Havarie

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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.Sabine.
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Havarie

Beitrag von .Sabine. » 29. Jan 2008, 21:11

Hallo,

gibt es bei Rilke auch einen Vers für ein in Seenot geratenes Schiff ? Volker, ich weiss nicht, ob Du es liest, aber wenn, wirst Du es bestimmt wissen - oder Ihr anderen ?

Sabine :shock:
"Ich lerne sehen.... " (Rainer Maria Rilke)

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Volker
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Re: Havarie

Beitrag von Volker » 10. Feb 2008, 00:25

Hallo Sabine,

nein, von Rilke kenne ich kein Gedicht über Seenot etc.
Da gibt es, fürchte ich, auch nicht viel in der Lyrik.
Momentan fällt mir nur "Der Lotse" von Ludwig Giesebrecht ein:
Der Lotse

"Siehst du die Brigg dort auf den Wellen?
Sie steuert falsch, sie treibt herein
und muß am Vorgebirg zerschellen,
lenkt sie nicht augenblicklich ein.
Ich muß hinaus, daß ich sie leite!"
"Gehst du ins offne Wasser vor,
so legt dein Boot sich auf die Seite
und richtet nimmer sich empor."

"Allein ich sinke nicht vergebens,
wenn sie mein letzter Ruf belehrt:
Ein ganzes Schiff voll jungen Lebens
ist wohl ein altes Leben wert.

Gib mir das Sprachrohr. Schifflein, eile!
Es ist die letzte, höchste Not!" -
Vor fliegendem Sturme gleich dem Pfeile
hin durch die Schären eilt das Boot.

Jetzt schießt es aus dem Klippenrande!
"Links müßt ihr steuern!" hallt ein Schrei.
Kieloben treibt das Boot zu Lande,
und sicher fährt die Brigg vorbei.
"TITANIC" als Gedicht - das wäre mal was!
Warum hat sich bisher kein Lyriker daran versucht?
Oder irre ich mich?
Enzensberger vielleicht? Da war doch mal was.... :?:
Der Untergang der Titanic
Pastoralpsychologische Aspekte
des apokalyptischen Lebensgefühls
in der heutigen Welt
„Einer horcht. Er wartet. Er hält
den Atem an, ganz in der Nähe,
hier. Er sagt: Der da spricht, das bin ich.
Nie wieder, sagt er,
wird es so ruhig sein,
so trocken und so warm wie jetzt ...
Kein Klopfzeichen. Kein Hilfeschrei.
Funkstille.
Entweder ist es aus,
sage ich mir, oder es hat
noch nicht angefangen.
Jetzt aber! Jetzt:
Ein Knirschen. Ein Schatten. Ein Riß.
Das ist es. Ein eisiger Fingernagel,
der an der Tür kratzt und stockt.
Etwas reißt.
Eine endlose Segeltuchbahn,
ein schneeweißer Leinwandstreifen,
der erst langsam,
dann rascher und immer rascher
und fauchend entzweireißt.
Das ist der Anfang.
Hört ihr? Hört ihr es nicht?
Haltet euch fest!
Dann wird es wieder still.
Nur in der Wand klirrt
etwas Dünngeschliffenes nach,
ein kristallenes Zittern,
das schwächer wird
und vergeht.
Das war es.
War es das? Ja,
das muß es gewesen sein.
Das war der Anfang.
Der Anfang vom Ende
ist immer diskret.
Es ist elf Uhr vierzig
an Bord. Die stählerne Haut
unter der Wasserlinie klafft,
zweihundert Meter lang,
aufgeschlitzt
von einem unvorstellbaren Messer.
Das Wasser schießt in die Schotten.
An dem leuchtenden Rumpf
gleitet, dreißig Meter hoch
über dem Meeresspiegel, schwarz
und lautlos der Eisberg vorbei
und bleibt zurück in der Dunkelheit.“1
Hier mehr TITANIC
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Re: Havarie

Beitrag von gliwi » 10. Feb 2008, 02:33

Hallo Volker,
was ist mit "John Maynard" von Fontane? "Een Boot is noch buten" von ichweißnichtmehrwem? "Batavia 1510" von der Droste? Da gibt es schon ein bisschen was, von Rilke wüsste ich jetzt allerdings nicht. Mit dem Meer hatte er es wohl nicht so.
Gruß
gliwi
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Volker
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Re: Havarie

Beitrag von Volker » 10. Feb 2008, 22:56

"Een Boot is noch buten!"
Jo! Dat hefft wi ok lernt in de School.
Ist von Arno Holz.
Hier zum Nachlesen

Hallo gliwi,
danke für die Auffrischung! Ja, da kommt noch Einiges wieder an die Oberfläche, wenn man länger drüber nachdenkt.

Hier noch ein dramatisches Gedicht aus meiner Schulzeit - mit Rettung aus Seenot usw
"Nis Randers" von Otto Ernst.
Strandung - "Es hängt noch ein Mann im Mast" - die Rettungsmannschaft muss raus - "s'ist Uwe" - der verschollen geglaubte Sohn ist gerettet! - Toll!
Hier auch zum Nachlesen!

Aber wo bleibt Rilke?? :wink: :lol:
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gez. Volker

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Anna B.
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Re: Havarie

Beitrag von Anna B. » 10. Feb 2008, 23:25

Ins Meer! Die Welle naht, die scheue,
und zieht mich leise vom Gerüst,
und küßt mich zart, so wie die neue
Geliebte dich, die bange, küßt.

Wie weich sie mich umfängt! Ich spüre
den frischen Odem glückbewußt,
Sie legt mir ihre Perlenschnüre
mit Schmeicheln um die bleiche Brust.
Na, wenn das nicht Rilke ist :wink: ?!

Anna :lol:
"anna blume... man kann dich auch von hinten lesen... du bist von hinten wie von vorne: "a-n-n-a." (kurt schwitters)

stilz
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Re: Havarie

Beitrag von stilz » 11. Feb 2008, 11:22

...und noch ein Rilke, aus dem "mönchischen Leben", auch wenn das Schiff darin nicht untergeht, ganz im Gegenteil:
  • Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,
    und will niemals blind sein oder zu alt
    um dein schweres schwankendes Bild zu halten.
    Ich will mich entfalten.
    Nirgends will ich gebogen bleiben,
    denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
    Und ich will meinen Sinn
    wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
    wie ein Bild das ich sah,
    lange und nah,
    wie ein Wort, das ich begriff,
    wie meinen täglichen Krug,
    wie meiner Mutter Gesicht,
    wie ein Schiff,
    das mich trug
    durch den tödlichsten Sturm.
Lieben Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: Havarie

Beitrag von sedna » 2. Feb 2011, 05:19

Hier sinkt das Schiff der Kindheit (letzte Strophe):

Kindheit

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen ...
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen
und auf den Plätzen die Fontänen springen
und in den Gärten wird die Welt so weit —.
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen —:
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
o Einsamkeit.

Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ein Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen —:
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
o Tiefe ohne Grund.

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt —:
O immer mehr entweichendes Begreifen,
o Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien —:
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
Wohin? Wohin?

(Paris, Winter 1905/06)
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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