Versmaß "Die Kathedrale"

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Flugente
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Versmaß "Die Kathedrale"

Beitrag von Flugente » 31. Jan 2005, 18:27

Ähm, sorry, sollte ich langsam nerven, in zwei Wochen seid Ihr mich mit diesen Fragen los *grins*...

Ich versuche mich an der Kathedrale, die vom Inhalt bis auf Kleinigkeiten klar ist. Aber auch hier wieder die Frage nach dem Versmaß (warum musste Rilke eigentlich immer was anderes einbauen?! ;) ). Ganz abgesehen vom Reimschema, das ja nun wirklich alles andere als gleichmäßig ist, vor allem im letzten Abschnitt!

Eigentlich 5-hebiger alternierender Jambus. Aber was ist mit V. 7-9?!

"dieweil sie ruhig immer in dem alten
Faltenmantel ihrer Contreforts
dasteht und von den Häusern gar nichts weiß:"

Warum wieso weshalb ist die Betonung nun so?! Um diesen Teil von der Stadt und der Beschreibung abzuheben? Und wie muss ich das nun benennen?

Dann die Frage warum in V. 16 "Das Geschick" und in V. 19 "Das" groß geschrieben wird.

Zudem vestehe ich den Inhalt zum Teil nicht:
Was ist gemeint mit "Da war Geburt in diesen Unterlagen"? Verstehe ich diesen Vers und die folgenden drei richtig, wenn es um die kirchlichen Unterlagen geht, in denen Taufen, Hochzeiten usw. festgehalten werden? Was soll das bedeuten?

Die meisten Probleme habe ich mit der Interpretation der letzten drei Verse. Bisher erschließt sich mir da gar nix. Wieso "Türme, welche voll Entsagen auf einmal nicht mehr stiegen"? Türme, die nicht mehr stiegen... Das verstehe ich nicht.

Ich danke Euch schon jetzt für Eure Tipps! Meine Güte bin ich froh wenn ich meinen Abschluss habe! Trotz allem macht Rilke Spaß, aber ich merke, dass ich nie Gedichte interpretieren musste...
Ich glaube, ich mache jetzt Feierabend. Ich habe seit elf Uhr heute Morgen "Die Erblindende", "Das Karussell", "Spanische Tänzerin" und "Die Kathedrale" bearbeitet. Es reicht glaube ich *gäääähn*....
Flugentchen

gliwi
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Beitrag von gliwi » 31. Jan 2005, 22:38

Hallo Flugentchen,
das mit den Geburten verstehe ich auch so wie du. Was "dasteht" anbetrifft, so frage ich mich, ob die Edition zuverlässig ist? vielleicht hat R.ja geschrieben: "da steht", dann würde es nämlich passen. Aber das können wir jetzt wahrscheinlich auf die Schnelle nicht rauskriegen. Sonst würde ich munter interpretieren: Das ist gerade das Sperrige an diesen großen Kathedralen, was er damit ausdrückt. Warum schreibt er "Das"groß? um deutlich zu machen, das es das Das ist, das er drei Verse weiter wieder aufnimmt? Na, sonst ist er auch nicht so didaktisch - ich weiß es nicht. Die Türme - vielleicht eine Anspielung auf Beauvais, das ja zu hoch geplant war und wo bei der Ausführung sich gezeigt hat, dass eine so hohe Kathedrale statisch nicht möglich ist. Sie wurde dann unvollendet stehen gelassen, d.h., der Turm konnte nicht so hoch steigen, wie es die Menschen eigentlich wollten. Aber irgendjemand hier weiß sicher, auf welche konkrete Kathedrale sich dieses Gedicht bezieht, und dann könnte vielleicht der Anblick hilfreich sein.
Gruß
Christiane

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Volker
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Die Kathedrale

Beitrag von Volker » 3. Jun 2005, 00:08

Welche Kathedrale gemeint war?

Gefühlsmäßig würde ich zwar auf Chartres tippen, deren einer Turm ja auch nicht vollendet bzw. ganz anders fertiggebaut wurde.
Aber ich glaube, nicht eine bestimmte, sondern irgendeine Kathedrale "in jenen kleinen Städten" war gemeint.

Soweit meine fünf Pfennig.

Gruß
V.

Georg Trakl jun.

Trochäischer Jambus mit exponierter Hebe

Beitrag von Georg Trakl jun. » 8. Aug 2005, 22:40

Leider haben die meisten Produzenten und Konsumenten von Gedichten ebenso wie unsere gute Redaktrice Gliwi heute nur noch wenig Ahnung für die klassischen poetischen Mittel von Reim und Versmaß. Dies rührt daher, dass Gedichte oft nur noch wie Prosatexte gelesen werden. Wird dagegen ein Gedicht laut vorgetragen, merkt jeder sofort den Unterschied zum freien Vers. Versmaß und Reim verleihen dem Gedicht erst Rhythmus und Klang, während sich ein modernes Gedicht mit freiem Vers wie ein schlichter Prosatext anhört. Reim und Versmaß im Gedicht verbinden Sprache und Musik miteinander - eine Eigenschaft, die dem freien Vers völlig fehlt. Dabei kommt dem Versmaß, das den Rhythmus erzeugt, eine noch größere Bedeutung als dem Reim zu.
Eine Gefahr darf allerdings nicht verschwiegen werden. Gesucht wirkende Reime und holpriges Versmaß lassen ernst gemeinte inhaltliche Aussagen schnell in die Lächerlichkeit abgleiten. Deshalb sollten diese klassischen Kunstmittel nur von Dichtern eingesetzt werden, die sie auch beherrschen. Gekonnt angewandt öffnen nämlich Reim und Versmaß das Tor zum vollkommenen Kunstgenuss.
Natürlich dürfen Versmaß und Reim nicht zum unumstößlichen Dogma erhoben werden. Der Verzicht auf diese klassischen poetischen Mittel ist dann gerechtfertigt, wenn die inhaltliche Aussage eindeutig im Vordergrund steht. Allerdings sollte vorher die Frage beantwortet werden, ob ein Prosatext nicht die geeignetere Form wäre. Erst wenn die Dominanz des Inhalts mit der Notwendigkeit einer verdichteten oder schlaglichtartigen Darstellung zusammenfällt, erscheint die Wahl des freien Verses sinnvoll.

Fazit also: Das Versmaß ist äußerst unerheblich, wirklich wichtig ist, was uns das Gedicht bzw. der Autor desselben sagen will! Merk's Wien!

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