Mohammeds Berufung (zum zweiten Mal !)

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Abdelwahab
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Mohammeds Berufung (zum zweiten Mal !)

Beitrag von Abdelwahab » 2. Sep 2006, 22:07

Hallo RMR-Freunde,

ich hatte vor einiger Zeit nachgefragt, ob jemand den Anlass fuer dieses Gedichtlein von RMR kennt. Es hat mir nur eine nette arabische Dame auf meine Frage antworten wollen, konnte mir allerdings nicht viel mehr sagen, als das, was ich schon wusste (d.h. was unter dem Gedicht als Datum stand).

Nun gibt es zwei Interpretationen eures Schweigens : Entweder weiss wirklich niemand, aus welchem Anlass RMR das Gedicht geschrieben hatte oder es WILL niemand antworten.

Im ersten Falle wuerde ich sehen, dass ich woanders nachfrage.

Im zweiten Falle wuerde ich alle diejenigen bitten, die sich durch meine vorherigen Emails ueber RMR in "ihrer Weltanschauung" angegriffen fuehlen, weil sie (bewusst !) das Thema Islam bei Rilke ansprachen (das im ueberigen ein sehr interessantes und poetischesThema ist, unabhaengig von der Tatsache, wie wir heute alle zum Islam stehen), sich die Tatsache bewusst zu machen, dass ich hier nicht versucht habe, sie zum Islam zu konvertieren, sondern lediglisch ueber eines der vielen Themen sprechen wollte !

An alle , die so denken (falls ich nicht diesbezogen voellig falsch in meinen Annahmen liege und geradezu paranoia geworden bin) : Wenn ihr glaubt, ihr seid die einzigen auf der Welt, die das Recht haben, RMR zu lesen und zu verstehen, nur weil ihr zufaellig seine Muttersprache spricht, dann kennt ihr ihn, sein Leben und Werk am wenigsten ....

RMRs Poesie war, ist und bleibt das Erbgut der ganzen Menschheit und nicht einer kleinen, westlichen, moechtegerne Elite !

Naser
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gliwi
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Beitrag von gliwi » 2. Sep 2006, 23:59

Hallo,
ich denke, du liegst falsch. Wenn ich es wüsste, hätte ich es dir längst geschrieben. Das hat doch nichts mit dem Islam zu tun. Wie viele Fragen haben wir nicht schon unserem Freund Dasha, der weit, weit hinten in China sitzt und tapfer Rilke-Gedichte ins Chinesische übersetzt, zu beantworten versucht. Ich habe hier selbst vor Jahren - noch im alten Forum - auf Fuad Rifka hingewiesen, der Rilke ins Arabische übersetzt hat und im Jahr 2001 den Friedrich-Gundolf-Preis bekam.
Gruß
gliwi
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stilz
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Beitrag von stilz » 3. Sep 2006, 07:49

Ich sehe es genauso wie gliwi, auch ich hätte längst geantwortet, wenn ich etwas dazu wüßte.
Es tut mir leid, daß Du einen Grund zu "Paranoia" zu haben glaubst...
gib doch mal oben unter "Suche" das Wort "Islam" ein, da findest Du, daß auch im Forum das Thema schon ein paarmal berührt wurde... freilich nicht erschöpfend, das liegt wohl einfach daran, daß viele der Mitdiskutierenden (so wie ich auch) sich da einfach nicht firm fühlen.

Mit herzlichem Gruß

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Abdelwahab
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Paranoide Wahnvorstellungen

Beitrag von Abdelwahab » 3. Sep 2006, 10:07

Hallo Stilz, Gliwi,

danke fuer eure Antworten ....

Ich habe ja nicht ausgeschlossen, dass ich unter paranoiden Wahnvorstellungen leiden koennte (welcher Araber heutzutage sucht nicht jeden Tag unter seinem Bett nach einer Bombe, die er vielleicht versehens dort vergessen hat, und die ihm dienen soll, falls er, als Schlaefer, einen Anruf des Herrn BinLaden mitten in der Nacht bekommen wuerde ) !

Spass beiseite : Ich bin trotzdem der Meinung, dass das Thema Islam bei Rilke nicht nur von muslimischer Seite ausgetragen werden soll ! Ich wundere mich nicht, wenn ihr sagt, ihr wisst nichts konkretes darueber. Auch die vielen Ausschnitte in seinen Briefen, die sich mit dem Islam beschaeftigen, seine Besuche zu islamischen Laender, seine Bekanntschaften mit Muslimen usw... Dies alles wird heute nur von Muslimen erforscht und von den anderen teilweise ignoriert.

Dabei muesste es, gerade in diesen tristen Zeiten, naheliegend sein, sich mehr oder weniger mit dem Thema zu befassen, um festzustellen, wieso man den angefangenen Weg der grossen europaeischen Geister in Richtung Islam nicht weitergegangen ist.

Was mich betrifft : Ich habe dieses Gedicht ins arabische, klassische Versmass uebertragen (ich glaube das geschieht zum ersten Mal !), wollte einen Artikel daraus machen, um den Menschen hier eine positive Seite Europas zu zeigen, die sie mit Sicherheit nicht kennen. Dadurch, dass ich aber keine Hinweise darauf habe, was die wirklichen Gegebenheiten der Entstehung dieses Gedichtes waren, droht mein original geplantes Vorhaben zu scheitern, d.h. es wird nur bei meiner Uebertragung bleiben .......

Doch das sind alles Vorwaende, die ich, in meinem komischen Dichterdasein allen vortaeuschen will !

Die Wahrheit ist : Ich will meinem Meister, Lehrer und Freund eine Ehre erweisen, indem ich seine bleibende Poesie in eine von ihm bewunderte Sprache seiner unerreichten Traumwelt uebertrage. Meines Wissens hat seinerzeit es niemand gemacht.

Er freut sich also darueber in der Dimension, in der er jetzt ist !

Gruss euch beiden
naser

gliwi
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Re: Paranoide Wahnvorstellungen

Beitrag von gliwi » 3. Sep 2006, 14:07

[quote="Abdelwahab"
Die Wahrheit ist : Ich will meinem Meister, Lehrer und Freund eine Ehre erweisen, indem ich seine bleibende Poesie in eine von ihm bewunderte Sprache seiner unerreichten Traumwelt uebertrage. Meines Wissens hat seinerzeit es niemand gemacht.
[/quote]

Doch, eben dieser Fuad Rifka hat schon Gedichte von Rilke ins Arabische übertragen. Wenn du "Fuad Rifka"+Rilke bei google eingibst, gibt es 150 Fundstellen. An deiner Stelle würde ich mal nachsehen, welche Gedichte Rifka schon übertragen hat - bestimmt gibt es noch einige Hundert, die der Übertragung harren. ha, ich beneide Menschen, die wirklich zweisprachig sind und es wagen können, Gedichte zu übersetzen, denn das ist das Nonplusultra der Übersetzungskunst.
Gruß
gliwi
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helle
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Beitrag von helle » 3. Sep 2006, 14:20

Hallo Naser,

von "moechtegerne Elite" und den "einzigen auf der Welt, die das Recht haben, RMR zu lesen" kann hier wahrlich keine Rede sein. Dieses Forum ist keine wie immer geartete Gemeinschaft, die mit nur einer Stimme spräche, sondern ein loser Verbund von Einzelnen, die sich aus unterschiedlichen Gründen und Interessen mit Rilke beschäftigen. So bleiben hier auch immer wieder mal einzelne Fragen liegen und unbeantwortet (ich selbst bin seit längerem an der Herkunft von zwei Zitaten interessiert, auf die ich hier auch keine Antwort gefunden habe), no need, polemisch zu werden und ideologische Motive anzunehmen, wo lediglich Unkenntnis "ueber eines der vielen Themen" vorliegt, vielleicht auch Desinteresse. Klar, wer ernsthaft bestreiten wollte, daß auch das Thema "Rilkes Islamverständnis" interessant ist, wäre etwas dusselig, damit muß man sich nicht lange aufhalten. Allerdings finde auch ich es erstaunlich, daß in dem 2004 erschienenen Rilke-Handbuch (hg. von Manfred Engel und mit Beiträgen vieler Fachleute), das auf mehr als 500 Seiten alle wichtigen Aspekte von Rilkes Werk erfassen will, das Islam-Thema an keiner Stelle ausdrücklich behandelt wird.

Das Thema Rilke und der Islam hat offenbar ziemlich viel Facetten, das frühe (und anhaltende) Ägypten-Interesse, die sporadische Beschäftigung mit dem Koran, die Orientreise 1910/11, der Aufenthalt in Südspanien 1912/13, und die Folgen all dessen in den Gedichten und Briefen Rilkes. Das Gedicht, nach dem Du fragst, Mohammeds Berufung stammt aus dem Jahr 1907, also vor Rilkes Orientreise. Durch Rodin hatte Rilke (in Teilen mindestens) die Erzählungen der Tausendundeinen Nacht kennengelernt und daß seine Frau 1907 nach Ägypten reiste, hat ihm die Lektüre nahegelegt. Die Orientalistin Annemarie Schimmel vermutet, daß Rilke 1907 auszugsweise auch schon der Koran bekannt war (in Übersetzung) und begründet das so:
"das genannte Gedicht [= Mohammeds Berufung] ist nichts als eine poetische Auslegung des Beginns von Sura 96, dem Bericht über die erste Erscheinung des 'hohen lichterlohen' und 'herrischen' Engels, der dem überwältigten Propheten die Botschaft seiner Berufung bringt und ihn zwingt, die göttlichen Worte zu rezitieren." Sie vergleicht dann die Rolle des Propheten im Islam als "unbeflecktes Gefäß" mit der Rolle Marias als "unberührte Jungfrau" in der Begegnung mit dem Engel – die Analogie besteht darin, daß sich in beiden Fällen Gottes Wort manifestiert, hier als leiblicher Mensch, dort als durch den Propheten mitgeteilte Buch.

Der Aufsatz von Annemarie Schimmel ("Ein Osten, der nie alle wird") enthält so viele Hinweise auf überraschende Bezüge und Querverbindungen zur orientalischen, vor allem persischen Literatur, daß man sie hier nicht zusammenfassen kann (er steht in dem Band: "Rilke heute. Beziehungen und Wirkungen", Frankfurt 1975, S. 183-206). Ich will nur noch eine Stelle anführen, auf die ich neulich im anderen Zusammenhang zu sprechen kam, einen Brief Rilkes an die Fürstin Thurn und Taxis vom Dez. 1912 aus Cordoba:

"Ich bin seit Cordoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran; er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin wie der Wind in der Orgel ... Mohammend war auf alle Fälle das Nächste: wie ein Fluß durch ein Urgebirg, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden läßt, jeden Morgen".

Soweit dies.
Gruß helle

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Nachwort

Beitrag von Abdelwahab » 3. Sep 2006, 16:26

Hallo Gliwi, Helle,

ich sehe, dass ich in der Tat bei meiner Annahme, ihr seid diese "moechtegerne Elite", voellig daneben liege (ihr haettet mir sonst nicht so ausfuehrlich und lieb geantwortet !) .

Es bleibt trotzdem der Nachgeschmack einer "Verschwoerung" gegen heikle Themen so wie der Islam, wenn sie sich zu jemandem wie Rilke beziehen (ihr wisst wie gerne wir Araber "Verschwoerungstheorien" lieben :) ).

Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, und da sind wir uns einig, wie ich sehe, dass alles diskutiert und eroertert wird (beim renomierten Verleger) nur nicht dieses Thema.

Das Fehlen authentischer Informationen fuehrt zu Unzulaenglichkeiten beim Verstehen der ohnehin schwierigen Gedankengaenge RMRs und damit zu unglaublichen Missverstaendnissen. Ich habe beispielsweise eine Uebersetzung des genannten Gedichtes auf Arabisch gelesen, in der der Engel den Propheten (fsmi) bittet, bleiben zu duerfen und nicht umgekehrt. Dies ist im ueberigen die einzige Uebersetzung auf Arabisch, die es fuer dieses Gedicht gibt ausser meiner Uebertragung (ich moechte es Uebertragung nennen, da es ein eigenes, klassisches Gedicht mit Reim, Rhytmus, Sinn und Bild geworden ist ). Die Arbeiten von Fuad Rifka, die ich kenne, sind nur Ansaetze zu Gedichten und bilden keine (im klassisch, arabischen Sinne) alleinstehende Entitaeten.

Lasst mich euch in diesem Zusammenhang folgendes fragen (ich will sehen, ob ich etwas richtiges auf Arabisch reininterpretiert habe oder nicht) :

Wie erklaert ihr, dass das Gedicht folgende vom Anschein her entgegengesetzte Verse beinhaltet :

"Er hatte nie gelesen und nur gar, ein solches Wort"

dann aber (nachdem der Engel ihn gelehrt hat)

" Und war schon einer, der gelesen hatte ....."

???

Gruss
Naser
naser

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Beitrag von helle » 4. Sep 2006, 21:02

Ich will mich erneut auf die Ausführungen von A. Schimmel berufen. Aus der islamischen Tradition erklärt, sollte der Prophet nicht bereits durch früheres Lesen und Schreiben verdorben sein, sondern "die Verkündigung, die durch ihn geschehen sollte, als unbeflecktes Gefäß aufnehmen." Daß er dann gleich des Lesens kundig sei, erkläre sich dadurch, daß ihm die Botschaft zugleich "Erinnerung an den 'Urvertrag' zwischen Gott und Mensch (Sura 7/171)" ist, an den Moment, etwas vereinfachend gesagt, wo der Mensch als sein Geschöpf die Herrschaft Gottes anerkennen muß.

Man könnte auch Platons Gedanken der Anamnese anführen – Erinnerung an ein in uns liegendes Wissen, über das wir uns bis zu einem bestimmten Zeitpunkt keine Rechenschaft gegeben haben.

Noch einfacher interpretiert: ist es ein vollkommenes "learning by doing", das der Prophet erfährt – wozu er allerdings berufen sein mußte.

Übrigens hat lilaloufan kürzlich auf einen interessanten Hinweis zum Thema aufmerksam gemacht ("Rilke und der Islam" unter "Publikationen und Neuerscheinungen").

Gruß h.

Abdelwahab
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Beitrag von Abdelwahab » 5. Sep 2006, 00:08

Hallo Helle,

und danke fuer die hilfreichen Bemerkungen !

Ich sehe, ich habe mich nicht geirrt, als ich angenommen habe, man koennte in dem Gedicht nicht nur einbauen, dass sich der Engel bog, als der Prophet (fsmi) las, sondern auch, dass die Zeit ueberfluessig wurde.

Das ist nicht sehr weit entfernt von dem was Du sagst, denn nur wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt wird alles vergessene (so wie der Bund mit Gott, den alle Lebewesen einst geschlossen haben) wieder lebendig.

Wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt war er auf jeden Fall einer, der "schon gelesen hatte" nachdem er angefangen hat zu lesen.

Ich habe bei meinen Uebertragungen folgende Regel versucht zu beachten : "Jeder Sinn und jedes Bild bei Rilke erscheinen in meinen Gedichten wieder, doch nicht jedes meiner Bilder sind im originalen auffindbar".

Ich versuche die arabische Kulisse so vorzubereiten, dass die in einer fernen, fremden Ebene stattfindenden Ereignisse dieselbe Richtung zeigen, wie die in der naeheren. Die notwendigen Vorbereitungen der "Buehne", die Bilder und Plakate, hatte RMR selbstverstaendlich nicht noetig gehabt. Alleine schon Reim und Rhytmus der anderen Sprache zwingten mich dazu. Es entstanden darum "andere" Gedichte !

Ich wuenschte, ich koennte euch die Uebertragung hier nahe bringen und ueberlege, ob ich nicht eine volle Drehung versuchen sollte, d.h. meine Uebersetzung wieder ins Deutsche zurueckzubringen ! Es waere mit Sicherheit eine tolle Uebung !

Gruss
naser

helle
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Beitrag von helle » 5. Sep 2006, 12:00

ja, das wäre vielleicht interessant. Ich denke dabei an das Kinderspiel "Stille Post", wo ein schwieriges Wort von Ohr zu Ohr geflüstert wird; am Ende sieht's meist anders aus als am Anfang.

Gutes Gelingen bei Deinen Übersetzungen
wünscht helle

stilz
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Beitrag von stilz » 19. Sep 2006, 09:50

Mohammeds Berufung

Da aber als in sein Versteck der Hohe,
sofort Erkennbare: der Engel, trat,
aufrecht, der lautere und lichterlohe:
da tat er allen Anspruch ab und bat

bleiben zu dürfen der von seinen Reisen
innen verwirrte Kaufmann, der er war;
er hatte nie gelesen - und nun gar
ein solches Wort, zu viel für einen Weisen.

Der Engel aber, herrisch, wies und wies
ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,
und gab nicht nach und wollte wieder: Lies.

Da las er: so, daß sich der Engel bog.
Und war schon einer, der gelesen hatte
und konnte und gehorchte und vollzog.



Naser, Du schreibst: *** Wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt war er auf jeden Fall einer, der "schon gelesen hatte" nachdem er angefangen hat zu lesen. ***

Ich glaube nicht, daß diese Konstruktion nötig ist, um der Stelle gerecht zu werden.

Für mich macht es einen Unterschied, daß Rilke nicht einfach schreibt "und hatte schon gelesen", sondern eben

Und WAR SCHON EINER, der gelesen hatte
und konnte und gehorchte und vollzog.


Ich sehe es so, daß Mohammed zwar im BUCHSTABIEREN keine Erfahrung hatte (danke, helle, für Deine Ausführungen zum "unbefleckten Gefäß") - und dazu brauchte er den Engel, der

wies und wies
ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte

Dennoch war Mohammed schon immer (seit er "berufen" war? Oder wurde er deshalb "berufen"?) einer, der "schon gelesen hatte", will heißen: der LESEN konnte, nicht nur buchstabieren, sondern erkennend, sinnerfassend, sinnvermittelnd... so, daß sich sogar der hohe und herrische Engel schließlich bog...


Lieber Naser, ich würde mich sehr freuen, wenn Du tatsächlich eine "Rückübersetzung" versuchst und uns die Bilder vermittelst, die Du aus Deinem islamischen Hintergrund noch dazu assoziierst!

Im besonderen interessiert mich noch der Anfang des Gedichtes:

DA ABER...
da tat er allen Anspruch ab und bat

Bedeutet das, Mohammed hatte zunächst diesen "Anspruch", kriegte es dann, als es soweit war, aber plötzlich für einen Moment mit der Angst zu tun?
Und auch dazu brauchte es den Engel, der

gab nicht nach und wollte wieder: Lies.

Gibt es bei Rilke eine "Vorgeschichte" zu diesem Gedicht?

Lieben Gruß

stilz


edit-P.S.: Gerade hab ich gesehen, daß die verschiedenen Schriftarten und -farben, die ich eigentlich einsetzen wollte, aus irgendeinem Grund in diesem Beitrag nicht funktionieren, und sie alle wieder rausgenommen, damit es besser lesbar wird.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Lin
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die Engel

Beitrag von Lin » 3. Okt 2006, 18:51

…hallo zusammen

Mit Interesse habe ich euer Thema hier verfolgt – „Rilke und der Islam“ / "Mohammeds Berufung"– .
Wenn ich überlege, wie die Berufung des Propheten Muhammed (fsmi) erzaehlt wird, dann erfasst Rilke genau das in seinem Gedicht – jetzt kann ich auch verstehen, warum der Engel sich „bog“, also das Sich-Verbeugen ruku ist wohl gemeint? So habe ich mir das nun erklärt, nachdem Rilke später auch von dem „zumindest biegsam sein“ schreibt in seinem schönen Brief über die Religion an Ilse Blumenthal-Weiß1921.

Eine Frage zu den Engeln in Rilkes Werken habe ich nun – die Engel spielen im Islam eine wichtige Rolle – wie oder woher hat Rilke die Figur des Engels wohl übernommen, wieso hat sie sich so stark in ihm entwickelt…
Vier Engel werden im Koran erwaehnt, neben Gabriel, Michael, ebenso Azrael(Todesengel) sowie Israfil(jüngstes Gericht) - …

Danke euch für die schöne Thematik, auf die ich heute treffen durfte!

und ich glaube, dass für die arabische Welt, die Rilkes „Mohammeds Berufung“ übertragen liest, alleine das schon so viel mehr sagt als manchem von uns auf Anhieb – so dass weitere Erläuterungen vielleicht gar nicht von Nöten sind.
Würde ein berühmter arabischer Dichter analog zu Rilkes Vorgehen einen bedeutungsvollen Vers aus der Bibel in eine arabische Gedichtsform schreiben – das hat doch einen ganz hochschätzenden Stellenwert, eine besondere Aussagekraft für den anderen und zeigt natürlich ganz klar das Verstehen und das Verständnis des Dichters auf.

Schade, schade, dass Rilke nicht heute lebt.
Seine Sichtweise und Erfahrung des Islam täte der Welt gut.

Lin 8)

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