Benn zum Stundenbuch

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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sedna
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Re: Benn zum Stundenbuch

Beitrag von sedna » 9. Dez 2010, 00:10

Hocherfreulich, den Tisch wieder so reich gedeckt zu sehen; schön auch die einladenden Gesten.

Die Widersprüche sind ja auch schon ans Licht gekommen und es läßt mich nicht los, aber ich seh mich einigermaßen sprachlos und dadurch außerstande, deutlich zu machen, daß es nicht meine Absicht war, eine Bewertung von Benns dichterischem Vermögen vorzunehmen. Ich werde noch ein Weilchen darüber nachdenken müssen.

Könnte ich mich Rätseln müheloser entziehen, hätte ich hier kein Sterbenswörtchen verloren.

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

gliwi
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Re: Benn zum Stundenbuch

Beitrag von gliwi » 11. Dez 2010, 18:36

Na dann: einen frohen dritten Advent allerseits! :D :D :D
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

stilz
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Re: Benn zum Stundenbuch

Beitrag von stilz » 18. Dez 2010, 13:39

stilz hat geschrieben: Ich habe mir heute übrigens zwei Benn-Bände aus der Bücherei geholt; ich werde in der nächsten Zeit versuchen, mir selbst ein Bild davon zu machen, was Benn so alles geschrieben hat über Rilke, und mit welchen Gründen. Ich werde über meinen Eindruck berichten und hoffe, daß mir das in halbwegs sachlichem Ton gelingen wird.
Ich möchte endlich damit beginnen, dieses Versprechen einzulösen.

In seinem Vortrag "Probleme der Lyrik" (gehalten in der Universität Marburg am 21. August 1951) sagt Gottfried Benn von George, Rilke und Hofmannsthal:
"Ihre schönsten Gedichte sind reiner Ausdruck, bewußte artistische Gliederung innerhalb der gesetzten Form, ihr Innenleben allerdings, subjektiv und in seinen emotionellen Strömungen, verweilt noch in jener edlen nationalen und religiösen Sphäre, in der Sphäre der gültigen Bindungen und der Ganzheitsvorstellungen, die die heutige Lyrik kaum noch kennt."

Im selben Vortrag spricht Benn dann von "vier diagnostische[n] Symptome[n], mit deren Hilfe Sie selber in Zukunft unterscheiden können, ob ein Gedicht von 1950 identisch mit der Zeit ist oder nicht."

Er benennt als diese "Symptome" das Andichten ("Trennung und Gegenüberstellung von angedichtetem Gegenstand und dichtendem Ich, von äußerer Staffage und innerem Bezug"), das "WIE" (s.u.), die Farbenskala ("Rot, purpurn, opalen, silbern mit der Abwandlung silberlich, braun, grün, orangefarben, grau, golden - hiermit glaubt derAutor vermutlich besonders üppig und phantasievoll zu wirken, übersieht aber, daß diese Farben ja reine Wortklischees sind, die besser beim Optiker und Augenarzt ihr Unterkommen finden.") und den seraphischen Ton ("Wenn es gleich losgeht oder schnell anlangt bei Brunnenrauschen und Harfen und schöner Nacht und Stille und Ketten ohne Anbeginn, Kugelründung, Vollbringen, siegt sich zum Stern, Neugottesgründung und ähnlichen Allgefühlen, ist das meistens eine billige Spekulation auf die Sentimentalität und Weichlichkeit des Lesers.").

Zum zweiten dieser "Symptome" heißt es da:
"Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht "wie " vorkommt. Wie, oder wie wenn, oder es ist, als ob, das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf. Mein Lied rollt wie Sonnengold - Die Sonne liegt auf dem Kupferdach wie Bronzegeschmeid - Mein Lied zittert wie gebändigte Flut - Wie eine Blume in stiller Nacht - Bleich wie Seide -Die Liebe blüht wie eine Lilie-. Dies Wie ist immer ein Bruch in der Vision, es holt heran, es vergleicht, es ist keine primäre Setzung.
Aber auch hier muß ich einfügen, es gibt großartige Gedichte mit WIE. Rilke war ein großer WIE-Dichter. In einem seiner schönsten Gedichte "Archaischer Torso Apollos" steht in vier Strophen dreimal WIE, und zwar sogar recht banale "Wies": wie ein Kandelaber, wie Raubtierfelle, wie ein Stern - und in seinem Gedicht "Blaue Hortensie" finden wir in vier Strophen viermal WIE: Darunter: wie in einer Kinderschürze - wie in alten blauen Briefpapieren - nun gut, Rilke konnte das, aber als Grundsatz können Sie sich daran halten, daß ein WIE immer ein Einbruch des Erzählerischen , Feuilletonistischen in die Lyrik ist, ein Nachlassen der sprachlichen Spannung, eine Schwäche der schöpferischen Transformation."


(to be continued...)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

stilz
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... kein Arzt oder Apotheker...

Beitrag von stilz » 3. Jan 2011, 10:38

Und nun noch eine Bemerkung Gottfried Benns zur Frage, ob der Dichter ein Arzt sein solle (ich denke dabei auch an unser Gespräch vor Jahren zur Therapeutisierung der Kunst):
Gottfried Benn hat geschrieben: Und schließlich: soll die Dichtung in medizinischer Richtung vielleicht bessern, trösten, heilen? Es gibt viele, die das bejahen. Musik für Geisteskranke und Verinnerlichung durch Rilke bei Fastenkuren. Aber wenn wir bei Kierkegaard lesen: "Die Wahrheit siegt nur durch Leiden", wenn Goethe schreibt "leidend lernte ich viel", wenn Schopenhauer und Nietzsche den Grad und die Fähigkeit zu leiden als den Maßstab für den individuellen Rang ansehen, wenn Reinhold Schneider schreibt: "Am Kranken soll die Herrlichkeit Gottes offenbart werden, das Wunder, das er an ihm tut", und wenn Schneider weiter das Schwinden des Bewußtseins des Tragischen als den Untergang unserer Kultur bezeichnet, darf dann die Dichtung oder der Dichter an einer Besserung dieser tragischen Zustände mitarbeiten, müßte er nicht vielmehr aus der Verantwortung vor einer höheren Wahrheit haltmachen und in sich selber bleiben? Eine höhere Wahrheit in Ihrem Munde, werden Sie mir zurufen, was ist denn nun das? Ich antworte, ich kann mir einen Schöpfer nicht vorstellen, der das, was im Sinne unseres Themas bessern heißen könnte, als Besserung betrachtete. Er würde doch sagen: "Was denken sich diese Leute, ich erhalte sie durch Elend und Tod, damit sie menschenwürdig werden, und sie weichen schon wieder aus durch Pillen und Fencheltee und wollen vergnügt sein und auf Ominbusreisen gehen!" - Und was die Dichtung angeht, halte ich es mit dem Satz von Reinhold Schneider: Es gehört zum Wesen der Kunst, Fragen offenzulassen, im Zwielicht zu zögern, zu beharren." Wer die Dichtung so empfindet, kommt vielleicht weiter. Im Zwielicht - soviel über den Schöpfer und das Bessern.
(Aus dem Vortrag "Soll die Dichtung das Leben bessern?", gehalten am 15. November 1955 im Kölner Funkhaus im Rahmen einer öffentlichen Diskussion mit Reinhold Scheider; Gesammelte Werke Bd 2, S 1147)
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Re: Benn zum Stundenbuch

Beitrag von sedna » 17. Feb 2011, 19:32

Noch ein Wort zum Wirkenlassen — Benn an Tilly Wedekind, am 27. Oktober 1936 (zehn Jahre nach Rilkes Dahinsiechen):

"Ich lese ein paar Bände von Rilkebriefen. Was war das für ein weichlicher, verzärtelter, armseliger Bursche. Ich habe immer das Gefühl von männlichem Schmutz, wenn ich das lese. So viel Gräfinnen u. Schlösser u. feine Leute u Edelmänner u. Bilder u. Araberpferde u. so viel Stimmungen u. Eitelkeiten —: Feinheit und Schmus, könnte man sagen, u. daraus machte er doch ein sehr schönes Werk von lyrischer Tiefe. Kanntet Ihr ihn? Ich hätte Lust, ihn in einem Aufsatz furchtbar lächerlich zu machen."

sedna
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Re: Benn zum Stundenbuch

Beitrag von ritnsal » 14. Jan 2012, 11:42

stilz hat geschrieben: Zum zweiten dieser "Symptome" heißt es da:
"Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht "wie " vorkommt. Wie, oder wie wenn, oder es ist, als ob, das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf. Mein Lied rollt wie Sonnengold - Die Sonne liegt auf dem Kupferdach wie Bronzegeschmeid - Mein Lied zittert wie gebändigte Flut - Wie eine Blume in stiller Nacht - Bleich wie Seide -Die Liebe blüht wie eine Lilie-. Dies Wie ist immer ein Bruch in der Vision, es holt heran, es vergleicht, es ist keine primäre Setzung.
Aber auch hier muß ich einfügen, es gibt großartige Gedichte mit WIE. Rilke war ein großer WIE-Dichter. In einem seiner schönsten Gedichte "Archaischer Torso Apollos" steht in vier Strophen dreimal WIE, und zwar sogar recht banale "Wies": wie ein Kandelaber, wie Raubtierfelle, wie ein Stern - und in seinem Gedicht "Blaue Hortensie" finden wir in vier Strophen viermal WIE: Darunter: wie in einer Kinderschürze - wie in alten blauen Briefpapieren - nun gut, Rilke konnte das, aber als Grundsatz können Sie sich daran halten, daß ein WIE immer ein Einbruch des Erzählerischen , Feuilletonistischen in die Lyrik ist, ein Nachlassen der sprachlichen Spannung, eine Schwäche der schöpferischen Transformation."


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