Der Wahnsinn

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Kitten

Der Wahnsinn

Beitrag von Kitten » 23. Jul 2003, 21:22

Kann jemand mich hilfen? Deutsch ist nicht meine Muttersprache, und ich schreibe jetzt ein Aufsatz uber die Gedichte von Rilke.Der Wahnsinn ist mein Liebelingsgedicht von Rilke und ich will daruber schreiben, aber ich weiss nicht genau was er damit bedeutet. Kann jemanden mir hilfen?

Der Wahnsinn

Sie muß immer sinnen: Ich bin... ich bin...
Wer bist du denn, Marie?
Eine Königin, eine Königin!
In die Kniee vor mir, in die Knie!

Sie muß immer weinen: Ich war... ich war...
Wer warst du denn, Marie?
Ein Niemandskind, ganz arm und bar,
und ich kann dir nicht sagen wie.

Und wurdest aus einem solchen Kind
eine Fürstin, vor der man kniet?
Weil die Dinge alle anders sind,
als man sie beim Betteln sieht.

So haben die Dinge dich groß gemacht,
und kannst du noch sagen wann?
Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, -
und sie sprachen mich anders an.
Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:
die ist wie mit Saiten bespannt;
da wurde Marie Melodie, Melodie...
und tanzte von Rand zu Rand.
Die Leute schlichen so ängstlich hin,
wie hart an die Häuser gepflanzt, -
denn das darf doch nur eine Königin,
daß sie tanzt in den Gassen: tanzt!...

Gast

Beitrag von Gast » 29. Jul 2003, 11:26

Hallo,
für eine ganze Interpretation fühle ich mich nicht gewappnet, aber vielleicht doch für einige Hinweise, mit denen man etwas weiterarbeiten kann.
Das Gedicht (vom November 1899 in Berlin-Schmargendorf) aus dem 'Buch der Bilder' gehört dort zu den 'Mädchengedichten'. Es ist ein Dialog in Versen zwischen dem Mann und dem Mädchen Marie. Der Mann beginnt jede Strophe mit einer Frage, auf die das Mädchen antwortet. Deren Verse sind im Original deshalb auch immer etwas eingerückt. So wird der dialogische Charakter des Gedichts besonders augenfällig. Bitte in einer guten Ausgabe noch nachlesen.
Thema ist wohl der Widerspruch aus der Erscheinung des tMädchens, das wohl eher wie eine Bettlerin von der Straße aussieht, sich aber innerlich wie eine Königin fühlt (oder eine solche Überzeugung hat). Durch die Hinwendung zum Tanz (die Berufung des Mädchens) wurde daraus eine Fürstin und Königin, vor der die gewöhnlichen Menschen auf der Straße Respekt vor seiner Kunst hatten.
Es ist die Steigerung des alltäglichen Lebens durch die entschiedene Hinwendung zur Kunst erkennbar. Solange das Mädchen tanzt ist sie für die anderen Menschen die Königing. Man hat das auch als dionysische Lebenssteigerung betrachtet.
Soviel meine Anregungen zum Inhalt. Aber auch bei der Form gibt's sicher noch viel zu entdecken.
mit guten Wünschen
e.u.

Nejka
Beiträge: 13
Registriert: 3. Apr 2003, 13:24

Beitrag von Nejka » 29. Jul 2003, 17:21

Hallo,


Ich möchte nur einige Hinweise geben, die dir vielleicht weiter helfen können:

Ich nehme an, dass du keinen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben musst - und dass daher eher deine eigene Meinung und Interpretation im Vordergrund stehen.
Bei literarischen Texten ist es immer gut sich zu fragen, was der Titel bedeutet - Wieso heisst das Gedicht so, wie es heisst? Oft ist der Titel so etwas wie ein Motto, oder wie eine Zusammenfassung, manchmal ist es eine Bewertung, oder etwas, wozu man wieder zurückkehrt, nachdem man das Gedicht gelesen hat ...
Also, warum heisst das Gedicht "Der Wahnsinn"? Ist Marie wahnsinnig? Wenn, wieso?
Das Bild von der Gasse, die mit Saiten bespannt ist, finde ich interessant: die Gasse ist (wie) mit Saiten bespannt, und Marie tanzt auf diesen Saiten - und macht sich damit selbst die Musik, auf die sie tanzt: "da wurde Marie Melodie".
Wenn ich über die Zeilen "weil die Dinge alle anders sind, / als man sie beim Betteln sieht" und "So haben die Dinge dich groß gemacht" im Zusammenhang mit "Marie Melodie" denke: Erst als sie anders von sich selbst zu denken anfing (als sei sie eine Königin), wurde sie fähig, die Dinge anders zu sehen; aber auch umgekehrt: erst als sie die Möglichkeit erprobte, die Dinge anders zu sehen, begann sie sich wie eine Königin zu fühlen (und benehmen, indem sie in der Gasse tanzte). Oder gar, beides geschah auf einmal, das Eine kam mit dem Anderen. Das Wahnsinnige dabei ist aber, dass es da doch keine Saiten in der Gasse gab, auf denen sie tanzen könnte und sich Musik machen könnte. Das war wohl eine Projektion ihrer Wünsche - wieso gerade Musik? ...


Viel Gelingen mit dem Aufsatz!


Nejka

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