Rilke's French Rose Poems (Die Rosen)

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Rilke's French Rose Poems (Die Rosen)

Beitrag von Rilke Fan » 11. Jun 2003, 05:01

Hello everyone!

I thought I'd start a new topic so all of Rilke's French Rose poems will all be together. Here are the first three (the rest are yet to follow). If anyone has any suggestions for how the English translations (by A. Poulin, Jr.) might be improved (in accordance with the German translations), I'd love to hear your suggestions.

I

Wenn deine Frische uns manchmal so sehr erstaunt,
glückliche Rose, so deshalb, weil in dir selbst, innen,
Blütenblatt gegen Blütenblatt, du dich anruhst.

Ganz waches Zusammenwirken, dessen Mitte schläft,
während, unzählige, die Zärtlichkeiten dieses verschwiegenen
Herzens sich berühren, die münden in den äußersten Mund.


If we’re sometimes so amazed
by your freshness, happy rose,
it’s that deep inside yourself,
petal against petal, you’re in repose.

Fully awake while their center’s slept
who knows how long, this silent
heart’s tendernesses touch,
converge into an urgent mouth.


II

Ich sehe dich, Rose, halb geöffnetes Buch,
das so viele Seiten im einzelnen aufgeführten Glücks enthält,
das man nie lesen wird. Zauber-Buch,

das sich dem Wind öffnet und das mit geschlossenen Augen
gelesen werden kann . . . , aus dem die Schmetterlinge heraus-fliegen,
verwirrt, die gleichen Gedanken gehabt zu haben.


I see you, rose, half-open book
filled with so many pages
of that detailed happiness
we will never read. Magus-book

opened by the wind and read
with our eyes closed . . . ,
Butterflies fly out of you, stunned
for having had the same ideas.


III

Rose, du, O vollzähliges Ding schlechthin,
das sich unendlich enthält und sich unendlich verströmt,
O Haupt eines durch zuviel Süße abwesenden Körpers,

nichts wiegt dich auf, O du, äußerste Essenz
dieses schwebenden Aufenthalts; in diesem Raum der Liebe,
wohin man kaum vordringt, macht dein Duft die Runde.


Rose, O you completely perfect thing,
always self-contained and yet
spilling yourself forever – O Head
of a torso with too much sweetness missing,

nothing’s your equal, O you, supreme
essence of this fragile place;
your perfume is the very seam
of this love-space we barely penetrate.

Gruß, Linda
Zuletzt geändert von Rilke Fan am 11. Jun 2003, 21:01, insgesamt 1-mal geändert.

Rilke Fan
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Beitrag von Rilke Fan » 11. Jun 2003, 21:00

Bild

"Ich sehe dich, Rose, halb geöffnetes Buch,
das so viele Seiten im einzelnen aufgeführten Glücks enthält,
das man nie lesen wird." Rilke

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Beitrag von Rilke Fan » 11. Jun 2003, 21:04

IV

Wir sind es doch, die dir vorgeschlangen haben,
deinen Kelch zu füllen.
Entzückt von diesem Kunstgriff
hatte dein Überfluß es gewagt.

Du warst reich genug, um hundertmal
du selbst zu werden in einer einzigen Blume;
das ist der Zustand dessen, der liebt . . .
Aber du hast nirgendshin gedacht.


Surely it was us who encouraged
you to refill you calyx.
Enchanted by such artifice,
your abundance found its courage.

You were rich enough to be yourself
a hundred times in just one flower;
that’s the condition of the lover . . .
But you never did think otherwise.


V

Hingabe umgeben von Hingabe,
Zärtlichkeit, die an Zärtlichkeit rührt . . .
Es ist dein Inneres, das ohne Unterlaß
sich liebkost, könnte man meinen;

sich in sich selbst liebkost,
durch sein eigenes geklärtes Spiegelbild.
So erfindest du das Motiv
des erhörten Narziß.


Abandon surrounds abandon,
tenderness touches tenderness . . .
You’d think your center would caress
itself on and on and on . . .

Caress itself in itself and seem
to glow with its own image.
Thus you invent the theme
of the fulfilled narcissus.

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Volker
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Beitrag von Volker » 11. Jun 2003, 23:32

Hi Linda,
Congratulations! You made it. (Posting pictures). Beautiful rose you selected. :D
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

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Beitrag von Rilke Fan » 13. Jun 2003, 02:24

VI

Eine Rose allein, das ist alle Rosen
und diese hier: das unersetzliche,
das vollkommene, das anpassungsfähige Wort,
umrahmt von dem Text der Dinge.

Wie jemals sagen ohne sie,
was unsere Hoffnungen waren,
und die zarten Pausen
im beständigen Aufbruch.


A single rose is every rose
and this one: irreplaceable,
perfect, a supple vocable
by the text of things enclosed.

Without her, how can we ever
talk about what our hopes were,
about the tender intervals
in this perpetual departure.


VII

Wenn ich dich, frische klare Rose,
gegen mein geschlossenes Auge halte –,
so könnte man meinen, es wären tausend
übereinander gelegte Lider

gegen das meine warme.
Tausend Schlafe gegen meine Tarnung,
unter der ich umherstreife
in dem duftenden Labyrinth.


Bright cool rose leaning
on my eye that’s closed,
like a thousand eyelids
superimposed

on mine that’s warm.
A thousand sleeps against
this counterfeit in which I roam
in a fragrant labyrinth.


VIII

Von deinem übervollen Traum,
innen vielzählige Blume,
feucht wie eine Weinende,
neigst du dich über den Morgen.

Deine zarten Kräfte, die schlafen,
in einem unbestimmtem Begehren,
bilden diese sanften Formen
zwischen Wangen und Brüsten.


Overflowing with your dream,
flower with so many others deep
inside, wet as one who weeps,
you lean against the dawn.

In a precarious wish,
your gentle sleeping powers
shape those very tender
forms of cheeks and breasts.

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Beitrag von Rilke Fan » 13. Jun 2003, 06:22

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Beitrag von Rilke Fan » 13. Jun 2003, 16:32

IX

Rose, ganz glühende und dennoch klare,
die man Reliquiar der Heiligen Rose nennen müßte . . . ;
Rose, die diesen verwirrenden Duft
einer nackten Heiligen verströmt.

Rose, nie mehr in Versuchung geführte,
verwirrend durch ihren inneren Frieden;
äußerste Liebende, so weit von Eva,
von ihrer ersten Bestürzung –,
Rose, die den Verlust unendlich besitzt.


Rose, so clear and yet so fiery
that we should call you reliquary
of Saint Rose . . . ; rose, you dispense
this troubling odor of a naked saint.

Rose never tempted again, disconcerter
by your inner peace; ultimate lover,
so far from Eve, from her first call –
rose infinitely holding the fall.


X

Freundin aus Stunden, wo kein Sein bleibt,
wo alles sich dem bitteren Herzen verweigert;
Trösterin, deren Gegenwart so vile Zärtlichkieten bezeugt,
die in der Luft schweben.

Wenn man sich vom Leben lossagt,
wenn man verleugnet,
was war and was kommen kann,
denkt man da jemals genug an die beharrliche Freundin,
die neben uns ihr Feenwerk tut.


Friend of hours when no one remains,
when all’s refused to the bitter heart;
comforter whose presence attests
to such caresses floating in the air.

If we refuse to live, if we renounce
what was and what may happen still,
we never think enough of this tenacious friend
who’s next to us, at work on miracles.

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Beitrag von Volker » 13. Jun 2003, 20:07

Hopefully, here is the picture Linda wanted to post:

Bild
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

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Beitrag von Rilke Fan » 17. Jun 2003, 18:06

XI

Ich habe solch ein Bewußtsein deines Wesens,
vollzählige Rose,
daß meine Zustimmung
dich mit meinem feiernden Herzen verwechselt.

Ich atme dich ein, als wenn du, Rose,
das ganze Leben wärst,
und ich fühle mich als der vollkommende
Freund einer solchen Freundin.


I’m so conscious of your being,
total rose,
my assent’s confusing
you with my celebrating heart.

Rose, I breathe you in as if
you were all of life,
and I feel I am the perfect
friend of such a friend.

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rosethorns

Beitrag von Volker » 17. Jun 2003, 23:12

Hi Linda,

here is the rosethorns picture.
I also copied the text from your webpage, I hope it's OK with you.

----------------------------------------------------------------------------------------

XII

Rose, against whom
did you assume
those thorns?
Did your too delicate
joy force you
to become that armed thing?

But from whom does this
extravagant weapon protect
you?  How many enemies
stole off with you
because they weren't afraid of it?
Instead, from summer to autumn
you wound the attention
that's poured over you.

(Translated by A. Poulin, Jr)

Bild


Contre qui, rose,
avez-vous adopté
ces épines?
Votre joie trop fine
vous a-t-elle forcée
de devenir cette chose
armée?

Mais de qui vous protège
cette arme exagérée?
Combien d'ennemis vous ai-je
enlevés
qui ne la craignaient point.
Au contraire, d'été en automne,
vous blessez les soins
qu'on vous donne.



Gegen wen, Rose,
hast du diese Dornen
angenommen?
Deine zu feine Lust,
hat sie dich zu dieser
Bewaffnung gezwungen?

Aber vor wem nur
soll diese Wehr dich schützen?
Wieviele Feinde habe ich dir
abgenommen,
die nicht fürchteten deinen Stich.
Im Gegenteil, von Sommer bis Herbst
verletzt du die Sorgfalt,
die man dir schenkt.


übersetzt von Volker - er kann's nicht lassen :wink:
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

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Beitrag von Rilke Fan » 19. Jun 2003, 17:18

XIII

Ziehst du es vor, Rose, die glühende Begleiterin
unserer gegenwärtigen Leidenschaft zu sein?
Gewinnt Dich die Erinnerung mehr (für sich),
wenn ein Glück sich wiederholt?

So oft habe ich dich gesehen, glücklich und getrocknet
– jedes Blütenblatt ein Leichentuch –
in einem duftenden Kästchen, neben einer Haarlocke,
oder in einem geliebten Buch, das man wieder lesen wird, allein.


Rose, do you prefer to be the ardent friend
of our present ecstasy?
Or are you won over more by memory,
when one joy’s relived again?

How often I have see you, happy, parched
– each petal a shroud –
in a fragrant box, next to a match,
or in a favorite book re-read alone out loud.


XIV

Sommer: für ein paar Tage
der Zeitgenosse der Rosen sein;
atmen, was um ihre augeblühten Seelen schwebt.

Aus jeder, die dahinstirbt,
eine Vertraute machen
und diese abwesende Schwester
in anderen Rosen überleben.


Summer: for a few days being
the contemporary of roses;
to breathe what’s floating
around their hearts in bloom.

To make each dying one
a confidante,
and to survive this sister in
other roses that are absent.


(All English poems translated by A. Poulin, Jr. unless otherwise noted)

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