Aus welchem werk ist dieses Gedicht ?

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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FelixB
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Aus welchem werk ist dieses Gedicht ?

Beitrag von FelixB » 13. Mai 2007, 13:19

Hallo
Dieses Gedicht ist angeblich von Rilke.
---
Jauchze nicht mein Herz
wenn flüchtig dich berührt des Glückes Hauch.
Alles Erdische ist nichtig
und die Freude ist es auch.

Klage nicht mein Herz, wenn quälend
dich ein wildes Weh umfing.
sieh, vorüber geht das Elend,
wie das Glück vorüberging.

Trage Beides! Denn vorüber geht die Freude, geht das Leid,-
kämpfe mutig dich hinüber in den Schoss der Ewigkeit.
---
Weiss jemand aus welchem Werk es ist ?
felix

gliwi
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Beitrag von gliwi » 13. Mai 2007, 17:32

Also ich habe mich da schon einmal geirrt und sage deshalb bescheiden: meiner Meinung nach nicht von Rilke. "Leid" auf "Ewigkeit" - zu billig als Reim, "quälend" auf "Elend" - zu schlecht. Auch das Verb "jauchzen" ist nicht eben ein Lieblingsverb Rilkes. Und der Schlussgedanke: "Kämpfe mutig dich hinüber..." - meiner Meinung nach unrilkisch. Aber wie gesagt, ich bin da nicht die absolute Kapazität. Aber wie wir hier schon verschiedentlich feststellten, wird Rilke gern mal das Gedicht eines anderen zugeschrieben.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

stilz
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Beitrag von stilz » 13. Mai 2007, 20:47

Hallo Felix,

ich stimme gliwi zu (und bin natürlich auch keine richtige "Expertin"), und zwar besonders deshalb, weil es Rilke meiner Meinung nach überhaupt nicht ähnlich sieht, seinem Herzen in dieser Weise zu "befehlen"...

Nicht zu klagen aus dem Grund, weil alles Elend vorübergeht... nein.
Das ist kein Rilke'scher "Ausweg". Und paßt überhaupt nicht zu dem, was ich bisher als Rilkes Beziehung zur "Klage" verstanden habe, zum Beispiel:

...daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt, ganz so
wie um die andre Erde, eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen -

(Orpheus. Eurydike. Hermes. "Neue Gedichte", 1907)

Woher hast Du denn das Gedicht, und wieso glaubst Du, daß es von Rilke ist?

Lieben Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

FelixB
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Beitrag von FelixB » 14. Mai 2007, 20:28

hallo stilz, hallo gliwi,
danke für eure einschätzungen. ich habe das gedicht
auf einer todesanzeige in einer zeitung gelesen,
angeblich von rilke stammend. Es ist jedoch gut möglich,
dass dort eine falsche quelle angegeben wurde.
Ich stöbere mal weiter, würde mich melden, wenn ich
mehr herausfinde.
danke, grüsse

FelixB
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etwas dazu gefunden

Beitrag von FelixB » 14. Mai 2007, 20:37

Hier
http://www.das-beratungsnetz.de/forum/b ... tungsfeld=
wird dieses Gedicht ebenfalls Rilke zugeschrieben.
Das muss aber nicht bedeuten, dass es tatsächlich von ihm stammt.
grüsse

sedna
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Re: Aus welchem werk ist dieses Gedicht ?

Beitrag von sedna » 1. Aug 2010, 23:10

Aus dem sogenannten Frühwerk. Prag, November 1893.

Nach dem Rilke-Kommentar von Stahl/Jost/Marx in: Sämtliche Werke Bd. 3, S. 413. ED: Jung-Deutschland und Jung-Elsaß Bd. 3, Nr. 2/3, 1.2.1894, S. 20

So googelt es sich dann Satz für Satz ganz rasch in dieser Fassung:


Nicht jauchzen, nicht klagen

Jauchze nicht, mein Herz, wenn flüchtig
dich berührt des Glückes Hauch ...
Alles Irdische ist nichtig
und die Freude ist es auch.

Klage nicht, mein Herz, wenn quälend
dich ein wildes Weh umfing -
Sieh, vorüber geht das Elend,
wie das Glück vorüber ging!

Trage beides! Denn vorüber
geht die Freude, geht das Leid, -
kämpfe mutig dich hinüber
in den Schooß der Ewigkeit.


Fernando Pessoa würde ihm zu angemessener Zeit vielleicht folgendes geschrieben haben:

Es ist wirklich das Werk eines Dichters, aber noch nicht eines Dichters, der sich gefunden hat, sofern nicht ein Dichter grundsätzlich jemand ist, der sich niemals findet. Es gibt Unvollkommenes und Unvollendetes in Ihren Versen. Zwischen den Blumen bemerkt man noch die Spuren Ihrer Tritte. Man sollte sie nicht sehen. Zeichen des Dichters sollte sein, ohne eine andere Spur vorübergegangen zu sein als die Gegenwart der Rosen. (Brief an einen jungen Dichter [ :D ], 1914)

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

gliwi
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Re: Aus welchem werk ist dieses Gedicht ?

Beitrag von gliwi » 2. Aug 2010, 16:04

Liebe sedna,
kennst du eigentlich den ganzen Rilke auswendig?
Voll Bewunderung
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

sedna
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Re: Aus welchem werk ist dieses Gedicht ?

Beitrag von sedna » 2. Aug 2010, 23:30

:oops:
Nein, nein, halt ein, liebe gliwi ...

Ich habe ein sehr schlechtes Gedächtnis und bin froh, Deine Frage mit einem entschiedenen Nein beantworten zu können.

Die Erfahrung mit Rilke ist eher speziell – wie soll ich's erklären, also wenn Du's genau wissen willst, eine Art mehrdimensionales oder topographisches Lesen, ich erkenne die Standorte an der Umgebung, so wie ein Wildbiologe Dir mit einem einzigen Blick auf eine Landkarte sagen kann, wo ein Dachsbau ist – und da ist dann tatsächlich einer! Das ist nichts Besonderes, sondern nur Erfahrung.

Jedenfalls bin ich von Rilke in gewisser Weise durchseucht und hab keine Ahnung, wann das wieder abklingen wird. Und wenn die Ansteckung nicht nur gefahrlos ist, sondern auch von Nutzen - umso besser.

sedna
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