Rilke's Begriff von "Schicksal"

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lilaloufan
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Re: Rilkes Begriff von „Schicksal“

Beitrag von lilaloufan » 17. Mär 2012, 14:07

Danke, helle, für den Vers, den Nietzsche in der »Morgenröthe« in den Zusammenhang seiner Missbilligung der „sogenannten classischen Bildung“ stellt. Das, was Du zitierst, solle man sich immer wieder und wieder „mit Erschütterung“ vorsprechen – warum?

Zu entdecken, dass unser Leben der Erkenntniss geweiht ist; dass wir es wegwerfen würden, nein! dass wir es weggeworfen hätten, wenn nicht diese Weihe es vor uns selber schützte [… und] bei einem Rückblick auf den Weg des Lebens, ebenfalls entdecken, dass Etwas nicht wieder gut zu machen ist: die Vergeudung unserer Jugend, als unsre Erzieher jene wissbegierigen, heißen und durstigen Jahre nicht dazu verwandten, uns der Erkenntniss der Dinge entgegenzuführen…“ [Hervorh. l.]

Aha. Und unmittelbar auf dieses 195. Kapitel folgt dasjenige, das sich den „persönlichsten Fragen der Wahrheit” zuwendet. Was nun ist die Frage der Wahrheit?
  • „Was ist Das eigentlich, was ich thue?
    Und was will gerade ich damit?” - das ist die Frage der Wahrheit.
Ich habe den Eindruck, d_a_s ist die eigentliche Schicksalsfrage.

Also nicht, was hat mir gefallen, was missfallen. Nicht, was hat mich angezogen, was abgestoßen. Nicht, was hat mir genützt, was geschadet. Gar nicht, was hat im Gewesenen gewirkt? Sondern, welches Künftige WILL ICH gerade mit demjenigen, was ich tue, erlebe, was ich versäume zu tun oder zu erleben.
  • „Was ist Das eigentlich, was ich thue?
    Und was will gerade ich damit?”
Aufschluss hierüber kann das Ziel sein des Nietzsche zufolge der Erkenntnis geweihten Lebens – das, wonach jedes Schicksal hinstrebt. Ich möchte die Frage einmal um ihre Verwandlung ergänzen:
  • Wer ist das eigentlich, der da thut?
    Und was kommt in dem, was ich tue, gerade über dieses wollende Ich zum Ausdruck?
vivic hat geschrieben:Ich frage immer noch nach dem eigentlichen Sinn dieser Zeilen.
  • "Schicksal vermeidend, sich sehnen nach Schicksal."
Heisst "vermeidend", dass wir tatsaechlich unserem Schicksal ausweichen oder dass wir das nur vergebens versuchen?
Uebersetze ich "(actually) avoiding destiny" or "trying (in vain) to avoid destiny"? Das erste passte zu "wir, Vergeuder der Schmerzen." Aber koennen wir sie wirklich vergeuden?
Und wenn Schicksal, wie Stilz meint, ALLES gegebene ist, was gibt es denn da zu "sehnen"? Wir haben es ja...
Haben wir es? Da möchte ich sagen, wir stehen doch manchmal vor dem, was wir tun, recht kopfschüttelnd und möchten nicht der gewesen sein, der da tat – vermeiden, dafür einzustehen, Verantwortung zu übernehmen für das Getane: beschämt beim uns anzulastenden Bockmist, aber verlegen auch bei der uns zugerühmten Wohltat. Und sehnen uns doch zu verstehen: Wer ist denn der, der letztlich doch tun und sich damit Ausdruck verschaffen wollte - hätte er denn sonst getan?

Wir besitzen das Gegebene erst, wenn wir es „erwerben“, be-ichten.

Wo das so erkennende Bewusstsein „Verständigung mit sich selbst“ (Steiner) sucht, werden Schicksalsbildung und Selbsterkenntnis zu zusammengehörigen Komponenten eines Vorgangs, der uns Daseinssinn und Überforderung zugleich bietet.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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