Stundenbuch - aehnliches ?

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Abdelwahab
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Stundenbuch - aehnliches ?

Beitrag von Abdelwahab » 29. Apr 2007, 10:23

Hallo wieder ,

kennt jemand etwas, was RMR geschrieben hat (im Stundenbuch oder woanders), aehnlich zur folgenden, aus dem Arabischen uebersetzten Aussage eines Sufis :

رأيت ربي بعين قلبي – فقلت من أنت قال أنت
فليس للأين منك أين – وليس أين بحيث أنت
وليس للوهم منك وهم – فيعلم الوهم أين أنت
أنت الذي حزت كل أين – بنحو لا أين فأين أنت
وفي فنائي فنى فنائي – وفي فنائي وجدت أنت

Ich sah Dich Gott an meines Herzens Wende
Und fragte staunend wer Du seist
Du riefst mich : "Du !". Mir deutete das Ende
des schmalen Weges, der mich wies und weist :
Da wo Du bist entgleiten alle Wände
des weiten Raumes in die Ewigkeit !

Ist es ein Ort ?
Es dehnen sich die Rände
und meinem Orten fehlt Vernehmlichkeit.
Du hast das Wo umfasst, als ob es gelte,
es nachzustehn in keiner Örtlichkeit.

Wo bist Du denn ?
Es ist wie wenn ich fände
Dich tiefer als die tiefste Einsamkeit.

Und wenn in des Verzichtens schwere Hände
mein Wesen ruhte von der Sinnlichkeit,
dann würde ich erwachen und empfände
Dich leuchtend da in meiner Dunkelheit.
naser

stilz
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Beitrag von stilz » 8. Mai 2007, 20:56

Hallo Naser,

das ist eine sehr, sehr schöne Übersetzung, danke!

"Etwas Ähnliches" bei RMR zu finden... in einem konkreten Text... na, das wird vielleicht nicht gelingen. Immerhin, es ist ja klar, daß die Fragen dieses Sufis Rilke nicht fremd sind!

Jedenfalls: als ich heute dieses Gedicht las, fiel mir Deine Übertragung wieder ein:

Der Duft

Wer bist du, Unbegreiflicher; du Geist,
wie weißt du mich von wo und wann zu finden,
der du das Innere (wie ein Erblinden)
so innig machst, daß es sich schließt und kreist.
Der Liebende, der eine an sich reißt,
hat sie nicht nah; nur du allein bist Nähe.
Wen hast du nicht durchtränkt als ob du jähe
die Farben seiner Augen seist.

Ach, wer Musik in einem Spiegel sähe,
der sähe dich und wüßte, wie du heißst.

(Die Gedichte 1906 bis 1910)


Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Abdelwahab
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Meister RMR

Beitrag von Abdelwahab » 10. Mai 2007, 17:06

Hallo stilz,

danke fuer die netten Worte :oops:

Dass du mein Gedicht aehnlich zu "Der Duft" findest ehrt mich sehr....

Doch RMR bleibt Meister !

Siehst Du beispielsweise wie er den Konjunktiv mit dem Wort "jaehe" so reimt, in einem vollendeten, leisen Ton, als ob es Laute derselben Musik sind, von der er nachher redet ? Die Musik, die man tanzend im Spiegel mit dem Duft sehen koennte, waere man nur sensibel genug ....

Dass er vorher den Duft mit dem Erblinden vergleicht... finde ich unglaublich !

Man wuerde eher erwarten, dass beim Leser ein negativer Eindruck durch das blosse Verwenden des Wortes "Erblinden" entsteht. Doch gibt der Meister dem Worte eine neue Bedeutung : Es ist etwas, das das Innere so innig macht !

WOW !!!

Wer will sich - in Betracht dieser Herrlichkeit - mit Rainer messen ?

Gruss

PS : Du hast mich trotzdem ermuntert, weiterhin aus dem Arabischen in dieser Art zu uebertragen. Danke ! Was kommt als naechstes ? Vielleicht meine akrobatische, laengst faellige, Rueckuebertragung von "Mohammeds Berufung" ? Oder wieder eine sufistische Erscheinung ? Wer weiss ?
naser

eva337
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Beitrag von eva337 » 18. Mai 2007, 09:33

ich bin sprachlos...
wunderschoen...
danke sehr fuer die schauer, die ihr mir mit euren texten (natuerlich ist und bleibt rilke der meister) ueber den ruecken gejagt habt.

wow

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