"DEr Blinde" & "SPanische Tänzerin"

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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julimond
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"DEr Blinde" & "SPanische Tänzerin"

Beitrag von julimond » 7. Dez 2004, 18:54

Es tut mir echt leid - aber auch ich komme mit einer "langweiligen", für mich aber wichtigen, weil prüfungsrelevanten Frage:

Könntet Ihr mir weiterhelfen bzgl der Metrik bei den beiden Gedichten "Der Blinde" und "Spanische Tänzerin"? Ich komme immer wieder bei den Hebungen und "trochäisch", "jambisch" etc. durcheinander :?

Anschließende Interpretationen liefer ich aber gerne - falls Nachfrage da sein sollte :wink:

Es bedankt sich schon mal Julimond!

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Volker
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Jamben

Beitrag von Volker » 8. Dez 2004, 23:50

Hallo,
bin zwar hier nicht der große Experte, aber ich glaube, beide Gedichte sind in fünffüßigen Jamben geschrieben - nix Trochäus.
Jambus = Betonung auf jeder zweiten Silbe
Trochäus = Betonung auf der zweiten von drei Silben
(wie man's spricht) :wink:
aus "Spanische Tänzerin"
Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
Da hörst du richtig, wie sie stampft :!:
aus "Der Blinde"
hingegeben hebt er seine Hand
HTH
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

stilz
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Beitrag von stilz » 9. Dez 2004, 14:06

Hallo,


auch ich fühle mich zwar nicht als große Expertin, aber eine kleine Korrektur muß doch sein:

Sowohl Jambus als auch Trochäus sind zweisilbige Versfüße.
Der Jambus besteht aus einer Senkung und einer Hebung, also erst eine unbetonte, dann eine betonte Silbe: . -
Der Trochäus hingegen hat zuerst die Hebung (= betonte Silbe) und danach die Senkung: - .

Das Wort "Jambus" ist also ein Trochäus!


Die Schwierigkeit bei diesen Gedichten besteht wohl darin, daß oft am Ende einer Verszeile noch eine Silbe übrig ist:

Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
Hier hätten wir also 5 Jamben und eine überzählige Senkung.

hingegeben hebt er seine Hand
Das hingegen wären meiner Meinung nach Trochäen!

Meine Schulzeit ist schon zu lange her, um jetzt irgendwelche Garantien abzugeben:
Aber ich glaube mich zu erinnern, daß immer nur von überzähligen Senkungen die Rede war, eine einzelne Hebung wurde als unvollständiger Versfuß gerechnet (warum, darf mich bitte niemand fragen!) --- das letzte Zitat wären demnach also 5 Trochäen, wobei der letzte unvollständig ist.


Liebe Grüße!

stilz

julimond
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Beitrag von julimond » 10. Dez 2004, 17:11

Also, seh ich das richtig, daß "Der Blinde" durchweg aus einem fünfhebigen Trochäus besteht? Und kann es sein, daß es sich bei der "Spanischen Tänzerin" um durchweg fünfhebige Jamben handelt - mit Ausnahme der beiden Zeilen:

"zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis" (Trochäus?!)

"grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht" (auch Trochäus?!)


mmh...läßt sich dieser Metrikwechsel irgendwie schlüssig interpretieren?

Ich frag mich auch, warum bei der Spanischen Tänzerin so ein "wildes" Reimschema vorliegt!

abaab c cddee ffgghihi ....

Vielleicht demonstriert es die Dominanz des Tanzes und der Leidenschaft, die von der Tänzerin im Laufe des Gedichts Besitz nimmt - während die einleitenden und abschließenden - regelmäßigen - Verse von einem "geklärteren" Verhältnis zwischen Tanz und Tänzerin zeugen - oder ist das jetzt zu weit hergeholt?!

stilz
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versuch ohne garantie

Beitrag von stilz » 11. Dez 2004, 23:15

Hallo,

ich wollte eigentlich abwarten, bis sich ein wirklicher Experte zu Wort meldet, denn diese Versfüße bzw die Fein- und auch Freiheiten damit sind nicht gerade meine Spezialität.
Trotzdem versuche ich es nun:

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.


die ersten vier Zeilen haben eigentlich das Schema: -..-.-.-.-(.)
Das wären also zuerst ein Daktylus (-..) und dann vier Trochäen.
Erst in der 5. Zeile haben wir ganz sicher 5 Jamben und eine überzählige Senkung: .-.-.-.-.-.

Dann bleibt es jambisch, eine Ausnahme könnte die vorletzte Zeile sein:

grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht

da würde ich, wie am Anfang, eventuell Daktylus und Trochäen vermuten.


Aber --- und das ist ein großes Aber! ---
Ich weiß auch, aus dem Latein- und Griechischunterricht zum Beispiel, daß diese Versfüße sich nicht immer nur nach der Betonung im normalen Sprachgebrauch richten, manchmal ist es auch genug, wenn eine Silbe lang ist, um sie in einer Verszeile als „betonte“ zu verwenden.

Und dann könnte man vielleicht auch die ersten Zeilen, und die vorletzte natürlich ebenso, als Jamben verstehen (???), und das Ganze wäre einheitlicher:

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und heiß
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.


Tja, Julimond, tut mir leid… so ganz und gar kenn ich mich also auch nicht aus, vielleicht erbarmt sich ein wirklicher Experte?

(Und bei alledem hab ich den leisen Verdacht, daß Rilke sich möglicherweise gar nicht in erster Linie um diese Versfüße gekümmert hat, als er das schrieb???)

Liebe Grüße!

stilz

P.S.: Wie schön, daß Du das mit Alkestis und Persephone erklärt hast!

gliwi
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Beitrag von gliwi » 14. Dez 2004, 23:23

Hallo,
ich habe auch nicht geantwortet, weil ich bei der Unterscheidung Jambus-Trochäus oft unsicher bin. Man kann ja nicht einfach am Anfang mit dem Messen anfangen, weil es auch noch einen "Auftakt" geben kann, der dann nicht mitzählt. Wolfgang Kayser in seiner "kleinen ddeutschen Versschule" ist allerdings der Ansicht, dass es für die Unterscheidung allein darauf ankommt, ob die erste silbe des Verses betont oder unbetont ist, und das ist ja nun eine Kapazität. Ich habe aber auch schon andere Meinungen gelesen.
Das erste Rotgedruckte ist richtig, das zweite nicht, es geht nie so stark gegen die natürliche Betonung.
die Interpretation finde ich überzeugend; es liegt doch nahe, dass der rhythmus des Gedichts etwas mit dem rhythmus des Tanzes zu tun hat.
Gruß
gliwi

julimond
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Beitrag von julimond » 16. Dez 2004, 12:08

Tja - vielen Dank, dass Ihr Euch die Köpfe dafür zerbrochen habt! Dafür gibt`s zwei kleine Interpretationen, die natürlich gerne ergänzt werden dürfen - falls sie dazu anregen sollten :)

Beim Gedicht "Der Blinde" gehts nicht etwa um den Verlust des Sehens, sondern vielmehr um die Gabe des Nichtsehenkönnens. Er hat es den Sehenden voraus, daß er "nur" hört und fühlt, sich also nicht vom flüchtigen Schein der Dinge verführen lassen kann -

und genau das ist Rilkes Anliegen seiner "Neuen Gedichte": die alltäglichen Wahrnehmungen zu überwinden, die Dinge, die uns umgeben, zu durchdringen - um zu ihnen einen neuen, nämlich poetischen Bezug herstellen zu können.

Daß Rilke sich in diesem Fall der Figur des Blinden zuwendet, mag auch zeittypisch bedingt sein: gerade das Motiv der geschlossenen Augen ist in der bildenden Kunst um die Jahrhundertwende Symbol des antiken Sehertyps sowie auch der Künstlerexistenz.

Wenn es also heißt:

"hingegeben hebt er seine Hand, / festlich fast, wie um sich zu vermählen." -
dann deutet er damit auf das sensible Wahrnehmungsvermögen des Blinden, aber auch des Künstlerideals hin, denen es beiden gelingt, den Schein der Dinge zu überwinden und in den "reinen", "seinlosen" "Weltinnenraum", wo alles seine vorgeformte Bedeutung verliert, hineinzugreifen....


Und auch die "Spanische Tänzerin" behandelt das Thema des künstlerischen Daseins und Schaffens. Rilke beschreibt hier eindringlich, wie der Tanz langsam Besitz ergreift von seiner Schöpferin, der Tänzerin. Er ist "Flamme, ganz und gar". In der letzten Strophe allerdings verändert sich das Verhältnis schlagartig: die Tänzerin "wirft" den Tanz, ihr Kunstprodukt also, "herrisch" "ab" - sie dominiert wieder und bewahrt ihre Autonomie.

Doch zu welchem Preis?

Das, was sie geschaffen hat, liegt auf dem Boden und ist nicht mehr - der Tanz ist vorbei. Hier spiegelt sich meiner Meinung nach das Für und Wider des künstlerischen Prozesses wider: Rilke will Dinge wahrnehmen, fokussieren, sich in sie versenken, um ihrer habhaft zu werden - und muß zudem seine dichterische Souveränität aufrechterhalten. Gleichzeitig ist es sein Ziel, aus den alltäglichen Dingen dauerhafte "Kunstdinge" zu schaffen - doch wie ist das möglich bei so einer flüchtigen Erscheinung wie dem Tanz, der nur in seiner Bewegung besteht und existieren kann?

Hier noch findet Rilke keine richtige Lösung dafür, weil er an der mimetischen Beschreibung des Tanzes festhält. Später dann, in den "Sonetten des Orpheus", versucht er, Prozesse der Bewegung mehr zu verinnerlichen, um sie alsdann sprachlich weitestgehend zu abstrahieren.

Tja - soweit meine Gedanken zu den beiden Gedichten - die ich sehr interessant finde - weil sich hinter den scheinbar eindeutigen Titeln "Der Blinde" und "Spanische Tänzerin" so vielschichtigen Bedeutungsebenen verbergen, die auch den Dichter selbst und seine Arbeit problematisieren.

Und nun hab ich auch wirklich genug, wenn nicht gar zu viel geschrieben... :wink:

Flugente
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Meine Interpretation der Spanischen Tänzerin

Beitrag von Flugente » 31. Jan 2005, 16:29

Hallo, ich schon wieder! ;) Diesmal mit meiner Interpretation der Spanischen Tänzerin - falls es noch jemanden interessiert, ist ja schon viel drüber geschrieben worden. :)

Im ersten Abschnitt häufen sich Alliterationen, Zäsur, Enjambement und dazu ein unklares Reimschema. Außerdem ist die Betonung unklar, wobei ich bei V. 2, 3 und 18 jeweils davon ausgehe, dass hier ein Daktylus mit anschließendem 4-hebigen Trochäus vorliegt, jedenfalls bei V.2 und 18.

V. 3 wird aber betont "Naher Beschauer hastig, hell und heiß" - und Beschauer beginnt eindeutig unbetont. Vielleicht handelt es sich daher lediglich um eine belebende Abweichung?!

Jedenfalls ist in diesem Abschnitt der Beginn des feurigen Tanzes, der ja auch den Kampf eines Torreros mit einem Stier darstellt (daher ist die Farbe des Kleides oft auch leuchtendrot), beschrieben und wie die Tänzerin sich immer mehr , immer ekstatischer, schneller und rhythmischer bewegt.

Mit V. 6, der abgespalten von allen anderen Versen steht, sind Tanz und Tänzerin eins geworden. Der Rhythmus ist eins, die Bewegungen sind eins mit der Musik und dem Stakkato der Füße.

Der Flamencotanz beginnt auch oft auf der Stelle, nur die Füße und die Bewegungen des Rocks geben das feurige Gefühl wieder. Die Tänzerin dreht sich vielleicht auf der Stelle, "ihr runder Tanz beginnt sich zuckend auszubreiten". Doch sie macht noch keine raumgreifenden Schritte. Erst mit der Zeit kommt immer mehr Bewegung dazu, die Tänzerin wirft vielleicht den Kopf hoch, beginnt eine ausgreifende und schnelle Bewegung, bei der das Kleid sich um sie dreht "ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst" und aus der Drehung heraus erheben sich ihre Arme in schlangenartigen Bewegungen. Gleichzeitig spielt sie auf Kastagnetten, die das klappern und die Assoziation mit der Schlange erklären würden. Die Tänzerin ist so vom Rhythmus der Musik und von ihrem Tanz gefangen, dass sie in Ekstase zu geraten droht.

Doch bevor dies geschieht "befreit" sie sich davon, sie "wirft es ab sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde". Darin sehe ich als Flamencotänzerin das Aufstampfen der Füße mit anschließender Ruhe, wonach man in starker Anspannung steht und wartet, was da kommt. Der Zuschauer erwartet, dass etwas kommt, dass der Tanz weitergeht, er ist ergriffen vom Rhythmus, doch die Ekstase ist vorbei, alles ist geordnet wie auch das Reimschema beweist: V.7-11 Paarreim, V. 12-15 auch Paarreim und zum Abschluss Kreuzreim. Die Musik spielt weiterhin, "ergiebt sich nicht", doch die Tänzerin weiß, dass sie den Tanz (oder der Torrero den Stier) besiegt hat, sie stampft mit vielen schnellen und kleinen Schritten den letzten Widerstand aus, und auf ihrem Gesicht hat sich ein Siegerlächeln ausgebreitet. Auch Zustand nach unheimlicher Anspannung wenn man weiß, dass das, was man gerade geleistet hat, gut war.

Die Zäsuren, die vor allem im letzten Abschnitt mehrfach auftauchen, z.B. V.12 und 15, bauen Spannung auf. Die Alliteration in V. 17 "sieghaft, sicher unt mit einem süßen..." verdeutlicht den Sieg der Tänzerin über den Tanz. Hier auch noch mal ein Enjambement, das m.E. ebenfalls ihre Überlegenheit demonstriert.

Was den Vergleich und den späteren Übergang in die Metapher der Flamme angeht: Ich glaube, das dieser Vergleich sehr zutreffend gewählt ist. Eine gute Flamencotänzerin kann allein mit ihrer Mimik und exakten Bewegungen ihrer Arme eine Spannung auslösen, dass es wie bei einem Feuer in ihrer Umgebung "knistert". Wenn sie in ihrem Tanz ergriffen von der Musik ist, ihre Füße immer schneller auf den Boden hämmern, dann vergisst sie um sich herum die Zuschauer und merkt nur noch den Tanz. Wie eine Flamme, die man mit einem "Schwefelzündholz" anzündet und die sich langsam nährt und größer wird. Die Kontrolle über diese Flamme zu bewahren scheint dem Zuschauer oft nicht möglich - und doch, die Flamencotänzerin schafft es mit überheblichem Blick, denn sie weiß dass sie es kann.

Was haltet Ihr davon?

Noch eine Frage: Habt Ihr eine Erklärung warum in diesem Gedicht so viele "und" benutzt werden? Soll das einfach nur binden, aus den einzelnen Abschnitten ein Ganzes machen? Gibt es dafür eine Bezeichnung im Zusammenhang mit der Metrik?

Übrigens sprach ich die ganze Zeit von Abschnitten, denn ich glaube nicht, dass es sich hier noch um Strophen handelt. Strophen sind in der Regel ja gleichlang. Hier aber ist eigentlich jeder Abschnitt anders. V. 6 steht sogar ganz allein da, würde aber vom Reim her zum nächsten Abschnitt gehören. Oder was meint Ihr?

Ich bin wie immer über jede Kritik oder Idee glücklich, denn am 11.2. muss ich drei von meinen ausgesuchten zehn Gedichten in der Magisterklausur interpretieren. Bis dahin sammel ich jede Idee, die ich verwerten kann. Danke!

Viele Grüße vom
Flugentchen

Gast

Beitrag von Gast » 4. Feb 2005, 14:54

Einfach noch mal die Bitte, Euch meine Ideen anzuschauen und Eure Kritik loszuwerden... Danke!

Flugentchen

IchunddasMeer
Beiträge: 5
Registriert: 13. Jul 2007, 08:40

Beitrag von IchunddasMeer » 16. Jul 2007, 20:11

Für solche Fragen gibt's doch Herrn Schlawe und Herrn Frank :D

Schlawe, Fritz: die deutschen Strophenformen

Frank, Horst-Joachim: Handbuch der deutschen Strophenformen

Muss man doch gar nicht auswendig können ;-) Wer schlau ist, schlägt's nach und kann sich dann ganz sicher drauf berufen (gerade für die Prüfung und vor allem weil sich selbst die beiden Herren da nicht immer ganz einig sind :wink: )

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