Rilke Projekt: Lied (Du nur, Du)

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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IzOn
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Rilke Projekt: Lied (Du nur, Du)

Beitrag von IzOn » 7. Mai 2007, 07:21

Hi Leutz, hab mal ne Frage an euch. Ich muss bis Ende der Woche eine Interpretation zu diesem Gedicht/ Lied schreiben. Leider hab ich diese Woche keine Zeit, weil ich für drei Tage ins Trainingslager fahre. Vielleicht wäre ja jemand von euch so nett, und könnte mir dazu etwas geben. Es gibt doch bestimmt den einen oder anderen unter euch, der sich schon mal so seine Gedanken zu dem Gedicht gemacht hat! Es wäre also voll lieb, wenn diejenigen etwas dazu hier reinstellen würden. Ich würde den- oder demjenigen natürlich auch mal helfen wenn es nötig ist!

Also, schreibt fleißig hier rein...


Liebe Grüße, IzOn

gliwi
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Beitrag von gliwi » 7. Mai 2007, 10:45

Hallo IzOn,
Sport ist sicher eine wichtige Sache. 1.Trotzdem: hier werden grundsätzlich keine Hausaufgaben für niemand gemacht.
2. Ein Gedicht mit dem Titel "Du, nur du" gibt es in meinen Rilke-Ausgaben nicht.
Wenn du über den Text mit uns in einen Austausch treten möchtest, müsstest du ihn erstmal hier einstellen. Und dann müsstest du konkrete Fragen dazu stellen, da wir ja nicht wissen können, was du nicht verstehst.
Handelt es sich wirklich um einen originalen Rilke-Text? Ist es vielleicht eine Strophe eines Textes, der anders anfängt?
Gruß
gliwi
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IzOn
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Beitrag von IzOn » 7. Mai 2007, 11:19

Sorry... Ich habe ja nicht verlangt, dass ihr gleich meine ganzen Hausaufgaben macht, sondern nur mal ein paar Anregungen, die euch dazu einfallen, hier postet. Das Gedicht heißt "Lied", und im Rilke-Projekt "Lied (Du nur, Du)". Aber wenn ihr das nicht gerne macht, dann ist das auch okay. Der Text wäre übrigens folgender:

Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich Müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?
- - - - -
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.
- - - - -
Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.
Zuletzt geändert von IzOn am 7. Mai 2007, 17:38, insgesamt 1-mal geändert.

stilz
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Beitrag von stilz » 7. Mai 2007, 11:56

Hallo IzOn,

das "Lied" ist aus den "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", hier unter "Roman" zu finden.
Und es zahlt sich aus, zu suchen, ob im Forum schon was steht über ein gesuchtes Thema. Schau doch mal unter

http://rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?t=118

und

http://rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?t=1062

... und, wie gliwi schon gesagt hat: wenn Du dann noch Fragen hast, dann stelle sie!

Im übrigen: ich kenne die Rilke-Projekt-CDs immer noch nicht, aber wenn ich höre, daß der Titel "Du nur, Du" über dieses Lied gesetzt wird (nach allem, was ich schon bisher über "einfach eintauchen und abschalten können" gehört hab), dann vergeht mir immer mehr die Lust, sie doch noch kennenzulernen...

Lieben Gruß

stilz
Zuletzt geändert von stilz am 4. Nov 2009, 17:20, insgesamt 2-mal geändert.
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helle
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Beitrag von helle » 7. Mai 2007, 20:29

Die Art und Weise, wie sich »IzOn« hier vorstelltt, »Leider hab ich diese Woche keine Zeit, weil ich für drei Tage ins Trainingslager fahre [...] Also, schreibt fleißig hier rein... «, darüber könnte ich mich auf den Boden werfen vor Lachen. Bei etwas weniger Chuzpe hätte ich mich geärgert, so aber finde ich es saukomisch, entschuldige, gliwi. Wie nun immer – die Beiträge, auf die stilz hinweist, finde ich nun auch nicht so ergiebig und mein Senf dazu ist auch nicht sehr ergiebig. Aber die Sache ist auch ziemlich komplex. 1. erscheint dieses Gedicht innerhalb des Malte-Romans, und Rilke nimmt es nicht in seine Gedicht-Sammlungen auf, so weit ich sehe, man sollte sich also den Zusammenhang im Malte ansehen, das wäre sicher hilfreich, um sich die Funktion des »Du« und die vertrackte Gesprächssituation im Gedicht klarzumachen; es ist ja auch ein schönes Buch für unterwegs, z.B. hat man dann abends, wenn man nach dem Training ins Bett sinkt, noch etwas zum lesen und nachdenken. Und 2. wird man das ganze nicht so gut verstehen, wenn man nicht weiß, daß Rilke über die Liebe überhaupt etwas anders denkt als die meisten Menschen damals und heute, daß er die Einengung der Liebe durch das Besitzdenken und die daraus entstandenen traditionellen Formen der Partnerschaft beklagt, wie sie vor allem natürlich in Gestalt der Ehe vorkommt, also daß er eine Liebe ohne bürgerliche Besitzansprüche kündet. Ein weites Feld. Aber zu diesem Thema, das z.B. auch in der zweiten Elegie und in anderen Gedichten vorkommt, gibt es hier im Forum ja zahlreiche Diskussionen, mir persönlich will das Wort »thread« ja einfach nicht über die Lippen. Im übrigen finde ich die Zeilen:

»Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.«

wirklich großartig, und solange man sich dabei geradezu ertappt fühlt, braucht man sich um Rilkes Aktualität vielleicht auch nicht allzu große Sorgen zu machen. Abgesehen davon, daß Aktualität auch nicht alles ist.

Gruß
h.

gliwi
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Beitrag von gliwi » 7. Mai 2007, 22:08

Dass du darüber lachen kannst, helle, ist sicher die bessere Wahl. Wenn ich die Anrede "hi Leutz" lese, bei der davon ausgegangen wird, dass die Angesprochenen unter 25 sind oder sich so fühlen, ärgere ich mich schon mal und nehme mir vor, den Beitrag zu ignorieren. Dann ermahne ich mich selbst, nicht so bidungsbürgerlich zu sein und die jungen Leute so zu akzeptieren, wie sie nun mal sind - schließlich übe ich das seit 30 Jahren. Und dann antworte ich halt doch. Ab und an ergibt sich ja auch eine gute Diskussion draus. Vielleicht auch diesmal?
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Volker
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Beitrag von Volker » 8. Mai 2007, 00:54

@ gliwi:
Sport ist sicher eine wichtige Sache. 1.Trotzdem: hier werden grundsätzlich keine Hausaufgaben für niemand gemacht.
Einspruch! Heißt es bei euch nicht eigentlich:
..- hier werden grundsätzlich keine Hausaufgaben für niemand nicht gemacht. :wink:

@ IzOz:
Mann, was ist denn an dem Gedicht so schwer, dass du Interpretationshilfe von aussen brauchst?
Lies doch nur Zeile für Zeile und versteh!

Höchstens die letzte Strophe ist vielleicht etwas schwieriger, da könnte man drüber diskutieren, was gemeint ist.
Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.
Du machst mich allein.
Da fühlt er sich wohl einsam, kann kein "wir"-Gefühl zu der Angebeteten aufbauen, oder so.

Dich einzig kann ich vertauschen.
Da erklärt er ja in der nächsten Zeile, was er meint:
(Du - das Rauschen - der Duft)

Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
Scheint so, er hatte Schwierigkeiten mit der Nähe, mit der Körperlichkeit.

du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

War also wohl mehr so was Platonisches, was er da "besingt".
Ist aber alles bloß meine Meinung.

Mann, ey, du musst dir aber schon deine eigenen Gedanken machen. Versuch bloß nicht, Sachen zu kopieren. Dann scheiterst du grandios bei deiner Interpretation.
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

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Beitrag von stilz » 8. Mai 2007, 08:07

Guten Morgen in die Runde,

dieses Lied ist mir sehr kostbar, und ich habe eigentlich keine Lust, in "ergiebiger" Weise auf eine solche Anfrage zu antworten - niemals nie nicht :wink:

Aber jetzt doch noch ein Gegen-Einspruch von mir zu Deinen Gedanken, lieber Volker:

Mag sein, daß Du recht hast.
Ich hatte es anders verstanden, so sehr, daß ich wirklich überrascht war von Deinen Einsamkeits-Assoziationen.

Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.


Im eigenen Inneren, in der eigenen Vorstellungswelt, hat jeder der beiden die Macht, den anderen zu "machen", als Ideal, genauso, wie er ihn am allerliebsten hätte, ohne jeden Abstrich... daher betone ich: Du machst mich allein.
Kein Mensch kann eine solche Illusion jemals "erfüllen": es gibt niemanden, von dem man in realer, körperlicher, irdischer Wirklichkeit sagen könnte, er sei "ein Duft ohne Rest".

Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.


Sowie man sich auf eine wirkliche Beziehung mit allem (auch körperlich-sinnlichem) Drum und Dran einläßt, wird es auch Ent-täuschungen geben, man wird seine Illusion vom Gegenüber verlieren.
Reine Wunschbilder hingegen, die nicht an der Realität überprüft werden, lassen sich auf ewig "festhalten".
Deshalb finde ich ja auch den Titel "Du nur, du" so unerträglich, denn er läßt auf eine Besonderheit des "Du" schließen. Für mich ist das ganz und gar fehlinterpretiert, denn von jedem realen "Du" läßt sich ein inneres Idealbild machen, es kommt dabei nicht so sehr auf die konkreten Eigenschaften des "Du" an! (Dabei fällt mir auch - sozusagen als konsequente Weiterentwicklung - der Begriff "intransitive Liebe" ein).

Auf diesem Hintergrund verstehe ich auch die Zeilen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?


Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen
fällt mir dazu auch noch ein...


Lieben Gruß

stilz
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Beitrag von stilz » 8. Mai 2007, 09:08

Noch ein Nachtrag zu "so was Platonisches" :wink: :
Zu diesem Begriff möchte ich die Lektüre von Platons "Gastmahl" empfehlen... zu finden zum Beispiel in dem Bändchen "Sokrates im Gespräch", in einer sehr lebendigen Übersetzung von Bruno Snell.

Nochmal lieben Gruß!

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Beitrag von stilz » 8. Mai 2007, 19:25

Oh --- na, schade, IzOn, daß Du über der Kritik an der Art Deiner Anfrage nicht sehen kannst, daß wir ja doch auch einiges zum Thema geschrieben haben...

Übrigens: weder fühl ich mich beleidigt, noch genier' ich mich für irgendwas, was ich geschrieben habe... also: von mir aus könnte alles auch stehenbleiben. Aber wie Ihr wollt...

Unbeirrbar: Lieben Gruß in die ganze Runde!

stilz
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Beitrag von Volker » 8. Mai 2007, 21:05

Hallo stilz,
Du machst mich allein.
Tja, Diesen Satz kann man natürlich auf viele verschiedene Weise betonen und auch interpretieren. Sich ein inneres Bild von der/dem Geliebten machen - so könnte es auch gemeint sein. Hab ich allerdings nicht so verstanden.

"Du machst mich allein" im Sinne von "Du machst mich einsam" - so hatte ich das verstanden. Mir ist klar, dass man dann dafür ja eigentlich nicht das Wort "allein" benutzen kann, aber so ein "ich bin so einsam"-Gewimmer sollte ja wohl auch nicht zum Ausdruck gebracht werden. Außerdem passt "allein" besser als "einsam", jedenfalls in der Betonung, finde ich.

Wie auch immer - dies Gedicht beschreibt für mich sehr schön den wohl für jeden von uns erlebbaren Unterschied zwischen Idealbild und Wirklichkeit. Was ja durchaus als tragisch empfunden werden kann. :cry:

Leider kann unsereins das nicht so schön ausdrücken - denn uns gab ja nicht "ein Gott zu sagen was ich leide"....

Danke für den Hinweis auf Plato. Nein, habe ich nicht gelesen. Aber ich glaube, jeder weiss, was ich mit "platonischer Liebe" gemeint hatte, nicht wahr?

Ansonsten hast du natürlich recht:
wir können auch prima ohne Iz und Oz weiterdiskutieren, warum nicht.
Ich hab' auch Verstand.©
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Beitrag von stilz » 9. Mai 2007, 19:21

Hallo Volker,

na klar ist das klar, was Du mit "sowas Platonisches" gemeint hast, mein Hinweis sollte ja auch kein "Ausbessern" sein, sondern ich finde das "Symposion" einfach wunderbar, es lohnt sich wirklich, das zu lesen, ich bin für eine Sokrates/Platon-Renaissance... :-) - und darauf wollte ich einfach aufmerksam machen - auch weil Du ja vor kurzem im Zusammenhang mit Kleist (auch von mir ein großes DANKE an helle für diesen Hinweis!!!) gemeint hast, man sollte die „Klassiker“ wieder mal lesen…



Inzwischen hab ich im „Malte“ nachgelesen, alles, was sich auf Abelone bezieht.

"Du machst mich allein" im Sinne von "Du machst mich einsam" ---
ich kann mir nicht helfen, diese Bedeutung will mir weder in das Gedicht für sich allein noch in den Zusammenhang im „Malte“ hineinpassen.
Wieso denn dann
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.
?


Wie auch immer - dies Gedicht beschreibt für mich sehr schön den wohl für jeden von uns erlebbaren Unterschied zwischen Idealbild und Wirklichkeit. Was ja durchaus als tragisch empfunden werden kann.

Für mich geht es darüber noch hinaus.
Es beschreibt, wie man dieser Tragik scheinbar entkommen kann, wie man vermeiden kann, sich jemals „allein“ zu fühlen, indem man sich jederzeit im Geiste mit diesem Idealbild des/der Geliebten verbindet.
So hat es Bettine von Arnim gemacht - ich lese gerade ihren „Briefwechsel mit einem Kinde“, das ist das Buch, aus dem Malte Abelone vorlesen muß… (und sie weigert sich, Goethes Antworten anzuhören…) --- beim Lesen dieser Briefe wird klar: in gewissem Sinne ist Bettine wirklich niemals „allein“, da sie in Gedanken und Gefühl ununterbrochen in inniger Beziehung mit Goethe steht. Allerdings – in der Realität ist sie ihm fern, und zudem lassen seine Antworten eine gleiche Innigkeit vermissen…
Auch von Abelone heißt es ja, "weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie vergessen hast, Liebende, und ich: alle Frauen;"

Es bei den Idealbildern zu belassen und sie gar nicht erst an der Realität zu messen, um zu verhindern, daß sie daran zerschellen... das ist sicherlich eine Möglichkeit, die Tragik, von der Du, Volker, sprichst, abzuwenden. Es führt dazu, daß Malte schließlich sagen kann: „um die Liebenden ist lauter Sicherheit.“
Diese Sicherheit scheint für ihn allerdings den Preis zu haben, auf das Geliebt-Werden zu verzichten. Denn: „Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr…“

Und das, worauf verzichtet wird, das scheint mir in Abelones Lied nicht nur das körperlich-sinnliche Ausleben der Liebe zu sein. Sondern der Verzicht beginnt sogar noch früher, nämlich beim "Bekennen".

Du, der ichs nicht sage, daß...
und
Du, die mir nicht sagt, wenn...

das ist die "Pracht", die „ohne zu stillen“ im Inneren ertragen werden soll.
Denn:
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.



Ich bin nicht ganz sicher --- ob das bedeutet, daß Abelone es nicht so gemacht hat wie Bettine? Daß sie auch darauf verzichtet hat, „bekennende“ Briefe zu schreiben?

---

Abschließend möchte ich noch sagen, daß ich in diesem Gedicht – ebenso wie in allen anderen Werken Rilkes! – nicht eine Art „Anleitung“ sehe, wie man es machen sollte.
Gerade der „Malte“ ist ja nicht der Bericht eines „Lebenskünstlers“, der weiß, wie ein „gelungenes Leben“ auszusehen hat!

Sondern wie Rilke in einem Brief sagt: „Diese Aufzeichnungen, indem sie ein Maß an sehr angewachsene Leiden legen, deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte, die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre.“

Nun.
Die Fülle der Kräfte an die „Seligkeit“ zu verwenden „und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns (zu) nehmen nach und nach“ --- das würde meiner Meinung nach bedeuten, sich nicht mit dem Schwelgen in Wunsch- und Idealbildern zufriedenzugeben. Sondern sehen zu lernen, wie der andere wirklich ist. Ihn nicht mit einem Rauschen oder einem Duft zu vertauschen, sondern ihn in der Realität zu erkennen. Mit all seinen Schwächen. Und auch das Erkanntwerden mitsamt den eigenen Schwächen auszuhalten…
Denn (an Emanuel Bodman): „…das Bewußtsein vorausgesetzt, daß auch zwischen den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen!“

„weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.“



Aus eigenem Erleben weiß ich, daß das auch in der Realität möglich ist. Dafür bin ich sehr dankbar.

Lieben Gruß!

stilz
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ToMatin
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Re: Rilke Projekt: Lied (Du nur, Du)

Beitrag von ToMatin » 13. Jan 2009, 22:06

Hallo!
Obwohl dieses thema schon seit über vier Jahren "abgeschlossen" zu sein scheint, möchte ich mich doch noch dazu äußern, da ich es eben zum ersten mal erst las.

Gleichzeitig möchte ich auch Kritik üben, an eurer Eitelkeit gegenüber dem jungen Mann, der dieses thema verfasst hat. Denn trotz eines sicher fehlenden Respektes dem "Alter" gegenüber, welches einer von euch ansprach, finde ich es nicht in Ordnung, ihm deshalb so trotzig zu antworten. Aber das nur am Rande. Ich alleine finde es löblich genug, dass er im Klassenzimmer nicht irgendeinen Blödsinn erzählt, sondern sich an "fachkundiger" Stelle informiert!

Zitat stilz:
"Du machst mich allein" im Sinne von "Du machst mich einsam" ---
ich kann mir nicht helfen, diese Bedeutung will mir weder in das Gedicht für sich allein noch in den Zusammenhang im „Malte“ hineinpassen.
Wieso denn dann
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.?

Diese Äußerung bewegte mich dazu, meine Gedanken zu veröffentlichen.
Man sagt Gedichten ja nach, sie seien gut, wenn man sich selbst darin wiederfinden könne und sie Raum für Interpretationsansätze ließen.
Ich weise ganz direkt darauf hin, dass ich "Malte" nicht gelesen habe und mir die Einordnung in einen konkreten Kontext daher schwer fällt. Meine "Interpretation" ist daher auf das Lied als Eigenständiges bezogen.

Für mich ist die "Übersetzung" von "du machst mich allein" zu "du machst mich einsam" durchaus schlüssig, gerade weil ich es mit den letzten beiden Versen in einen Zusammenhang bringe. Ich kann mir meiner Sache ja leider nicht sicher sein, aber für mich bedeuten diese Verse, dass er tatsächlich ein "pessimistisches" (wenn man es so nennen mag) Bild von der realen Liebe hat.
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

Diese Stelle ist der konkrete Hinweis für mich.
Ich stelle mir den Ich- Erzähler als eine Person vor, die von der Liebe enttäuscht wurde und zwar von beiden Seiten, also sowohl von seiner Geliebten, als auch von seinen Gefühlen selbst. Möglicherweise sogar als jemanden, der sich aus Angst vor der Enttäuschung, vor der Innigkeit einer Beziehung zu schützen versucht. Was auf Dauer dann natürlich zu einer Art Verschlossenheit führt.
Ebenfalls finde ich den Titel "du nur, du" schwach, denn ich glaube auch, dass das "du" keine feste Person ist, auf die er sich bezieht und dem "du" deshalb nicht so eine große Rolle zu Teil wird, als dass es titelgebend sein könnte.
Mir scheint es ist eher eine Art Synonym für die "Schwärmereien", in denen er sich verliert. So als käme eine Beziehung, um es mal platt auszudrücken, nicht in Frage, da ihm die Intensität fehlt, er nicht in die Situation kommen will zu lügen und sich von dem einstigen Idealbild zu entfernen.
Ach in den Armen, hab ich sie alle verloren.

Das "du" wird genau deswegen immer wieder geboren. Es steht nicht für eine Person, der er seine Gefühle gewidmet hat, denn er ist ja selbst kein "Liebender", also niemand in fester Bindung, sondern ist Sinnbild für seine augenblickliche Reizperson. Sein Problem ist, dass er sich an eben diese nicht binden kann oder will und sie dadurch früh wieder "stirbt". Kurz umschrieben ist er "unglücklich verliebt".
Er scheint sich aber dennoch bewusst zu sein, dass diese Liebe enden wird und eine neue kommen wird, die er aber wieder verlieren wird. Sein "du" stirbt und dann wird es wiederbelebt, in Form einer anderen Person.

Ich sehe das Gedicht also als äußerst tragisch an und als ich mir meinen Text eben durchlas, klang es irgendwie ganz schön weiter hergeholt...aber dennoch lasse ich es mal so stehen, vielleicht ensteht ja eine neue Diskussion und ich kann meine Empfindung noch einmal vielleicht geordneter und klarer ausdrücken.

Liebe Grüße und hoffentlich bis bald!

stilz
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Re: Rilke Projekt: Lied (Du nur, Du)

Beitrag von stilz » 14. Jan 2009, 11:31

Liebe(r) ToMatin,

zunächst eine kleine Anmerkung zum Thema "Eitelkeit":
Die Menschen, die mit einiger Regelmäßigkeit hier im Rilke-Forum anzutreffen sind, haben eines gemeinsam. Es ist das Interesse an Rilke und dem, was er geschrieben hat (In diesem Sinne: Herzlich Willkommen! :D )
Für mich kann ich sagen, daß mir viele Gedichte von Rilke inzwischen wirklich kostbar geworden sind. Das gilt auch für dieses Lied.
Und wenn jemand ganz offensichtlich keine Lust hat, sich näher damit zu beschäftigen, es als lästige Pflicht empfindet, darüber einen Aufsatz schreiben zu müssen und von uns erwartet, wir sollen ihm dennoch eine gute Note verschaffen - dann hab ich meinerseits keine Lust dazu, eine solche Erwartung zu erfüllen; es geht mir dabei wirklich nicht um Respekt mir gegenüber. Sondern wenn jemand so umgeht mit einem mir kostbaren Gedicht, dann tut's mir weh. So als ob ich zuschauen müßte, wie einem lieben Freund Unrecht getan wird...
In einem solchen Fall versuche ich, dem Fragesteller zu vermitteln, warum das Gedicht mir etwas bedeutet, in der Hoffnung, vielleicht doch noch sein Interesse zu wecken... Bei IzOn ist das leider nicht gelungen (wie noch deutlicher würde, wenn man nicht eines seiner postings gelöscht hätte). Schade - aber damit muß ich mich abfinden.

Ende des Exkurses. :wink:

Zu Deinen Gedanken:
Du schilderst das "lyrische Ich" als jemanden, der eine "pessimistische Sicht" hat von dem, was man gemeinhin als "Liebe" bezeichnet; der davon bisher enttäuscht worden ist, und zwar "von beiden Seiten" - da stimme ich Dir zu. Ganz genauso empfinde ich es auch. Und ich finde es einfach wunderbar, wie klar und einfach und wahr Rilke diese Erfahrung ausdrückt, die wohl die allermeisten Menschen irgendwann im Zusammenhang mit "Liebe" machen:
  • Sieh dir die Liebenden an,
    wenn erst das Bekennen begann,
    wie bald sie lügen.
Und auch ich glaube, daß das "lyrische Ich" sich vor dem, was ihm "normalerweise" in einer Liebesbeziehung passiert, schützen will.
ToMatin hat geschrieben:So als käme eine Beziehung, um es mal platt auszudrücken, nicht in Frage, da ihm die Intensität fehlt, er nicht in die Situation kommen will zu lügen und sich von dem einstigen Idealbild zu entfernen.
Ach in den Armen, hab ich sie alle verloren.
Hier würde ich Dir vollständig zustimmen, wenn Du statt "Beziehung" ein anderes Wort genommen hättest. Eines, das klarer (und vielleicht "platter" :wink: ) ausdrückt, worauf genau dieses "Ich" verzichten will, wenn es heißt "wie, wenn wir diese Pracht / ohne zu stillen / in uns ertrügen?"
Denn es ist ja nicht "Beziehung", die vermieden werden soll. Sonst gäbe es keine "Pracht" mehr, die "in uns" zu ertragen wäre. Was das "Ich" sich selber und auch dem "Du" gerne ersparen möchte, das ist Verstrickung.
Und es stellt die Frage ("wie, wenn..."), ob eine solche "Verstrickungsvermeidung" möglicherweise erreicht werden könnte, indem man sich dazu entschließt, die Beziehung nicht vollständig auszuleben, auf das "Stillen" zu verzichten... daß es dann überhaupt keine Beziehung mehr wäre, würde ich nicht sagen.

Sehr interessant finde ich Deine Gedanken zum "Du", das Du sozusagen als eine Art "Wechselkennzeichen" :wink: verstehst:
ToMatin hat geschrieben:Das "du" wird genau deswegen immer wieder geboren. Es steht nicht für eine Person, der er seine Gefühle gewidmet hat, denn er ist ja selbst kein "Liebender", also niemand in fester Bindung, sondern ist Sinnbild für seine augenblickliche Reizperson. Sein Problem ist, dass er sich an eben diese nicht binden kann oder will und sie dadurch früh wieder "stirbt". Kurz umschrieben ist er "unglücklich verliebt".
Denn hier kommt für mich sehr deutlich heraus, woran das "Ich" in diesem Lied leidet: mit großer Selbstverständlichkeit setzt Du einen "Liebenden" gleich mit jemandem, der sich "in fester Bindung" befindet.
Rilke tut das nicht. Gerade im "Malte" (es lohnt sich wirklich, ihn zu lesen!) steht es klar und deutlich, daß es für ihn einen Unterschied gibt zwischen dem "Geliebten" (der ohne die ständige Versicherung, daß die Bindung auch wirklich "fest" ist, nicht oder nur "schlecht" leben kann) und dem "Liebenden" (Aufzeichnung 66):

Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr. Ach, daß sie sich überstünden und Liebende würden. Um die Liebenden ist lauter Sicherheit. Niemand verdächtigt sie mehr, und sie selbst sind nicht imstande, sich zu verraten. In ihnen ist das Geheimnis heil geworden, sie schreien es im Ganzen aus wie Nachtigallen, es hat keine Teile. Sie klagen um einen; aber die ganze Natur stimmt in sie ein: es ist die Klage um einen Ewigen. Sie stürzen sich dem Verlorenen nach, aber schon mit den ersten Schritten überholen sie ihn, und vor ihnen ist nur noch Gott.

Aber ich gebe Dir gerne zu: wenn man in den "üblichen" Begriffen denkt und "Lieben" mit "in fester Bindung sein oder eine solche anstreben" und darüber hinaus vielleicht auch noch "feste Bindung" mit "ausschließlichem Besitzanspruch" gleichsetzt, dann wird man dieses Lied ganz genau so verstehen, wie Du es schreibst.

Um noch deutlicher zu machen, daß Rilke halt nicht immer in "üblichen Begriffen" gedacht hat, zitiere ich nun noch eine Passage aus dem "Requiem für eine Freundin":
  • Denn dieses Leiden dauert schon zu lang,
    und keiner kanns; es ist zu schwer für uns,
    das wirre Leiden von der falschen Liebe,
    die, bauend auf Verjährung wie Gewohnheit,
    ein Recht sich nennt und wuchert aus dem Unrecht.
    Wo ist ein Mann, der Recht hat auf Besitz?
    Wer kann besitzen, was sich selbst nicht hält,
    was sich von Zeit zu Zeit nur selig auffängt
    und wieder hinwirft wie ein Kind den Ball.
und ein wenig später:
  • Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:
    die Freiheit eines Lieben nicht vermehren
    um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.
    Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
    einander lassen; denn daß wir uns halten,
    das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.
Liebe Grüße!

stilz

P.S.: Ich spreche in meinem posting deshalb etwas umständlich vom "lyrischen Ich" statt, wie Du, von "er", weil im "Malte" dieses Lied von Abelone gesungen wird, was möglicherweise auf ein weibliches "Ich" schließen läßt. Wenn ich auch glaube, daß es in diesem Fall keine Rolle spielt, ob das "Ich" männlich oder weiblich ist (das erinnert mich: eine Freundin, sie studiert seit kurzem Komparatistik, erzählte mir, daß sie sich einen Rüffel von ihrem Professor eingehandelt hat, weil sie zu sagen wagte, für die Interpretation eines bestimmten (nicht dieses) Gedichtes sei die Frage nach dem Geschlecht des "Ich" irrelevant... für einen Komparatistiker, so bedeutete man ihr, darf sowas NIEMALS irrelevant sein, er müsse sich immer dafür interessieren, ob es eine "männliche" oder eine "weibliche" Art zu schreiben sei...)

P.P.S.: Der "schwache" Titel "Du, nur du", sicherheitshalber sei es nochmal angemerkt, ist ja nicht von Rilke, sondern von den Produzenten des "Rilke-Projektes".
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Anna B.
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Re: Rilke Projekt: Lied (Du nur, Du)

Beitrag von Anna B. » 14. Jan 2009, 18:59

Hallo,

nachdem mich gerade Eis und Schnee von meinen abendlichen aushäusigen Exkursionen abgehalten haben - ziemlich rutschig hier vor der Haustür - , nutze ich die Möglichkeiten des Internets, um doch noch etwas am geselligen Leben teilzuhaben ;-) !

Nun möchte ich Euch darauf hinweisen, dass Rilke in diesem Zusammenhang öfter von "Konventionen" spricht, wie beispielsweise in diesem Kappus Brief von 1904:

Die Leute haben (mit Hilfe von Konventionen) alles nach dem Leichten hin gelöst und nach des Leichten leichtester Seite; es ist aber klar, daß wir uns an das Schwere halten müssen; alles Lebendige hält sich daran, alles in der Natur wächst und wehrt sich nach seiner Art und ist ein Eigenes aus sich heraus, versucht es um jeden Preis zu sein und gegen allen Widerstand. Wir wissen wenig, aber daß wir uns zu Schwerem halten müssen, ist eine Sicherheit, die uns nicht verlassen wird; es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; daß etwas schwer ist, muß uns ein Grund mehr sein, es zu tun.

Liebe Grüße von Anna :D
"anna blume... man kann dich auch von hinten lesen... du bist von hinten wie von vorne: "a-n-n-a." (kurt schwitters)

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