"Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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AndreasM
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"Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von AndreasM » 7. Aug 2010, 10:27

Liebe Rilke-Gemeinde,

ich bitte um Auskunft, woher die folgenden Zeilen stammen:

"Du mußt nicht sagen, was du hast,
nicht auf den Lippen soll dein Leben münden.
Du mußt nur Blüten tragen wie ein Ast,
dann werden alle Winde dich verkünden."

Liebe Grüße

AndreasM

sedna
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 7. Aug 2010, 10:38

Euer Hochwürden,

das ist die verhunzte zweite Strophe eines frühen Rilke-Gedichts aus Schmargendorf 1899.

Du mußt ein Bild für das Gefühl erfinden,
das Du verschenken willst an viele Fremde,
denn fest muß man umfassen, was man reicht;
in Kinderworten oder Sommerlinden
muß etwas sein, was sich mit ihm vergleicht.

Du darfst nicht sagen, was Du heimlich hast,
nicht auf den Lippen darf Dein Leben münden, —
Du mußt nur Blüten tragen wie ein Ast,
dann werden alle Winde Dich verkünden ...

Reicht das?

sedna
Zuletzt geändert von sedna am 8. Aug 2010, 05:34, insgesamt 2-mal geändert.
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AndreasM
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von AndreasM » 7. Aug 2010, 11:01

Ja, es reicht, danke, und nein, es reicht noch nicht:

Sind die Punkte am Schluss originalgemäß oder geht's danach noch weiter (wenn ja, bitte fortsetzen)?

sedna
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 7. Aug 2010, 11:14

Ja, das gehört so! So hat er die Strophen zu dieser Zeit oft enden lassen, wie es aus den drum herum stehenden Gedichten ersichtlich wird.

Der darauffolgende Tagebucheintrag:
Wenn der Dichter nicht zu seinem Lande kommt, so kommt das Land durch alle Dinge zu dem Dichter.

Und hier noch die Quelle:
Rainer Maria Rilke. Briefe und Tagebücher aus der Frühzeit 1899 bis 1902. Leipzig: Insel Verlag 1931, 239-40.

! Du, Dein, Dich ist darin wie eine Anrede groß geschrieben, das habe ich eben noch geändert !
Scheint mir eher wieder eine Rechtschreibungsmode der damaligen Zeit zu sein, für mich klingt es befremdlich und das Original kenne ich leider nicht. Da hast Du mich jetzt auf einen "Bock" aufmerksam gemacht, dem ich mich jetzt direkt annehmen werde. So hat Rilke meines Erachtens nicht gesprochen. Das ergibt als Anrede einen ganz anderen Sinn hier. Spannend.

sedna :D
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 7. Aug 2010, 15:17

Doch, Rilke hat so gesprochen. Und hat mal groß, mal klein geschrieben. Ich meine, hoffe, glaube aber nicht als direkte Anrede (schon gar nicht an den Leser), sondern eher als Hervorhebung. Muß wohl je nach Gusto angeglichen worden sein ... Ist mir zu kompliziert, und nicht auf die Schnelle zu klären. Da muß man sich wohl weiterhin der jeweiligen Entscheidung des Herausgebers unterwerfen. Nur als Beispiel aus dem Manuskript für das Buch der Bilder 1902:

I./ 9. Die Liebende

Ja ich sehne mich nach Dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

(Nein, kann ich nicht zur Ansicht reinstellen, das muß man mir hier alles glauben, hab's aber gründlich korrekturgelesen)

Aus dem Vorwort der allerersten Ausgabe von Rilkes Briefen, 1929:
Wie in sämtlichen Ausgaben Rilkescher Werke wurden Rechtschreibung und Anordnung der Satzzeichen dem neuen Gebrauch angeglichen.
Aber der 'lyrisch Angesprochene' wird in den Brief-Gedichten darin wie gewöhnlich klein geschrieben.
Fazit: Rilkes D(u) ist was für Spezialisten.

sedna :lol:
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AndreasM
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von AndreasM » 8. Aug 2010, 00:56

Danke für die ausführliche, rasche Antwort, und danke für das Recherchieren der Anrede groß/klein.

Ich glaube auch nicht, dass Du/Dein mit Bestimmtheit groß geschrieben ist, denn weder richtet sich das als Anrede an eine konkrete, reale Person noch an ein transzendentes Du. Insofern führt die Großschreibung sogar mehr in die Irre. Ebenfalls eher verdunkelnd scheint mir die Hervorhebung von "sagen" und "hast" zu sein, insbesondere die Letztere, weil sie wegführt von "haben" als Aussage über einen persönlichen Zustand und verleitet zu "haben" in der Bedeutung von materiellem Besitz. (So betrachtet mutet sogar das Wort "heimlich" mehr als entbehrlich an.)

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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 8. Aug 2010, 05:26

Dito danke, für Deine Hinweise, denn jetzt stehe ich wirklich auf dem Glatteis hier.

Ich hatte zuerst die Tagebücher aus der Frühzeit (1942) zitiert, dort war du klein geschrieben und sagen und hast gesperrt hervorgehoben.
Das hab ich am Ende doch tatsächlich verwuselt mit dem Text meiner besagten Erstausgabe von 1931 (die mir anschließend als sinnvoller zum Zitieren erschien)! Weil dort Du groß geschrieben war, und ich das einigermaßen verwirrt ja zu verbessern hatte, habe ich etwas anderes übersehen: Dort ist sogar nur hast gesperrt hervorgehoben, nicht sagen ! Was soll ich dazu noch sagen ... (Ich habs nochmal geändert)

Mir ist aufgefallen, ich erinnere dunkel, aber leider jetzt nicht wo und was, daß in manchen Handschriften von Rilke keinerlei Hervorhebungen waren, im Druck jedoch schon. (Sollte ich da noch Beispiele finden, teile ich sie mit. Vielleicht hat sich ja ein Zeitzeuge noch an Rilkes Vorlesen erinnern können — aber das ist jetzt reinste Spekulation.) Ich bin hierbei noch recht ratlos.
Schön, daß Du näher darauf eingehen willst.
Nun, die besagte Zeile ist ein Fünfheber, wie die anderen auch, und sie ist (mal vorsichtig formuliert) Rilke eben in jenem Augenblick so passend herangeklungen. Die Hervorhebung von hast vermeidet ein Übergewicht von heimlich, aber daraus entsteht für mich keine zwingende Überbetonung einer Bedeutung, etwa von Besitz oder Entbehrlichkeit. Für das Metrum wäre es im übrigen nicht entbehrlich, und die Worte staben ja auch so schön, das ergibt so eine harmonisch dahingehauchte Steigerung am Schluß.

Mit dem Blick aufs Ganze etwa so von mir zu deuten: Wenn du das Wesentliche in dir artikulieren willst, kommt eher Verderb als Gedeih dabei raus. Besser nichts analysieren und definieren wollen; dem Gefühl erlauben, die Dinge auf sich zukommen zu lassen, und schon wird das Ganze mit Leichtigkeit von selbst zur Sprache kommen. Und ich ertappe mich im Moment dabei, daß jetzt der Punkt erreicht ist, wo ich das nicht weiter hinterfragen kann und die Hervorhebung auf dem Papier für die Sinnfindung relativ unbedeutend scheint ...
Das rilkisch Wahre steht nicht auf den Blättern in unserem Buch, sondern auf denen an Rilkes Baum. Und den muß sich jeder Leser irgendwie selbst erfahrbar machen. Eine Möglichkeit, das wohl unlösbare Problem der einzig wahren Abbildung auf dem Papier elegant zu umschiffen ...
Kannst Du nachvollziehen, daß es für mich dennoch ein ernstzunehmendes ist?
AndreasM hat geschrieben:Ebenfalls eher verdunkelnd scheint mir die Hervorhebung von "sagen" und "hast" zu sein
In gewisser Weise sprichst Du damit "meinem" Rilke ins Herz und aus der Seele. Und es paßt ins Bild, ungefähr so — wie das Ende von MIGLIERA:

Wir aber dürfen uns verschließen, fest
zuschließen und bei jenen dunkeln Dingen,
die längst schon in uns sind, noch einen Rest
von anderm Unfaßbaren unterbringen,
wie einer, dems gehört.

sedna
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stilz
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von stilz » 8. Aug 2010, 09:41

Also, in meinem Band ist dieses Gedicht leider nicht drin, also kann ich keine neue Version von Hervorhebungen beisteuern...
aber mir erscheint

  • Du darfst nicht sagen, was Du heimlich hast, ...

eigentlich sehr stimmig und gar nicht "verdunkelnd", vor allem in Bezug zu den ersten beiden Zeilen - da würde ich persönlicih beim Lesen sogar noch eine Hervorhebung machen, so:

  • Du mußt ein Bild für das Gefühl erfinden,
    das Du verschenken willst an viele Fremde, ...

Das "Haben" von Gefühlen finde ich eigentlich nicht "materialistisch".

Rilke war, soviel ich weiß, ein "leidenschaftlicher" Vorleser seiner eigenen Gedichte. Ich kann mir gut vorstellen, daß ein Herausgeber, der ihn mal gehört hat, entsprechende Hervorhebungen im Schriftbild anregte, wo Rilke sie ursprünglich nicht geschrieben hatte... aber das ist natürlich reine Spekulation. Es wäre sehr interessant, darüber mehr herauszufinden.

So sehr ich Hervorhebungen mag (und sie auch gern selber verwende) - das Schwierige daran ist für mich, daß sie ja nicht nur den gemeinten Sinn klarmachen, sondern ihn auch "festhalten", sodaß ich mich an solchen Stellen ein wenig daran gehindert fühle, ganz neue Bedeutungsfacetten zu entdecken... das scheint mir vor allem angemessen in Briefen oder in direkter Rede, situationsgebunden. Oder eben beim Lesen eines Gedichts, in dem einzigartigen Augenblick, in dem man es liest.

Danke für die anregende Diskussion!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 8. Aug 2010, 12:45

stilz hat geschrieben:So sehr ich Hervorhebungen mag (und sie auch gern selber verwende) - das Schwierige daran ist für mich, daß sie ja nicht nur den gemeinten Sinn klarmachen, sondern ihn auch "festhalten", sodaß ich mich an solchen Stellen ein wenig daran gehindert fühle, ganz neue Bedeutungsfacetten zu entdecken
Wem ginge es zuweilen nicht so ... Aber es verhält sich mit der Überwindung ähnlich, wie Konrad Lorenz' guter Rat, sich jeden Morgen von einer Lieblingshypothese zu verabschieden; und eigentlich, stilz, sehe ich Dich in Deinen Beiträgen (und Übersetzungen!) in keinster Weise so festgefahren, wie Deine Worte es glauben machen könnten.
Auch auf die Gefahr hin, daß ich mich mit meinen Lieblingsversen ständig wiederhole — in meinem letzten Beitrag habe ich diese nicht mehr untergekriegt, so sehr ich mich auch darum bemüht habe:

"Dies ists nicht, Jüngling, daß du liebst, wenn auch
die Stimme dann den Mund dir aufstößt, — lerne

vergessen, daß du aufsangst. Das verrinnt.
In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch.
Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind."

Würde ich vortragen, ich könnte es nicht anders als flüsternd.

sedna
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 9. Aug 2010, 12:16

Hier noch die standardmäßig zitierte Fassung aus Sämtliche Werke Bd. III:

Du mußt ein Bild für das Gefühl erfinden,
das du verschenken willst an viele Fremde,
denn fest muß man umfassen, was man reicht;
in Kinderworten oder Sommerlinden
muß etwas sein, was sich mit ihm vergleicht.

Du darfst nicht sagen, was du heimlich hast,
nicht auf den Lippen darf dein Leben münden, —
Du mußt nur Blüten tragen wie ein Ast,
dann werden alle Winde dich verkünden ...

Damit kann ich mich inzwischen sehr gut anfreunden. Und was die Hervorhebung von hast angeht
AndreasM hat geschrieben:weil sie wegführt von "haben" als Aussage über einen persönlichen Zustand und verleitet zu "haben" in der Bedeutung von materiellem Besitz.
— das könnte allenfalls passieren, wenn die zweite Strophe isoliert zitiert steht, wie im Netz oft der Fall — aber dafür kann Rilke nichts! Und er hatte stets die Künstlerseele im Blick, die Hervorhebung von sagen gemahnt: Der Dichter schweige über seine heimliche Sehnsucht und tiefsten Gefühle; spricht er alles aus, wird nie ein Gedicht draus. Und beides ist nun mal das wichtigste 'Eigentum' eines Dichters, was durch die Hervorhebung von hast bekräftigt wird, aber das würde ich auch nicht materialistisch auffassen, allenfalls unbestimmt umgangssprachlich: Was hast du? Hast du Kummer?

Was die Hervorhebungen natürlich vollkommen rechtfertigt, ist der Appell der Moderne: Wenn du das Gefühl der Sehnsucht hast, darfst du nicht wortwörtlich Sehnsucht sagen, sondern mußt ein sprachliches Bild dafür finden, das dieses Gefühl luftig und unsichtbar im Gedicht transportiert (denn wir sind schließlich keine Naturalisten ;) ) — da stimme ich Deinem Gefühl für die Hervorhebung von Bild völlig zu, stilz.

Ja, sehr erhellend, das kurze Gespräch, und daraus formuliert sich nun der "Schlußappell":
Bitte immer das ganze Gedicht im Blick haben ! :D

sedna
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von stilz » 9. Aug 2010, 15:06

Liebe sedna,
sedna hat geschrieben: ... der Appell der Moderne: Wenn du das Gefühl der Sehnsucht hast, darfst du nicht wortwörtlich Sehnsucht sagen, sondern mußt ein sprachliches Bild dafür finden, das dieses Gefühl luftig und unsichtbar im Gedicht transportiert
ja, genau so hatte ich es verstanden, und eben gar nix "Materialistisches" daran gefunden --- wenn man es nicht schon "materialistisch gedacht" nennen will, daß das "Haben" unausgesprochener Gefühle ein viel sichereres "Besitzen" sein kann, als wenn sie einmal ausgesprochen sind - das kennen wir wohl alle: ich sage etwas, und allein dadurch ist es nicht mehr genau das, was ich davor gefühlt habe: es ist jetzt in Worte gegossen und damit in der Form "erstarrt", während es vorher plastisch formbar war und noch alles hätte sein können, wer weiß, vielleicht sogar auch der liebe Gott :wink:

Allerdings hier
sedna hat geschrieben:und eigentlich, stilz, sehe ich Dich in Deinen Beiträgen (und Übersetzungen!) in keinster Weise so festgefahren, wie Deine Worte es glauben machen könnten.
fühle ich mich mißverstanden - :lol: wirklich, hab ich mich so undeutlich ausgedrückt?

Was ich meinte: in Gesprächen oder Diskussionen, auch in Briefen oder postings hier im Forum spricht oder schreibt man ja situationsbezogen, reagiert auf eine konkrete Frage oder führt einen zum Thema (hoffentlich :wink:) passenden Gedanken ein... da finde ich es schon wichtig, daß das, was man schreibt, eindeutig ist, daß die Betonung ganz klar gemacht wird (wie sie ja auch beim Sprechen ganz klar herauskäme), damit der Satz nicht jederzeit auch noch ganz anders verstanden werden kann - denn hier setzen wir die Worte und Sätze ja nicht in der Absicht, ein Kunstwerk zu erschaffen, sondern zu kommunizieren, anderen Menschen die eigenen Gedanken zu übermitteln, also Information so verlustfrei wie nur möglich zu übertragen.

Bei einem Kunstwerk allerdings scheint es mir ein bisserl anders zu sein. In einem Gedicht geht es eben nicht in erster Linie um Information. Der Klang der Worte rührt auch noch andere "Schichten" in uns an als nur die gedankliche Ebene - "luftig und unsichtbar", wie Du so schön schreibst.

Und hier würde ich mir, ebenso wie bei einem Musikstück, Freiheit für den Interpreten wünschen. Und natürlich wünsche ich mir - ebenso wie in der Musik - Interpreten, die in der Lage sind, das Kunstwerk mehr als nur oberflächlich zu begreifen und dann dieses Begriffene --- in anderen Menschen zu erwecken, sag ich jetzt mal.

Je genauer ein Dichter aber durch Hervorhebungen vorschreibt, wo sich die Stimme des Interpreten zu heben oder zu senken hat, desto weniger Freiheit bleibt diesem...
Nun könnte es ja durchaus sein, daß solches Beschränken der Freiheit heutzutage sehr nötig ist, weil es immer weniger Menschen gibt, die in der Lage sind, ein Gedicht mehr als nur oberflächlich zu lesen und zu begreifen.
Aber es ist mir ein sehr unangenehmer Gedanke, solches genaue Festlegen könnte schließlich dazu führen, daß sich die Interpreten darauf verlassen, daß jede kleinste Nuance ohnehin im Text angedeutet ist (noch mehr natürlich, wenn es sich um Musikstücke handelt; ich hab mal Lieder eines zeitgenössischen Komponisten gesungen, der hatte genau vorgeschrieben, zu welcher Zeit die Endkonsonanten der einzelnen Worte abzusprechen sind - da kamen lauter doppelt und dreifach punktierte Noten heraus; und das nicht nur ab und zu als "Effekt", sondern bei jedem einzelnen Wort. Es war wirklich eine Herausforderung, über diesem schwer lesbaren Notenbild nicht den eigentlichen Gehalt der Worte zu vergessen...).
Denn so zieht man sich möglicherweise Interpreten heran, die es mit dem oberflächlichen "Erfüllen" des Textes genug sein lassen und sich gar nicht mehr die Mühe nehmen, selbständig in tiefere Schichten zu dringen...

Und das, liebe sedna, ist eine Entwicklung, die ich immer wieder zu erkennen meine, die ich zwar aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aufhalten werde, die mir aber nicht gefällt. Die mich traurig macht... und manchmal hab ich halt das Gefühl, ich müsse da ein bisserl "gegen den Strom schwimmen"...

Insofern kommt es mir fast ein wenig wie ein Widerspruch vor, wenn Rilke gerade in diesem Gedicht einzelne Worte hervorhebt. Ist das nicht eigentlich schon zuviel, jedenfalls mehr als

  • Du mußt nur Blüten tragen wie ein Ast,
    dann werden alle Winde dich verkünden ...
?

Na - also ich will Rilke natürlich nicht "vorwerfen", daß er immer wieder mal seine Betonungen durch Hervorhebung im Schriftbild deutlich macht. Selbstverständlilch ist es mir sehr kostbar, zu wissen, wie er selber seine Gedichte gelesen hat.
Aber ich frage mich, ob auch er diese betrübliche Entwicklung, die ich angedeutet habe. gesehen hat, und ob das wohl eine Rolle gespielt haben mag bei seinen Hervorhebungen...

nachdenklichen Gruß

stilz
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Re: "Du musst nicht sagen, was du hast ..."

Beitrag von sedna » 10. Aug 2010, 12:25

stilz hat geschrieben:Selbstverständlilch ist es mir sehr kostbar, zu wissen, wie er selber seine Gedichte gelesen hat.
Aber ich frage mich, ob auch er diese betrübliche Entwicklung, die ich angedeutet habe. gesehen hat, und ob das wohl eine Rolle gespielt haben mag bei seinen Hervorhebungen...
Das ist ja nicht die einzige Frage, die Du mit Deinen Befürchtungen aufwirfst, und dafür müßte zunächst geklärt sein, ob und wo tatsächlich Hervorhebungen original sind. Daher versuche ich zunächst eine Annäherung mit Rilkes Brief an Erika Dieckerhoff-Suihotta am 4. Januar 1922:

"Aber in jener Ecke, in der Du hättest zu mir kommen mögen, bin ich mit Absicht nicht gewesen. Ich habe nie jemanden auch nur einen Vers (mit einer Ausnahme, um genau zu sein: auf Hofmannsthals Wunsch sprach mir Lia Rosen, vor Jahren einmal, das Gedicht DIE BLINDE) von mir sagen hören, mags nicht: solang ich noch lebe, weiß ich's besser und will mich nicht stören lassen."

Das war kurz vor der Vollendung der Elegien und Entstehung der Sonette. Dem Anschein nach eine größere Rezitations-Veranstaltung. Und ich möchte jetzt einfach mal glauben, daß die Hervorhebungen in seinen Briefen wirklich von ihm sind. Der Nachdruck auf nicht scheint schon viel darüber auszusagen, wie wenig Rilke selbst sich durch Interpreten festgelegt sehen wollte.
stilz hat geschrieben:so zieht man sich möglicherweise Interpreten heran, die es mit dem oberflächlichen "Erfüllen" des Textes genug sein lassen und sich gar nicht mehr die Mühe nehmen, selbständig in tiefere Schichten zu dringen...
Um solche Entwicklungen verfolgen zu können, hätte er bei solchen Veranstaltungen natürlich anwesend sein müssen. Und man kann auch nicht genau wissen, ob seine Gedichte nicht auch gesungen wurden ;) Vielleicht, weil ich nie etwas singend interpretiert habe, — manchmal hatte ich Schwierigkeiten, der gedanklichen Durchmischung zweier unterschiedlicher Interpreten (Künstler, Nicht-Künstler) bei Deinen Befürchtungen zu folgen.
stilz hat geschrieben:Und hier würde ich mir, ebenso wie bei einem Musikstück, Freiheit für den Interpreten wünschen.
Ja, vor dieser Freiheit scheint sich Rilke aber gefürchtet zu haben.
Darunter fiele gerechterweise auch die Freiheit eines Interpreten, Kunst oberflächlich oder gar fehl-interpretieren zu dürfen, wobei sich hier die Frage stellen würde, je nachdem, wie man Interpret versteht, ob Oberflächlichkeit der Interpretation mit Geschmacksache gleichzusetzen wäre. Beispiel: Wenn Rilke etwas an Aphorismen gelegen wäre, hätte er wohl selbst welche geschrieben. Das hat ja dann seine Mutter übernommen. Muß er sich deshalb geschmäcklerische Veraphorismisierungen (sorry für das Wort) von Ausschnitten seiner Werke gefallen lassen?
stilz hat geschrieben:Je genauer ein Dichter aber durch Hervorhebungen vorschreibt, wo sich die Stimme des Interpreten zu heben oder zu senken hat, desto weniger Freiheit bleibt diesem...
... Sänger oder Rezitator. Ich höre hier (künstlerische) Ambivalenz ...:
Kann es denn, andersrum betrachtet, nicht auch sehr intensiv werden bzw. müßte ein Interpret wirklich so viel von seiner eigenen Ausdrucksmöglichkeit einbüßen, wenn er versucht, sich gerade über die Vorgaben dorthin vorzufühlen, wo er vielleicht vermutet, dem Urheber selbst sinnlich am nächsten kommen zu können? Ich denke, es geht beides.
Und dazu fällt mir die (rilkesche) Vokabel umversuchen ein :D
Rilke (an Erika Dieckerhoff-Suihotta) hat geschrieben:"Freilich hatte man Unrecht, ältere Sachen (um der Einheit willen) an den Ausgang zu stellen, besonders bei mir, wo fast alles ältere, mit Ausnahme des Stundenbuches hinfällig ist. Nein, es kann niemand, vor der Hand, ein Ganzes, Rundes aus einem zusammenbiegen, wie denn aus mir, der erst anfängt zu gehen, ders noch so weit hat ..."
Doch, das geht alles, auch damals schon (und ich frage mich, warum Rilke darauf keinen Einfluß nehmen konnte/wollte); und wir verfahren heute ganz genauso in unserem Anspruch an Interpretationsfreiheit.
stilz hat geschrieben:und manchmal hab ich halt das Gefühl, ich müsse da ein bisserl "gegen den Strom schwimmen"...

Insofern kommt es mir fast ein wenig wie ein Widerspruch vor, wenn Rilke gerade in diesem Gedicht einzelne Worte hervorhebt. Ist das nicht eigentlich schon zuviel, jedenfalls mehr als

Du mußt nur Blüten tragen wie ein Ast,
dann werden alle Winde dich verkünden ...
Das ist einer, da hast Du recht (so es denn überhaupt stimmt mit den Hervorhebungen)! Rilkes jugendlicher Aufbruchstimmung zuzuschreiben, wie er es im zitierten Brief zum Ausdruck bringt, künstlerisch aber nur scheinbar im Widerspruch. — Warum nur in jeder Phase Perfektion erwarten? Wenn Künstler schon sehr sensibel für alle möglichen Mißstimmungen und Zwischentöne sind, läßt die Kunst das freilich sogleich durch ihre Wächter auf unterschiedliche Art und zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von ihren Burgzinnen herunter posaunen. Rilkes noch Ahnen mit punktuellen Hervorhebungen seines dichterischen Programms, würde ich hier nicht auf die Goldwaage legen. Das Gedicht erhält dadurch mehr Facetten; und man erkennt doch sehr schön, daß er eigentlich wußte, wo er sich finden wird, aber noch nicht genau wann und wie. —
Eben aus diesem Grund schien mir die Transparenz am Ende des 3. Sonetts (siehe oben) ein so guter Vergleich mit dem Ende dieses frühen Gedichts, weil etwas Eigentliches nicht mehr beschreibend und durch Hebungen und Senkungen (Metrum ist auch bindend) durch alle Winde ... verkündet wird — nein, dieser eine Wind 'verträgt' gar keine Hervorhebungen mehr, so zart und überirdisch klingt die Verdichtung hier für mich und verkündet mehr als das Wort an dieser Stelle jemals sagen könnte. Wer das dann auf dem Papier schafft, so ein Gefühl zu übertragen, der ist wohl so gut wie angekommen. Aber seine Anfänge sind untrennbar in dieses Runde eingebunden. Da wird er mich nicht vom Gegenteil überzeugen können.
Zu lang, liebe stilz, hoffentlich war es in Bezug auf Deine Befürchtungen erhellend, es bleiben noch Fragen, ergibt sich vielleicht ...

sedna

P.S. Zum Mißverständnis ... schon klar, hab mich ja erst mal vorsichtig mit einem Konjunktiv herangepirscht ... Naja, war wohl der falsche :lol:
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