Apfelgarten

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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.Sabine.
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Apfelgarten

Beitrag von .Sabine. » 2. Dez 2006, 20:09

Hallo,

zwei Dämmerungen: zwischen Tag und Nacht, zwischen Jung- und Alt-Sein ? Was meint Ihr ? Gibt es diese - doppeldeutigen - Übergänge bei Rilke öfter ?

Sabine :lol:

Der Apfelgarten

Borgeby-Gård

Komm gleich nach dem Sonnenuntergange,
sieh das Abendgrün des Rasengrunds;
ist es nicht, als hätten wir es lange
angesammelt und erspart in uns,

um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,
neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun,
noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
in Gedanken vor uns hinzustreun

unter Bäume wie von Dürer, die
das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den überfüllten Früchten tragen,
dienend, voll Geduld, versuchend, wie

das, was alle Maße übersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt.


Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil
"Ich lerne sehen.... " (Rainer Maria Rilke)

Abdelwahab
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Beitrag von Abdelwahab » 6. Dez 2006, 22:08

Diese Gedicht versteht man - meiner Meinung nach -

"wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt"

dann :

streut man in Gedanken vor sich hin das Gruen, das man lange angesammelt hat, vermischt mit

"neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun"

und fuegt einiges an innerer Dunkelheit hinzu, um der bereits untergegangenen Sonne ebenbuertig zu werden, weil man weiss,
dass man

"das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den überfüllten Früchten "

traegt,

"dienend, voll Geduld, versuchend, wie
das, was alle Maße übersteigt"

Aber zugleich weiss man, dass einiges

"noch zu heben ist und hinzugeben"

deswegen kommt man mit der Sonne morgens wieder ....

Gruss
naser

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