Morgenrote Molen

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Maike-Mabice
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Morgenrote Molen

Beitrag von Maike-Mabice » 23. Jul 2016, 16:00

Guten Tag, bin neu hier und übersehe möglicherweise dass irgendwo schon eine Antwort auf meine Frage steht, das bitte ich zu entschuldigen.
Die letzte Zeile von "Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten...." bringe ich nicht in Zusammenhang mit der Stimmung und dem Gefühl des Gedichtes. Wer kann mir sagen, was es bedeuten soll dass an ihren morgenroten Molen die ersten Wellen der Unendlichkeit sterben?
Vielen Dank!
Maike-Mabice

sedna
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Re: Morgenrote Molen

Beitrag von sedna » 23. Jul 2016, 21:02

Willkommen im Forum, Maike-Mabice!

Hab vielen Dank für Deine interessante Anfrage, mit der ich mich gerne beschäftigt habe. Hier zunächst einmal das vollständige Gedicht, zitiert nach Rilkes Sämtliche Werke, Band I:

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
An ihren morgenroten Molen sterben
die ersten Wellen der Unendlichkeit.


Das Gedicht zählt zu den frühen Werken von Rilke. Er schrieb es am 4. Dezember 1896, seinem 21. Geburtstag, also zu seiner Volljährigkeit, was mich jetzt bei der Interpretation auch etwas beeinflußt hat.
Nach meiner Lesart (die keinen Anspruch auf Bedeutung erheben, sondern nur Anregung sein möchte) bildet die gesamte zweite Strophe inhaltlich und stimmungsmäßig einen Kontrast zur ersten, zumal ein "Alltag-in-Scherben-sprengen" recht fern vom erwünschten "still und gut und voller Frieden sein" erklingt.
Darüber hinaus scheint mir in der sich wie ein lebhaftes Meer weitenden Seele des spontan von Gefühlswellen überwältigten lyrischen Sprechers eine eingebaute Reizüberflutungsschwelle an seine Vernunft zu appellieren (vielleicht da er nun schließlich "de jure erwachsen" ist), wobei sie sich wiederum dem in der ersten Strophe laut gewordenen Wunsch nach einem Ruhezustand durchaus wieder annähern könnte.
Ein melancholischer Ton vorausgeahnter völliger Vergänglichkeit des Hochgefühls hallt gewaltig nach ... was Du wahrscheinlich recht stark nachempfinden kannst. Diese Wirkung spräche dann eher für einen gelungen umgesetzten seelischen Widerstreit, was meinst Du?
Herzlich grüßend

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

helle
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Re: Morgenrote Molen

Beitrag von helle » 23. Jul 2016, 21:54

ich würde das Verb "sterben" im Sinn von "landen" oder "ankommen" verstehen. Das würde der Stimmung der wachsenden, geöffneten Seele entsprechen.

Gruß, helle

stilz
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Re: Morgenrote Molen

Beitrag von stilz » 24. Jul 2016, 09:49

Liebe Maike-Mabice,

danke für Deine Frage! Ich kannte dieses Gedicht bisher nicht (danke, sedna, fürs Hereinstellen).

Ich sehe eigentlich weniger einen Gegensatz der beiden Strophen, sondern eine Entwicklung:

Zuerst die äußerliche Wahrnehmung (Nacht, Vorhang, das Haar der Geliebten).
Dann die Innenschau ins Bewußte (ich will...).
Und schließlich „wächst“ die Seele über das Alltagsbewußtsein hinaus, ins zunächst Unbewußte hinein.
Die „Molen“ sind „morgenrot“, kümmern sich also wenig darum, daß es gerade Nacht ist.
Und sie grenzen an die Unendlichkeit --- deren erste Wellen, der Seele nun wahrnehmbar, an ihren Molen „sterben“ – so wie jede Welle, die am Meeresstrand ankommt, als Welle „stirbt“ (helle hat das ja bereits angedeutet).

Die „Molen“ der Seele – stehen sie wohl für eine Art bewußter „Balken“ im Meer des Unbewußten, des nicht bewußt Gewollten und daher (scheinbar) Ungewissen? Was sich dort bricht, wird bewußt, wird in Worten ausdrückbar und „stirbt“ gewissermaßen eben dadurch, daß es ausgedrückt wird (vgl auch das Gedicht Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort).

Wir haben hier im Forum schon sehr viel von der „intransitiven Liebe“ gesprochen, und von der Rose, von der Rilke diese Art der Liebe lernen will – vgl die letzte Strophe der Rosenschale:
  • Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
    wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
    und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
    und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
    und Dunkelheit der abendlichen Erde
    bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
    bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne
    in eine Hand voll Innres zu verwandeln.
Ich denke bei dem hier diskutierten Gedicht auch an dieses Gedicht aus der wenig später für Lou Andreas-Salomé entstandenen Sammlung „Dir zur Feier“ - auch hier geht das, was uns „auf und nieder weht“, über den uns bewußten „eignen Willen“ schließlich weit hinaus:
  • ... Und dein Haar, das niederglitt,
    nimm es doch dem fremden Winde, -
    an die nahe Birke binde
    einen kußlang uns damit.

    Dann: zu unseren Gelenken
    wird kein eigner Wille gehn.
    Das, wovon die Zweige schwenken
    das, woran die Wälder denken
    wird uns auf und nieder wehn.

    Näher an das Absichtslose
    sehnen wir uns menschlich hin;
    laß uns lernen von der Rose
    was du bist und was ich bin

Zum Schluß zum Thema „intransitive Liebe“ noch ein Zitat aus Lou Andreas-Salomés Essay „Gedanken über das Liebesproblem“, das ich vor kurzem in Gunna Wendts Buch Lou Andreas-Salomé und Rilke - eine amour fou gefunden habe:
Lou Andreas-Salomé hat geschrieben:Liebesleidenschaft ist von allem Anfang an außer Stande zu einer wirklichen sachlichen Aufnahme eines Andern, zu einem Eingehen in ihn, sie ist vielmehr unser tiefstes Eingehen in uns selbst, ertausendfachte Einsamkeit ist sie, aber eine solche, der, wie mit tausend blitzenden Spiegeln umstellt, sich die eigene Einsamkeit zu einer alles umfassenden Welt zu weiten und zu wölben scheint.
Soweit meine Gedanken dazu...

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Maike-Mabice
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Re: Morgenrote Molen

Beitrag von Maike-Mabice » 25. Jul 2016, 04:33

Liebe Stilz, Helle, Sedna, du meine Güte, ich bin sehr beeindruckt, da spürt man Eure Erfahrung im Interpretieren! Ich komme mir sehr schlicht und klein vor, und ahne, was ich hier alles werde lernen können, das erfüllt mich mich mit Vorfreude, vielen Dank!
Mir begegnete das Gedicht in der "deutschen Liebeslyrik" auf der Suche nach Gedichten die ich meinem damaligen Freund am Anfang unserer Beziehung gerne schickte. Daher verbinde ich es ausschließlich mit dem Gefühl des Verliebtseins und Wunsches der Nähe. Und so sah ich nur, dass die verliebte Seele aufgrund der Nähe zum Geliebten (voller Freude, Staunen und Glückseligkeit darüber wie wunderschön es ist wenn nur schon sich die Hände sich finden....) wächst und sich weitet, und sich über den Alltag (das eher negative, langweilige, sich stupide wiederholende, wie wir heute sagen: der Alltag gefährdet die Liebe, kein Kribbeln mehr, Zahnpastatuben nicht zugemacht etc..), erhebt, ihn besiegt, über das normale im Leben hinausgeht und durch das Lieben in eine höhere, weite Ebene gelangt. Deshalb wirkt auf mich auch nur der letzte Satz wie ein neuer Abschnitt. Bis dahin passt es für mein Empfinden zusammen. Und so stolpere ich über das Sterben, denn der Alltag ist negativ, ihn in Scherben zu sprengen ist wie etwas unangenehmes Loswerden, und da man sich als Verliebte doch wünscht, dass dies niemals endet, sah ich es als schrecklich, dass dieses Gefühl augenblicklich (schon am frühen Morgen) beginnt zu sterben, kaum dass es entstand.
Ich habe mir insgeheim immer gewünscht, es hieße : STREBEN die ersten Wellen, dass Rilke vielleicht eine unleserlich Schrift hatte, dann würde es so einfach passen, im Verliebtsein entsteht der Wunsch nach immerwährender, unendlicher Nähe....
Eure Erklärungen finde ich sehr interessant, lassen das Gedicht in einem mir völlig neuen Zusammenhang stehen, vielen Dank dafür!!!
Maike-Mabice

stilz
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Re: Morgenrote Molen

Beitrag von stilz » 25. Jul 2016, 15:40

Liebe Maike-Mabice,

:-) Du meine Güte --- ganz ähnlich empfand ich es, als ich vor Jahren (übrigens wohl aus ähnlichen Gründen wie Du) auf dieses Forum stieß. Ich „lauschte“ vielen interessanten und für mich oft sehr erhellenden Gesprächen und fing bald an, auch selber dazu beizutragen...
Herzlich Willkommen hier!

Ich begreife natürlich, daß Du beim Wort „Sterben“ zuallererst an etwas „Negatives“ denkst.
Für mich ist es das in diesem Zusammenhang hier gar nicht: Nicht die Wellen des Gefühls der Seele sind es, die „sterben“, sondern die Wellen der Unendlichkeit. Auf diese Weise wird sich die Seele bewußt, wie sie an die Unendlichkeit grenzt oder sogar in die Unendlichkeit hineinreicht...

Freilich hat auch Rilke vieles darüber geschrieben, daß, wie Du sagst »dieses Gefühl augenblicklich (schon am frühen Morgen) beginnt zu sterben, kaum dass es entstand.«
Da denke ich vor allem an das Lied (aus dem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“):
  • Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
    weinend liege,
    deren Wesen mich Müde macht
    wie eine Wiege.
    Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
    meinetwillen:
    wie, wenn wir diese Pracht
    ohne zu stillen
    in uns ertrügen?
    - - - - -
    Sieh dir die Liebenden an,
    wenn erst das Bekennen begann,
    wie bald sie lügen.
    - - - - -
    Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
    Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
    oder es ist ein Duft ohne Rest.
    Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
    du nur, du wirst immer wieder geboren:
    weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

Noch zum „negativen“ Alltag, der in Scherben gesprengt wird: wenn es ihn nicht gäbe – könnten wir dann das Hochgefühl, das uns das Verliebtsein schenken kann, überhaupt empfinden?
Ist nicht der Wechsel, das Schwellenerlebnis vom „Drinnen“ zum „Draußen“, vom begrenzten Alltagsbewußtsein zur Unendlichkeit (und wieder zurück!!!) – ist es nicht das, wonach wir streben?
Bei Rilke habe ich jedenfalls immer wieder diesen Eindruck - dabei denke ich an ein Gedicht aus seinen späten Jahren, in dem diese Schwelle auch in der äußeren Form zum Ausdruck kommt (ich versuche, es hier mithilfe so-unauffällig-wie-möglicher Punkte wiederzugeben):
  • Taube, die draußen blieb, . . . . . außer dem Taubenschlag,
    wieder in Kreis und Haus,
    . . . . . einig der Nacht, dem Tag,
    weiß sie die Heimlichkeit,
    . . . . . wenn sich der Einbezug
    fremdester Schrecken schmiegt
    . in den gefühlten Flug.

    Unter den Tauben, die
    . . . . . . . allergeschonteste,
    niemals gefährdeste,
    . . . . . . . . kennt nicht die Zärtlichkeit;
    wiedererholtes Herz
    . . . . . . . . .ist das bewohnteste:
    freier durch Widerruf
    . . . . . . . . freut sich die Fähigkeit.

    . . Über dem Nirgendssein . . . spannt sich das Überall!
    Ach der geworfene,
    . . . . . . . . ach der gewagte Ball,
    Füllt er die Hände nicht
    . . . . . anders mit Wiederkehr:
    rein um sein Heimgewicht
    . . . ist er mehr.

    (Briefwechsel mit Erika Mitterer, dreizehnte Antwort, Ragaz, 24. August 1926)

Herzlichen Gruß!
Ingrid (stilz)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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