Fragen zu "Die Insel"

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Miranda

Fragen zu "Die Insel"

Beitrag von Miranda » 17. Jan 2005, 19:50

Hallo,

ich probiere gerade eine Interpretation von "Die Insel". Zuerst dachte ich, das wäre ein Ding-Gedicht, aber nun hat mich der letzte Teil ziemlich verunsichert. Was meint Ihr: ist es ein Ding-Gedicht ?

Ich verstehe das Gedicht so, dass Rilke eine Insel beschreibt - im ersten Teil - und dann - im zweiten Teil - die Häuser auf der Insel jeweils wieder als Inseln für sich ... Es findet also eine Diminution statt (heisst das so ?). Was ich jetzt aber überhaupt nicht verstehe ist der dritte Teil des Gedichts :

...Nah ist nur Innres; alles andre fern.
Und dieses Innere gedrängt und täglich
mit allem überfüllt und ganz unsäglich.
Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern

welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört
in seinem unbewußten Furchtbarsein,
so daß er, unerhellt und überhört,
allein

damit dies alles doch ein Ende nehme
dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn
versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan
der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.


Ich stelle mir dabei das Weltall vor, aber wie passt das zur Insel vorher in dem Gedicht ?

Was bedeutet "Innres" ? Was bedeutet "unbewußtes Furchtbarsein"? Und der Schluss: "blindlings, nicht im Plan der Wandelsterne, Sonnen und Systeme" ?
Eine Insel hat doch eine bestimmte Lage - auf der Landkarte, oder?

Ich finde das alles sehr rätselhaft ...

Ich würde mich riesig freuen, wenn Ihr mir weiterhelfen könntet ?! Und noch etwas: Rilke schreibt "Die Insel" - meint er eine bestimmte Insel damit (in der Nordsee)?

Liebe Grüße von Miranda :lol:

stilz
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Beitrag von stilz » 19. Jan 2005, 12:34

Liebe Miranda,

ich wollte eigentlich warten, bis sich die "Experten" dazu melden --- denn ich weiß zB immer noch nicht recht, was eigentlich ein "Ding-Gedicht" ist, und ob man ein Gedicht anders zu verstehen hat, je nachdem, ob es ein Ding-Gedicht ist oder nicht, und schon gar nicht weiß ich, woran man das erkennen würde...

Aber ich fange dafür was an mit dieser dritten Strophe...

Also versuche ich mal:


Nah ist nur Innres

Diese Insel ist wie von der Umwelt abgeschnitten, das tägliche Leben findet nur in ihren beschränkten Grenzen und zwischen den auf ihr lebenden Menschen statt.

Und diese Menschen können nicht aus, daher
gedrängt, überfüllt, ... ganz unsäglich
und wie ein Stern, der zu klein ist für alles, was auf ihm Platz zu finden hat…

welchen der Raum nicht merkt…

Für die restliche Welt ist diese Insel nicht wichtig, sie liegt einfach ziemlich unbemerkt da, und was auf ihr vorgeht, kümmert keinen dort „draußen“. Insofern ist dieser "Raum" furchtbar, und das noch dazu unbewußt, denn er --- bzw "die dort draußen" hat/haben ja keine Ahnung, daß die Insel überhaupt da ist und durch dieses "Nichtbemerken" in gewissem Sinne "zerstört" wird...

Und diese kleine Insel und die auf ihr Lebenden entwickeln also ihre eigene „Verschrobenheiten“, abgekapset von der "Evolution" der restlichen Welt, wie ein Stern, der seine eigene Bahn erfindet, ohne seinen regulären Platz zu suchen „im Plan der Wandelsterne, Sonnen und Systeme“...


Ich habe dazu auch noch die Assoziation der Galapagos-Inseln, die Geschichte mit den Darwin-Finken, aber das ist wohl nur meine Assoziation, denn Rilke spricht eindeutig von der Nordsee...


wie gesagt, das alles ganz ohne Gewähr!

Dafür mit lieben Grüßen!

stilz


P.S.: Ich war noch nie an der Nordsee und habe nicht die geringste Ahnung, ob es dort wirklich so ist oder war!

e.u.
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Beitrag von e.u. » 19. Jan 2005, 15:00

Hallo,
nur zu einem Detail der Frage:
Rilke war vom 15-17. Juni 1902 auf die Nordseelinsel (eigentlich eine Hallig) Pellworm und besuchte dort seine Frau. Er kam von Schloss Haseldorf an der Unterelbe - also ein kleiner Ausflug.
Wenn die Entstehungszeit des Gedichts nicht dagegen sprechen sollte, wäre das als Hintergrund denkbar.
Rilke gefiel es offensichtlich so gut auf Pellworm, dass er im Jahr darauf noch eine Postkarte an seinen Gastwirt schrieb.
Natürlich hat diese Auszeichnung die Pellwormer nicht ruhen lassen. Es gibt dazu seit dem letzten Jahr auch eine Publikation:

Rilke auf Pellworm,
Autor: Brigitta Seidel
Von Zeitschrift: De Pellwormer : monatliches Heimatblatt der Nordseeinsel Pellworm. Ausgabe vom 30.Juli 2004.

und:

Leserbrief zum 100.Geburtstag von Blohms Gasthof.
Autor: Heiko O.M.Peters
Von Zeitschrift: De Pellwormer : monatliches Heimatblatt der Nordseeinsel. Ausgabe vom 3.4.2004 .

Ob Rilke allerdings auf Anregung von Detlev von Liliencron auf die Insel gekommen ist, daran habe ich doch etwas Zweifel.
Aber es soll dort sehr schön sein.
e.u.

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Beitrag von gliwi » 19. Jan 2005, 19:00

Hallo Miranda,
du hast recht, diese Ausweitung ins Weltall lässt einen erst mal dran zweifeln, ob es sich um ein Ding-Gedicht handelt. Aber wenn wir genau hinsehen, ist das ja nur ein Vergleich, umd die Insel zu beschreiben: "Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern...". also würde ich meinen: ein Ding-Gedicht.
Und nun für Stilz die Definition eines Ding-Gedichts: In einem Ding-Gedicht geht es darum, den gewählten Gegenstand, der auch ein Tier sein kann oder eine Stadt usw., so genau wie möglich zu beschreiben. Ein Ding-Gedicht befasst sich nicht mit Philosophie, den Problemen der Künstler-Existenz, sonstigen existenziellen Fragen, der Dicht-Kunst und was sonst noch so Lyrik-Themen sind. Nehmen wir als Beispiel mein Lieblingsdinggedicht, die "Blaue Hortensie". Das Hortensienblau ist ein besonderer Farbton. Diesen Farbton beschreibt Rilke in dem Gedicht mit ganz ungewöhnlichen, treffenden Vergleichen: " ...wie in alten Briefpapieren / ist Gelb in ihnen, Violett und Grau..." , "Verwaschnes wie an einer Kinderschürze..." . Ja, genau so sehen sie aus, und niemand hat das je so gesagt wie Rilke. Aber in diesem Gedicht geht es nur darum und um sonst gar nichts.
Gruß
gliwi

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Anna B.
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Beitrag von Anna B. » 21. Jan 2005, 12:32

Hallo e.u.,

Wir haben oft auf Pellworm Ferien gemacht als Familie . Es ist wirklich wunderschön dort . Allerdings finde ich in Rilkes Gedicht nichts , was speziell an Pellworm erinnert wie die Alte Kirche oder die Mühle ... Vielleicht ist es auch deswegen ein Ding-Gedicht ?!

Wir sind mehrere Jahre immer wieder in den Sommerferien hingefahren . Das ist jetzt fast 30 Jahre her und inzwischen soll die Insel sehr viel mehr touristisch überlaufen sein ...

Liebe Grüße an alle von Anna :lol:

ps.: und das mit den Stöckchen und Hölzchen , da hast Du natürlich Recht ... Nichts für ungut :lol: Anna :lol:

Miranda

Beitrag von Miranda » 23. Jan 2005, 13:05

Hallo,

danke für Eure interessanten Antworten . Ich sollte auch wirklich mal an die Nordsee fahren, um mir einen Eindruck von den Inseln dort zu verschaffen !
Und, was ein Ding-Gedicht ist habe ich jetzt auch gelernt !

Danke und liebe Grüße von Miranda :lol:

Gast

Beitrag von Gast » 26. Jan 2005, 15:26

Mit der Interpretation von der Insel will ich mich auch noch befassen. Nur noch so viel: Wie schon gesagt ist es definitiv die Nordsee. Das ist nämlich auch der Untertitel: Die Insel - Nordsee. Zumindest steht das so in "Die Gedichte" insel taschenbuch.

Miranda, enn Du noch mehr Ideen hast, die Du wichtig findest, könntest Du die nicht auch hier reinsetzen? Für mich ist dieses Gedicht nämlich auch in vielem noch nicht klar. Allerdings bin ich derzeit noch mit dem Panther und dem Liebes-Lied beschäftigt... Danach kommen dann die anderen Gedichte dran. Brauche ich für die Magisterprüfung.

Viele liebe und schonmal dankende Grüße

Flugentchen

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Beitrag von Flugente » 26. Jan 2005, 16:20

Sorry, da war ich wohl irgendwie nicht angemeldet. Warum? Schleierhaft, denn abgemeldet hatte ich mich auch nicht... *grübel*

Flugentchen

Miranda

Juist

Beitrag von Miranda » 26. Jan 2005, 22:50

Hallo,

also - eine Kollegin ist ganz begeistert von Juist 8) - war schon viermal dort. Hat sie heute in der Mittagspause erzählt und auch im Winter soll es dort sehr schön sein ... :lol: !

Was mir noch aufgefallen ist, ist der Perspektivwechsel in dem Gedicht. Mir kommt es so vor, als ob jemand mit einer Filmkamera immer näher an die Insel heranfährt , so eine Art Zoom vom ersten in den zweiten Teil . Man sagt ja auch, in Holland gucken sich die Leute gegenseitig in die Teetassen ... Das Schaf am Ende des zweiten Teils finde ich ganz lustig und auch der Blick auf den Hafen, die Träume von der weiten Welt. Ist das nicht die Verbindung zur Außenwelt - auch wenn am Anfang die Flut den Weg ins Watt verwischt ? Im dritten Teil kommt es dann wieder in eine andere Perspektive - eine Überblendung, Entfernung ... Mit den Fachtermina kenne ich mich da nicht so genau aus . Man könnte es aber vielleicht auch umgekehrt sehen: ein Stern ist wie eine Insel im weiten All... ?

Das erstmal wieder ein paar Gedanken von mir dazu. Vielleicht kann ja jemand noch mehr dazu schreiben? Es gibt sicher auch Küstenbewohner hier im Forum ? Und wie ist es denn an der Ostsee ?

Viele Grüße von Miranda :lol:

Paula
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Beitrag von Paula » 26. Jan 2005, 23:29

Hallo,

mal ein bisschen weg von dem Gedicht - aber immer noch auf Pellworm...

Mich interessiert die Frage: steht R.M. Rilke in irgendeinem Zusammenhang mit Detlev von Liliencron , der Hardesvogt auf Pellworm war 1882 und bereits erste Großstadtlyrik schrieb wie "Der Broadway in New York" ? Hat er seine Texte gekannt ?

Viele Grüße von Paula :lol:

Barbara
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Rilke und Liliencron

Beitrag von Barbara » 27. Jan 2005, 23:35

Hallo Paula,

am 17.August 1924 in Chateau de Muzot sur Sierre, Valais schreibt Rainer Maria Rilke an Herrmann Pongs u.a.:

"...Die stärkste Hand aber, die ich festhalten durfte, hatte sich mir vom Norden herübergereicht, und während ich sie nicht losließ, mag ich mich redlich gerühmt haben. Ich werde nie vergessen, daß es Detlev von Liliencron war, der mich als einer der Ersten zum unabsehlichsten Vorhaben ermutigte -, und wenn er, gelegentlich, seine kordialen Briefe mit der generösen Überschrift versah, die, laut gelesen, lautete: "Mein herrlicher Renè Maria", so kam es mir vor, (und ich strengte mich an, meiner Familie diese Überzeugung anzubieten), als ob ich in dieser Zeile die verläßlichste Anweisung auf kühnlichste Zukunft besäße!

Übrigens der dichterische Einfluß des Liliencronschen Werkes muß sich doch auch in mir sehr eindringlich ausgewirkt haben; auf der einen Seite er, auf der anderen Seite Jacobsen, hatten mir in meiner Unreife und Ausgeschlossenheit, zuerst anvertraut, wie es möglich sei, von dem Nächsten unter allen Umständen vorhandenen Dingen aus den Absprung ins Weiteste zu nehmen; und wie man an ihm sich spannen konnte zur Erfahrung jenes wunderbaren Selbstgefühls, darin das höchst unsicher eigene Ich einen Beziehungswert bekam, der entscheidender schien als jede mögliche Anerkennung.

Was aber J.P. Jacobsen angeht, so hab ich auch später noch, durch viele Jahre, so Unbeschreibliches an ihm erlebt, daß ich mich außerstande sehe, ohne Betrug und Erfindung festzustellen, was er mir in jenen frühesten Jahren mochte bedeutet haben. Noch weit in die Pariser Zeit hinein, war er mir ein Begleiter im Geiste und eine Gegenwart im Gemüt -; daß er nicht mehr lebte, schien mir zuweilen eine unerträgliche Entbehrung zu sein, aber gerade diese seltsame Nötigung, ihn noch gekannt zu haben, erzog in mir frühzeitig die Freiheit und Offenheit nach den Verstorbenen zu; eine Einstellung, die dann gerade in seiner, Jacobsens Heimat und in Schweden die wunderlichste Bestärkung erfahren sollte..."

Bestimmt gibt es noch viele weitere Anmerkungen und Beiträge zu diesem Thema ...

Und sicher gibt es auch zu dem Gedicht "Die Insel" von Rainer Maria Rilke noch Einiges zu ergänzen ...

Liebe Grüße von Barbara :lol:

Fritz
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Beitrag von Fritz » 1. Jun 2005, 17:01

Hallo,

dieses passt auch hierhin :lol: :

DIE VOR UNS UND - WIR

"Licht übers Land -
Das ists, was wir gewollt"
1884, Jens Peter Jacobsen
.

Die vor uns liebten das Grollen
Der Stürme in schauernden Schluchten,
der Berge gigantisches Wuchten,
des Wildbachs flutende Fluchten
und das stöhnende Sterben der tollen
Wogen in bangen Buchten.


Anders ist, was wir wollen:

Weit in die Lande schauen
Bis an den Himmelssaum,
einer Blonden vertrauen
einen lieben Traum,
lichte Wege erkiesen
durch den dämmernden Hain
und in wartenden Wiesen
wie in der Heimat sein.
Immer leiser werden
Und immer weiter gehn,
und des Gartens Gebärden
und seine Stille verstehn.

RMR

Und gerade habe ich meinen Urlaub bestätigt bekommen - endgülig !!! Juchhu - es kann also bald losgehen !!!

Fritz :lol:

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Anna B.
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Beitrag von Anna B. » 1. Jun 2005, 20:31

Hi Fritz,

... na: reif für die "Insel" :wink: :roll: ???

Grüße Dich, Anna :lol:

Mona
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Beitrag von Mona » 15. Dez 2006, 19:35

Juch-Hu: Endlich Weihnachts"FERIEN" !!!
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

Mona
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Beitrag von Mona » 1. Jul 2007, 16:29

Na, Weihnachtsferien sind ja schon lange vorbei :lol: ! So langsam nahen die Sommerferien und bestimmt reisen wir zu den Inseln , wenn auch nicht gleich zu den Einsamen :lol: ...

Ich hätte eine Frage zu Rilkes Insel-Gedicht, wo es um drei - oder eine drei-geteilte - Inseln geht, die doch irgendwie auch zusammenhängen. Hat Rilke das Insel-Gedicht als Eines geschrieben oder jedes Eiland für sich ? Was macht der, dem nur die mittlere Insel bekannt ist ? Na ja, die Frage kommt aus Bayern, was tatsächlich etwas weit von den Inseln weg ist :wink: !

Mona :lol:
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

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