Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

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Dasha
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Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von Dasha » 27. Sep 2003, 16:05

Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke! :(
so leben wir und nehmen immer Abschied.

sedna
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Re: Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von sedna » 9. Jun 2010, 10:41

ζαλην ενδοθεν εχων – zalän endothen echoon = Sturm in sich tragend

Ich kannte den Schriftzug nur im griechischen Original und konnte ihn seinerzeit nicht entziffern - gefunden in meiner Ausgabe von „Das Marienleben“, klein und unscheinbar unterhalb des Insel-Schiffs (Rilke war halt verspielt :) )

Deutet auf ein gewichtiges Erlebnis: Rilke hatte den Zyklus Mitte Januar 1912 auf Duino zur selben Zeit nieder geschrieben, in der ihm auch die erste Elegie "diktiert" worden ist.
Dieses "Klar-zum-Wenden" wie der Steuermann sagt, führte schließlich mit "vollen Segeln" in eine neue Schaffensperiode.

Mit überfälligem Dank an dasha für diese aufschlußreiche Frage

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

stilz
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Re: Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von stilz » 15. Jun 2010, 06:04

Liebe sedna, lieber Dasha,

vor einiger Zeit habe ich mich selber mit diesen drei Worten beschäftigt, die zu Beginn des "Marien-Lebens" stehen (allerdings war mir dabei nicht bewußt, daß Dasha vor noch längerer Zeit danach gefragt hatte) und dabei herausgefunden (irgendwo im internet), daß es sich wohl um eine Stelle aus der griechisch-orthodoxen Liturgie handelt. Im Zusammenhang lautet sie (die spiritus bitte ich zu ergänzen):
  • Ζάλην ένδοθεν έχων, λογισμών αμφιβόλων, ο σώφρων Ιωσήφ εταράχθη, προς την άγαμόν σε θεωρών, και κλεψίγαμον υπονοών ΄Αμεμπτε. Μαθών δε σου την σύλληψιν εκ Πνεύματος Αγίου, έφη. Αλληλούϊα
Ich würde das - mithilfe der Griechisch-Kenntnisse aus meiner lange zurückliegenden Schulzeit, und natürlich des Wörterbuches - etwa so übersetzen:

Sturm im Inneren, hin- und hergerissen von Gedanken, heiratete der besonnene Joseph dich, Makellose - von der er wußte, daß sie unverheiratet war, die er aber des außerehelichen Beilagers verdächtigte. Als er aber erfuhr, deine Empfängnis sei vom Heiligen Geist, sprach er: Alleluia.


Rilke faßt es so in ein Gedicht:
  • Argwohn Josephs

    Und der Engel sprach und gab sich Müh
    an dem Mann, der seine Fäuste ballte:
    Aber siehst du nicht an jeder Falte,
    daß sie kühl ist wie die Gottesfrüh.

    Doch der andre sah ihn finster an,
    murmelnd nur: Was hat sie so verwandelt?
    Doch da schrie der Engel: Zimmermann,
    merkst du's noch nicht, daß der Herrgott handelt?

    Weil du Bretter machst, in deinem Stolze,
    willst du wirklich den zur Rede stelln,
    der bescheiden aus dem gleichen Holze
    Blätter treiben macht und Knospen schwelln?

    Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke,
    recht erschrocken, zu dem Engel hob,
    war der fort. Da schob er seine dicke
    Mütze langsam ab. Dann sang er lob.

Herzlichen Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von sedna » 15. Jun 2010, 07:54

Das ist durchaus bemerkenswert.

Es sollte vorallem deutlich werden (falls in der Titelei anderer Drucke, bei denen Rilke nicht mitreden konnte, abweichend dargestellt), daß dieser Schriftzug im Layout der Erstausgabe keinem Untertitel entsprechen kann, sondern vom Titel weg in einem weiträumigen Bogen über das Verlagssignet gespannt als separates Motto (dicht am Schiff) voran zu stehen kommt,

sinniert die der Schriftgraphik kundige

sedna
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Re: Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von stilz » 15. Jun 2010, 08:17

Liebe sedna,

das interessiert mich sehr. Wäre es wohl möglich, ein Bild der betreffenden Seite der Erstausgabe hier hereinzustellen?

In meinem Gedichte-Band stehen diese drei Worte, mit "..." hintendran, mit dem zentrierten Titel "DAS MARIEN-LEBEN" (rechtsbündig unter ihm) auf einem eigenen Blatt. Auf dessen Rückseite heißt es dann, alles zentriert gesetzt:
  • Heinrich Vogeler
    dankbar
    für alten und neuen Anlaß
    zu diesen Versen


    Duino, Januar 1912
Und ich frage mich nun natürlich auch noch, was wohl der "alte und neue Anlaß" gewesen sein mögen...

Lieben Gruß

stilz
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Re: Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von sedna » 15. Jun 2010, 09:03

Sieht schlecht aus. Nicht mal die einfachsten Formatierungen meiner Beiträge werden umgesetzt. Die Programme, die das bewerkstelligen könnten, gehören wahrscheinlich zu jenen kritischen, die bei mir keinen Zugriff erhalten.
Aber rechtsbündig ist schon mal gut, im Original nicht in Anführungszeichen.
Ich versuche das Layout mal simpel zu rekonstruieren, die Punkte denk Dir weg, es werden leider nicht mal die Leerzeichen ins Format übernommen

Rainer Maria Rilke

.........Das
...Marien=Leben




.........Signet

...............Motto
---------------------
Verlagsbezeichnung

Sieht ja schrecklich aus. Ich muß schauen, daß ich das mit dem Bild irgendwie schaffe.
Alter und neuer Anlaß ist in der Chronik nachzulesen.
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Re: Was "zalän endothen echoon" bedeutet? Danke!

Beitrag von sedna » 27. Jun 2010, 23:34

Nachdem ich es nun einigermaßen mißtrauisch billige, daß die Programmiersprache Java meinen Rechner vollquatscht, sehe ich Möglichkeit. Problem: Java ist die Insel der Glückseligkeit für Trojaner und Würmer aller Arten. Kann ich nicht gebrauchen. Damit bleibt ausgeschlossen, Dateien zu laden, die auf meiner Festplatte liegen, und soweit man hier unter Rilke virtuell informiert wird, geht das auch gar nicht. Vielleicht noch diese letzte Annäherung – mal schauen, ob’s mit Java funktioniert. Das Layout ist nahezu identisch mit diesem Titel:

Bild

Man denke sich das Motto (ohne Pünktchen und dergleichen – wo nahm dieser Unfug seinen Anfang?) in griechischer Schrift dazu - oberhalb der roten Linie und mit dieser rechtsbündig abschließend, kleinste Schriftgröße im Titel (hier entsprechend der von "BAND V"). Genau so sieht’s aus.
Mehr kann ich nicht für Dich tun.

sedna
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