wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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EnaMol
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wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von EnaMol » 8. Sep 2012, 09:32

Ich suche die Quelle dieses Satztes:
"wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt".

Kennt jemand die Quelle? Ist dieser Satz tatsächlich von Rilke?

sedna
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von sedna » 8. Sep 2012, 21:03

Willkommen im Forum, EnaMol!

Ja, es handelt sich hierbei um den ersten Vers aus einem Widmungsgedicht von Rilke, geschrieben in Locarno, im Dezember 1919.
Der vollständige Text lautet:


FÜR FRAU THEODORA VON DER MÜHLL

Wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt.
Die Zeit geht hin und kann sie nicht verwehen.
Nur daß ihr Gang auch uns, wenn wir geschehen,
ins Innre dieser Wort-Gestalten treibt.



Kleiner Tipp: Du findest Zitatquellen leichter über "Google-Bücher"; "Google-Web" ist da manchmal zu unübersichtlich :)

Herzliche Grüße

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

EnaMol
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von EnaMol » 9. Sep 2012, 09:13

sedna hat geschrieben:Willkommen im Forum, EnaMol!

Ja, es handelt sich hierbei um den ersten Vers aus einem Widmungsgedicht von Rilke, geschrieben in Locarno, im Dezember 1919.
Der vollständige Text lautet:


FÜR FRAU THEODORA VON DER MÜHLL

Wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt.
Die Zeit geht hin und kann sie nicht verwehen.
Nur daß ihr Gang auch uns, wenn wir geschehen,
ins Innre dieser Wort-Gestalten treibt.



Kleiner Tipp: Du findest Zitatquellen leichter über "Google-Bücher"; "Google-Web" ist da manchmal zu unübersichtlich :)

Herzliche Grüße

sedna

Vielen Dank, Sedna!

Nun kommt noch eine Frage: gibt es eine offizielle englische Übersetzung für diesen Text?
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Grüße,

Ena

sedna
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von sedna » 9. Sep 2012, 20:58

Hallo EnaMol,

Google-Bücher hat mir dieses Buch genannt:
Rainer Maria Rilke: Poems 1906 to 1926. Hogarth Press 1976.

Die Übersetzung darin beginnt wie folgt:

Oh, how in words the flame leaps out anew


Herzliche Grüße

sedna
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von EnaMol » 9. Sep 2012, 21:02

Ganz herzlichen Dank für die Hilfe und Recherche!

stilz
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von stilz » 10. Sep 2012, 09:01

Liebe Ena,

ich möchte noch anmerken: soviel ich weiß, gibt es keine „offiziellen“, also: von ihm selbst autorisierten, Rilke-Übersetzungen.
Es darf sich also jede/r selbst daran versuchen.
Das ist natürlich ein schwieriges Unterfangen - dennoch möchte ich dazu ermutigen. Schon allein deshalb, weil man sich dann sehr viel klarer über das jeweilige Gedicht werden muß als beim „normalen Lesen“; und selbst wenn dann keine „gültige“ Übersetzung dabei herauskommen sollte, so ist man doch bei diesem Versuch Rilke ein Stückerl näher gekommen...

Ich kannte dieses Widmungs-Gedicht bisher nicht.
Die ersten beiden Zeilen sprechen unmittelbar zu mir, sie übersetzen sich in mir fast ohne mein Zutun (ich will damit keineswegs sagen, daß ich das schon für eine „gültige“ Übersetzung halte!):

  • Wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt.
    Die Zeit geht hin und kann sie nicht verwehen.
How in the Word the flame forever keeps its glory.
Time comes and goes and cannot make it fade.
*)

Mit dem zweiten Teil ist es nicht so einfach - und ich stelle fest, daß ich auch im Deutschen Schwierigkeiten habe, das, was da steht, in eigenen Worten „nachzuerzählen“.

Also möchte ich in die Runde fragen: Wie versteht Ihr diese Zeilen?:

  • Nur daß ihr Gang auch uns, wenn wir geschehen,
    ins Innre dieser Wort-Gestalten treibt.


Herzlichen Gruß,
stilz

*) Meine vollständige Übersetzung (und auch meine copyright-Bitte) findet sich weiter unten.
Zuletzt geändert von stilz am 13. Sep 2012, 07:59, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von stilz » 11. Sep 2012, 09:56

Ich möchte ein Gedicht dazustellen, das mir thematisch (wenn auch nicht zeitlich: „Wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt“ entstand 1919) damit zusammenzuhängen scheint:
  • Magie

    Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen
    solche Gebilde-: Fühl! und glaub!
    Wir leidens oft: zu Asche werden Flammen;
    doch: in der Kunst: zur Flamme wird der Staub.

    Hier ist Magie. In das Bereich des Zaubers
    scheint das gemeine Wort hinaufgestuft...
    und ist doch wirklich wie der Ruf des Taubers,
    der nach der unsichtbaren Taube ruft.


    (Muzot, August 1924)
Und nun frage ich mich, ob das „uns“ im Widmungsgedicht für Frau von der Mühll sich auf alle Menschen beziehen mag oder doch in erster Linie auf diejenigen unter ihnen, die künstlerisch mit dem Wort umgehen...

Herzlichen Gruß,
stilz
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von lilaloufan » 11. Sep 2012, 12:04

stilz hat geschrieben:… ob das „uns“ im Widmungsgedicht für Frau von der Mühll sich auf alle Menschen beziehen mag oder doch in erster Linie auf diejenigen unter ihnen, die künstlerisch mit dem Wort umgehen...
Oder vielleicht meint das „uns“ nur ihn und Sophia-Dory von der Mühll-Burckhardt, die damals 23 Jahre jung und für ein solches „uns“ aus Charmeurfeder (nicht ohne zarte Erythema pudoris :oops: ) gewiss empfänglich war?

DANKE für Deinen synoptischen Gedicht-Fund!

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

stilz
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Re: wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt

Beitrag von stilz » 13. Sep 2012, 07:55

@ lilaloufan: :lol: Charmeurfeder... nun, wie auch immer: mich hat dieses Gedicht nicht losgelassen, und an meiner Übersetzung ist wohl zu erkennen, wie ich es inzwischen begreife (und ich staune, daß ich an meinen ersten beiden Zeilen nichts ändern mußte...).

Dank an Ena fürs Aufmerksammachen!

Herzlichen Gruß!
stilz

  • Für Theodora von der Mühll:

    Wie doch im Wort die Flamme herrlich bleibt.
    Die Zeit geht hin und kann sie nicht verwehen.
    Nur daß ihr Gang auch uns, wenn wir geschehen,
    ins Innre dieser Wort-Gestalten treibt.


    How in the Word the flame forever keeps its glory.
    Time comes and goes and cannot make it fade.
    Whereas its pace, creating our story,
    us, too, makes take the shapes that words have made.
    (Übertragung: stilz)

In lieu of a Copyright:
If you want to make my translation known to anyone else: please put it in context with Rilke’s original poem and attach the remark „translation: stilz“.

It is my genuine concern to thus make every reader realize not only that my text is a translation, but also – and this is why I want it to be connected with my nickname – that it is the comprehension of one single person which expresses itself in this translation. (If you want to know more about the thoughts that made me ask this, read here).

Anstelle eines Copyrights:
Ich bitte darum, meine Übersetzung nur gemeinsam mit Rilkes Originaltext und mit dem Zusatz "Übertragung: stilz" anderen Lesern zugänglich zu machen.

Denn es ist mir ein großes Anliegen, daß jeder Leser darauf aufmerksam wird, erstens daß es sich um eine Übersetzung handelt, und zweitens (und vor allem deshalb möchte ich meinen nickname damit verbunden wissen) daß es das Verständnis eines einzelnen Menschen ist, das sich in dieser Übersetzung manifestiert hat.
Hier erkläre ich ausführlicher, welche Gedankengänge mich zu dieser Bitte veranlaßt haben.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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