Wo finde ich ein Gedicht?

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Moa-Lena
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Wo finde ich ein Gedicht?

Beitrag von Moa-Lena » 13. Okt 2016, 12:58

Hallo zusammen,
ich suche ein bestimmtes Gedicht von Rilke, in dem er über seine Kindheit schreibt.
Ich arbeite gerade an meiner Seminararbeit zu dem Thema: "Der Einfluss der Kindheit Rainer Maria Rilkes auf seine lyrischen Werke". Sprich ich suche nach Gedichten oder Texten in denen er sein Kindheitstrauma verarbeitet.
Ich hoffe, ihr könnt mir weiterhelfen :)
Danke schon mal im vorraus.

stilz
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Re: Wo finde ich ein Gedicht?

Beitrag von stilz » 13. Okt 2016, 16:24

Hallo Moa-Lena,

auf Anhieb fallen mir zwei Kindheits-Gedichte ein. Aber ich weiß nicht, ob das von Dir Gesuchte dabei ist:
Kindheit (Buch der Bilder) und
Kindheit (Neue Gedichte).

Ob er in diesen Gedichten „sein Kindheitstrauma verarbeitet“ - naja, also ehrlich gesagt, bei dieser Formulierung wird's mir sehr unbehaglich.
Ich glaube nicht, daß Rilkes Gedichte der Verarbeitung von Traumata dienen.

Suchst Du wirklich ein bestimmtes Gedicht? Oder allgemein Texte mit Bezug auf die Kindheit?
Wenn letzteres, dann würde ich auch die Geschichten vom lieben Gott empfehlen. Oder Samskola.
Auch wenn darin natürlich nicht von Rilkes Kindheit die Rede ist, sondern eher von dem, was er sich als Ideal vorstellte...

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Moa-Lena
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Re: Wo finde ich ein Gedicht?

Beitrag von Moa-Lena » 13. Okt 2016, 19:31

Hallo stilz,
ja die beiden Gedichte (Kindheit) hatte ich mir auch schon herausgesucht.
Also ich beschäftige mich ja damit inwiefern seine Kindheit auf seine späteren Gedichte Einfluss nimmt.
Deswegen waren deine beiden weiteren sehr hilfreich für mich.
Danke

stilz
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Re: Wo finde ich ein Gedicht?

Beitrag von stilz » 14. Okt 2016, 12:42

Hallo Moa-Lea,

was mir dazu noch einfällt, das ist Rilkes Wort vom „vollen Kind“ (im Gegensatz zum „leeren Hund“), und was Lou Albert-Lasard dazu sagte.

Und der zweite Teil des Aufsatzes „Über Kunst“ (hier hat lilaloufan den ganzen Aufsatz hereingestellt):
Rainer Maria Rilke hat geschrieben:Wenn ich die Kunst als eine Lebensanschauung bezeichne, meine ich damit nichts Ersonnenes. Lebensanschauung will hier aufgefaßt sein in dem Sinne: Art zu sein. Also kein Sich-Beherrschen und -Beschränken um bestimmter Zwecke willen, sondern ein sorgloses Sich-Loslassen, im Vertrauen auf ein sicheres Ziel. Keine Vorsicht, sondern eine weise Blindheit, die ohne Furcht einem geliebten Führer folgt. Kein Erwerben eines stillen, langsam wachsenden Besitzes, sondern ein fortwährendes Vergeuden aller wandelbaren Werte. Man erkennt: diese Art zu sein hat etwas Naives und Unwillkürliches und ähnelt jener Zeit des Unbewußten an, deren bestes Merkmal ein freudiges Vertrauen ist: der Kindheit. Die Kindheit ist das Reich der großen Gerechtigkeit und der tiefen Liebe. Kein Ding ist wichtiger als ein anderes in den Händen des Kindes. Es spielt mit einer goldenen Brosche oder mit einer weißen Wiesenblume. Es wird in der Ermüdung beide gleich achtlos fallen lassen und vergessen, wie beide ihm gleich glänzend schienen in dem Lichte seiner Freude. Es hat nicht die Angst des Verlustes. Die Welt ist ihm noch die schöne Schale, darin nichts verloren geht. Und es empfindet als sein Eigentum Alles, was es einmal gesehen, gefühlt oder gehört hat. Alles, was ihm einmal begegnet ist. Er zwingt die Dinge nicht, sich anzusiedeln. Eine Schar dunkler Nomaden, wandern sie durch seine heiligen Hände wie durch ein Triumphtor. Werden eine Weile licht in seiner Liebe und verdämmern wieder dahinter; aber sie müssen Alle durch diese Liebe durch. Und was einmal in der Liebe aufleuchtete, das bleibt darin im Bilde und läßt sich nie mehr verlieren. Und das Bild ist Besitz. Darum sind Kinder so reich.

Ihr Reichtum ist freilich rohes Gold, nicht übliche Münze. Und er scheint immer mehr an Wert einzubüßen, je mehr Macht die Erziehung gewinnt, die die ersten unwillkürlichen und ganz individuellen Eindrücke durch überkommene und historisch entwickelte Begriffe ersetzt und die Dinge, der Tradition gemäß, zu wertvollen und unbedeutenden, erstrebenswerten und gleichgiltigen stempelt. Das ist die Zeit der Entscheidung. Entweder es bleibt jene Fülle der Bilder unberührt hinter dem Eindrängen der neuen Erkenntnisse, oder die alte Liebe versinkt wie eine sterbende Stadt in dem Aschenregen dieser unerwarteten Vulkane. Entweder das Neue wird der Wall, der ein Stück Kindsein umschirmt, oder es wird die Flut, die es rücksichtslos vernichtet. Das heißt das Kind wird entweder älter und verständiger im bürgerlichen Sinn, als Keim eines brauchbaren Staatsbürgers, es tritt in den Orden seiner Zeit ein und empfängt ihre Weihen, oder es reift einfach ruhig weiter von tiefinnen, aus seinem eigensten Kindsein heraus, und das bedeutet, es wird Mensch im Geiste aller Zeiten: Künstler.

In diesen Tiefen und nicht in den Tagen und Erfahrungen der Schule verbreiten sich die Wurzeln des wahren Künstlertums. Sie wohnen in dieser wärmeren Erde, in der niegestörten Stille dunkler Entwicklungen, die nichts wissen von dem Maß der Zeit. Möglich, daß andere Stämme, die aus der Erziehung, aus dem kühleren, von den Veränderungen der Oberfläche beeinflußten Boden ihre Kräfte heben, höher in den Himmel wachsen als so ein tiefgründiger Künstlerbaum. Dieser streckt nicht seine vergänglichen Äste, durch welche die Herbste und Frühlinge ziehen, zu Gott, dem Ewigfremden, hin; er breitet ruhig seine Wurzeln aus, und sie umrahmen den Gott, der hinter den Dingen ist, dort, wo es ganz warm und dunkel wird.

Darum, weil die Künstler viel weiter in die Wärme alles Werdens hinabreichen, steigen andere Säfte in ihnen zu den Früchten auf. Sie sind der weitere Kreislauf, in dessen Bahn immer neue Wesen sich einfügen. Sie sind die Einzigen, die Geständnisse tun können, wo die Anderen verhüllte Fragen haben. Niemand kann die Grenzen ihres Seins erkennen.

Den unmeßbaren Brunnen möchte man sie vergleichen. Da stehen die Zeiten an ihrem Rand und werfen ihr Urteil und Wissen wie Steine in die unerforschte Tiefe und lauschen. Die Steine fallen immer noch seit Jahrtausenden. Keine Zeit hat noch den Grund gehört.
Herzlich,
stilz
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