Kindheit (Neue Gedichte)

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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wolfsherz
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Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von wolfsherz » 28. Aug 2007, 11:36

Liebe Rilke Fans....

ich bin neu in diesem Forum und doch sehr erstaunt, wieviele Beiträge und Diskussionen hier über Rilke stattfinden.

Ich beschäftige mich gerade mit dem Gedicht "Kindheit" aus den "Neuen Gedichten" und will dieses nutzen, um mir ein Bild über Rilkes Darstellung der Kindheit zu machen.
Leider bin ich mir auch nach mehrmaligem Lesen unsicher, was dieses Gedicht im Hinblick auf die Kindheit für eine Bedeutung hat. Im Grunde wird über die Kindheit selbst ja sehr wenig ausgesagt. Den ersten Abschnitt verstehe ich auch noch ganz gut, Kindheit als etwas Verlorenes zu sehen, dass nicht wieder zurückkehrt.
Aber ich verstehe den Verweis auf die Figur und den Zusammenhang mit der Kindheit nicht:

"wie damals, da uns nichts geschah als nur
was einem Ding geschieht und einem Tiere:
da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
und wurden bis zum Rande voll Figur."

Und auch die vierte Strophe wirft im Grunde mehr Fragen über die Kindheit auf, als sie beantwortet:

"Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
und so mit großen Fernen überladen
und wie von weit berufen und berührt
und langsam wie ein langer neuer Faden
in jene Bilder-Folgen eingeführt,
in welchen nun zu dauern uns verwirrt."

Vielleicht könnte mir jemand helfen, der sich schon mt diesem Gedicht beschäftigt hat. Literatur gibt es über dieses Thema sehr wenig, daher wäre ich über eure Antworten sehr dankbar.

Viele Grüße
Wolfsherz

ute66
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Kindheit

Beitrag von ute66 » 4. Sep 2007, 20:21

Lieber wolfsherz!

Mir kam gerade ein Brief von Rilke an Ellen Kay in die Hand (vom 3.4.1903) Dort beschreibt er seine Kindheit und wie er sich fühlte: "Als Kind, als alle immer schlecht zu mir waren, als ich mich so unendlich verlassen fühlte, so ganz ins Fremde verirrt, da mag es eine Zeit gegeben haben, wo ich mich fortsehnte. Aber dann, als die Menschen mir fremd blieben, zog es mich zu den Dingen..." Das würde zur dritten Strophe des Gedichtes passen, wo er seine Nähe zu Dingen und Tieren beschreibt. Was er in der Vierten Strophe meint mit

"Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
und so mit großen Fernen überladen
und wie von weit berufen und berührt
und langsam wie ein langer neuer Faden
in jene Bilder-Folgen eingeführt,
in welchen nun zu dauern uns verwirrt."

weiß ich auch nicht so recht. Vielleicht meint er, dass die Kindheit und das was man dort mit auf den Weg bekommt, uns heute noch immer begleitet und beeinträchtigt (verwirrt)

Das Gedicht find ich auch spannend. Vielleicht kann ja nochmal jemand seine Gedanken dazu formulieren?
Vielleicht macht uns das Leiden leidend leiden ; und wenn wir wegschaun, schützt uns, was uns droht. (RMR)

stilz
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Beitrag von stilz » 5. Sep 2007, 13:17

Es wäre gut, viel nachzudenken…
Ja. Und auch ich möchte nun – nach einigem Nachdenken ;-) – versuchen, meine Gedanken zu diesem Gedicht aufzuschreiben.


Es wäre gut, viel nachzudenken, um etwas aussagen zu können über das, was wir verloren haben… warum?

Weil uns das Dauern in den Bilder-Folgen, in die wir eingeführt wurden, verwirrt...


In der Kindheit, da waren wir nicht verwirrt. Damals lebten wir ein "volles" Leben, so wie es den Dingen und den Tieren noch heute geschieht, aber wir lebten es dennoch nicht wie Tierisches, auch nicht wie Dingliches, sondern wie Menschliches.

Ich denke dabei zum Beispiel daran, was wir als Kinder in unseren allerersten Lebensjahren ganz selbstverständlich erlernt haben, ohne es jemals als „Lernen“ zu empfinden: Atmen. Trinken, Essen, Verdauen. Schlafen und Aufwachen. Krabbeln, Sitzen, Stehen, Gehen. Sprechen… jedes Einzelne davon ist so schwer, daß wir es heute, als Erwachsene, wohl nur mehr unvollkommen erlernen würden, wenn wir denn in die Lage kommen sollten, es ganz neu lernen zu müssen.
Damals „wußten“ wir, wie das geht, das Leben. Wir wurden „bis zum Rande voll Figur“ – es gab in uns nichts, das nicht „wußte“, wohin es gehört oder wie es sich zu verhalten hatte, um den ihm gemäßen Teil dieser „Figur“ zu bilden und damit das "Menschliche" zu erfüllen, genau so einfach, wie Tiere das Tierische und Dinge das Dingliche erfüllen.

Diese Selbstverständlichkeit haben wir, als wir heranwuchsen, verloren.
Wir werden manchmal noch daran gemahnt --- in einem Regnen vielleicht… aber wir wissen es nicht mehr, wir können es höchstens ahnen.

Denn wir haben seither gelernt, uns in der Welt der Erwachsenen zu bewegen. In deren "Bilder-Folgen", die so viel Verwirrendes für uns haben, wenn wir ehrlich sind… aber wir lernen immer besser, ein Faden zu sein inmitten anderer Fäden, und selber Teil von vielen verwirrenden Verstrickungen…

Darum wäre es gut, viel nachzudenken darüber, wie es damals war, in der Kindheit, als Gott so leicht zu erreichen war (vgl Ach, in der Kindheit, Gott: wie warst du leicht/Die Gedichte 1906-1910).
Uns zu erinnern an die Einsamkeit, die wir empfanden, als wir nicht mehr ganz "Kind" waren und noch nicht sicher in der Welt der "Erwachsenen"...

Vielleicht können wir, wenn wir darüber nachdenken, dann etwas von dem Verlorenen bewußt wiedererlangen?
Zum Beispiel diese „unschuldige“ Art, die Dinge anzuschauen, die wir einmal hatten… ich denke dabei etwa an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“…

Und ich denke natürlich auch an
Wahrlich, ich sage euch: wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen (Matth. 18,3).


Soweit meine Gedanken dazu...

Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

wolfsherz
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Beitrag von wolfsherz » 17. Sep 2007, 14:21

Vielen Dank für eure Antworten. :D

Ich habe mir inzwischen ein ganz gutes Buch über dieses Thema gekauft, ich hoffe, ich darf es hier nennen...
"Im Zwischenraum zwischen Welt und Spielzeug" von Ruth Hermann.

Sie beschäftigt sich auch mit dem besagten Gedicht. Ich habe die dritte Strophe nun so verstanden:
Das Leben der Kinder ist unbewusster und frei vom vorgeschriebenen Wissen. Dennoch ist es erfüllt von Ereignissen. Diese Freiheit und Ungebundenheit erinnert an das Leben der Tiere und Dinge.

Die vierte Strophe beginnt mit der Metapher "wie ein Hirt". Dies könnte die Distanz der Erwachsenen zur Kindheit nocheinmal aufzeigen und damit wieder die erste Strophe aufgreifen.
Der Faden erinnert an den Lebensfaden, der die Bilder in sich reiht. Aber im Erwachsenensein verwirrt er. Das könnte mit den inneren Bildern zusammenhängen: Kinder verinnerlichen einzelne Bilder, wie man das beispielsweise auch aus ihrem Spiel kennt. Ein Gegenstand wird für sie persoifiziert (Baumstumpf --> Pferd, Rakete, Auto, etc.) erwachsene dagegen sehen diese inneren Bilder nicht mehr oder haben sie vergessen. Daher verwirren sie uns.

Ich hoffe, dass stimmt alles so einigermaßen :roll:
Viele Grüße
wolfsherz

stilz
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Beitrag von stilz » 18. Sep 2007, 15:42

Hallo wolfsherz,

nun, ob es "stimmt", kann ich nicht sagen - jedenfalls ist es wohl eine mögliche Deutung.

Allerdings finde ich es in der zeitlichen Abfolge noch nicht ganz logisch, zuerst die Metapher "wie ein Hirt" für die Distanz des Erwachsenen zu seiner Kindheit, dann erst die "Bilder-Folgen", die doch wieder aus der Kindheit stammen sollen und die wir als Erwachsene nicht mehr haben sollten...


Bei "Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt" denke ich einerseits an die Herde, die dieser Hirt zu hüten hat, Schafe vielleicht, die sich auch gern mal verirren...
Andererseits an die Einsamkeit, die sich daraus ergibt, daß er der einzige Mensch weit und breit ist, bei seiner Aufgabe ganz auf sich selbst gestellt...

Und für mich spielt es auch eine Rolle, daß der letzte Satz der dritten Strophe lautet:
und wurden bis zum Rande voll Figur.
und dann gibt es - ausgenommen das "Strophenende" - keinen "Bruch", sondern es geht in ganz derselben Struktur weiter:
Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
Dadurch komme ich auf den Gedanken, daß es sich um eine natürliche Weiterentwicklung handeln könnte auf dem Weg zum "Erwachsensein":
Vielleicht etwa so:
Wenn man "bis zum Rande voll Figur" geworden ist, dann muß man wohl als nächstes über diesen "Rand" hinauswachsen. Und sobald man einmal über diesen "Rand" hinausgelangt ist, gibt es keine so selbstverständliche Orientierung mehr, also einerseits viel mehr Verwirrung, andererseits aber auch viel mehr Freiheit.
Und dann kommt die Zeile "und wie von weit berufen und berührt": Da gibt es also etwas, das uns "ruft", in unserer erwachsenen Weiterentwicklung als Orientierungshilfe dienen kann, inmitten dieser großen Fernen...
Und bei den "Bilder-Folgen, in welchen nun zu dauern uns verwirrt" frage ich mich: wären wir wohl weniger verwirrt, wenn wir nicht in ihnen "dauern" müßten, wenn wir sie stattdessen eben als Wegweiser auf unserem Weg verstehen könnten... ???

Mir bedeutet Rilke gerade deshalb so viel, weil ich eben niemals sagen kann, jetzt hab ich etwas, das er geschrieben hat, "vollständig richtig" verstanden. Bei jedem neuen Lesen gibt es wieder neue Gedanken, die er in mir anstößt... darüber bin ich sehr froh! Und gerade deshalb auch dankbar für Deine Fragen.

Lieben Gruß

stilz
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helle
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Beitrag von helle » 18. Sep 2007, 16:29

Es ist nur ein Detail, an dem ich mich aufhalte und das ich anders auslege als stilz:

"und langsam wie ein langer neuer Faden
in jene Bilder-Folgen eingeführt,
in welchen nun zu dauern uns verwirrt."

Das Gedicht spricht von den verschiedenen Zeitebenen des Kindes und des Erwachsenen, von der des Kindes als einer unmittelbaren und umfassenden Gegenwart – ähnlich wie wir es uns beim Tier vorstellen, ganz Gegenwart, nicht sich vorauslaufend und das Leben von seinem mehr oder weniger fernen Ende her verstehend. Das Kind ist ganz Gegenwart, ganz "Bild", und erst der Erwachsene verbindet die Bilder zu " Bilder-Folgen", also zu etwas geschichtlichem, einem Faden, der die Bilder aufreiht, zu einer Dauer. Darin liegt Zeitlichkeit – dies sich erinnern und entwerfen, vergleichen und einordnen haben wir ja erst erworben, aber nun geht es nicht mehr ohne, obwohl es kompliziert und verwirrend wird im Lauf des Lebens, man müßte viel vergessen, um wieder unmittelbar und unvermittelt dasein zu können. Aber auf eine andere Art von Gegenwart, Gegenwartsbewußtsein läuft vieles bei Rilke zu.

Gruß, an stilz vor allem,
h.

stilz
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Beitrag von stilz » 19. Sep 2007, 10:16

:lol: Wie schön, helle, daß Du wieder "da" bist!

Und danke für Deine Ausführungen zu den "Bilder-Folgen". Das ist wirklich sehr schlüssig!
helle hat geschrieben:man müßte viel vergessen, um wieder unmittelbar und unvermittelt dasein zu können.
Ja - das ist sehr wahr.
Dabei denke ich nicht nur (auch wenn ich's gar nicht gelesen habe) an Eckhart Tolle und seine "Kraft der Gegenwart", sondern mir fällt dazu jetzt auch noch ein, was ich vor kurzem bei uns im Radio gehört habe:
Prof. Viktor Mayer-Schönberger plädierte (im Eröffnungsvortrag zur "Ars Electronica" in Linz) für ein "Ablaufdatum" für Daten, er bezeichnete die Fähigkeit, zu vergessen, als ein wichtiges Merkmal des Menschen. Als noch schreibende Mönche für die Speicherung von Daten zuständig waren, habe man das Erinnern mit mehr Bedacht eingesetzt als heutzutage... und Entscheidungen aufgrund von Daten, die viel zu lange zurückliegen, seien oft die falschen.
Das hat mich - ebenso wie Rilkes Gedicht - sehr nachdenklich gemacht.

Lieben Gruß!

stilz

P.S.: Wer mehr über diesen Vortrag wissen will:
Zusammenfassung des Vortrags
Ausschnitt zum Anhören
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

wolfsherz
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Beitrag von wolfsherz » 30. Sep 2007, 21:50

Hallo!!! Ich freu mich über die Beiträge :P

Zitat von stilz:
Allerdings finde ich es in der zeitlichen Abfolge noch nicht ganz logisch, zuerst die Metapher "wie ein Hirt" für die Distanz des Erwachsenen zu seiner Kindheit, dann erst die "Bilder-Folgen", die doch wieder aus der Kindheit stammen sollen und die wir als Erwachsene nicht mehr haben sollten...

Also, ich hätte das jetzt so ausgelegt, dass gerade durch die Distanz diese Bilder-Folgen nicht mehr verstanden werden können. Ich finde das schon einen logischen Aufbau, dass zuerst die Metapher genannt wird, um anschließend aufzuzeigen, wie die Erwachsenen durch diese Distanz beeinträchtigt sind, diese inneren Bilder zu erkennen. Und ich denke auch, dass Erwachsene diese Bilder wirklich nicht mehr besitzen. Vielleicht könnte es unter einem anderen Begriff wie Phantasie oder ähnlichem gefasst werden. Natürlich trifft das nicht auf alle zu.... 8)

Zitat von stilz:
Und dann kommt die Zeile "und wie von weit berufen und berührt": Da gibt es also etwas, das uns "ruft", in unserer erwachsenen Weiterentwicklung als Orientierungshilfe dienen kann, inmitten dieser großen Fernen...

Ich finde diese Aussage sehr interessant, da man sie wieder auf die zweite Strophe beziehen könnte, dass "etwas mahnt" und uns an unsere Kinderzeit erinnern zu versucht.

Oje oje, mir schwirrt der Kopf! :shock:
Hätte nie gedacht, dass es soviele Ansätze geben könnte. Obwohl ich mich wirklich oft frage: Hat Rilke (oder auch andere Dichter) das wirklich so beabsichtigt? Oder sind wir am "überinterpretieren"?

Liebe Grüße
wolfsherz

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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von Leserin123 » 18. Apr 2012, 15:39

Hallo,

ich habe einige Fragen zu diesem Gedicht. Denn ich bin mir sehr unsicher bei der Interpretation.
Wie wird in diesem Gedicht die Kindheit angesehen, also positiv oder eher negativ? und seht ihr auch eine Gegenüberstellung von Kindheit und Entwicklung bis hin zum Erwachsenen?
Oder ist das Gedicht eher mit dem biografischen Hintergrund Rilkes zu deuten und daher als negativ empfunden anzusehen?

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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von lilaloufan » 18. Apr 2012, 17:53

Willkommen, Leserin123. Nun, wohl niemand wird finden, dass Rilke in diesem Gedicht eine bestimmte (seine?) Kindheit preise. Also positiv klingt da keine Zeile. Er klagt aber auch nicht etwa den Umstand an, dass der Mensch durch die Phase zwischen Geburt und Zahnwechsel und dann durch die Phase der Schulzeit und Pubertät gehen muss – dann wäre das Gedicht im eigentlichen Sinne eines, das Kindheit (im Allgemeinen) „negativ“ ansähe, bewertete.

Weißt Du, je weiter ein Kulturschaffender eindringt in die Vielschichtigkeit des Lebens, desto mehr verlieren für ihn solche Kategorien wie „positiv“ und „negativ“ ihren zwingenden Urteilswert. Vielleicht ist Deine Frage nach solchen Polen eher eine Frage nach der Stimmung, der Tendenz der Empfindung, in die hier jedes Wort – bis hin zu der Interjektion „o“ – getaucht ist.

Kindheit als „Ding“ [neinnein, das soll nicht etwa heißen, ich ordnete dieses Gedicht (1902) in diese Schaffensperiode (um 1907) Rilkes] ist hier mit Hingabe an das Unwillkommene vorgestellt; die Flüchtigkeit der Berührung mit der Erwachsenenwelt, das Fremdsein gegenüber dieser Welt, sind Feststellungen, die Rilke hier nicht anders trifft als wenn man sagt: Jener Tisch dort ist oval. Nämlich er nimmt da eine von etlichen möglichen Perspektiven ein und konzentriert sich (das heißt: „dichtet“) schonungslos auf das so Betrachtete hin.

Was Du andeutest, wenn Du Rilkes in mancher Hinsicht problematische Kindheit mit in die Frage einbeziehst, sollte man nicht überstrapazieren. Stichworte wie Phia und Kadettenanstalt reizen allzuleicht dazu, den willkommenen Anlass zu Kulturkritik im Rundumschlag auszuweiden – aber das ist leichtes Spiel für ein Jahrhundert Nachgebor'ne.

Hör' mal, wie anders sich diese Lebenserinnerung anhört: «Zur Zeit, als ich die Schule besuchte, mochte der Phonograph erst kürzlich erfunden worden sein. Er stand jedenfalls im Mittelpunkte des öffentlichen Erstaunens, und so mag es sich erklären, daß unser Physiklehrer, ein zu allerhand emsigen Basteleien geneigter Mann, uns anleitete, einen derartigen Apparat aus dem handgreiflichsten Zubehöre geschickt zusammenzustellen. Dazu war nicht mehr nötig, als was ich im folgenden aufzähle. Ein Stück biegsamerer Pappe, zu einem Trichter zusammengebogen, dessen engere runde Öffnung man sofort mit einem Stück undurchlässigen Papiers, von jener Art, wie man es zum Verschlusse der Gläser eingekochten Obstes zu verwenden pflegt, verklebte, auf diese Weise eine schwingende Membran improvisierend, in deren Mitte, mit dem nächsten Griff, eine Borste aus einer stärkeren Kleiderbürste, senkrecht abstehend, eingesteckt wurde. Mit diesem Wenigen war die eine Seite der geheimnisvollen Maschine hergestellt, Annehmer und Weitergeber standen in voller Bereitschaft, und es handelte sich nur noch um die Verfertigung einer aufnehmenden Walze, die, mittels einer kleinen Kurbel drehbar, dicht an den einzeichnenden Stift herangeschoben werden konnte. Ich erinnere nicht, woraus wir sie herstellten; es fand sich eben irgendein Zylinder, den wir, so gut und so schlecht uns das gelingen mochte, mit einer dünnen Schicht Kerzenwachs überzogen, welches kaum verkaltet und erstarrt war, als wir schon, mit der Ungeduld, die über dem dringenden Geklebe und Gemache in uns zugenommen hatte, einer den andern fortdrängend, die Probe auf unsere Unternehmung anstellten. Man wird sich ohne weiteres vorstellen können, wie das geschah. Sprach oder sang jemand in den Schalltrichter hinein, so übertrug der in dem Pergamente steckende Stift die Tonwellen auf die empfängliche Oberfläche der langsam an ihm vorbeigedrehten Rolle, und ließ man gleich darauf den eifrigen Zeiger seinen eigenen (inzwischen durch einen Firnis befestigten) Weg wieder verfolgen, so zitterte, schwankte aus der papierenen Tüte der eben noch unsrige Klang, unsicher zwar, unbeschreiblich leise und zaghaft und stellenweise versagend, auf uns zurück. Die Wirkung warjedesmal die vollkommenste. Unsere Klasse gehörte nicht eben zu den ruhigsten, und es möchten nicht viele Augenblicke gewesen sein, da sie, gemeinsam, einen ähnlichen Grad von Stille zu erreichen fähig war. Das Phänomen blieb ja auch überraschend, ja recht eigentlich erschütternd, von einem Male zum anderen. Man stand gewissermaßen einer neuen, noch unendlich zarten Stelle der Wirklichkeit gegenüber, aus der uns, Kinder, ein bei weitem Überlegenes doch unsäglich anfängerhaft und gleichsam Hilfe suchend ansprach. Damals und durch die Jahre hin meinte ich, es sollte mir gerade dieser selbständige, von uns abgezogene und draußen aufbewahrte Klang unvergeßlich bleiben.»

Also hat der zarte junge René doch nicht nur Kinderschinder kennengelernt in der Schule und nicht nur grausame Mitschüler gehabt. Aber dass Kindheit solch dusteren Verlaufs eine (vielleicht verbreitete) biographische Möglichkeit ist und daher Schule und Erziehen von besonderer Verantwortung getragen sein müssen, das war ihm aus eig'nem Erinnern gewiss bewusst.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von Leserin123 » 19. Apr 2012, 12:32

Hallo lilaloufan,

ich verstehe deine Anmerkungen sehr gut. Jedoch glaube ich, dass du von einem anderen Gedicht sprichst, als von dem in diesem Forum hier. Denn hier geht es um "Kindheit" aus den neuen Gedichten und all deine Zitate passen auch nicht auf die der vorigen Einträge.

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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von lilaloufan » 19. Apr 2012, 20:47

Jetzt bin ich verwirrt. Ich bekenne, ich habe den Thread vorm Antworten nicht gelesen, sondern nur Deine Frage. Und ich meinte dieses Gedicht; den Link hatte ich ja angegeben. Also bitte, kann mal jemand das Gedicht einstellen, das hier gemeint ist, oder wenigstens den Link. l.
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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von stilz » 19. Apr 2012, 22:12

Ich erinnere mich noch gut an dieses Gespräch - hier vor allem das Gedicht:
  • Kindheit

    Es wäre gut viel nachzudenken, um
    von so Verlornem etwas auszusagen,
    von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
    die so nie wiederkamen - und warum?

    Noch mahnt es uns -: vielleicht in einem Regnen,
    aber wir wissen nicht mehr was das soll;
    nie wieder war das Leben von Begegnen,
    von Wiedersehn und Weitergehn so voll

    wie damals, da uns nichts geschah als nur
    was einem Ding geschieht und einem Tiere:
    da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
    und wurden bis zum Rande voll Figur.

    Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
    und so mit großen Fernen überladen
    und wie von weit berufen und berührt
    und langsam wie ein langer neuer Faden
    in jene Bilder-Folgen eingeführt,
    in welchen nun zu dauern uns verwirrt.

    Aus: Neue Gedichte


Niemals würde ich hier die Kindheit als etwas „Negatives“ empfinden. Sie wird als etwas „Verlorenes“ beschrieben – und was man verloren hat, erscheint einem zumindest im Nachhinein als kostbar (sonst würde man es nicht als Verlust empfinden, daß es nicht mehr da ist, sondern eher als Erleichterung).
Ich halte auch nichts davon, bei diesem Gedicht Biographisches heranzuziehen. Meiner Ansicht nach spricht Rilke nicht von seiner Kindheit im Speziellen, sondern von der menschlichen Kindheit, davon, was jeder Mensch (jeweils auf seine Art) erlebt.

Liebe Leserin123, ich freue mich, daß Du offenbar das bisherige Gespräch gelesen hast. Kannst Du denn etwas anfangen mit den bisher dazu geäußerten Gedanken?
Ich frage das wegen Deiner Frage nach der „Gegenüberstellung von Kindheit und Entwicklung bis hin zum Erwachsenen“. Denn ich habe ja damals einiges darüber gesagt, wie ich das begreife...

Ich würde mich freuen, wenn Du uns allen an Deinen eigenen Gedanken dazu teilhaben ließest.


Herzlichen Gruß, und Gute Nacht!

Ingrid
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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von Leserin123 » 20. Apr 2012, 13:25

Ich freue mich, dass ihr so schnell geantwortet habt. :)

Ich sehe es eigentlich auch so, dass die Kindheit als ein hohes Gut angesehen wird. Denn die Kindheit war laut Text voll von Begegnungen und Wiedersehen. Sowas ist dem "wir" seitdem nie wieder widerfahren.
Ich habe die Verse etwas anders verstanden:

"da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
und wurden bis zum Rande voll Figur."

Für mich kommt es so raus, als hätte man in der Kindheit noch wie ein Mensch gelebt. Das heißt, man hatte Begegnungen, die zu Freundschaften führten und Kontakt zu anderen Menschen. Das Leben war noch lebhaft und munter.
"Bis zum Rande voll Figur" heißt für mich, dass menschliche Attribute, wie z.B. Begegnungen und das Lebhafte, verloren gegangen sind und man nur die Figur, also die nüchterne Hülle ist und sich jetzt danach sehnt, wieder so etwas zu erleben.
Aber das war nur so mein Gedanke dazu.



Jedoch kenne ich auch eine ganz andere Sichtweise:
- das "Verlorene" kann nicht nur in dem Sinne verloren sein, sodass es in der Vergangenheit liegt und nicht mehr erreichbar ist, sondern man kann es auch als etwas Schlechtes sehen, das sinnlos ist.

- dieser Gedanke würde dazu führen, dass die ganze Kindheit eher negativ empfunden wurde und dass es auch keine Entwicklung zum Erwachsenen gibt

- die letzte Strophe müsste man dann auch so verstehen, dass über die Kindheit gesprochen wird. Schließlich sind hier auch Formen des Präteritums vorhanden, also in ihrer Kindheit wurden sie vereinsamt wie ein Hirt.

Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen, dass das nicht meine Interpretation ist. Jedoch kann ich diese an den Stellen, die oben angeführt habe auch nachvollziehen und das würde jedoch zu einem ganz anderen Sinn führen.

stilz
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Re: Kindheit (Neue Gedichte)

Beitrag von stilz » 21. Apr 2012, 08:55

Liebe Leserin123,

ich freu mich sehr über alles, was Du sagst!

Allerdings: auch wenn ich weiter oben gesagt habe, daß ich „Kindheit“ hier als etwas „Kostbares“ geschildert begreife, so finde ich doch ein Kategorisieren des Geschilderten in „positiv“ oder „negativ“ gerade bei Rilkes Gedichten problematisch.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich ein anderes seiner Gedichte heranziehen:

  • Oh sage, Dichter, was du tust?
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . - Ich rühme.
    Aber das Tödliche und Ungetüme,
    wie hältst du's aus, wie nimmst du's hin?

    . . . . . . . . . . . . . . . . . . - Ich rühme.
    Aber das Namenlose, Anonyme,
    wie rufst du's, Dichter, dennoch an?

    . . . . . . . . . . . . . . . . . . - Ich rühme.
    Woher dein Recht, in jeglichem Kostüme,
    in jeder Maske wahr zu sein?

    . . . . . . . . . . . . . . . . . . - Ich rühme.
    Und daß das Stille und das Ungestüme
    wie Stern und Sturm dich kennen?

    . . . . . . . . . . . . . . . . . . : - weil ich rühme.


Für mich „rühmt“ Rilke die „Kindheit“.
Er preist dem Engel die Tatsache, daß es im Leben jedes Menschen Kindheit gibt, diese Zeit, in der wir Menschen dennoch ein wenig wie die Zugvögel verständigt zu sein scheinen...


Herzlichen Gruß,

Ingrid
Zuletzt geändert von stilz am 23. Apr 2012, 21:02, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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