Aufmunterung für Freundin

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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doctor p.

Aufmunterung für Freundin

Beitrag von doctor p. » 30. Sep 2007, 10:28

Hallo,
ich bin erst kürzlich über meine Freundin, die sehr auf Rilke steht, auf ihn gestossen und kenne mich deshalb noch nicht so gut aus in seinen Werken! Ich suche im Moment nach einer Passage aus einem seiner Werke, um meine Freundin etwas auf zu heitern und von ihren momentanen Sorgen abzulenken! vielleicht könnt ihr mir da helfen? gibt es Stellen, die euch schon Kraft gegeben haben? bin für jeden Vorschlag dankbar!

gliwi
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Beitrag von gliwi » 30. Sep 2007, 12:28

Entschuldige bitte, ich habe beim Spammer-Ausputzen einen Fehler gemacht und dich aus Versehen mit gelöscht. :oops: Bitte sei so nett und melde dich noch einmal an. (Gerade "doctor" ist leider ein häufiger Spammer-Name).
Was die Aufmunterung angeht, ich weiß nicht, ob Rilke dafür so geeignet ist. Bei ihm geht es doch mehr nach dem Motto: "Wer spricht vom Siegen? Überstehen ist alles." Zum Ablenken finde ich allerdings die genauen Beschreibungen seiner Dinggedichte geeignet. Da möchte ich mein Lieblingsgedicht, die "Blaue Hortensie" empfehlen, dann "Die Flamingos".
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

DoMi
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Beitrag von DoMi » 30. Sep 2007, 17:01

Hallo doctor p.,

darf ich Fragen, warum der "doctor"?? Bist du wirklich Do ktor?? Denn falsche Do ktortitel führen des öfteren zum Verhängniss :wink:

Rilkes Gedichte vermitteln zumeist eine nachdenkliche, trübe oder sogar triste Stimmung und sind daher nicht unbedingt zur Aufmunterung geeignet.
Dennoch gibt es einige, die wirklich sehr schöne Stimmungen erzeugen und für eine Rilkeliebhaberin sicherlich auch aufbauend wirken.
Dazu gehört auf jeden Fall "Blaue Hortensie" und einige anderen Dingegedichte.
Aber welches ich in deiner Situation für geeignet erachte ist dieses hier:

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Aus: "Mir zur Feier"

Also viel Glück damit! Ich hoffe es erfüllt seinen Zweck!

Liebe Grüße

Dominik

stilz
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Beitrag von stilz » 30. Sep 2007, 20:41

Nun ja - dafür, um von Sorgen "abzulenken", eignet sich Rilke wirklich nicht besonders, glaube ich.
Rilkes Gedichte lenken meine Aufmerksamkeit immer auf etwas hin, nicht von etwas ab...

Meiner Erfahrung nach ist solches Ablenken auch nicht besonders hilfreich.
Für mich ist es immer viel tröstlicher, all meine Sorgen in einen Gesamtzusammenhang zu stellen, dann kann vieles einen ganz neuen Sinn bekommen...

Und Tröstlicheres als das Gedicht, das zur Zeit als "Eingang" auf rilke.de steht, kann ich mir kaum denken:

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.


Das Buch der Bilder



Lieben Gruß!

stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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Volker
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Beitrag von Volker » 30. Sep 2007, 23:10

Hallo Herr doctor p,

ich weiß ja nicht, welcher Art die Probleme sind, die deine Freundin bedrücken. Aber vielleicht hilft ja dies:
Sonett

O das Neue, Freunde, ist nicht dies,
dass Maschinen uns die Hand verdrängen.
Lasst euch nicht beirrn von Übergängen,
bald wird schweigen, wer das "Neue" pries.

Denn das Ganze ist unendlich neuer,
als ein Kabel und ein hohes Haus.
Seht die Sterne sind ein altes Feuer,
und die neuern Feuer löschen aus.

Glaubt nicht, dass die längsten Transmissionen
schon des Künftigen Räder drehn.
Denn Aeonen reden mit Aeonen.

Mehr, als wir erfuhren, ist geschehen.
Und die Zukunft fasst das Allerfernste
rein in eins mit unserm innern Ernste.

Aus: Die Gedichte 1922-1926 (1922)
Gute Besserung! :wink:
Ich hab' auch Verstand.©
gez. Volker

Mathilda
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Beitrag von Mathilda » 7. Okt 2007, 19:40

Ich finde das "unendlich sanft" im "Herbst"-Gedicht so wunderbar:

...Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.


Da steckt so viel an Vertrauen und Zuversicht drin, dass es Einem damit
doch gleich wieder besser geht ... Ich habe es erlebt !

Mathilda :lol:

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