wo... ?

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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.Sabine.
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wo... ?

Beitrag von .Sabine. » 15. Sep 2005, 20:53

Hi,

... wo - sich "Hase und Igel gute Nacht sagen" - am Rande der Welt ? Im Nirgendwo irgendwo ? Im Dunkeln Bahn fahren , mit dem Dschungel-Express ? Dort, wo die Welt aufhört, wo es nicht mehr weitergeht ? Zumindest mal so gedacht , mitten in der Nacht ... ? Mut gehabt ? Wieder gelacht ? Nachgedacht ?

Ach, mir ist heute so nach Reimen zumute ...

Aber: gibt es dazu auch ein Gedicht von Rilke ?

Sabine :lol:

Paula
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Beitrag von Paula » 16. Sep 2005, 15:22

Hallo Sabine,

...In diesem Dorfe steht das letzte Haus
so einsam wie das letzte Haus der Welt.

Die Straße, die das kleine Dorf nicht hält,
geht langsam weiter in die Nacht hinaus.

Das kleine Dorf ist nur ein Übergang
zwischen zwei Weiten, ahnungsvoll und bang,
ein Weg an Häusern hin statt eines Stegs.
....


aus dem "Buch der Pilgerschaft" von R.M. Rilke

Paula :lol:

.Sabine.
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Beitrag von .Sabine. » 16. Sep 2005, 23:02

Hallo,

Manchmal steht einer auf beim Abendbrot...

Noch auf dem Wege sucht er einen Pfad . ... Es lockt ihn wildes, weites Land, die Ferne, die er schon geahnt ... Läßt Haus und Hof weit hinter sich - und findet: einen "Goldnen Ring" :lol: .

Was bedeutet Heimat für Rilke ? Ich habe die Weite Russlands und auch die Armut dort gesehen... Kann ich zu Hause ankommen und doch unterwegs sein ? In Gedanken bin ich immer noch dort...

Sabine :lol:
"Ich lerne sehen.... " (Rainer Maria Rilke)

Paula
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Beitrag von Paula » 17. Sep 2005, 17:39

Hallo Sabine,

ja - es ist ein langer Weg, manchmal ! Und oft schweift man ab in Gedanken an andere Orte. Mir geht das immer so nach einer Urlaubsreise. Wenn ich dann - nach Jahren - noch einmal alte Fotos betrachte, die ich auf Reisen gemacht habe , fällt mir so manche schöne Erinnerung wieder ein . Auch im Alltag kann das helfen, beim Abschalten ...

Rilke war Zeit seines Lebens ein Suchender . Er fühlte sich von manchem Ort wie magisch angezogen und wünschte sich, dann wieder dorthin zurück, was nicht immer gelang. Wirklich hat er "Heimat" gesucht in der Sphäre des Inneren, im Gleichgewicht mit seiner Umwelt, seiner Umgebung, seinen Mitmenschen, der Natur und besonders auch einer Ruhe in sich selbst , aus sich selbst heraus und in seiner (und anderer) künstlerischem Arbeiten ... Vielleicht nennst Du es "Weltinnenraum" ? Ich würde sagen, er war ein grosser Ökologe - im ursprünglichen Sinn. Und nach Ursprung suchte er auch ... Du kannst es an vielen seiner Texte erkennen und wiederfinden .

So schreibt er:

"...Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet das Außen...."

oder auch in einem seiner frühen Gedichte:

Motto

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste Stunde steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

Liebe Grüße von Paula :lol:

.Sabine.
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Beitrag von .Sabine. » 19. Okt 2005, 20:32

Hallo,

Paula zitiert Rilke hier so:
"...Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet das Außen...."
Was bedeutet "Und immer geringer schwindet das Außen..." ? Heißt das nicht, dass das Außen uns immer wieder einholt im Alltag, in der Umwelt... ? Und bedeutet das nicht auch, dass der Welt-Innen-Raum im Grunde nicht wirklich lebbar ist, sein kann, zumindest nicht, solange es ein Außen gibt ? Was meint Rilke mit "Verwandlung" ?

Mich interessiert sehr, was Ihr dazu meint ! Vielleicht liege ich auch ganz falsch damit ?!

Liebe Grüße von Sabine :lol:
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Fritz
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Beitrag von Fritz » 22. Okt 2005, 21:39

Hallo Sabine,

Du schreibst:
Und bedeutet das nicht auch, dass der Welt-Innen-Raum im Grunde nicht wirklich lebbar ist, sein kann, zumindest nicht, solange es ein Außen gibt ?
Ich möchte ergänzen: "... solange es für Dich ein Außen gibt" . Immer aber hast Du selbst die Möglichkeit, zumindest ist das meine Erfahrung, Dir einen Freiraum zu schaffen , in dem Du dann möglicherweise den Welt-Innen-Raum entdeckst !

Probier es mal !

Liebe Grüße von Fritz :lol:
"Zwei alte Tanten tanzen Tango mitten in der Nacht..." (G.Kreisler)

Paula
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HierSein ist herrlich!

Beitrag von Paula » 23. Okt 2005, 15:19

Hallo, Fritz,

...Neuinterpretation der siebenten "Elegie" ? Nun: ich ergreife Deine Hand !

Paula :lol:

stilz
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Beitrag von stilz » 25. Okt 2005, 12:14

Hallo,

Ich finde, wenn man auch noch den Absatz davor mit einbezieht, wird klar, wieso das Außen immer geringer schwindet...


Nur, wir vergessen so leicht, was der lachende Nachbar
uns nicht bestätigt oder beneidet. Sichtbar
wollen wirs heben, wo doch das sichtbarste Glück uns
erst zu erkennen sich giebt, wenn wir es innen verwandeln.

Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet das Außen.



Für mich bedeutet es: wenn ich etwas in mir "innen verwandelt" habe, dann ist es nicht mehr so bedeutungsvoll und daher "geringer", wie das "Außen" von anderen gesehen werden könnte, es wird einfach unwichtig und scheint aus meiner Aufmerksamkeit zu schwinden...
Jedenfalls macht es so gerade jetzt in meinem Leben sehr viel Sinn.

Lieben Gruß und danke für dieses Thema!

stilz

Fritz
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Beitrag von Fritz » 25. Okt 2005, 19:49

Hallo Ingrid,

kommt ganz drauf an, was es Innen in Dir anstellt . Es kann für Dich auch an Gewicht zunehmen !

Mir fällt gerade auf, dass es zwei Lesarten gibt:

Und immer geringer
schwindet das Außen.

Einmal kann man es so lesen, dass das Außen immer geringer wird, dahin schwindet, unwichtig wird. Man könnte es aber auch folgendermaßen lesen: das Außen schwindet immer geringert, immer weniger . Ja, es gewinnt gerade zu an Bedeutung. Mit dem Lebensalter nimmt das Außen an Bedeutung zu : "Unser Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer schwindet das Außen."

Paula, in der achten "Elegie" heißt es genau anders herum:

Liebende, wäre nicht der andre, der
die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen...
Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan
hinter dem andern... Aber über ihn
kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.
Der Schöpfung immer zugewendet, sehn
wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,
von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,
ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.
Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein
und nichts als das und immer gegenüber.


Soweit erstmal vom Fritz
"Zwei alte Tanten tanzen Tango mitten in der Nacht..." (G.Kreisler)

stilz
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Beitrag von stilz » 25. Okt 2005, 21:10

Lieber Fritz,

ja, es ist mir klar, daß es theoretisch und rein grammatikalisch auch heißen könnte, das Außen schwindet immer weniger, wird also bedeutender...
aber wie paßt das zu

Nirgends wird Welt sein, als innen

???

Und was Du sagst, mit zunehmendem Lebensalter würde das Außen immer wichtiger...

Ich mache gerade jetzt im Moment die genau gegenteilige Erfahrung: mein Vater liegt im Sterben, und er lebt die meiste Zeit ganz in seinem eigenen Inneren, kriegt immer weniger mit, wo er eigentlich ist, wie spät es ist, ob es etwas zu essen gegeben hat oder nicht... er schläft viel, und wenn er wach ist, kann er oft Träume nicht von gegenwärtigem Erleben unterscheiden...

Also, es fühlt sich ganz genauso an, als ob das Außen für ihn immer bedeutungsloser würde und alles für ihn Wichtige eben "innen" ist!

Liebe Grüße

Ingrid

Paula
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Beitrag von Paula » 25. Okt 2005, 22:17

Hallo,

ich würde Euch ja gerne mal in meine Werkstatt schauen lassen, aber dort herrscht momentan so ein Chaos. Kreatives Chaos :wink: ! Ich male gleichzeitig an ungefähr zehn Bildern, alle zum gleichen Thema - aus verschiedenen Perspektiven ! Sehr bunt und naturbezogen, vieles davon habe ich auf meinen Wanderungen in letzter Zeit entdeckt ! Ich lade Euch als Erste zur Vernissage ein, sobald etwas davon vorzeigbar ist :lol: !

Ingrid, das mit Deinem Vater tut mir sehr leid und ich kann gut verstehen, was Du schreibst ! Du kannst ihn auch mit einfachen Zeichen begleiten auf diesem Weg, zb indem Du ihm die Hand hältst und ihn zärtlich streichelst. Das müssen gar keine grossen Gesten sein. Auch ein Blick genügt manchmal schon!

Fritz möchte ich dennoch etwas auch in seiner Sichtweise unterstützen, was wäre zb meine Mutter ohne ihre Lesebrille oder mein Großvater ohne seine Gehhilfe , ohne diese würde er nicht mehr auf die Strasse gehen . Auch diese Äußerlichkeiten, die im Alter eine größere Rolle spielen, können das Leben verwandeln helfen .

Liebe Grüße und alle guten Wünsche von Paula :lol:

Mona
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Beitrag von Mona » 17. Jan 2008, 18:47

Hallo,

bin ich gerade auf einen Fehler gestoßen und wundere mich.
Das bekannte Rilke Gedicht Motto am Beginn von Mir zur Feier , in dem es heißt:

Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit

heißt bei Ernst Zinn:

Und das sind Wünsch: leise Dialoge
der armen Stunden mit der Ewigkeit. (SW III, 1987, S. 203)

Online heißt es dort, wo ich gegoogelt habe überall täglicher.

Was ist denn nun richtig ?

Bitte helft einer völlig verwirrten

Mona :lol:
"Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest,... wir aber bewegen uns im unendlichen Raume."(RMR)

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Beitrag von stilz » 17. Jan 2008, 20:17

Liebe Mona,

in meiner einbändigen Ausgabe "Rainer Maria Rilke Die Gedichte" (Inselverlag) heißt es "täglicher".

Aber das interessiert mich jetzt!
Die Bedeutung, finde ich, ist in beiden Fällen dieselbe. Schon ein paar Gedichte weiter spricht Rilke von den "armen Worte[n], die im Alltag darben" - ich denke, das ist klar: es geht um die "Dialoge" der alltäglichen, nicht irgendwie "festlichen, "armen" Stunden mit der Ewigkeit.

Der Unterschied scheint für mich vor allem im Versmaß zu liegen.
"der armen" - der jambische Rhythmus wird durchgehalten, diese Stunden heben sich überhaupt nicht ab vom Rest des Gedichtes. Allerdings: das Wort "arm", im Zusammenhang mit "Stunden", hat etwas Ungewöhnliches...

"täglicher" - hier gibt es eine dem Versmaß gegenläufige Betonung. Die betonte erste Silbe zieht auf jeden Fall die Aufmerksamkeit viel mehr auf sich als in der anderen Version. Vielleicht so, als ob diese Stunden sich dessen bewußt wären, daß sie einen Dialog mit der Ewigkeit führen können? Allerdings: das Wort "täglich" als Eigenschaft der "Stunden" ist wiederum viel "alltäglicher"...

Welche Fassung mag nun die "richtige" sein?
Ich kann es leider nicht sagen. Ob man das heute noch feststellen kann?

Danke jedenfalls fürs Aufmerksammachen! Das ist fast wie ein Blick in die Werkstatt Rilkes... wenn auch ein noch ungeklärter.

Lieben Gruß!

Ingrid
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Anna B.
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Beitrag von Anna B. » 17. Jan 2008, 22:00

Hallo Mona, hallo Ingrid,

beide Versionen sind wohl "richtig". Zuerst schreibt Rilke "die armen Stunden" und so steht es auch als "Motto" in der Erstausgabe von "Mir zur Feier". In der zweiten, stark veränderten Auflage von 1909 wird daraus dann "täglicher Stunden". Diese zweite Version findest Du, Mona, im ersten Band der SW, S. 145. Es ist schon interessant, in die Werkstatt Rilkes zu schauen :lol: .

Anna :lol:
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Beitrag von Mona » 20. Jan 2008, 15:32

Hallo Anna,

jetzt hast Du mir wirklich geholfen ! Danke für Deine aufschlussreichen Informationen ! Ja, wenn wir so fleissige Rechercheure wie Dich nicht hätten :wink: ! Und, was man daran auch sehen kann, sogar Rilke hat dazu gelernt. Nun ja, nobody is perfect :wink: !

Danke und Grüsse von Mona :lol:
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