Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Harald
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Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth

Beitrag von Harald » 21. Sep 2018, 08:16

Die ohnehin eindringlichen Zeilen

"Das, was geschieht, hat einen solchen Vorsprung
vor unserm Meinen, daß wirs niemals einholn
und nie erfahren, wie es wirklich aussah. "

werden transparenter, wenn man weiß, dass der junge Graf Kalckreuth, dessen Baudelaire- und Verlaine-Übersetzungen nach seinem Tod vom Insel-Verlag publiziert wurden, mit 19 Jahren im Militärdienst Selbstmord beging. Sein Vater, der Maler Leopold von Kalckreuth, schrieb an einen Freund:
"Den armen Jungen hat, obgleich täglich ihn einer von den Meinigen besuchte und Abends mit ihm war, die falsche Illusion gepackt, es gäbe aus dem schrecklichen Dienst kein Entrinnen [...] Am Morgen hat er sich im Bett erschossen, nachdem er mit Zetteln und Briefen sein Haus bestellt hatte, sein kleines Haus [...] doch man kann ihm nicht zürnen. Es lag lange in ihm, der Tod stand ihm näher als das Leben."

Die folgenden Verszeilen von Emily Dickinson (1830-1886) sind eine staunenswerte Vorwegnahme der von Rilke angesprochenen Uneinholbarkeit.
"The overtakelessness of those
Who have accomplished Death"
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

stilz
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Re: Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth

Beitrag von stilz » 21. Sep 2018, 15:25

Lieber Harald,

(Willkommen zurück! Große Freude!)

Danke, besonders für den Hinweis auf Emily Dickinson!

overtakelessness - was für ein Wort.
Wir würden freilich "Uneinholbarkeit" sagen - was aber nicht ganz dasselbe wäre, da es eine Unmöglichkeit ausdrücken würde, während overtakelessness für mich nur bedeutet, daß etwas eben (bisher) nicht eingeholt wurde...

Mich berühren in Rilkes Requiem (hier:
http://www.rilke.de/gedichte/fuer_wolf_graf_von_kalckreuth.htm
geht's zum ganzen Text) besonders diese Zeilen (die auch erst verständlich werden, wenn man um den Selbstmord des jungen Mannes weiß):

... War das so
erleichternd wie du meintest, oder war
das Nichtmehrleben doch noch weit vom Totsein?


„Totsein“ ist für Rilke also offenbar etwas anderes als „Nichtmehrleben“...


Noch zu den Gedichten des jungen Mannes, von denen Rilke spricht:

Nur den Gedichten sehn wir zu, die noch
über die Neigung deines Fühlens abwärts
die Worte tragen, die du wähltest. ...


Hier finden sich Kalckreuths Liebesgedichte:
http://www.deutsche-liebeslyrik.de/kalckreuth_wolf.htm


Herzlichen Gruß,

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Harald
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Re: Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth

Beitrag von Harald » 22. Sep 2018, 09:21

Lieber stilz,
die "natives" lesen das offensichtlich als "the dead cannot be overtaken". So z.B. Greg Mattingly in seinem Buch "Emily Dickinson as a Second Language: Demystifying the Poetry" von 2018. Andere gängige Wortbildungen wie baselessness oder groundlessness bestätigen die Verneinungstendenz von "lessness".
Herzlicher Gruß
Harald
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

Georg Trakl
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Re: Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth

Beitrag von Georg Trakl » 9. Dez 2018, 23:23

Um die historische Figur des Wolf von Kalkreuth ranken sich so mancherlei Legenden. So soll er bereits in seinen jungen Jahren nach der Lektüre von Baudelaires "Les Fleurs du Mal" den Hang verspürt haben, dieses epochale Werk ins Ungarische zu übersetzen. Da ihn jedoch sein Vater, Leopold von Kalkreuth, darauf hinwies, daß man zunächst einmal des Ungarischen mächtig sein müsse, um ein solches Werk sinnhaft zu erbringen, dachte der Knabe um und übersetzte das Werk unter dem Arbeitstitel "Blumen des Bösen" eben ins Deutsche (später wurde diese seine Fassung allerdings auf Widerspruch von Theodore de Banville verworfen und durch eine zeitgerechtere von Friedhelm Kemp ersetzt). Wolf von Kalkreuth versuchte sich in der Folge - quasi als Adept des von ihm vergötterten Rilke, zumindest imaginierte er es so - als Lyriker, wobei sein Oevre zwischen Kriegslüsternheit und Todessehnsucht schwankte und deshalb niemals von der breiten Schicht der Bevölkerung angenommen werden konnte, welcher Umstand unseren Helden immer öfter in heftige Gemütsdepressionen stürzte. Seines Scheiterns als Poet gewahr, entzog der junge Graf sich der Dichterlaufbahn und trat ins preußische Heer ein, um später einmal im Waffenrock des Kürassiers die standesgemäße Offizierslaufbahn einzuschlagen. Doch auch dieser Versuch, seinem Leben eine sinnhafte Wendung zu geben, mißlang, und so beschloss Wolf kurzerhand, sein - wie er annahm - unbotmäßiges Dasein für immer zu beenden. Sein suizidales Ende erschütterte jedoch in unerwartetem Maße die Bohème jener Zeit, sodaß auch Rilke sich genötigt sah, dem unglücklichen Grafen in seinem Poem "Requiem für Wolf Graf von Kalkreuth" ein postumes Denkmal zu setzen. Weitgehend unbekannt ist der Umstand, dass Rilke später ein weiteres Gedicht über Wolf von Kalkreuth verfasste, welches in den "Wuertthemberg'schen Illustrirten Morgenblaettern" vom 11. Januar 1908 erschien. Um es für die Nachwelt zu erhalten, stelle ich das Gedicht hier mit Erlaubnis des Herausgebers ein.
Übrigens: Beachtenswert für den historisch Beleckten ist auch, dass Rilke hier beiläufig den Terminus "Schuss" verwendet! Ein Hinweis auf die genaue Art der Selbstentleibung des Wolf von Kalkreuth, bislang stets im Dunkel der Literaturwissenschaft geblieben?

Düster die Nebel sich senken
Auf finstre schäumende Gischt,
Auf seinem Nachen stehet
Charon mit bleichem Gesicht.
Hol über! So ruft es von drüben,
Graf Kalkreuth ist's, der da spricht,
Und der Fährmann kommt ihn zu holen
Und achtet der Wogen nicht.
Überqueret den Styx nun sachte
Und ruhig gleitet der Kahn,
Am Ufer da wartet Von Kalkreuth,
gefesselt in seinem Wahn.
Vom Kriege gezeichnet - so steht er,
Den Geist vom Gescheh'nen verwirrt,
Bestellt hat er grade sein Haus noch,
Bevor er zum Flusse geirrt ...
Ein Schuss, dann schweigende Stille,
Sein Leben: ein kurzer Traum.
Sanft gleitet des Fährmanns Zille
dem Ziel zu durch Gischt und Schaum.

Es erschien mir Verpflichtung, dieses längst verschollene Werk unseres großen Meisters den geneigten RilkeanerInnen hier im Forum öffentlich zu machen.
Georg Trakl jun.

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