Es gibt von vorneherein ein Wir, dann auch mal ein Du und ein: „meine Seele“ – aber kein „Ich“! Und das „Tor“ ist ja nicht ein Tor zu einander, sondern eines derer, die sich den Beiden im Verlauf des weiteren Weges öffnen.

Und die Gleichsetzung von Eins und Alles (ἕν τὸ πᾶν) heißt keineswegs: „Wir werden zur Einheit.“ Sondern das Gedicht spricht von dem Gefühl, dass es „am Rande des Hains (ἄλσος?)“ einmal nichts geben werde, was aus der einen großen Einheit herausfiele und neben dieser ein Sonderdasein führte. »Es ist ein erhabener Anlass für den Einzelnen zu reifen, in sich etwas zu werden, Welt zu werden, Welt zu werden für sich um eines anderen willen, es ist ein großer, unbescheidener Anspruch an ihn, etwas, was ihn auserwählt und zu Weitem beruft«, schrieb Rilke an F. X. Kappus am 14. Mai 1904.

Wer erlebt hat, dass in menschlicher Nähe eine tiefere Dimension erfahrbar ist als nur der Genuss dieser Nähe selbst - und dass uns am Herzen eines geliebten Anderen umfassenderer als in der einsamen Studierstube aufgeht, wie wir „nicht mehr anders“ als die um uns ausgebreitete Welt, sondern deren universale Verdichtung zum individuellen Menschensein sind –, der kann die Seele dabei beobachten, wie sie tastend und fragend an gewisse Pforten herantritt, wenn sie liebt. Aber ist die Liebe gemeint, die den anderen Menschen „gewinnt“ ――― oder eine »menschlichere Liebe (die unendlich rücksichtsvoll und leise, und gut und klar in Binden und Lösen sich vollziehen wird) [; sie] wird jener ähneln, die wir ringend und mühsam vorbereiten, der Liebe, die darin besteht, dass zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen«? (ebenda)

Übrigens geht dem Gedicht (in der frühen Sammlung: «Dir zur Feier») das folgende voran (dessen drittes, kursiv gesetztes Quartett das „Wir“ vom Nebensatzsubjektstatus in den Hauptsatz hebt und den umarmenden Reim hin zum Kreuzreim aufgibt):
  • Unsere Träume sind Marmorhermen,
    die wir in unsere Tempel stellen,
    und sie mit unseren Kränzen erhellen,
    und sie mit unseren Wünschen erwärmen.

    ______Unsere Worte sind goldene Büsten,
    die wir durch unsere Tage tragen;
    die lebendigen Götter ragen
    in der Kühle anderer Küsten.

    Wir sind immer in e i n e m Ermatten,
    ob wir rüstig sind oder ruhn,
    aber wir haben strahlende Schatten,
    welche die ewigen Gesten tun.

Das Wort: „einem“ ist von Rilke hervorgehoben. Im folgenden Gedicht wird es zum Einen gleich Allem.
»OMNIA ENIM DISTINCTA SUNT DUO VEL PLURA, INDISTINCTA VERO OMNIA SUNT UNUM.« (Meister Eckhart, Expositio Libri Sapientiae, n. 144, Lateinische Werke II, 482,4 f.) [Denn alles, was unterschieden ist, ist zwei oder mehreres, alles aber, was ununterschieden ist, ist eines.]

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: ἕν τὸ πᾶν ― Eins ist Alles

Beitrag von lilaloufan » 16. Mär 2012, 13:38

lilaloufan hat geschrieben:… ob es sich wirklich, wie er empfindet, um ein „Liebes-Erzählgedicht“ handele.
Gruß in die Runde,
ich bemerke gerade, dass mein letzter Beitrag nicht gut verständlich sein muss; ich hab' ihn zwischen zwei zermürbenden Konferenzen voller Zumutung und Hektik geschrieben, und das merke ich ihm an. Vor allem stelle ich zwar hinsichtlich der Auffassung: „Liebes-Erzählgedicht“ eine Frage, aber sage gar nichts darüber, was denn sonst es sein könne. Und auch mein Fragezeichen bei „hieron alsos“ [welcherart (gewiss nicht trübtauber) ‹Hain-Rand› ist gemeint?] bleibt unerläutert.

Ich lösche meinen Beitrag nicht, aber ich verspreche ihn zu ergänzen. Dazu komme ich in den nächsten Tagen nicht. Aber vielleicht gebt Ihr ja inzwischen eine Vorlage… :wink:

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Alles ist eins

Beitrag von lilaloufan » 18. Mär 2012, 14:21

Also, erst mal möchte ich vorausschicken, dass dieses (zunächst ja gar nicht veröffentlichte) Gedicht gewiss nicht zu den meisterlichen Gedichten Rilkes im von ihm selbst gering geschätzten Frühwerk gehört.
  • … kein Weh sein,
    … Allee sein
– nun ja, da scheint der „Weg“ auf alle Fälle noch weit zu sein.

Der kleine Band mit der Sammlung: «Dir zur Feier» wird ja oft als eine „große Liebeserklärung an Lou“ bezeichnet. Hingegen frage ich, ob es nicht eine große Talentprobe vor Lou war. Neinnein, das ist nicht dasselbe, auch nicht in Rilkes damaligem Lebensalter (21), und vor allem nicht angesichts der bei Lou (36) anzunehmenden Rezeptionsbereitschaft für das eine oder das andere.
Marie [url=http://www.rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?p=297#p297]in Posting #297 am 14. April 2003[/url] hat geschrieben:„Dir zur Feier“ ist ein guter Anlass, sich die Beziehungen Rilkes zu den die Dichtung inspirierenden Menschen anzuschauen, um in der Umkehr das Werk besser verstehen zu können.
L. Andreas-Salomé bot Rilke zweifellos von der ersten Begegnung bis zu seinem Tod Halt, Orientierung und Inspiration und gehört auf jeden Fall zur „Seelenverwandtschaft“. In den ersten Jahren kann man sicher auch Züge entdecken, die du, Thalia, als „unterwürfig“, „ausgeliefert“ und vor allem „dürstend“ beschreibst. Ich würde es schlicht als asymmetrisches Verhältnis charakterisieren, das der „Feier“ des „Wir“, im Sinne von wahrer Erfüllung, Einheit, wie auch immer man es umschreiben mag, entgegenwirkt. Endlose Belege im Text hierzu – nur einer stellvertretend: „Ich geh mit BLINDEN Schritten / DEINEM Leben NACH.“ Im Reifungsprozess dieser Beziehung (ohne den die Freundschaft nicht bis zu Rilkes Tod so beiderseits fruchtbar hätte Bestand halten können) entzog sich Rilke Lous Macht und Einfluss, trotz deren massiven Widerstands zusehends: In „Dir zur Feier“ oblag es noch ihrer Zustimmung, welche Verse aufgenommen wurden und welche nicht. Eine von Lou später für dringend notwendig erachtete psychoanalyt. Behandlung dagegen, lehnte Rilke ab. Für Lou muss das eine harte Lektion gewesen sein. Sie hatte schon auch Züge einer Herrscherin, die Ihre Gunst nur dem erweist, der ihr BLIND ergeben ist!
Wäre Lou die QUELLE gewesen, die das „dürsten“ dauerhaft stillt, die die „größte Verbundenheit“ ermöglicht, sprich: die Seelenschwester nach der Rilke immer suchte, dann hätte er wohl kaum bis an sein Lebensende bei unzähligen Frauen weiter danach suchen und sicher auch nicht mehr, das Leiden kompensierend, dichten müssen (als Bewunderer der rilkeschen Dichtung könnte man also egoistisch „Gott sei Dank!" ausrufen).
Rilke blieb nie im Stadium bewundernder Anbetung stecken, das für ihn mehr „Medium“ war, um das Größere, das Überpersönliche und Ewige durch die jeweiligen Augen zu erblicken. Die Beziehungen z.B. zu Magda von Hattingberg oder Eleonora Duse unterlagen dem gleichen Dilemma. Wenn das Werk geleistet war (sowohl das menschliche als auch das dichterische) blieb der nüchterne, ewig einsame Beobachter, fern von jeglicher Durst stillenden Quelle in seiner Wüste zurück. Was er sich selbst oft als „große Rücksichtslosigkeit“ unterstellte, war viel mehr die Fähigkeit, den Focus schneller zu ändern und klarer einzustellen als das diejenigen leisten können, die von selbstverschleiernden emotionalen Mustern und (durch Rilke auch geschürte) Eitelkeiten gelenkt wurden. Er konnte schonungslos (sich selbst und dem Anderen gegenüber) jeden noch so gut verborgenen Schattenanteil ans Licht zerren. Dieses Anderssein muss für ihn eine endlose Belastung gewesen sein.
Ich bin ja selbst einer von Lous späten Bewunderern. {Zugleich rätsele ich daran herum, wie es kommen konnte, dass diese gebildete Frau, mit der fast alle bedeutenden Kulturschaffenden ihrer Zeit mindestens korrespondierten, wenn nicht in ihrem Salon verkehrten, der psychoanalytischen Verirrung anheimfallen konnte ― aber das ist ein anderes Thema.}

Zur selben Zeit grübeln Philosophen (Moritz Schlick, Rudolf Carnap) nach einer Theorie für „Alles“ (s. "Theory Of Everything"; "Unity Of Science") bzw. Naturwissenschaftler nach einer „Weltformel“, wie Heisenberg es später nennt. Auch in der Kunst wird die Einheit von Allem zum Programm; in München sollte 1910 das erste „Mysteriendrama“ Rudolf Steiners ein Gesamtkunstwerk sein, das nicht etwa die Möglichkeiten der Künste summativ vereint, sondern die Grenzen der Künste überwindet: Alles ist Eins. Grundlage dieser Versuche ist eine Anschauung des Verhältnisses von Makrokosmus und „Mikrokosmos Mensch“, nach welcher Eines, nämlich der Mensch, urbildlich steht für die Gesamtkomposition der Schöpfung: Eines ist in Allem. Das Hen to Pan wird bidirektional empfunden; gewissermaßen wird der Ouroboros zum Möbiusband*).

Und während Nietzsche gleichsam „mit dem Hammer“ auf jeden Wahrheitsanspruch dreinschlägt, finden andere zu Wahrheitsbegriffen, die weniger Positions-, sondern vielmehr gerade Weg-Charakter haben, aber der Weg ist einsam und schwer, und jede Erfolgsgarantie stünde im Widerspruch zu dem, was gesucht wird. In der „zielstrebigen Orientierungslosigkeit“ jener Zeit, in der Werte schmerzhaft verlorengehen, merkt Rilke an: Was auch immer wir erträumen, was auch immer wir reden, wir sind immer in e_i_n_e_m Ermatten. Zuflucht sucht er zunächst in der All-Güte des Göttlichen: „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. | Und sieh dir andre an: es ist in allen. | Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen | unendlich sanft in seinen Händen hält.“ Im Spätwerk entdeckt er, dass künstlerische Ästhetik, vor allem dass das mit Sorgfalt gestaltete Wort machtvoll genug ist, keiner äußeren transzendentalen Zuflucht zu bedürfen.

Aber zur Zeit von «Dir zur Feier» tastet er noch am Tor einer solchen künstlerischen Vervollkommnung und erhofft, dass die Musen am „Rande“ ihres Hains – an den Schwellen zu geistiger Erfahrung – ihr Füllhorn einer im Schicksalsweben aufgefundenen Inspiratorin aus Fleisch und Blut und Sinnlichkeit übergeben: Lou.

Wie er sich reiner Inspiration frei meditativ hätte öffnen können, mochte Rilke vielleicht weder denken noch versuchen, denn er kannte nur solche Praktik des Übersinnlichen, wie sie das nüchterne Ich nicht befriedigen kann.

Ich sehe dieses Gedicht im Kontext der erwähnten Zeitläufte und seiner Begegnung mit Lou. Wenn es so sein sollte, dass ihr, Lou, die Frage gilt: Hast du mich hergeführt?, dann ist dies für mich nicht ein Hinweis auf „Liebes-Erzählgedicht“, sondern ein Beleg für Rilkes inständige Suche nach den neuen [(Ergänzung:) nicht länger den „kastilischen“] Quellen von dichterischer Befruchtung.

Diese Suche hat wohl erst auf Duino wirklich Erfüllung gefunden. Danach war die poetisch reanimierte Antike endgültig „vergangener Tag“; aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts ahnte Rilke:
  • Die lebendigen Götter ragen
    in der Kühle anderer Küsten.
l.


------------------------------------
*): Urheberschaft: von Ljfa-ag (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

stilz
Beiträge: 1182
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

Re: Alles ist eins

Beitrag von stilz » 19. Mär 2012, 14:11

Lieber Christoph,

ich komme noch einmal zurück auf Dein erstes posting:
lilaloufan hat geschrieben:Und das „Tor“ ist ja nicht ein Tor zu einander, sondern eines derer, die sich den Beiden im Verlauf des weiteren Weges öffnen.

Und die Gleichsetzung von Eins und Alles (ἕν τὸ πᾶν) heißt keineswegs: „Wir werden zur Einheit.“ Sondern das Gedicht spricht von dem Gefühl, dass es „am Rande des Hains (ἄλσος?)“ einmal nichts geben werde, was aus der einen großen Einheit herausfiele und neben dieser ein Sonderdasein führte.
Ja. So sehe ich es auch.
Das „Wir“ in diesem Gedicht aus der frühen (und damals auf Wunsch von Lou nicht veröffentlichten) Sammlung „Dir zur Feier“ ist gleich zu Beginn da. Es gibt hier keine langsame Annäherung – denn sie scheint nicht nötig zu sein. Die beiden, die da »einsam beisammen« stehen, scheinen einander seit Urzeiten vertraut zu sein.
Und sie sehen einander offenbar tatsächlich »in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel« (wie Rilke es einige Jahre später im Brief an Emanuel Bodman ausdrücken wird).
Es gibt nichts (und niemanden), das von diesem Einheitsgefühl ausgeklammert wäre, und wogegen sie ihr Herz - bewußt oder auch unbewußt, im Wohlgefühl ihrer Umarmung - verhärten würden.

Und so geht das Tor nicht zu, an das sie einander geführt haben, fast ohne es zu wissen, sondern es geht auf... und die beiden sind „eins“, nicht bloß miteinander, sondern mit allem, zum Beispiel auch mit dem Oleander, in dessen Sich-Wiegen sie ganz selbstverständlich einbezogen sind...

Da ist kein „Entflammtsein“, das dem im Wege stehen würde. Und es scheint die Gefahr nicht zu geben, von der Rilke Jahrzehnte später in der achten Elegie sprechen wird:

  • Liebende, wäre nicht der andre, der
    die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen...
    Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan
    hinter dem andern... Aber über ihn
    kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.


Wegen des ähnlich lautenden Titels denke ich auch an eine frühe Novelle Rilkes: „Alle in einer“ – Harald hat sie einmal hereingestellt... ich habe sie eben noch einmal gelesen; sie scheint auf den ersten Blick nichts mit dem Thema dieses Gedichtes zu tun zu haben. Und doch...


Mich berührt vor allem die zweite Zeile dieses Gedichtes:
  • stehn wir einsam beisammen
Und ich denke an vieles, was Rilke über das „Einsamsein“ gesagt hat:

Im „Stunden-Buch“ ist „Einsamsein“ die Voraussetzung für das Empfangen von „Offenbarung“:
  • Denn nur dem Einsamen wird offenbart
    und vielen Einsamen der gleichen Art
    wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.

Und im schon erwähnten Brief an Emanuel Bodman vom 17. August 1901 heißt es:
  • Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.

Es ist eine große Aufgabe, zum Wächter der Einsamkeit eines anderen Menschen bestellt zu sein.

Damit kann meiner Ansicht nach weder eine bedingungslos allem zustimmende „Verehrung“ gemeint sein noch auch ein übergriffiges „Belehren“, wenn man „Fehler“ beim anderen zu erkennen meint.
Dennoch kann es sich bei solchem „Wächtersein“ auch nicht um bloßen unverbindlichen Respekt vor der Freiheit des jeweils anderen handeln. Dazu reichte bereits Höflichkeit aus, und es brauchte nicht »dieses größte Vertrauen«, das ein Mensch zu verleihen hat...

An der Einsamkeit eines anderen Menschen Wache zu halten, bedeutet für mich sehr viel mehr.
Es hat zu tun mit dem, was Bettine von Arnim als das „Amt der Engel“ bezeichnete (Du hast das vor längerer Zeit einmal zitiert).
Dieses Amt wird sowohl liebevoll-zustimmendes „Gewährenlassen“ beinhalten als auch hin und wieder ein not-wendiges „Aufrütteln“ – jedes zu seiner Zeit, ganz so, wie es nicht das eigene Bedürfnis, sondern die „Einsamkeit“ dessen erfordert, zu deren Wächter ein Mensch sich bestimmt sieht.
Das zu unterscheiden, fällt uns nicht immer leicht...

Aber ich empfinde deutlich: der Traum, dem Rilke in diesem frühen Gedicht Ausdruck verleiht, kann sich erst dann erfüllen, wenn es zwei Menschen gelingt, dieser Aufgabe aneinander gerecht zu werden und einander daher den Himmel nicht mehr zu „verstellen“, sondern erst recht sichtbar zu machen.


Herzlichen Gruß,

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Stefano
Beiträge: 8
Registriert: 8. Mär 2012, 10:51

Re: Alles ist eins

Beitrag von Stefano » 19. Mär 2012, 14:25

lilaloufan hat geschrieben:Also, erst mal möchte ich vorausschicken, dass dieses (zunächst ja gar nicht veröffentlichte) Gedicht gewiss nicht zu den meisterlichen Gedichten Rilkes im von ihm selbst gering geschätzten Frühwerk gehört.
  • … kein Weh sein,
    … Allee sein
– nun ja, da scheint der „Weg“ auf alle Fälle noch weit zu sein.
Hallo, damit magst du durchaus recht haben, mir verursacht das Gedicht ob seiner dichten Atmosphäre, des simplen, aber effektiven Reimschemas und der Thematik des Liebens und der Einsamkeits sowie des Gefühls des Verstehens, der Offenbarung, dennoch Gänsehaut beim Lesen. Die alte Werkausgabe, über die ich kürzlich auf einer Dachboden-Entrümpelung stolperte, und die ich bei einem -- Link gelöscht von sedna / Mod -- anbieten wollte, mit dem ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe, verbleibt jetzt wohl doch bei mir.
Welch schöneres Kompliment kann einem Dichter gemacht werden? (Nach)Fühlen und Verstehen, bei diesem Gedicht ist eins nicht vom andern zu unterscheiden...
Zuletzt geändert von Stefano am 20. Mär 2012, 15:18, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: Alles ist eins

Beitrag von lilaloufan » 19. Mär 2012, 17:52

Ja Stefano, auch mir gefällt es gerade in seiner poetisch sensiblen Halbreife sehr gut, und ich wollte Olga gar nichts „nehmen“. Also – jede Geliebte, der Du's abschreibst, wird sich freuen.

Und dennoch, und auch angesichts von Ingrids Beitrag,
stilz hat geschrieben:Es ist eine große Aufgabe, zum Wächter der Einsamkeit eines anderen Menschen bestellt zu sein.

An der Einsamkeit eines anderen Menschen Wache zu halten, bedeutet für mich sehr viel mehr.

Aber ich empfinde deutlich: der Traum, dem Rilke in diesem frühen Gedicht Ausdruck verleiht, kann sich erst dann erfüllen, wenn es zwei Menschen gelingt, dieser Aufgabe aneinander gerecht zu werden und einander daher den Himmel nicht mehr zu „verstellen“, sondern erst recht sichtbar zu machen.
mit dem Du, @Ingrid, mich ganz persönlich berührst und aufrüttelst, möchte ich noch mal fragen:

Sagt Ihr noch irgendetwas zu meiner Ansicht, dass es sich entgegen unwidersprochen verbreiteter Ansicht hier gar nicht wirklich um ein „Liebes-Erzählgedicht“ handele? Sondern um eine Thematik im Zusammenhang der mit Lou aufgenommenen Suche nach einer für Rilke annehmbaren Spiritualität.

Liegt sein Motivschwerpunkt bei „Entwicklung in der Liebesbeziehung“ oder vielmehr bei „Offensein für Wesenserkenntnis” – oder ist diese Frage ein Scheinproblem angesichts der möglichen Koïnzidenz von beidem?

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Stefano
Beiträge: 8
Registriert: 8. Mär 2012, 10:51

Re: Alles ist eins

Beitrag von Stefano » 20. Mär 2012, 15:00

Mir scheint, dass beides im Gedicht zu finden ist bzw. das herauszulesen ist, dass erst durch die Liebe (Wesens)erkennntnis möglich ist.

"...fühlen: Alles ist eins.": Daraus lese ich Erkenntnis, gewissermassen über das "was die Welt im Innersten zusammenhält". Und diese Erkenntniss wird (scheinbar) erlangt durch die Begleitung des Dichters: "Hast Du mich hergeführt?" fragt er, durch seine Liebe, sein Sich-Öffnen seiner Begleitung gegenüber hat er also Erkenntnis über sich und alles, was ihn umgibt, erlangt.

Insofern ist erst durch die Liebe Erkenntnis möglich. Würdet Ihr dem zustimmen?

Antworten