Blick in die Sterne

Rilke-Texte gesucht und gefunden

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
reinhardt
Beiträge: 3
Registriert: 24. Nov 2016, 09:39

Blick in die Sterne

Beitrag von reinhardt » 24. Nov 2016, 09:55

Hallo,

ist das wirklich von Rilke ? :roll:

Eines lass mich behalten,
den Blick in deine Sterne,
dass ich das Händefalten
nicht ganz verlerne.

Wenn ich dich nicht sehe,
mach mein Vertrauen groß,
wenn ich dich manchmal
so gar nicht verstehe
lass du mich, bittschön mein Gott nicht los!

Des Lebens und des Leidens Wellen
schlagen immer höher heran;
wie sollte der Mensch das ertragen,
wenn er nicht mehr glauben,
nicht mehr beten kann?

Drum eines lass mich behalten,
den Blick in deine Sterne,
dass ich das Händefalten,
Hoffen und Staunen
nicht ganz verlerne.

Hier gefunden:

http://gedichtesammlung.blogspot.nl/200 ... terne.html

republika.pl/elisa20/impressionistischelyrik.htm

https://katholischeralltag.wordpress.co ... zum-abend/

https://ritualmeister.ch/v2/download/Ab ... -12-v3.pdf

sedna
Beiträge: 368
Registriert: 3. Mai 2010, 14:15
Wohnort: Preußisch Sibirien

Re: Blick in die Sterne

Beitrag von sedna » 25. Nov 2016, 09:33

Willkommen im Rilke-Forum, reinhardt!
reinhardt hat geschrieben:
ist das wirklich von Rilke ? :roll:
Was läßt Dich zweifeln?

Herbstliche Grüße

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

reinhardt
Beiträge: 3
Registriert: 24. Nov 2016, 09:39

Re: Blick in die Sterne

Beitrag von reinhardt » 25. Nov 2016, 17:28

Danke!


Was mich zweifeln lässt:

Im Internet habe ich nur diese Quellen (kein Datum, keine Werke) gefunden.

Und hier http://gutenberg.spiegel.de/autor/raine ... -rilke-495 ist dieses Gedicht nicht.

sedna
Beiträge: 368
Registriert: 3. Mai 2010, 14:15
Wohnort: Preußisch Sibirien

Re: Blick in die Sterne

Beitrag von sedna » 26. Nov 2016, 11:29

Guten Morgen, reinhardt

und dito danke, für Dein Interesse.
Deine Zweifel teile ich natürlich, und ein unkritisches Übernehmen der Verfasserangabe würde auch ich nicht riskieren: Die Fundorte machen sie kaum glaubwürdig, das ist gut beobachtet, während jedoch das Fehlen in virtuellen Beständen wiederum kein Kriterium für das Gegenteil sein sollte.
Inzwischen habe ich die Verzeichnisse der Anfänge und Überschriften in Rilkes Sämtliche Werke abgeklappert, bin aber auch dort nicht (annähernd) fündig geworden.
Was mich hierbei am meisten interessiert: Hättest Du denn auch stilistisch und sprachlich Bedenken anzumelden?

Für mich ist es zunächst der Tonfall, der ganze (Sprach)Duktus, der mich zweifeln läßt:
Wer hat geschrieben: Des Lebens und des Leidens Wellen
schlagen immer höher heran;
wie sollte der Mensch das ertragen,
wenn er nicht mehr glauben,
nicht mehr beten kann?
Nun, ja ... was dann alles zu leisten wäre, zählte bei Rilke gerade zu den leichteren Pflicht-Übungen, beispielsweise.
bittschön
Dieses Dialektwort macht mich jetzt schon wieder kichern ...

Noch ist nicht alles versucht. Vielleicht findet sich noch eine muntere Quelle ... es gibt ja die abenteuerlichsten Rückübertragungen aus anderen Sprachen.

Einstweilen herzlich grüßend

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

helle
Beiträge: 307
Registriert: 6. Mai 2005, 11:08
Wohnort: Norddeutsche Tiefebene

Re: Blick in die Sterne

Beitrag von helle » 27. Nov 2016, 16:21

Daß sich Titel und Anfangszeile nicht nachweisen lassen, ist natürlich das stärkste Argument, und es könnte sich womöglich auch um eine Rückübersetzung handeln nach »Stiller Post«-Prinzip, aber das ist unwahrscheinlich. Es spricht aber auch sonst nicht viel dafür, daß es Rilke-Verse sind. So naiv seine frühe Lyrik sich gibt, so frömmelnd der junge René antritt, derart plump und geradeheraus:

»Des Lebens und des Leidens Wellen
schlagen immer höher heran;
wie sollte der Mensch das ertragen,
wenn er nicht mehr glauben,
nicht mehr beten kann?«

so unbedarft, so bekenntnishaft scheint mir auch der junge Autor trotz seiner Redseligkeit nie gewesen zu sein, es herrschte bei aller Nähe zu religiösem Kitsch und Talmi immer ein gewisses Raffinement in seinen Versen; rhythmisch, rhetorisch und reimtechnisch waren sie nie derart hölzern wie etwa die »das-wenn« Wendung »der Mensch das ertragen, / wenn er nicht mehr glauben [...] kann?«. Man könnte aber nahezu jede andere Zeile und Fügung anführen.

Da ich mich mit der Rede von Talmi & co hier womöglich wieder unbeliebt mache, suche ich Schutz bei Theodor W. Adorno, den ich auf meine alten Jahre immer mehr vermisse bzw. einen wie ihn, und der einmal im Kontext von Hindemiths »Marienliedern« sich zu Rilkes (früher) Lyrik geäußert und von »ihrer ersehnten, nur nicht geglaubten Gläubigkeit, ihren aus allen Bildungsbereichen gesammelten ästhetischen Religionssurrogaten« gesprochen hat, was ich ziemlich gut gesehen finde. Es ist nur eine Notiz, aber dieser Halbsatz hat die Augen mehr geöffnet als ganze Seiten einschlägiger Aufsätze oder Artikel

dem freundlich grüßenden
helle

reinhardt
Beiträge: 3
Registriert: 24. Nov 2016, 09:39

Re: Blick in die Sterne

Beitrag von reinhardt » 27. Nov 2016, 18:26

Zuerst habe ich gedacht, diese Verse könnten aus dem Stundenbuch stammen.

Ich erinnerte mich an :

Ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.

Ich möchte sterben. Laß mich allein.
Ich glaube, es wird mir gelingen,
so bange zu sein,
daß mir die Pulse zerspringen.

Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen,
der gestern noch ein Knabe war; von Frauen
sind seine Hände noch zusammgefügt
zu einem Falten, welches halb schon lügt.
Denn seine Rechte will schon von der Linken,
um sich zu wehren oder um zu winken
und um am Arm allein zu sein.

...

Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand



Aber "eines lass mich behalten usw..." findet man nicht in dem Studenbuch. Diese Verse sind nicht von Rilke. Dieses Gedicht ist ein (wahrscheinlich katholischer) Pastiche. Und eine Lüge, wie so oft im Internet ("Rilke").

sedna
Beiträge: 368
Registriert: 3. Mai 2010, 14:15
Wohnort: Preußisch Sibirien

Re: Blick in die Sterne

Beitrag von sedna » 28. Nov 2016, 02:35

Ahoi zusammen!

Ich habe gerade eine Zeitlang den kristallklaren Nachthimmel betrachtet und Sterne fallen sehen, die keine waren ... und gehe jetzt einfach mal davon aus, daß wir hier nicht vorsätzlich eine urheberrechtlich fragwürdige Kuh aufs Eis gestellt bekommen haben, reinhardt. Daß der Text in dieser Form nicht in Rilkes Stunden-Buch paßt, liegt an der "plumpen, bekenntnishaften" Sprache, wie helle es in seinem erfrischend kritischen Beitrag anmerkt; der Aufbau sowie der antiphonal anmutende Rahmen des Textes aber assoziiert eine Nähe zum Liturgischen bzw. die Ausarbeitung einer Form ist schonmal nicht von der Hand zu weisen.
Was mir so einfiel ... das Gedicht Klage, wo es sich mit der Rafinesse wieder so verhält, wie helle es feststellte; weiter, daß Rilke einmal an Kappus schrieb, man solle Ironie sparsam verwenden - doch wenn er dann mal jemanden parodierte, rappelte es im Karton; dann eine Stelle aus einem Brief an Lou Andreas-Salomé und schlußgültig ein Wort von Renate Scharffenberg:
Renate Scharffenberg hat geschrieben:Nur eine Kleinigkeit: bei Rilke darf man nie nie oder auch immer sagen
Gute Nachtgrüße

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

Antworten