Das Jüngste Gericht im Buch der Bilder

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Arja Meski
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Re: Das Jüngste Gericht im Buch der Bilder

Beitrag von Arja Meski » 7. Feb 2018, 10:09

Hallo alle,

jetzt endlich antworte ich, wie ich den "göttlichen Verzichte" gelöst habe. Weil alle, die an die Diskussion teilgenommen haben, meinten, dass es sowohl auf einen menschlichen oder göttlichen Verzicht beziehen kann und dass man diese Ambivalenz nicht ausschliessen kann, habe ich zum Schluss ganz einfach ein solches Wort im Finnischen erzeugt. Es ist nur ein Wort geworden, "jumalluopumus", etwa Gottesverzicht. Es ist ein Neologismus und wäckt, meine ich, die gleichen Fragen wie auf Deutsch. Ich wollte ja nicht den Lesern alle die fantastischen Deutungen berauben. Ich danke allen für die guten Ideen!

Dann habe ich eine andere Frage, aber weiss nicht, ob ich eine neue Diskussion einleiten soll. In einem Artikel über Das Buch der Bilder - u.a.in Rainer Maria Rilke Gesammelten Werken von 2003 - schreibt Manfred Engel in der Passage "Motive und Themen": "Bilder" sind keine "Lieder" mehr (und vielleicht, ja: noch keine "Kunstdinge"). - Aber ich verstehe nicht, ob er da Rilke zitiert oder ob Engel es selbst sagt. Weiss jemand von euch etwas davon?

Mit besten Grüssen Arja

helle
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Re: Das Jüngste Gericht im Buch der Bilder

Beitrag von helle » 10. Feb 2018, 18:57

Das sagt Manfred Engel, der Rilke-Interpret, nicht Rilke selbst.

Es ist allerdings ein Versuch, Rilke zu entsprechen, seine künstlerische Entwicklung zu beschreiben. Man könnte bei Rilke, stärker als bei manchen anderen Autoren, von gewissen Stufen seines Werkes sprechen. Die Qualität und die Programmatik etwa des Buchs der Bilder, der Neuen Gedichte und der Duineser Elegien sind ganz unterschiedlich und bezeichnen so etwas wie Werkstufen oder –phasen oder -stationen. Für mich heißt das nicht, daß ein gradliniger Aufstieg vom frühen zum späten Rilke führt. Der junge Rilke ist zwar ziemlich redselig, wie Stefan George (mit Recht, aber ohne Erfolg) kritisiert hat, und die späten »Duineser Elegien« sind vielleicht Rilkes tiefsinnigstes Werk, aber für mich ist Rilke vor allem der Autor der Neuen Gedichte, von denen ich glaube, daß einzelne Texte daraus so lange bestehen werden, wie man sich überhaupt mit dichterischen Formen des Sprechens beschäftigt. Aber das ist nur eine unmaßgebliche Meinung und geht, glaube ich, noch nicht auf Deine Frage ein.

Übrigens lädt Rilke gelegentlich selbst dazu ein, solche Werkzäsuren zu setzen, z.B. im Gedicht Wendung aus dem Krisenjahr 1914:

[...] Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze
und die geschautere Welt
will in der Liebe gedeihn.

Werk des Gesichts ist nun getan,
tue nun Herz-Werk
an den Bildern in dir, jenen gefangenen [...]

Also die Bilder und das Schauen sind irgendwann Epoche und es tritt etwas anderes, eine andere Art des Sprechens, an ihre Stelle.

Soweit für heute Abend.
Gruß von helle

Arja Meski
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Re: Das Jüngste Gericht im Buch der Bilder

Beitrag von Arja Meski » 12. Feb 2018, 09:11

Danke für die Antwort! Beim Buch der Bilder gefällt mir gerade dieses Aufwachen zum Sehen. Man kan den suchenden Menschen spüren und mit ihm zu sehen lernen. Grüße, Arja

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