Wo kann ich' s finden?

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Wolfgang Immelt
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Wo kann ich' s finden?

Beitrag von Wolfgang Immelt » 6. Mai 2004, 16:40

In der Rilke-Chronik von Ingeborg Schnack habe ich auf Seite 534 einen Hinweis auf die Niederschrift des Gedichtes "O Menschengesicht: aus solcher Flut" am 10.Mai 1916 in Wien gefunden. Leider kann ich das Gedicht aber weder hier online im Rilke-Forum noch bis jetzt an anderer Stelle finden. Vielleicht kann mir wieder ein Forums-Mitglied helfen.
Auch das auf Seite 526 der Chronik genannte Gedicht mit dem Anfang "Nicht daß uns, da wir (plötzlich) erwachsen sind" war für mich - einen Rilke-Neuling - nicht auffindbar.
Für einen Hinweis auf die genaue Fundstelle bin ich sehr dankbar.

Barbara
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Beitrag von Barbara » 6. Mai 2004, 19:18

Hallo,

beide Gedichte sind zu finden in der Kommentierten Ausgabe Rainer Maria Rilke Werke, Kommentierte Ausgabe in vier Bänden - Rilke Werke Band 2 - Gedichte 1910 bis 1926 (dieser Band wurde herausgegeben von Manfred Engel und Ulrich Fülleborn) Insel Verlag , Frankfurt/ Main und Leipzig, 1996 . Es gibt davon auch eine Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft .

In diesem Band 2:
"O Menschenangesicht..." auf S. 151
"Nicht daß uns, da wir (plötzlich) erwachsen sind..." auf S. 147f.

Falls es schwierig wird, an die Texte zu kommen, kann ich sie gerne auch hierhinschreiben . Dann bitte nochmal eine kurze Info schicken!

Freundliche Grüße, Barbara :)

sedna
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Re: Wo kann ich' s finden?

Beitrag von sedna » 18. Dez 2010, 10:59

O Menschenangesicht: aus solcher Flut
von immer Irrtum immer wieder tauchend,
nichts, nur ein wenig Bleibens brauchend,
trotz allem grüßend, gebend, beinah gut —.
O Menschenangesicht aus solcher Flut.
Und über Dir nur Züge, kein Gesicht
aus Maßen, daß Du Dich dazu bezögest;
und wenn Dus von den Bergen niederbögest:
— — — — — — — — — — — — — — — —
Ach über Dir nur Züge, kein Gesicht.
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

stilz
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Re: Wo kann ich' s finden?

Beitrag von stilz » 18. Dez 2010, 11:20

Liebe sedna,

danke für die viiiiielen Antworten, die Du in letzter Zeit auf seit Jahren unbeantwortete Fragen gibst!
Das zweite der gesuchten Gedichte findet sich übrigens hier (es ist das sechste Gedicht auf dieser Seite), in einer offenbar sehr reichhaltigen Rilke-Sammlung mit dem (mich) überraschenden Titel "Männer unter sich"...

Herzlichen Gruß!
Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: Wo kann ich' s finden?

Beitrag von sedna » 18. Dez 2010, 12:25

Ja so so, ist ja durchaus zu befürchten, daß angesichts dieser vielen Einblicke gar eine namenlose Freude über einige hier hereinbrechen könnte ...

sedna :)
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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lilaloufan
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Re: Nicht daß uns, da wir (plötzlich) erwachsen sind

Beitrag von lilaloufan » 24. Okt 2017, 08:04

  • Nicht dass uns, da wir (plötzlich) erwachsen sind
    und plötzlich mit-schuldig an unvor-
    denklicher Schuld der Erwachsenen; Mitwisser plötzlich
    aller Gewissen —, nicht dass uns dann ein Häscher errät
    und handfest hinüber zerrt und zurück
    ins vergangne Gefängnis, wo von der Zeit nur
    Abwässer sind, die weggeschüttete Zukunft,
    draus eine Welle manchmal mit fast ihm
    entgangener Hand der Gefangene aufhebt, sie über den kahlge-
    schorenen Kopf hinschüttend wie irgendein Kommen,
    – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
    das nicht [ist unser Ärgstes,]; sondern die Kerker von früh an
    die sich aus unserem Atem bilden, aus einer zu zeitig
    verstandenen Hoffnung, aus selber
    unserem Schicksal. Aus der noch eben
    rein durchdringlichen offenen Luft, aus jedem Geschauten.

    Wie so mag ein Mädchen auf einmal durch Gitter
    seiner Noch-Kindheit den Liebbaren sehn, getrennter
    als in Legende. Ihm gegenüber
    aufschaun, um ins Vorfrauliche traurig
    abzugleiten von ihm.
    O der Getrennten sind mehr. Jahrzehnt und Jahrtausend
    von Gesicht zu Gesicht. Und zwischen Erkannten
    steht vielleicht im Kerker der Kindheit das besser,
    das unendlich berechtigte Herz.

    [Mann, sei wie ein Engel,
    wenn die Begegnung geschieht und es geht noch das Mädchen
    eingelassen einher im Gleichnis der Kindheit.
    /Nicht ein Begehrender, welcher bestünde/
    Sei wie ein Engel. Lass sie nicht rückwärts. Weiter
    gieb ihr die Freiheit. Über das bloße
    Lieben gieb ihr die Gnade der Liebe. Bewusstsein
    gieb ihr der Ströme. Kühnheit der Himmel
    stürze um sie. Durch den empfundenen Herzraum
    wirf ihr die Vögel]
    [Kerker unsägliche, unvermutete Kerker]
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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