Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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helle
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Beitrag von helle » 15. Jun 2006, 13:44

Es ist auch nicht so wichtig, ob Fichte, Schleiermacher oder wer immer, es geht ja um die These, die weder Du noch Stilz unterschreiben möchte, die ich aber für ernsthaft halte und das Arrogante daran für scheinbar.

Ein Text erschöpft sich ja nicht in dem, was der Autor sich dabei gedacht hat, obwohl es nicht schaden kann, das zu wissen. Sondern der Autor arbeitet ja mit dem Material der Sprache, das allen gehört, er stellt etwas in der Sprache her und gibt es durch die Veröffentlichung in die Allgemeinheit zurück, und dann geht sein Text seinen eigenen Weg. In der Regel wird man sich nicht auf nur eine Auslegung einigen, sei's ein Rilke-Gedicht oder ein Küchenzettel. "Man kann schon einen nicht, geschweige denn viele unter einen Hut bringen, denn jeder setzt ihn sich anders zurecht!", sagt Goethe. Auch darüber kann man streiten. Der Autor ist nur ein Medium im Selbstverständigungsprozeß des Menschen. Daran ist nichts schlimmes. Darum kann es vorkommen, daß man einen Text schärfer, genauer, gründlicher sieht, aus den Zeitumständen oder der Lebenssituation des Autors als dieser selbst. Ob zu seinem Vorteil oder Nachteil, ist sekundär. Ich glaube nicht, daß ein Dichter wie Rimbaud, sicher ein extremes Beispiel, immer gewußt hat, was er schreibt, aber man wird ihn deuten bis ans Ende der Tage.

Gruß h.

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Beitrag von gliwi » 15. Jun 2006, 15:50

Ja, das beste Beispiel ist immer Cervantes. Der glaubte, eine Rittergeschichten-Parodie zu schreiben, und dabei hat er völlig überzeitlich beschrieben, wie der Mensch mit den Widrigkeiten des Lebens kämpft, bzw., um auch Kleist noch zu erwähnen, eine wie gebrechliche Einrichtung die Welt doch ist. Seinen Kampf mit den Windmühlenflügeln kennen sogar Leute, die außer ihren Bankauszügen nichts lesen.
Gruß
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Beitrag von lilaloufan » 15. Jun 2006, 18:09

BildAch ja – wie der Mensch mit den Widrigkeiten des Lebens kämpft?

Würde der Mensch dafür den Poeten bemühen, dass dieser ihm „überzeitlich“ den allzumenschlich-zeitlichen Kampf mit Widrigkeiten des Lebens in – je nachdem – erbauliche, pikante oder sozialkritische Sprache gösse? Und würde der Dichter dafür jemals Laureatus geworden sein?

[Das Lyriknavi meldet schon ein Weile: Bitte kehren Sie um!, und @Rilke-Newbie, du wunderst dich bestimmt, was du alles angestoßen hast – hab übrigens einmal herzlichen Dank für dein erstes Posting hier!]

Ich habe den Don Quijote – aber das ist ewige Zeiten her, und ich kann heute kaum noch mehr erinnern als die witzblattmäßig populären Bilder – nur einmal gelesen und hatte dabei den Eindruck, Cervantes schildere eben nicht die Tragikomik menschlicher Alltagsniederlagen gegen die Übel des dornen- und distelreichen Erdackers nach dem Sündenfall der Genesis (3.18 ), sondern die Abgrunderlebnisse der menschlichen Seele in jener Daseinsart, die dem wachen und erfolgsbetonten Leben des Menschen Nacht für Nacht folgt und vorangeht (und warum sollte es nicht berechtigt sein zu denken: nicht nur vor dem Erwachen, sondern auch vor dem Geborenwerden? Wie, wenn Cervantes – und erst recht Rilke! – solche Seelenerlebnisse nicht nur zu ihrer „natürlichen“ Zeit in Schlaf und Tod kennen, sondern aus einem Übweg der Seele, mitten im Leben?).

Wenn Dichtung das berührt, dieses Mildbehütete, nicht unmittelbar Erinnerbare, in dem die Seele aber doch beheimatet zu sein ahnt: dann rühmen wir den Poeten mit immergrüner Krone, man denke an Dante.

Was ich bei Cervantes derzeit nicht zu begründen wüsste, das finde ich bei Rilke in täglich vermehrten Beispielen naheliegend: dass seine für innere Erlebnisse sensibilisierte Sehweise von solchen meta-sinnlichen Seelenerfahrungen taktvoll Kunde gibt – und bei dem Gedicht: «Lösch mir die Augen aus» wollte ich diese Auffassung einmal ins Gespräch bringen. Ich will für sie auch keineswegs „werben“, sondern werde in jedem ernstnehmenden* Einwand für mich die Aufgabe sehen, die Voraussetzungen meiner Auffassung wieder und wieder zu prüfen.

*Kein Tippfehler, es fehlt kein „zu“!
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Beitrag von gliwi » 15. Jun 2006, 23:58

Ach, Ihr Antropos mit eurer Seelenwanderung! Dazu sage ich lieber gar nichts, denn da versteht Ihr überhaupt keinen Spaß, das habe ich hier im Forum schon mal erfahren. Und ich schätze deine Beiträge ansonsten zu sehr, um deinen Rückzug zu riskieren. :roll:
Gruß
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Klischeeisierung

Beitrag von lilaloufan » 16. Jun 2006, 08:36

Ganz daneben, liebe @gliwi: Mit Palingenese (Seelenwanderung) hat Anthroposophie nichts, rein gar nichts am Hut – und falls du Reïnkarnation (Wiederverkörperung des Geistes) meintest, wär’s immerhin etwas, dessen ich gewiss bin. Soviel zum sachlichen Irrtum.
Aber, mir viel wichtiger: Versuch doch mal den letzten Beitrag einfach so zu lesen, als fändest du den darin eingenommenen Blickwinkel noch überhaupt nicht „weltanschaulich“ besetzt. Dann erst wirst du mir persönlich gerecht, denn ich äußere mich in diesem Forum nicht als Ideologe, sondern als Rilke-Leser. Und was ich als Rilke-Leser denke, vor allem aber, welche Fragen ich mir als Rilke-Leser stelle, das kann nicht vorgestanzt sein durch irgendetwas, dessentwegen du es pauschal abtun könntest, es sei denn, du hättest den Eindruck, dass ich Rilke für etwas in Anspruch nähme, dass ich seine Gedanken – ihn selbst missachtend – hineinpresste in ein ideologisches Schema; genau dies aber wäre absolut ein (leider bei Anthroposophen durchaus zu allen Zeiten anzutreffendes) Zerrbild von dem, was Anthroposophie ist und will. Ich ganz persönlich verdanke ihr mein Interesse an der Welt, und darin auch mein Interesse an Rilke.

Nichts für ungut, zu den ernstnehmenden Einwänden zähle ich deinen vielsagend nichtssagenwollenden Beitrag ausnahmsweise nicht – und hoffe sehr, dass du meine Antwort nicht als Beleg für die gallige Humorlosigkeit von „Anthropos“ buchst. Keine Sorge musst du haben, dass ich mich nun verschnupft (wohin? in die angebotene Schublade? auf die Insel Gleichgesinnter?) zurückzöge oder dein abwinkendes Outing mit der Replik beantwortete: «Ils sont folles les germanistes!».

Ob wir nun zurückkehren können zum Thema?
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Beitrag von stilz » 19. Jun 2006, 09:26

Das macht mich jetzt sehr nachdenklich, und ich gerate in Zwiespalt:

Sicherlich hast Du recht, helle, und man kann als "unverstrickter Nachgeborener" Texte anders, vielleicht sogar "besser" (wenn mir dieses Wort auch widerstrebt, denn wer sollte das beurteilen und bewerten können?) lesen und verstehen als der Autor selbst, und nochmal anders, wenn man biographische und historische Zusammenhänge berücksichtigt (obwohl, das muß ich schon sagen, es mich einigermaßen wundert, daß gerade Du solche Zusammenhänge erwähnst...).

Trotzdem: es gibt doch auch so etwas wie ein "Hineininterpretieren" von Sachen, die der Autor nicht hineinschreiben wollte, und die auch gar nicht "drin" sind, und die jemand nur deshalb dennoch zu finden meint, weil er selber grad in einer Situation ist, in der er bestimmte Dinge einfach überall "sieht"...

Ich fände es sehr schwierig, da die Grenze zu erkennen, und möchte deshalb doch lieber versuchen, herauszufinden, was der Autor selber gemeint hat.
Jedenfalls dann, wenn es sich um ein Kunstwerk handelt!
Das heißt für mich in diesem Fall: den Text in dem Zusammenhang lesen, in den Rilke ihn gestellt hat, und nicht für sich allein.

Vielleicht ist es wirklich ein "Nebengleis", wie Du, lilaloufan, meinst...

Aber es ist eines, das mir persönlich viel bedeutet: denn ich denke dabei auch an Regisseure, die zB eine Mozartoper inszenieren, und was dabei herauskommt, mag eine interessante Geschichte sein, und auch einigen künstlerischen Wert haben, aaaaaaaaber: mit dem ursprünglichen Kunstwerk hat es nicht mehr viel zu tun!
Ich fände es in solchen Fällen richtiger und ehrlicher, wenn ein Regisseur sagt, ich hab mich von dieser Oper (und vielem anderen) inspirieren lassen und ein ganz neues Stück geschrieben.

Schließlich bedeutet interpretari , soviel ich weiß, "übersetzen" und nicht "was Neues erfinden"!

Oder meint Ihr, "Interpretation" solle bedeuten, daß man sich so weit vom Text lösen kann, wie es einem gerade paßt, und einfach allen Assoziationen freien Lauf lassen?

Ich muß schon sagen, dann eignet sich "Interpretation" aber sehr schlecht dafür, als Schulaufgabe bewertet zu werden!


Trotzdem: was Du, helle, sagst, macht mich nachdenklich.


Zu Cervantes:
Also, ich muß schon sagen: ich habe das bisher immer auch irgendwie als "Rittergeschichtenparodie" verstanden!
Denn es sind ganz und gar die Gefühle und Gedanken und Reaktionen eines "Ritters", die halt zufällig nicht ins "reale Umfeld" passen...

Oh. Gerade fällt mir auf, wie sehr gerade dieser Mann von La Mancha hier in mein Nebengleis paßt: denn glaubt nicht auch er, die Windmühlen "besser" zu erkennen als ihr Erbauer?




Es gefällt mir sehr, was Du, lilaloufan, schreibst über dieses Mildbehütete, nicht unmittelbar Erinnerbare, in dem die Seele aber doch beheimatet zu sein ahnt.

Und es wird mir immer verständlicher, daß es gerade in diesem "Offenen" (so Rilkes Ausdruck dafür) von Mensch zu Mensch ganz unterschiedliche "Für-Wahr-Nehmungen" gibt, was auch der Grund dafür sein mag, daß es so viele verschiedene Auffassungen gibt, was denn eigentlich "drin" ist in einem Gedicht...


Liebe Grüße!

stilz


P.S.: Noch zu dem von mir vor einiger Zeit geäußerten "Mißtrauen", das hier im Forum noch einer Antwort zu harren scheint: es gab dazu einige PN, und ich erkläre hiemit dieses Mißtrauen für aufgelöst...

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Beitrag von helle » 19. Jun 2006, 11:02

stilz, Du fragst: »Oder meint Ihr, "Interpretation" solle bedeuten, daß man sich so weit vom Text lösen kann, wie es einem gerade paßt, und einfach allen Assoziationen freien Lauf lassen?«

Nein, natürlich nicht, das wäre ja beliebig. Mir ging's um eine prinzipielle Möglichkeit – daß die Bedeutung eines Textes von dem abweichen kann, was der Autor hineingelegt hat. Sie kann weiter oder enger sein. Beim Dilettantismus z.B. ist sie in der Regel enger. Ich denke auch an einen Satz von Adorno, wonach die Sprache meistens klüger ist als wir.

In Sachen Mozart-Inszenierungen schreibst Du: "Ich fände es in solchen Fällen richtiger und ehrlicher, wenn ein Regisseur sagt, ich hab mich von dieser Oper (und vielem anderen) inspirieren lassen und ein ganz neues Stück geschrieben."
Ganz Deiner Meinung. Etikettenschwindel sonst, leider weit verbreitet.

Gruß h.

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ganz Neues?

Beitrag von lilaloufan » 20. Jun 2006, 23:26

Ja! Vor einigen Jahren traf ich einen Schulfreund wieder, damals dreiunddreißig Jahre nach dem Abitur, und der erinnerte sich – was mir längst entfallen war -, wie ich damals einmal unseren Deutschlehrer vor schwierigen Zensurkonflikt gestellt hatte, mir statt der gewohnten Eins einmal zur Abwechslung eine Fünf unter meinen Aufsatz zu schreiben: Wir hatten Spitzwegs Bild „Der arme Poet“ beschreiben sollen, und ich hab’ mich in dessen Bett gelegt, den Schirm über mir unter dem armseligen Dach, und über meine Lage nachphilosophiert, dabei kein Detail in meiner Stube unerwähnt lassend, an seinem Platz und in seinem Verhältnis zu anderem. Da war natürlich das Thema, mindestens aber die geforderte Form verfehlt, und dennoch die Aufgabe eigenwillig, angeblich „genial“, gelöst. Na zuletzt hatte ich doch die Eins, die - mich allzu oft verwöhnend – mit den Worten leichtfertig zu spielen verlocken konnte.

Aber liegt hier, aus gleicher Feder, etwas Vergleichbares vor, etwas aus dem Nichtvorhandensein Hervorgezaubertes? Ich meine: Nein. Wenn ich morgen früh, hoffentlich wieder, werde sagen können: «Ich habe gut geschlafen», dann meine ich auch mehr als nur: Ich bin nicht erstickt, und ich habe auch nicht randaliert. Aber weiß ich selbst wirklich, was das alles meint, dieses Geschlafenhaben, gar Gutgeschlafenhaben? Sicher nicht, ich habe doch schließlich geschlafen. Und doch werde ich einen wahren Satz sprechen: «Ich habe gut geschlafen», und ihr werdet ihn, wenn ihr ihn lest, in sovielen Schichten verstehen, wie euch zugänglich sind. Und alle diese „Interpretationen“ muss ich sogar gelten lassen, denn ihr seid die Für-Wahr-Nehmer [danke, @stilz!], nicht nur dessen, was ich fassen kann, sondern evtl. sogar dessen, was meinen Satz übersteigt und dem ich mich selbst gar nicht urteilend gegenüberstellen kann. Genau dies aber ist die Situation des dichterisch Schöpferischen, nur dass er nicht hinabdämmert in den Schlaf, sondern sich hinaufmutet in ein poetisches Bewusstsein. Diesem und dem Schlafe aber ist gemeinsam, dass man sich, sobald die Worte fasslich werden, dort nicht mehr auskennt. Sonst kämen sie nicht; den Preis muss man entrichten.
Vielleicht aus solchen Gründen würde sich Rilke für diese Diskussion – über die ich als Rilke-Leser mich immer noch sehr freue – überhaupt nicht interessiert haben, wahrscheinlich für unser ganzes Forum nicht. [Erspart mir nur das: „lilaloufan, woher glaubst du das zu wissen?“, er schreibt’s doch ganz oft in Bezug auf alles Ausdeuten und Kritisieren.]
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Wundervoller Hain der Nacht (Chr. Morgenstern)

Beitrag von lilaloufan » 21. Jun 2006, 05:40

Ich habe gut geschlafen.
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Beitrag von stilz » 21. Jun 2006, 08:08

Auch ich habe gut geschlafen!

Und nein, lilaloufan, ich halte Deinen kurzgefassten Versuch nicht für etwas aus dem Nichtvorhandensein Hervorgezaubertes.
Sondern es ist sicherlich "drin" in diesem Gedicht. Aber eben meiner Meinung nach nicht nur, sondern auch.

Und Du schreibst: Diesem (dem poetischen Bewusstsein) und dem Schlafe aber ist gemeinsam, dass man sich, sobald die Worte fasslich werden, dort nicht mehr auskennt. Sonst kämen sie nicht; den Preis muss man entrichten.
Da stimme ich Dir nicht zu.
Ich bin mir auch dessen sehr bewußt, daß das "in Worte fassen" gleichzeitig eine Einschränkung bedeutet, weil man eben auf den Teil verzichten muß, der sich nicht in Worte fassen läßt.
Ich glaube aber nicht, daß das unbedingt heißt, daß man sich im nonverbalen Teil nicht mehr auskennt! - Und wenn man auch noch den Ton der Stimme, die Gebärde und den Ausdruck der Augen zur Verfügung hat, oder sogar Musik, bildende Kunst... - dann läßt sich auch einiges davon nonverbal kommunizieren!

Rilke war meiner Meinung nach ein Meister darin, Worte zu finden, die Raum lassen, und die nur wenig eingrenzen. Und jede Interpretation, die das, was er gemeint haben könnte, allzu genau erklärt, nimmt etwas von diesem Raum weg. Das widerstrebt mir, und das meinte ich, als ich sagte, ich möchte seinen Gedichten das "Geheimnis" gern lassen.


Helle, Du erwähnst Adorno und daß "die Sprache meistens klüger ist als wir".
(und ich stelle wieder mal fest, wie ungebildet ich bin, weil ich nämlich auch dieses Zitat und seinen Zusammenhang nicht kenne!) - - -und alles, was Du sagst, hat sicherlich oft seine Berechtigung.
Grad bei Rilke hab ich aber überhaupt nicht den Eindruck, daß er nicht ganz genau wußte, was er da eigentlich schrieb...
Obwohl einige seiner Gedichte sich zB sicherlich sehr gut für "romantische Schwärmer" eignen, glaub ich nicht, daß sie in Wirklichkeit Schwärmerei sind.
Meiner Meinung nach hat gerade Rilke sehr darum gerungen, genau das zu sagen, was er schließlich gesagt hat.
Und mit diesem seinem Ringen möchte ich gern respektvoll umgehen.


Lieben Gruß!

stilz

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mit diesem Ringen respektvoll umgehen

Beitrag von lilaloufan » 22. Jun 2006, 01:34

Wie einfach ist es wieder, mit allem einverstanden zu sein, was du @stilz schreibst. Denn wo du nicht zustimmst, da sprichst du gar nicht von dem, was ich meinte; es ging mir doch überhaupt nicht um das Nonverbale!

Selbstverständlich kennt der Künstler seine Mittel; er hat sie doch entwickelt, und bliebe er nur Kopist. Gerade wo es um das sich handelt, womit wir noch im Banalsten ständig umgehen – verbal wie nonverbal (wir alle „können“ sprechen, gestikulieren, grimassieren) -, da „kennen wir uns aus“, ja freilich.

Wer „könnte“ nicht zum Tresen gehen und dort einen Becher heben? Der Schritte sind gleich viel, die Anstrengung des Arms ganz dieselbe für den Priesternovizen, der zum Altar schreitet, das erste Mal den goldenen Kelch zu heben. Gerade hat er noch mit der Gebärde von Ergebenheit und Demut sein ganzes Dasein in eine andere Hand gelegt: Wovor zögern seine eig’nen Hände jetzt wie zu früh entfaltet, warum schwanken die unsicher gewordenen Knie, was macht das seit Kindheit erübte „Amen“ zum Gestammel? Es ist nicht wie die Aufgeregtheit ersten Eros-Erlebens, auch nicht die des Pennälers bei der Visitation des Oberschulinspektors und nicht wie die Anspannung des Bogens, die sich beim jungen Schützen fortsetzt in das eigene Überdehntsein vorm öffentlichen Probeschießen. Sondern es ist, weil den Weihebezirk eine Schwelle umgibt, jenseits derer alles, alles ganz anders gilt, ernster angeschaut als in den sonst bekannten Prüfungen: Wir sind dort «Neuling». Dieses Schwelle-Erleben ist aber nur ein sichtbares Bild für das, was wir uneinsehbar an der Aufwachschwelle und bei der Rückkehr aus dem Bezirk der Musen mitbringen. In dem einen sind wir gesegnet, in dem anderen hier erquickt, dort inspiriert worden: aber von welchen Kräften, was war am Werk, heiligend, regenerierend, wortprägend? Wir kennen uns nicht aus, sobald wir beschenkt zurückgekehrt sind: Das meinte ich.

Was aber, wenn diese Begegnung/Begabung - die, sobald wir sie uns bloß noch erinnernd vergegenwärtigen können, ganz unbeschreiblich ist -, nicht eine Begegnung wäre mit einem Gotte aus dem Schnürboden, sondern eine mit uns selbst, mit dem unsichtbaren Ich, „der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn erblicke“, der „ruhig schweigt, wenn ich spreche“ (R. Jiménez, «Yo no soy yo»)? Das hieße, wir kennen uns, ins bloß dinglich vorstellende Bewusstsein wieder einziehend, zunächst mit uns selbst nicht unmittelbar aus, sind noch nicht gleich wieder persönliches, bloß psychologisches Ich, sondern müssen dieses erst wieder zusammenklamüsern. Hier, zu Hause im Verstandesdenken, haben wir einen Namen, sofort verfügbar, wenn ein Wesen frägt: „Wer bist denn du?“ – („Wer nicht weiß, wie er heißt, und vergisst, wer er ist, der ist dumm. Bumm!“ sagt der Frosch in einem Kinderbuch von Mira Lobe.) Aber dort, wo wir waren, unverständiges Glied eines Weltenverstandes, im Schlaf, im Allerheiligsten, am Quell der Poesie, dort waren wir «namenlos», zur Erde «entschlossen, von weit her».

Wer journalistisch schreibt oder nur Chronist ist, kennt das nicht: Dieses immer wieder erneuerte Schwellen-Erleben gehört allein zu der Großen Arbeit, die nur der Dichter vor sich hat. Ich will das einmal an einem Beispiel gegenüberstellen:

«Aber ich frage mich oft, ob nicht das an sich Unbetonte den wesentlichsten Einfluss auf meine Bildung und Hervorbringung ausgeübt hat: (…) die Stunden, die ich zubringen konnte, in Rom einem Seiler zuschauend, der in seinem Gewerb eine der ältesten Gebärden der Welt wiederholte, … genau wie jener Töpfer, in einem kleinen Nil-Dorf, neben dessen Scheibe zu stehen mir unbeschreiblich, in einem geheimsten Sinne ergiebig war.» Das ist aus einem Brief an Alfred Schaer, 26.II.1924. - «Drum zeig ihm [dem Engel] das Einfache, das von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet | als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick. | Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest | bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil. | Zeig ihm (…)»; diese Passage aus der IX. Elegie endet ja mit: «Wer wir am Ende auch seien.»

Das erste Beispiel, ganz im Narrativen bleibend, ist eines anderen als des Erzähler-Ichs nicht beirrt, ist sozusagen am hellen Mittag verfasst. Das andere weiß um eine Überschusskraft des Daseins, entspringend «im Herzen». Wie aber sieht’s da drinnen aus? Bestimmt nicht wie in jenem begehbaren Ausstellungsobjekt, von dem die Illustrierten derzeit berichten…

Um diese Elegie schreiben zu können, reicht es nicht, die Lebens-, Reiseerinnerung zu betrachten wie in einem Noch-einmal-Erleben, sondern da ist ein radikaler Perspektivwechsel nötig: Man durchschlendert nicht die vormals bereisten Pfade der Gedächtnisspur, zurückblickend, sondern man wird betrachtet, und der Engel staunt. Dort hinüber zu schlüpfen, in die Augen des Engels, ist aber Schwellengang.

Und diese Schwellengänge, die vollzogen sich, wie Rilke an Ilse Jahr schreibt (22.II.1923), «schon an gewissen Stellen im Stundenbuch (…), dieser Aufstieg Gottes aus dem atmenden Herzen, davon sich der Himmel bedeckt, und sein Niederfall als Regen.»

Übrigens auch dieses: „Man weiß selbst kaum wie“ bringt Rilke zum Ausdruck, in einem Brief vom 9. August 1924 aus Muzot: «Oft ist es seltsam für die Lage des Hervorbringenden, an den dünneren Tagen des Lebens (den vielen!) solche Essenz des eigenen Daseins, in ihrem unbeschreiblichen Überwiegen, neben sich zu fühlen. Die Vorhandenheit eines solchen Gedichts steht eigentümlich hinaus über die Flachheit und Nebensächlichkeit des täglichen Lebens, und doch ist aus ihm dieses Größere, Gültigere abgewonnen und abgeleitet worden, man weiß selbst kaum wie; denn kaum ist es getan, gehört man schon wieder ins allgemeinere blindere Schicksal, zu denen, die vergessen oder wissen als wüssten sie nicht, und die durch ein geläufiges Ungefähr- oder Ungenau-Sein dazu beitragen, die Fehlersummen des Lebens zu vermehren. So ist jede große künstlerische Leistung, bis in ihr letztes und mögliches Gelingen hinein, zugleich Auszeichnung und Demütigung für den, der dazu fähig war. Freilich hat das künstlerische Wort eine Atmosphäre der Freiheit um sich, die uns fehlt; es hat keine Nachbaren, außer wieder andere gleichwertige Bildungen, und zwischen ihm und ihnen mag eine Geräumigkeit sich ausgestalten, ähnlich der des gestirnten Himmels: ungeheure Distanzen und die unabsehlichen Bewegungen höherer Ordnung, für die uns jede Übersicht abgeht.»

Ich müsste so viele Worte hier in meinem Gedankengang betonen, um sicher zu gehen, dass der Faden erkennbar wird! Ich will ja nicht propagieren, meine Lesart sei die einzig denkbare. Sondern ich will schlüssig aufweisen, nicht nur dass sie auch denkbar ist, sondern dass sie fehlen würde im sonst unvollständigen Kreis der Sichtweisen. Wenn wir von einem Hügel in eine weite Ebene blicken und dabei die ganze Landschaft wie hingeordnet erleben auf den Milan, der mit weit gebreiteten Schwingen über ihr kreist, so kann doch im nächsten Augenblick diese selbe Landschaft wie zusammengefasst sein in jenem Punkt, auf den der Greif sich gleich stürzen wird, angezogen von der uns unsichtbaren Maus, wie unser Blick angezogen war von der Anmut seines Gleitflugs. Beide Bilder der Landschaft sind Eins und sind noch lange nicht Alles.

Falls der künstlerisch produktive Akt eine Art Kultus ist – Beethoven, heißt es, habe das ganz ähnlich empfunden – so wird der Künstler ebenso wie der Zelebrant Stufen der Läuterung gegangen sein, die seine Riten rechtfertigen. Auf diesen Übwegen, gleich ob es in die Unterwelt ginge oder auf den Parnass, werden dem einen allerlei „Windmühlen“ erschienen sein, ein anderer – auch er Künstler - hat Tintenfässer geschleudert, ein dritter nimmt wieder und wieder einen „inkommensurabeln anonymen Schmerz“ (an Kassner, 15.XII.1926) voraus, namenlosen [!] Schmerz in «unendliche(r) Zustimmung und immer noch Zustimmung zum Da-Sein» (an Rudolf Bodländer, 13.III.1922).

Ich will den Gedankengang noch einen Schritt weiter führen:
stilz hat geschrieben: Zu Deiner Frage, ob solches Streben wirklich vor ’Gott’ als eine Unbescheidenheit gelten würde:
Nicht das Streben an sich, das ist in Ordnung. Aber das ein bisserl eitle "Sich-Darin-Gefallen"...
Und auch dieses nicht vor Gott, so wie ich ihn verstehe, denn der ist allbarmherzig und allverzeihend.
Aber vor einem selber, in ehrlichen Momenten.
Ob sich Rilke diese „große Arbeit“ kokett (irgendwo hier im Forum las ich: „narzisstisch“!) zugute hält, stolz auf seine Schwellengänge und ihre Gnade damit verspielend wie des Schneiders Weib bei Kopisch?
helle hat geschrieben:…ein bißchen vom frommen Glanz rieselt ja wohl auch auf den Verfasser nieder.
Da halte ich ein Zeugnis für vertrauenswürdig, in dem Rilke so sehr auf das Werk (das ja gelingen darf) wie auf sich selbst blickt: «So sehr der Künstler in einem auch das Werk meint, seine Verwirklichung, sein Dasein und Dableiben über uns hinaus -, ganz gerecht wird man erst, wenn man einsieht, dass auch diese dringendste Realisierung einer höheren Sichtbarkeit, von einem endlich äußersten Ausblick aus, nur als ein Mittel erscheint, ein wiederum Unsichtbares, ganz und gar Inneres und vielleicht Unscheinbares -, einen heileren Zustand in der Mitte des eigenen Wesens zu gewinnen.» (Brief an Weras Mutter, Gertrud Ouckama Knoop, vom 26.XI.1921) Ein Heileres zu suchen würde dem nicht einfallen, der sich als vollendeten Heiligen anpreisen möchte. Mein Beitrag hier will sagen, das Gedicht: „Lösch mir die Augen aus…“ im Buch der Pilgerschaft kann im Lichte solcher Suche gesehen werden (auch wenn Rilke selbst das nie so erläutert hat oder hätte). Und: Dann verlieren die ansonsten durchaus abstrusen Bilder völlig diesen Makel und werden so wahr wie tief.
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Amphytrion

Beitrag von lilaloufan » 31. Jan 2007, 18:30

Und vorhin entdeckte ich im «Amphytrion» bei Heinrich von Kleist (II,4):
  • Nimm mir
    Das Aug, so hör ich ihn; das Ohr, ich fühl ihn;
    Mir das Gefühl hinweg, ich atm ihn noch;
    Nimm Aug und Ohr, Gefühl mir und Geruch,
    Mir alle Sinn und gönne mir das Herz:
    So lässt du mir die Glocke, die ich brauche,
    Aus einer Welt noch find ich ihn heraus.
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Sieh, ich bin nicht

Beitrag von lilaloufan » 25. Mai 2007, 18:27

lilaloufan hat geschrieben:Was aber, wenn dies{…} eine Begegnung wäre {…} mit uns selbst [Hervorh. neu l.], mit dem unsichtbaren Ich, „der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn erblicke“, der „ruhig schweigt, wenn ich spreche“ (R. Jiménez, «Yo no soy yo»)? [in dieser Diskussion; hier ist der Link: #6940]
Daran habe ich mich heute erinnert, als ich las:
Rainer Maria Rilke hat geschrieben:
  • Sieh, ich bin nicht, aber wenn ich wäre,
    wäre ich die Mitte im Gedicht;
    das Genaue, dem das ungefähre,
    ungefühlte Leben widerspricht.

    Sieh, ich bin nicht. Denn die Andern sind;
    Während sie sich zu einander kehren
    Blind und im vergesslichsten Begehren -,
    tret ich leise in den leeren
    Hund und in das volle Kind.

    Wenn ich mich in ihnen tief verkläre,
    scheint durch sie mein reiner Schein…
    Aber plötzlich gehen sie wieder ein:
    Denn ich bin nicht. (Liebe, dass ich wäre -)
Die Termini „leerer Hund“ und „volles Kind“ erläutert LAL in Klammern: «Für Rilke ist der Hund fast seiner eigentlichen Substanz entleert durch die Tatsache, dass er immerfort mit zum Menschen erhobenem Blick lebt, während das ‚volle’ Kind in seiner erfüllten und abgeschlossenen Welt sich bewahrt.»
Zuletzt geändert von lilaloufan am 23. Jun 2009, 15:43, insgesamt 1-mal geändert.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Volker
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Rilke ein Plagiateur?

Beitrag von Volker » 26. Mai 2007, 01:16

lilaloufan hat geschrieben:Und vorhin entdeckte ich im «Amphytrion» bei Heinrich von Kleist (II,4)
Kleist hat geschrieben:Nimm mir
Das Aug, so hör ich ihn
Es geht um Rilke. Der hat geschrieben:Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn
Oha! Das hätte ich nicht gedacht. Hat Rilke bei Kleist geklaut?
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

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ein Plädoyer

Beitrag von lilaloufan » 26. Mai 2007, 08:55

Nein! Ich hätte gar nicht gedacht, dass man diesen Zusammenhang als einen plagiativen ansehen (wollen) könnte. Rilkes Gedicht folgt den - ihm möglicherweise* bekannten - sieben Zeilen aus dem Amphytrion weder in formal stilistischer noch in inhaltlich motivischer Hinsicht. Allenfalls könnte man sagen, er führt einen aufgenommenen Bezug weiter - was urheberschaftskritisch unbedenklich ist -, nämlich indem er einleitet mit dem konditional gebrauchten Imperativ: «Und selbst wenn Du mich entsinnst…» bzw. «Entsinne mich - und selbst (bzw. gerade!) dann…».

Aber während Kleist auf Synæsthesie rekurriert (überspitzt: «Wozu der Daumen - hat die Hand nicht vier weit beweglichere Finger?»), weist Rilke auf die Steigerung, die dem Einzel-Sinne selbst auf eig’nem Felde, autochthon, möglich wird (auch hier überspitzt: «Braucht denn die Traube ein Augenpaar, um die ganze Fülle der Sonne in sich aufzunehmen [die ja in der Evolution der Naturreiche erst beim im Tiere erwachenden Seelischen zur „Ursache des Gesichts“ {Platon, Πολιτεία} wird]?»)

In diesem Holismus, der von bloßer synæsthetischer Sinn-Substitution unbefriedigt bliebe, ist Rilke ganz konsequent:
  • Und doch kann das vollendete Gedicht nur unter der Bedingung entstehen, dass die mit fünf Hebeln [gemeint: die fünf Sinne l.] gleichzeitig angegriffene Welt unter einem bestimmten Aspekt auf jener übernatürlichen Ebene erscheine, die eben die des Gedichtes ist.

    Eine Frau, der solches in einem Gespräche vorgetragen wurde, rief aus, diese wunderbare, zugleich einsetzende Befähigung und Leistung aller Sinne sei doch nichts anderes als Geistesgegenwart und Gnade der Liebe, - und sie legte damit (nebenbei) ein gutes Zeugnis ein für die sublime Wirklichkeit des Gedichts. Aber eben deshalb ist der Liebende in so großartiger Gefahr, weil er auf das Zusammenwirken seiner Sinne angewiesen ist, von denen er doch weiß, dass sie nur in jener einzigen gewagten Mitte sich treffen, in der sie, alle Breite aufgebend, zusammenlaufen und in der kein Bestand ist.


    Nun ist die Lage des Liebenden die, dass er sich unversehens in die Mitte des Kreises gestellt fühlt, dorthin also, wo das Bekannte und das Unerfassliche in einem einzigen Punkte zusammendringt, vollzählig wird und Besitz schlechthin, allerdings unter Aufhebung aller Einzelheit. Dem Dichter wäre mit dieser Versetzung nicht gedient, ihm muss das vielfältig Einzelne gegenwärtig bleiben, er ist angehalten, die Sinnesausschnitte ihrer Breite nach zu gebrauchen, und so muss er auch wünschen, jeden einzelnen so weit als möglich auszudehnen, damit einmal seiner geschürzten Entzückung der Sprung durch die fünf Gärten in einem Atem gelänge.

    Beruht die Gefahr des Liebenden in der Unausgedehntheit seines Standpunkts, so ist es jene des Dichters, der Abgründe gewahr zu werden, die die eine Ordnung der Sinnlichkeit von der anderen scheiden: in der Tat, sie sind weit und saugend genug, um den größeren Teil der Welt - und wer weiß, wieviel Welten - an uns vorbei hinwegzureißen.

    Die Frage entsteht hier, ob die Arbeit des Forschers die Ausdehnung dieser Sektoren in der von uns angenommenen Ebene wesentlich zu erweitern vermag? Ob nicht die Erwerbungen des Mikroskops, des Fernrohrs und so vieler, die Sinne nach oben oder unten verschiebender Vorrichtungen in eine andere Schichtung zu liegen kommen, da doch der meiste, so gewonnene Zuwachs sinnlich nicht durchdrungen, also nicht eigentlich "erlebt" werden kann. Es möchte nicht voreilig sein, zu vermuten, dass der Künstler, der diese (wenn man es so nennen darf) fünffingrige Hand seiner Sinne zu immer regerem und geistigerem Griffe entwickelt, am entscheidendsten an einer Erweiterung der einzelnen Sinngebiete arbeitet, nur dass seine beweisende Leistung, da sie ohne das Wunder zuletzt nicht möglich ist, ihm nicht erlaubt, den persönlichen Gebietsgewinn in die aufgeschlagene allgemeine Karte einzutragen.
Das, aus dem „Kronennaht“-Aufsatz, macht doch deutlich, von welcher Sinnesauffassung Rilke hier ausgeht [s. hierzu auch #7381].

Also, bitte! Rilke der Kopie zu verdächtigen fände ich absurd. (@Volker: Beachte den Konjunktiv «fände»; ich denke, Du hast die Frage humorig gemeint.)
___
*: Paris, Ende 1913
Zuletzt geändert von lilaloufan am 23. Jun 2009, 15:45, insgesamt 1-mal geändert.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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