Alles ist eins

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Re: Alles ist eins

Beitrag von stilz » 20. Mär 2012, 15:48

Stefano hat geschrieben:Insofern ist erst durch die Liebe Erkenntnis möglich. Würdet Ihr dem zustimmen?
Einerseits ja - auch ich lese das aus Rilkes Gedicht (und nicht nur aus diesem Gedicht).

Andererseits würde ich Deinem Satz ganz ebenso auch in seiner Umkehrung zustimmen:
Insofern ist erst durch die Erkenntnis Liebe möglich.

Ich denke an das biblische »Und er erkannte sein Weib«... Luther war sie noch eine Selbstverständlichkeit, diese Koïnzidenz.

So, wie ich nicht nur Rilke, sondern auch das Leben bisher begreife, geht es nicht bloß um mögliche Koïnzidenz, sondern keines der beiden „Ziele“, die lilaloufan nennt („Entwicklung in der Liebesbeziehung“ und „Offensein für Wesenserkenntnis”), kann für sich allein ganz verwirklicht werden, ohne daß man gleichzeitig auch am anderen „Ziel“ anlangt...

Aber natürlich kommt es nicht nur auf das „Anlangen“ an, sondern auf den Weg. Und der führt unterschiedliche Menschen nicht immer geradewegs in dieselbe Richtung... und so nähert sich häufig der eine diesem „Ziel“ von der „Wesenserkenntnis“ her, während die andere sich zunächst die „Entwicklung in der Liebesbeziehung“ zum Anliegen macht...
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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lilaloufan
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Re: Alles ist eins

Beitrag von lilaloufan » 27. Mai 2012, 15:56

stilz hat geschrieben:So, wie ich nicht nur Rilke, sondern auch das Leben bisher begreife, geht es nicht bloß um mögliche Koïnzidenz, sondern keines der beiden „Ziele“, die lilaloufan nennt („Entwicklung in der Liebesbeziehung“ und „Offensein für Wesenserkenntnis”), kann für sich allein ganz verwirklicht werden, ohne daß man gleichzeitig auch am anderen „Ziel“ anlangt...

Aber natürlich kommt es nicht nur auf das „Anlangen“ an, sondern auf den Weg. Und der führt unterschiedliche Menschen nicht immer geradewegs in dieselbe Richtung... und so nähert sich häufig der eine diesem „Ziel“ von der „Wesenserkenntnis“ her, während die andere sich zunächst die „Entwicklung in der Liebesbeziehung“ zum Anliegen macht...
Liebe Ingrid,

ja, so darfst Du auch das verstehen, was ich dazu geschrieben habe; Du drückst es freilich viel genauer aus.

Rilke selbst ist wohl, vielgestaltig liebend, beide Routen gegangen.

In einem freilich thematisch anderen Zusammenhang finde ich in einem seiner späten Briefe (an Rudolf Bodländer, 23. März 1922, hier schon mal zitiert) den Satz:

«Wo das Unendliche ganz eintritt (sei es als Minus oder Plus), fällt das Vorzeichen weg, das, ach, so menschliche, als der vollendete Weg, der nun gegangen ist – und was bleibt, ist das Angekommensein, das Sein!» Dieses «Streben um das „Sein“» nennt Rilke einige Zeilen weiter den Ausgangsort einer «Erfahrung der möglichst vollzähligen inneren Intensität».

Das wär' sie, die wirkliche Koïnzidenz.

Pfingstgruß,
Christoph
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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