aus dem Sagenkreis um eine liebe Gestalt

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Mikado
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aus dem Sagenkreis um eine liebe Gestalt

Beitrag von Mikado » 18. Jun 2006, 12:17

Hallo,

suche Rilkes Gedichte "Aus dem Sagenkreis um eine liebe Gestalt" . Bitte, könnt Ihr mir helfen ?

Mikado :lol:
"Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen." (Ernst Bloch)

Paula
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Beitrag von Paula » 20. Jun 2006, 11:29

Hallo,

eines dieser Gedichte habe ich jetzt gefunden:

Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

RMR

Später ordnete es Rilke unter dem Titel "Todes-Erfahrung" den "Neuen Gedichten" zu. Kennt jemand die anderen beiden Gedichte dieses Sagenkreises ?

Paula :lol:

Tonika
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Beitrag von Tonika » 20. Jun 2006, 17:43

Hallo, Ihr beiden und alle anderen Forumsbesucher,

wer ist denn die "liebe Gestalt" gewesen, für die Rilke den "Sagenkreis" schrieb ? Ist das bekannt ?

Im Gedicht "Todes-Erfahrung" finde ich zu Beginn eine weitere Strophe ?! Welches Gedicht ist das Ursprünglichere ?

Tonika :lol:
Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird. (RMR)

sedna
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Re: aus dem Sagenkreis um eine liebe Gestalt

Beitrag von sedna » 13. Jan 2011, 23:17

Tonika hat geschrieben:wer ist denn die "liebe Gestalt" gewesen, für die Rilke den "Sagenkreis" schrieb ? Ist das bekannt ?
Luise Gräfin von Schwerin (Mutter von Gudrun Baronin von Uexküll), anläßlich ihres Todes im Februar 1906.
Tonika hat geschrieben:Im Gedicht "Todes-Erfahrung" finde ich zu Beginn eine weitere Strophe ?! Welches Gedicht ist das Ursprünglichere ?
Wahrscheinlich die oben zitierte, ohne die ersten fünf Zeilen; so erinnert die Tochter Gudrun Baronin von Uexküll den Todestag der Mutter, und so ist es in ihrer Biographie über ihren Mann, den Biologen Jakob Baron von Uexküll, gedruckt.
Laut Rilke-Chronik hieß es zur Wiederkehr des Todestages der Gräfin 1907 dann schon erweitert Wir wissen nichts von diesem Hingehn. Hier die endgültige Fassung aus Neue Gedichte (1907):

Todeserfahrung

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
Paula hat geschrieben:Kennt jemand die anderen beiden Gedichte dieses Sagenkreises ?
Das ist eine gute Frage, die auch ich nicht beantworten kann. Tochter Gudrun Baronin von Uexküll schreibt in besagter Biographie:
"Rilke empfand für meine Mutter eine tiefe Verehrung, die sich im Austausch von Briefen und in eingehenden Gesprächen sehr lebendig erwies. Als sie im Februar 1906 gestorben war, hat er in einem Zyklus von drei Gedichten: >Aus dem Sagenkreis um eine liebe Gestalt< ihr Andenken festgehalten:"
Danach folgt nur das Gedicht in der von Paula zitierten Fassung.

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

sedna
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Re: aus dem Sagenkreis um eine liebe Gestalt

Beitrag von sedna » 14. Jan 2011, 15:31

Es ist etwas kompliziert mit den verschiedenen Titeln und Datierungen. Man wird fündig in:
Rilke. Briefe an Karl und Elisabeth von der Heydt. Frankfurt: Insel Verlag 1986, S 254-56.
In seinem Beitrag anläßlich eines Rilke-Abends des Lyceum-Clubs Berlin im Jahre 1913, las Karl von der Heydt diese Gedichte, betitelt Liederkreis um eine lichte Gestalt:
I. Sinnend von Legende zu Legende, II. Liebende und Leidende verwehten; III. Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das

Dazu gibt es Anmerkungen zu Widersprüchlichem im Anhang.
Zunächst: Im Typoskript dieses Beitrags sind I. und II. datiert auf Oktober 1905 – das hieße geschrieben und der Gräfin zugeeignet bereits während ihres Todkrankseins.
Und weiter: "In einer Abschrift von Hand Eberhard von Schwerins sind die beiden Gedichte ohne Einschnitt zu lesen, datiert Capri 6.3.1907 und überschrieben: An Gräfin Luise Schwerin, nach ihrem Hinscheiden (Aus dem Gedichtkreis um ihre helle Gestalt)"

Laut Rilke-Chronik starb Gräfin Luise von Schwerin am 24. Januar 1906.
Hier nun - auch der Chronik zufolge - ziemlich sicher die beiden ersten ihrem Andenken zugeeigneten, noch fehlenden Gedichte aus dem Zyklus:

I
Sinnend von Legende zu Legende
such ich deinen Namen, helle Frau.
Wie die Nächte um die Sonnenwende,
in die Sterne wachsen ohne Ende,
nimmst du alles in dich auf, Legende,
und umgiebst mich wie ein tiefes Blau.

Aber denen, die dich nicht erfahren,
kann ich, hülflos, nichts versprechen als:
dich aus allen Dingen auszusparen,
so wie man in deinen Mädchenjahren
zeichnete das Weiß des Wasserfalls.

Dies nur will ich ihnen lassen und
mich verbergen unter dem Geringen.
Unrecht tut an dir Kontur und Mund.
Du bist Himmel, tiefer Hintergrund,
sanft umrahmt von deinen liebsten Dingen.


II
Liebende und Leidende verwehten
wie ein Blätterfall im welken Park.
Aber wie in seidenen Tapeten
hält sich immer noch dein Gehn und Beten,
und die Farben bleiben still und stark.

Alles sieht man: deiner Augen Weide
(und ein Frühlingstag geht darauf vor),
deines Glücks geschontes Stirngeschmeide
und, allein, des Stolzes Vignentor
vor dem weiten Weg in deinem Leide.

Doch auf jedem Bild und nirgends alt
in dem weißen, immer in dem gleichen
Kleide steht, erkennbar ohne Zeichen,
deiner Liebe stillende Gestalt,
schlank geneigt, um etwas hinzureichen.

(Erstdruck wahrscheinlich in: RMR, Gesammelte Gedichte, Band IV. Leipzig: Insel Verlag 1930-34.)

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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