Suche ein Gedicht. Ein wahrer Kenner ist gefragt.

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Chasin Friedrich
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Suche ein Gedicht. Ein wahrer Kenner ist gefragt.

Beitrag von Chasin Friedrich » 17. Mär 2010, 09:38

Ich habe in einem Film eine kurze Szene beobachten können, in der zwei Protogonisten in einem Gespräch ein Gedicht von Rilke zitierten. Leider konnte ich nur die inhaltliche Leitlinie merken können und kann deswegen nur schwer nach dem Gedicht suchen.

Hier ist das, was ich behalten konnte:
> Man muss erst sehr viel im Leben gesehen haben<
Dann kommt die Aufzählung, was man alles gesehen\erfahren haben sollte.
-Das Meer, Liebesnächte, Errinerungen sammeln
...
Und erst dann wird das erste Wort des Gedichts entstehen und sich davon (von all dem, was man aufzählt) lösen.

Ich wäre sehr froh, wenn jemand das Gedicht erkennen würde.

stilz
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Re: Suche ein Gedicht. Ein wahrer Kenner ist gefragt.

Beitrag von stilz » 17. Mär 2010, 10:11

Lieber Chasin Friedrich,

ich glaube, Du meinst:

»Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle, - (die hat man früh genug) - es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fühlen, wie die Vögel fliegen und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man kommen sah - an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken musste, wenn sie einem Freude brachten und man begriff sie nicht - (es war eine Freude für die andern) - an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben, mit so viel tiefen und
schweren Verwandlungen, an Tage in stillen verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen - und es ist nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube, mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen habe, man muss sie auch vergessen können, wenn es viele sind und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.«

Das ist aus dem "Malte Laurids Brigge", hier unter "Roman" zu finden.
Ich habe jetzt keine Zeit, die genaue Stelle zu suchen, ich zitiere hier aus Stefan Zweigs Gedenkrede, die lilaloufan hier hereingestellt hat.

Herzlichen Gruß!

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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lilaloufan
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Re: Suche ein Gedicht. Ein wahrer Kenner ist gefragt.

Beitrag von lilaloufan » 17. Mär 2010, 10:29

Ja, das ist aus dem XIV. Kapitel, dessen Ende hier im Forum betrachtet wurde, und es gibt dort die Begründung („Denn…“) ab für Maltes These: «… mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluss, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind.»

@Chasin Friedrich zurückgefragt: Magst Du uns den Film nennen?

Gruß
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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