Fake Rilke-Zitate

Rilke-Texte gesucht und gefunden

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Thilo
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Fake Rilke-Zitate

Beitrag von Thilo » 6. Feb 2017, 22:25

Liebe Mitglieder des Forums,

Über rilke.de und die Website der Rilke-Gesellschaft erhalte ich immer wieder Anfragen nach Belegen für angebliche Rilke-Zitate. Manche davon klingen für mich sehr unglaubwürdig, aber natürlich ist es gar nicht so einfach, auszuschließen, dass Rilke irgendwann mal etwas gesagt hat. Vielleicht wäre es aber mal interessant, solche Zitate zu sammeln. Zum einen, um über ihre vermutliche Falschheit aufzuklären, und dann auch, weil das vielleicht eine Vorstellung davon gibt, was die Menschen mit Rilke verbinden.

Das Zitat um das es heute ging war Folgendes:
"Begegnungen mit Menschen sind mir Quelle der Kraft, die mich fröhlich meine Straßen ziehen lassen"

Es findet sich tatsächlich auf manchen Todesanzeigen, z.B. hier:
http://markt.idowa.de/traueranzeigen/tr ... 53187.html

Ich glaube auf keinen Fall, dass das von Rilke kommt. Schon allein die Formel von einer "Quelle der Kraft" kommt bei Rilke meines Wissens nicht vor, ich habe sie auch durch Textsuche bei Google Books nicht in einem einzigen Rilke-Werk finden können. Davon abgesehen klingt es für mich ehrlich gesagt nach einer ziemlich hohlen Phrase :roll:

Kennt Ihr noch andere solche Zitate?

Herzliche Grüße,
Thilo

sedna
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Re: Fake Rilke-Zitate

Beitrag von sedna » 7. Feb 2017, 03:18

Ja, lieber Thilo,

dann laß uns mal schauen, was wir alles schon allein hier im Forum zusammengesammelt bekommen.
Nebst schallendem Gelächter möchte man wegen des Akkusativs die Stirn runzeln.
Ein wie auch immer straßenziehender Dichter zu sein, widerspräche ein wenig Rilkes Profession, oder nicht?
Witzigerweise beschäftige ich mich gerade mit einem echten fahrenden Sänger bei uns, namentlich Peter Zirbes. Guter Mann. Das klingt dann so:
"Ich bin ein wandernder Sänger,
Gebürtig zu Niederkail,
Und habe nebst Gedichten
Auch Glas und Steingut feil"
Aber selbst er wäre zu gebildet gewesen, solch einen Brüller vom Stapel zu lassen.
Holdrio.
sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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Re: Fake Rilke-Zitate

Beitrag von Thilo » 7. Feb 2017, 22:06

Liebe sedna,

hier ein anderes Zitat, das auch häufig auf Todesanzeigen vorkommt:

"Wenn du an mich denkst,
erinnere dich an die Stunde,
in welcher du mich am liebsten hattest."

Das erinnert mich an eine Stelle von Jens Peter Jacobson, das Rilke zu Beginn der Worpswede-Monographie zitiert:
"Was mir bei der Betrachtung eines jeden einzelnen [Künstlers] vorbildlich war, lautet mit Jacobsens Worten: 'Du sollst nicht gerecht sein gegen ihn; denn wohin kämen die Besten von uns mit der Gerechtigkeit; nein; aber denke an ihn, wie er die Stunde war, da du ihn am tiefsten liebtest...'"

Viele Grüße,
Thilo

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