Interpretation Erinnerung und Der Ball

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Gast

Interpretation Erinnerung und Der Ball

Beitrag von Gast » 6. Dez 2002, 13:49

Kann mir jemand für eine Matur die zwei folgenden Gedichte erklären:

Kindheit

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen...
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen
und auf den Plätzen die Fontänen springen
und in den Gärten wird die Welt so weit -.
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen -:
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
o Einsamkeit.

Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ein Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen -:
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
o Tiefe ohne Grund.

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt -:
O immer mehr entweichendes Begreifen,
o Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -:
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
Wohin? Wohin?


und

Der Ball

Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freiläßt -, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.


Ich bin total Rilke-unerfahren und habe Mühe, diese Gedichte zu interpretieren.

gliwi
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Beitrag von gliwi » 6. Dez 2002, 21:05

ja, was erwartest du jetzt? dass dir jemand eine vielsetige Interpretation in dietasten haut, mit reimanalyes, metrum und allem? ß und möglichst noch einer kurzbiografie zu rilkes kindheit(die braucht man nämlich fürs erste gedicht)? jetzt nimm einfach mal deineliteraturgeschichte zur hand(was ist heute los hier, es stimmt was mit dem Curser nicht,ich kann fehler nicht richtig verbessern) und informiere dich über Rilke und über "Dinggedicht", denn das zweite ist ein solches(. fertige hausaufgaben gibt es auf anderen seiten.) Wenn du dann ein paar ideen zu den gedichten hast, dann melde dich wieder, dann findest du bestimmt leute, die das mit dir diskutierenoder konkrete fragen beantworten. nur mut! es ist leichter als du denkst. gruß
ch.r.

Gast

Beitrag von Gast » 7. Dez 2002, 20:00

Zum Gedicht der Ball:
Ich weiss, was ein Dinggedicht ist, habe auch keine Probleme mit Metrum, Reimen, etc.
Das Ganze stellt eine Bewegung eines Balles dar, der aus zwei Händen steigt, am Höhepunkt sich wendet und dann sinkt züruck in den "Becher hoher Hände"
Aber was ist gemeint mit:
1.) zu wenig Ding und doch noch Ding genug
Warum gibt der Ball das Warme ab im Fliegen, was ist mit "sein Eigenes" gemeint, warum ist das Warme zu wenig Ding und doch Ding genung
2.) Was genau gleitet in uns ein? und warum?
3.)sie ordnend wie zu einer Tanzfigur: Was bedeutet dieser vers?
Was ist die Gesamtaussage des Gedichts? Ist der Ball Symbol für etwas (vgl. Karussell, Panther, Flamingos)

gliwi
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Beitrag von gliwi » 7. Dez 2002, 23:57

Hallo, unbekannter Gast, das ist doch schon eine ganz andere Azsgangsbasis.
Da steige ich gern ein. Nehmen wir mal die Tanzfigur. Wenn man die position des Balls einnimmt, wird das klar: Von hoch obenkönnte das zusammenlaufen der Menschen unten, die ihn auffangen wollen, wie eine Menuettfiguraussehen.
Was die Symbolik angeht, teile ich die Ansicht derjenigen, die sagen, die Dinge
in den dinggedichten stehen für sich und sind eben gerade keine Symbole für etwas anderes. Sonst wären es ja keine Dinggedichte mehr. Aber es gibt auch andere Auffassungen.
Beim nachdenken über deine Fragen kommen mir Einfälle, die nicht direkt antworten, aber die Sache doch witerbringen könnten: Wenn der Ball von den Menschen geworfen wird, dann führt er das aus, was sie ihm mitgeben, den Wurf, und dann hat er auch noch die Wärme ihrer Hände. Dann kommt der Scheitelpunkt, und das stellt Rilke jetzt so dar, als würde der Ball selbst ihn bestimmen. Von da an ist er nur noch den physikalischen Kräften unterworfen,
er hat jetzt die Wärme der Hände und die Kraft des Wurfs"fortgegeben" und "freigelassen" und fällt, aber nicht irgendwohin, sondern da, wo er erwartet wird. Ball und Spieler bedingen einander.
Zu dem "Eingleiten" fällt mir nichts ein, da müssen richtige RilkekennerInnen
ran. Ich kannte dieses Gedicht noch gar nicht.Gruß Christiane R.

andreas
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Kindheit

Beitrag von andreas » 14. Dez 2002, 15:07

Hallo Christiane (und alle Interessierten)
I. Was ist denn für dich alles autobiographisch in dem Gedicht Kindheit? Ich habe es in keiner Biographie (mit einer vernünftigen Länge) genau herauslesen können.Kann es nicht sein, dass Rilke diese Art der Kindheit für normal hält?
II. Hat dieser Vers mit den vielen Wiederholungen eine zentrale Bedeutung oder hat Rilke ihn nur aus sprachlichen Gründen so gewählt?Vers: Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
III. Was glaubst du, meint Rilke mit diesem Vers: blind und verwildert in des Haschens Hast?
IV. Was glaubst du, meint Rilke mit diesem Vers: O immer mehr entweichendes Begreifen?
V. Warum will Rilke (oder das lyrische Ich) sein Segelschiff vergessen?
VI. Wohin? Wohin? Spricht Rilke damit an, dass die Kindheit einem jeden einmal entschwindet oder eine Art Orientierungskrise?

gliwi
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Beitrag von gliwi » 14. Dez 2002, 23:51

Hallo,
ich gestehe, dass ich noch gar keine Biografie gelesen habe. Aber eines weiß ich sicher, dass nämlich Mutter Rilke dem Jungen nicht gerecht geworden ist. Sie wollte ihn nach ihren Vorstellungen formen, wer er war, hat sie nicht interessiert. Dazu "Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein" - da steht das alles drin. Dass er das nicht normal fand, entnehme ich der Zeile"ganz andersals die andern gehn und gingen-:" "Blind und verwildert..." sowie "es zu vergessen..." könnten Momente der Selbstvergessenheit im Spiel ausdrücken,
eine Selbstvergessenheit, die in der dritten durch die Erwachsenen aufgehoben wird - "fest angefaßt...", in der vierten aber durch ihn selbst, wenn er an das "kleine bleiche Gesicht" denkt. Das "entweichende Begreifen" beziehe ich ebenso wie die "entgleitenden Vergleiche" darauf, dass er mit zunehmendem Alter seine Kindheit immer weniger versteht Folglich würde das "wohin" danach fragen, wohin einem die eigene Kindheit entgleitet. Das erinnert mich an mein liebstes Hofmannsthal-Gedicht, die Terzinen über die Vergänglich-
keit, in dem er über sich als Kind sagt:"...mir wie ein Hund unheimlichc
stumm und fremd..." Zum Rest fällt mir nichts ein. Gruß Ch.R.

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