Variation auf Der Panther

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jmeyer08
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Variation auf Der Panther

Beitrag von jmeyer08 » 7. Feb 2013, 22:34

Hallo Allerseits,
Ich bin Amerikaner der vor lange das berühmte Gedicht "Der Panther" las. Beim Lesen fand ich zufällig eine andere Version die ich bisjetzt nicht wiederfinden kann. Von dieser Version kann ich mich an nicht viel erinnern, aber es gibt eine Zitat die ich mich gut erinnern kann:

"Ihm ist, als ob es KEINE Stäbe gäbe
und hinter KEINE Stäben SEINE Welt"

Wenn jemand von so einer Version etwas weiß, wäre es schön, mir diese Information zu geben. Diese Bitte ist ja ziemlich unklar, aber ich hoffe dass Sie es verstehen können. Es tut mir Leid, wenn ich Ihre Sprache jetzt bastardisieren :)

Danke im Voraus und schönen Tag,
John

stilz
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Re: Variation auf Der Panther

Beitrag von stilz » 7. Feb 2013, 23:06

Hallo John,

das scheint aus dem Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn zu stammen.

Auf S 231 der Dissertation von Yujung Seo (Seoul, Korea) mit dem Titel „Aspekte der Kindheit-Autobiographik deutschsprachiger Autorinnen im 20. Jahrhundert“ findet sich folgendes darüber:

»Diejenige Schrift, die man im Büro und in den formellen Briefen benutzt, ist für sie ein totes Zeichen, das lediglich bestimmte Informationen vermittelt. Für sie kommt diese Sprachpraxis einer "Vergewaltigung des Alphabets"(DvW, 502) gleich. Unter diesem Umstand begegnet sie dem Panther im besagten Gedicht und identifiziert sich mit jenem entmachteten Tier im Käfig. Sie will keinen verharmlosten Panther, sie will einen ungebändigten, sich frei austobenden. Daher ändert sie die Strophen nach ihrem Gutdünken. Sie wollte "den Panther befreien. Sein Blick war wach, nicht müde. Er wollte raus. In seine Welt."(DvW, 502) Der "müd[e]" Blick des Panthers wird zum "wach[en]" Blick. Die zweite und die dritte Zeile der ersten Strophe sieht dann folgendermaßen aus: "Ihm ist, als ob es keine Stäbe gäbe und hinter keinen Stäben seine Welt."; der "betäubt[e]" Wille des Panthers schlägt in "erwacht[en]" Willen um. Und die dritte Strophe schlägt vollends in ihr Gegenteil um: "Auf einmal hebt der Vorhang der Pupille/ sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein/ fährt in das Tier. Sein angespannter Wille/ bricht freie Bahn sich in die Welt hinein."(DvW, 504) Durch die aktive Lektüre wird der willenlose, unfreie Panther im Käfig zu einem willenstarken, selbständigen in der Vorstellung.«

Herzlichen Gruß,
Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

jmeyer08
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Re: Variation auf Der Panther

Beitrag von jmeyer08 » 7. Feb 2013, 23:50

Ingrid,

Vielen Dank. Im Ernst, ich habe seit Wochen danach gesucht; das ist sehr nett von Ihnen.

stilz
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Re: Variation auf Der Panther

Beitrag von stilz » 8. Feb 2013, 08:34

:D Gern geschehen!
Und danke fürs Aufmerksammachen.

Ich hatte gestern den link vergessen: diese Dissertation findet sich vollständig im Netz.

Herzlich,
Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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