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Stundenbuch

Verfasst: 2. Nov 2003, 02:30
von Gast
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
doch versuchen will ich ihn

Ich kreise um Gott , um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich wei noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang

wäre nett wenn mir jemand tipps geben könnte zu dem gedicht vorallem was mit "wachsenden Ringe" und "Dinge" gmeint ist

Verfasst: 2. Nov 2003, 10:24
von e.u.
Vielleicht ist hier in der ersten Strophe an das Bild des Baumstamms zu denken, der sich in Jahresringen organisch erweitert. Dann sind die 'Dinge' (1899 in Berlin ist Rilke noch nicht beim 'Dinggedicht') der unscheinbare, zaghafte Ausgangspunkt seiner Existenz. Wer mag, kann aber hier schon an den Umwelt-Gedanken von Jakob von Uexküll erinnert werden (den Rilke einige Jahre später sehr beschäftigt).
In der zweiten Strophe mag das etwas anders sein. Das lyrische Ich ist in dem Zyklus des Stundenbuchs (bitte auch die Illustrationen von Walter Tiemann dazu ansehen) ein Mönch in seiner Zelle. In dieser 'Rolle' ist Gott analog den inneren Dingen. Das Ich ist sich zwar der Orientierung (Turm), aber nicht seiner eigenen Funktion in diesem Modell sicher: Falke, Sturm, Gesang. Der "große Gesang" deutet vielleicht schon an, dass die letzte, große Bestimmung der Dichter ist, der die (antike) göttliche Aufgabe des Rühmens (Orpheus) hat. Aber vielleicht ist das schon sehr spekulativ.

Verfasst: 6. Nov 2003, 04:58
von ub
Die Ringe lassen sich vielleicht auch als das verstehen, was ein Leben umschliesst, wenn es nicht (mehr) von Gott gehalten wird -- fuer Rilke waere das das "Sein." Bei Heidegger, in Was heisst Denken?, zitiert dieser die zu seiner Schulzeit verfasste autobiografische Skizze von F. Nietzsche, der eben diese "Ringe" anspricht, als er fragt, was sein Leben denn am Ende noch umschliessen wuerde.

Verfasst: 15. Jan 2004, 16:03
von Magdalena
Dieses Gedicht ist eines meiner liebsten von Rilke (bis jetzt), weil ich mich so sehr darin widerhallen fühle.
Es ist ein solches Erheben, wenn ich dies lese.
Wieder einmal eines davon, das in ein Bild so vieles von dem fasst, was man irgendwann im Leben gefühlt hat oder was stumm über meinem Leben schwebt ohne, dass ich es so treffend und wunderschön zu benennen imstande gewesen wäre.

Ich glaube auch, dass die "Ringe" die wachsenden Ringe des Baumes darstellen, die zugleich das jährliche (und das sich jeden Moment vollziehende) Wachstum des lyrischen Ichs (und jedes Menschen) symbolisieren, das sich immer weiter über die "Dinge", die einem vertraut geworden und anvertraut worden sind, die also das Leben umfassen und es einschließen. (Schön dass sie ständig wachsen, die Ringe).
Für mich klingt bei dem Vergleich mit den Ringen des Baumes auch die vielfach spürbare Nähe zur Natur Rilkes durch.

Für mich ist die Phrase: bin ich ein Falke, ein Sturm, oder ein großer Gesang? so unbegreiflich schön, dass ich es nicht sagen kann.

Ich hätte noch eine Frage:
...und ich kreise jahrtausendelang; - glaubte Rilke an die Wiedergeburt?
Vielleicht meinte er auch die Subjektivität der Zeit jedes Menschen und die Unendlichkeit, die irgendwie jeder Seele, wenn man in sie hineinhört, innewohnt. (?)

Ja, ich würde mich über Antwort freuen!

Ringe

Verfasst: 16. Jan 2004, 01:01
von Volker
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Der Vergleich mit den Jahresringen der Bäume ist schön und treffend.
Gut wenn man von sich sagen kann: es gibt in meinem Leben eine Weiterentwicklung. Meine Erfahrungshorizonte - auf allen Ebenen - werden inmer größer, einer umschließt den anderen, baut sozusagen auf dem vorigen auf. Darin enthalten, davon umschlossen sind alle "Dinge", die mir im Leben begegnen und die für mich eine Bedeutung haben. (Alles hat seine Bedeutung!) Die "Dinge" bei Rilke sind wohl nicht nur Dinge im Gegenständlichen, sondern auch alles, was mich (meinen Charakter, mein Gemüt) formt.

"Vieles wäre zu sagen davon." (Hölderlin)

Verfasst: 16. Jan 2004, 14:46
von Marie
Hallo,
ich glaube, man unterschätzt Rilke, wenn man ihm nur das Schöngeistige im Symbol von Ringen und Dingen zuschreibt. Rilke war sich sicher mehr als die meisten Menschen des "schrecklich Schönen" des Wachstums bewusst. Zu spüren, wie man mit allen bewussten und unbewussten Bestrebungen immer nur um Gott, den "alten Turm" kreist, ohne ihn je durch irgendeine Willensanstrengung oder einen Verdienst erreichen zu können (letztlich nur durch Gnade oder Wunder), jeglicher Illusion beraubt zu sein (die wachsenden Ringe entfernen sich ja zudem immer mehr von Gott!) ist auch schrecklich. In den Elegien erweitert Rilke dann den Gedanken von den Dingen, die erst durch unser Dasein (Leid wie Freude) belebt werden. Auch der "große Gesang" - da stimme ich mit e.u. überein - findet sich in den Sonette an Orpheus wieder.

C.G. Jung soll einmal gesagt haben, dass es nicht wenige Menschen gibt, denen man erst einmal Angst einjagen muss, bevor eine Therapie erfolgreich sein kann - da steckt etwas Wahres drin und das Gedicht hat mich daran wieder erinnert.

Deine Frage, Magdalena, nach Rilkes Glaube an Wiedergeburt lässt sich eindeutig bejahen, aber das schöne an seiner Dichtung ist, dass sie Türen öffnet für die unterschiedlichsten Anschauungen und nicht schließt - das wäre ignoranter Dogmatismus!

Liebe Grüße

Hallo

Verfasst: 17. Jan 2004, 18:42
von Volker
Hallo Marie,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang
Das klingt nicht nach Angst vor dem "schrecklich Schönen".

Ich wollte Rilke nicht nur Schöngeistiges zuschreiben, hatte mich nur auf die Frage nach den "Ringen" und "Dingen" beschränkt.
(Aber der "Gast" hat sich wohl längst von dieser Diskussion verabschiedet. Na ja, macht nichts).

In der zweiten Strophe (Kreisen um Gott) eröffnen sich ja noch ganz andere Perspektiven.

Ach Gott! Die Kunst ist lang!
Und kurz ist unser Leben.

Verfasst: 18. Jan 2004, 09:43
von e.u.
Hallo,
darf man spekulieren?
Falke, Sturm, großer Gesang
sind schöne Metaphern, aber auch ein Problem.
Ziemlich klar scheint mir zu sein, dass das Gedicht eine Art Suche nach dem eigenen Auftrag ist. Passt auch zum frühen Rilke, der noch nach seiner eigenen Bestimmung suchte und sich vergewissern wollte. So bieten sich hier im Text 3 unterschiedliche Ziele an:
Falke (sehr viel spekuliert, vielleicht der erste Lebensplan, Militärschule, Offizierslaufbah, das was die Eltern für ihn zugedacht hatten und ihm damals noch gar nicht so total abwegig erschienen sein mag),
Sturm (noch mehr Spekulation: Genie, Sendung, Apostel im weitesten Sinne),
schließlich "großer Gesang" (der Dichter nicht von hübschen Gelegenheitsversen, sondern von großen Themen und erhabenen (sublimen) Formen). Wenn das am Schluss der 3er Gruppe (Zeile und Schlussreim) steht, mag es schon eine Steigerung und rhetorische Bekräftigung sein.
Wenn diese Suche die Form eines Gedichts hat, ist damit indirekt schon das Ergebnis, eher: die Präferenz formuliert (aber Vorsicht: auch Nietzsche machte gute Gedichte, ist er deshalb ein Dichter oder doch vor allem ein Philosoph?).
Aber nun geht es eigentlich erst los. In welchen Texten von Rilke spielen Falken und Sturm eine Rolle? Wenn man das weiß, könnte man von den Spekulationen herunterkommen.
Eine ziemliche 'Arbeit'.
Aber für den, den's interessiert, wohl auch ein eigener 'Auftrag'.
Viel ERfolg!
e.u.

Verfasst: 18. Jan 2004, 22:23
von Magdalene
"bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang."

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Rilke mit jedem Begriff eine der möglichen Richtungen, in die er sich entwickeln könnte, meint.
Da diese aussage aber in Verbindung mit "und ich kreise jahrtausendelang" steht, hat sie für mich einen viel größeren Zusammenhang, der nicht nur "dieses Leben" umfasst, sondern die noch viel tiefere (und somit ewigere, jahrtausendelange) Suche nach Identität und Wahrheit über sich selbst.
Vielleicht meint Rilke auch beides damit, die Suche in "diesem" leben und die seiner Seele überhaupt.

stufen...

Verfasst: 8. Feb 2004, 11:15
von Anna
Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf`um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Rilke und Hesse

Verfasst: 5. Apr 2004, 06:39
von Paula
Hallo,

mich würde interessieren, ob R.M. Rilke H.Hesse eigentlich gekannt , gelesen hat ?! Und auch umgekehrt , ob H.Hesse R.M. Rilke gelesen hat ?

Vielleicht weiss das ja jemand hier im Forum ?!

Herzlichen Dank und Grüße, Paula :)

Verfasst: 6. Apr 2004, 09:09
von e.u.
Hallo,
Rilke war bei Hesse anfangs sehr aufmerksam. Er hat schon im August 1899 'Eine Stunde hinter Mitternacht' rezensiert, findet darin viel (sehr abstrakte) "Sonntagssprache" las 1906 'Peter Camenzind'. 1920 schreibt der das Gedícht 'Alle Tode' ab, er findet es schön, aber nicht herrlich, "es rollt über ein Programm". Rilke weiß natürlich, dass Hesse im Tessin wohnt, will ihn aber nicht besuchen. 1918 unterstützt er Hesses Projekt einer Bibliothek für in der Schweiz internierte deutsche Kriegsgefangene. Während Rilke etwas distanziert ist, ist Hesse in seinen Rezensionen der Rilke-Gesamtausgabe (1928) und der Briefausgabe (1933) sowie in einer Art Nachruf (1927) sehr anerkennend. Es lohnt sich, diese Bemerkungen im Detail anzusehen.
Zu Rilke informiert: Ingborg Schnack: Rilke-Chronik, zu Hesse (z.B.): 'Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen'.
Rilkes Rezension findet sich auch in der 'Kommentierten Ausgabe' Bd.4 (1996) S.150-151.
e.u.

Stundenbuch

Verfasst: 6. Apr 2004, 09:11
von Renée


Rilke und Hesse: dazu ist gerade ein Büchlein erschienen von Ralph Freedman, dem Rilke Biographen, der auch eine Hesse-Biographie geschrieben hat. Das Bändchen heißt: "Krisen als Wege zur Einheit. Ralph Freedman und Hermann Hesse", herausgebracht von der Sparkasse Pforzheim Calw 2003 - man kann es auf Anfrage sicher von dort beziehen.
Also darin findet sich ein Aufsatz Freedmans mit der Überschrift "Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke: vereinbar oder unvereinbar?" Da heißt es: "Aber sie haben sich sehr selten geschrieben und fast keine gemeinsamen Gedanken geteilt. Obwohl sie sich möglicherweise einmal getroffen haben, gibt es keinen festen Beleg dafür". Dabei verläuft ihr Leben mit einigen Parallelen.
In der "Rilke-Chronik" von Ingeborg Schnack finden sich für Hesse nur sechs Seitenzahlen im Namenverzeichnis. Wenn Du willst, sehe ich sie für Dich nach - aber vermutlich hast Du selbst einen Zugang zur Chronik.
Gegebenenfalls bis dann!
Grüße, Renée

Verfasst: 13. Apr 2004, 07:04
von Paula
Lieber Renèe,

Leider habe ich die Chronik (noch) nicht, werde sie mir aber anschaffen.

Viele Grüße, Paula :)

Rilke und Hesse

Verfasst: 7. Okt 2004, 09:47
von N.N.
An Renée

Das Buch "Rilke und Hesse" interesierte mich gut, als ich den Buchtitel fand. Leider bin ich enttäuscht. Ich wusste schon das Problem wie Sie abgeschrieben haben.

Buddhistische Kenntnisse oder?

Es war genauso wenig wie der Briefwechsel mit Kassner.