An die Musik - genauer Wortlaut?

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Wolff
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Re: An die Musik - genauer Wortlaut?

Beitrag von Wolff » 18. Okt 2014, 21:18

Liebe Rilke-Expertinnen,
einige kleine ergänzende Infos zum Gedicht 'An die Musik'. Rilke hat es am 11. und 12. Januar 1918 in das Hausbuch der Familie Wolff im München geschrieben. Anlass des Eintrags war eine frühere Einladung des Ehepaars Dr. Alfred (1866-1959)und Johanna ('Hanna') Wolff (geb. Josten, 1881-1948), bei der Hannas Bruder, Werner Josten (1885-1963), der später Musikprofessor am Smith-College in den USA wurde, einige Stücke am Klavier spielte. Ob das Gedicht zu dem Anlass auch entstand oder früher verfasst wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht ist die Information noch von Interesse, dass sich in damaligen Wohnung der Familie eine umfangreiche Sammlung von neoimpressionistischen Gemälden und Plastiken befand. Das Hausbuch befindet sich heute als Schenkung von Marcella Wolff, der Tochter des Ehepaar Wolffs und meiner verstorbenen Tante, im Schiller-Archiv in Marbach.
Die Korrespondenz zwischen Rilke und meiner Familie umfasst von Seite Rilkes fünf Briefe (alle an Hanna Wolff adressiert): am10.9.1914 aus Ebenhausen; am 29.01.1915 aus München (Erwähnung einer Einladung, bei der auch Gräfin Degenfeld und Baronin Bodenhausen anwesend waren), 14.01. 1918 aus München und ein Brief ohne Datum aus Berlin, In dem Brief vom 14.1.1918, der als Reaktion auf die Antwort der Wolffs auf die Tagebucheintragung erfolgte, schreibt Rilke:

"Verehrte gnädigste Frau,
die schöne neunblüthige Orchidee hat mich in der That die gute Aufnahme, die meine Eintragung bei Ihnen gefunden hat, ganz überzeugend erkennen lassen; nun thut sie darüber hinaus das Ihrige, mir das Hôtelzimmer erfreulicher und bewohnter zu gestalten. Wie lange hat keine Blume bei mir gestanden. Nun ist ein großer Überschuss Dankes auf meiner Suite, lassen Sie mich ihn herzlich aussprechen.
Mit den ergebensten Grüßen,
Ihr
R.M.Rilke"


Lilaloufan schrieb: " Rilke hatte drei Jahre zuvor eine Einladung ins Haus Wolff einigermaßen rigoros ausgeschlagen. Damals waren dort Ottonie Gräfin Degenfeld und ihre Schwägerin Dora Freifrau von Bodenhausen mit eingeladen gewesen ..." Das Wort 'rigoros' könnte man als bloße Ablehnung verstehen. Die Formulierungen des betreffenden Briefs (datiert vom 15.1.1915!) entsprechen dem freilich nicht ganz und sind für sich durchaus aufschlussreich. Urteilen Sie selbst:

"Liebe gnädigste Frau,
ich erfahre eben erst durch Clara Rilke, dass Sie die Güte hatten, zu heute abend an mich zu denken; ich würde Sie so gerne gesehen haben -, auch die Aussicht, Gfn. Degenfeldt und Baronin Bodenhausen bei Ihnen zu finden, hat viel Verlockung für mich -, ich schwankte sehr, wünschte -, aber: ich muss konsequent und streng eine Clausur auf mich nehmen, nachdem anderthalb Monate Berlin mir viel Anstrengung und Verwirrung gebracht haben; körperlich erschöpft und geistig ungenau bin ich hier zurückgekommen, zu schweigen, mich rein versteckt zu halten, nichts sonst. Meine Clausur ist noch zu neu, als dass sie schon eine Ausnahme ertrüge, so ists schon sicherer, ich verzichte und geh meiner Regel nach um ½ 9 schlafen.
Die Unsicherheit draußen, diese flackernde Welt, in die man keinen Gegenstand, ja kein Wort stellen kann, ohne dass es die unruhigsten Schatten wirft, giebt mir das unbedingteste Bedürfnis, mich einzuziehen, vielleicht geräth man darüber an irgend eine allerinnerste Stelle, wo man selbst noch nie gewesen war, und kann von dort aus stabil sein ... Wer hätte das gedacht als wir anfang August aus dem englischen Garten herüber durch die aufgeregte Stadt wanderten, dass über soviel Monate hin die damals einsetzende Ausnahme ungelöst über uns sein und recht haben würde? Recht haben für wie lange - und sovieles unrecht. ...."

Mit freundlichen Grüßen

Wolff

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lilaloufan
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Re: An die Musik - genauer Wortlaut?

Beitrag von lilaloufan » 4. Dez 2014, 15:01

Oh ja, ich bitte um Pardon. Ich hatte eine Bemerkung, deren Fundort ich leider nicht erinnere, ganz offensichtlich fehlgedeutet, sogar ohne mich über den unterstellten antipathischen Tonfall zu wundern.
Für Ihre Klarstellung und für Ihre Schilderung des tatsächlichen Kolorits dieser freundschaftlichen Beziehung ganz herzlichen Dank!

lilaloufan
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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