Sonette der Louize Labé

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Sonette der Louize Labé

Beitrag von stilz » 21. Feb 2008, 11:10

Grüß Gott in die Runde!

Ich beschäftige mich gerade mit einigen der Sonette der Louize Labé (1520 - 1566), in den Vertonungen von Viktor Ullmann.
Dabei bin ich auch auf Rilkes Übertragungen (1917) gestoßen, und ich möchte die Texte, die mir zur Verfügung stehen, hier hereinstellen, jeweils zuerst die Originalfassung (1555), dann Rilkes Übertragung.

Viktor Ullmann hat eine modernisierte französische Fassung vertont. Er stellt das Sonnet XIII an den Schluß seines Liederzyklus'.
Aus Ingeborg Schnacks "Rilke-Chronik" erfahre ich übrigens, daß für RMR das achte "bei weitem das schönste" war, wie er an Max Mell schrieb...

  • Sonnet V

    Clere Venus, qui erres par les Cieus,
    Entens ma voix qui en pleins chantera,
    Tant que ta face au haut du Cile luira,
    Son long trauail et souci ennuieus.

    Mon oeil veillant s’atendrira bien mieus,
    Et plus de pleurs te voyant gettera.
    Mieus mon lit mol de larmes baignera,
    De ses trauaus voyant témoins tes yeus.

    Donq des humains sont les lassez esprits
    De dous repos et de sommeil espris.
    I’endure mal tant que le Soleil luit:

    Et quand ie suis quasi toute cassee,
    Et que me suis mise en mon lit lassee,
    Crier me faut mon mal toute la nuit.
Das fünfte Sonett

O Venus in den Himmeln, klare du,
hör meine Stimme; denn solang du dort
erscheinst, wird sie, ganz voll, dir immerfort
die lange Arbeit singen, die ich tu.

Mein Aug bleibt sanfter wach, wenn du es siehst,
und seine Flut wird strömender und fließt
viel leichter hin in meine Lagerstatt,
wenn seine Mühsal dich zum Zeugen hat

zur Zeit, da Schlaf und Ausruhn wohlgemeint
die Menschen hinnimmt, die sich müd gedacht.
Ich, ich ertrag, solang die Sonne scheint,

das, was mir wehtut, und wenn ich zum Schluß
zu Bette geh, fast wie entzwei: ich muß
das, was mir wehtut, schrein die ganze Nacht.

  • Sonnet VII

    On voit mourir toute chose animee,
    Lors que du corps l’ame sutile part:
    Ie suis le corps, toy la meilleure part:
    Ou es tu donq, ộ ame bien aymee?

    Ne me laissez par si long temps pamee,
    Pour me sauuer apres viendrois trop tard.
    Las, ne met point ton corps en ce hazart:
    Rens lui sa part et moitié estimee.

    Mais fais, Ami, que ne soit dangereuse
    Cette rencontre et reuuё amoureuse,
    L’accompagnant, non de seuerité,

    Non de rigueur: mais de grace amiable,
    Qui doucement me rende ta beaute,
    Iadis cruelle, à present favorable.
Das siebente Sonett

Man sieht vergehen die belebten Dinge,
sowie die Seele nicht mehr bleiben mag.
Du bist das Feine, ich bin das Geringe,
ich bin der Leib: wo bist du, Seele, sag?

Laß mich so lang nicht in der Ohnmacht. Trage
Sorge für mich und rette nicht zu spät.
Was bringst du deinen Leib in diese Lage
und machst, daß ihm sein Köstlichstes enträt?

Doch wirke so, daß dieses Sich-Begegnen
in Fühlbarkeit und neuem Augenschein
gefahrlos sei: vollziehs nicht in verwegnen

und herrischen Erschütterungen: nein,
laß sanfter mich in deine Schönheit gleiten,
die gnädig ist, um länger nicht zu streiten.


  • Sonnet VIII

    Ie vis, ie meurs: ie me brule et me noye.
    I’ay chaut estreme en endurant froidure:
    La vie m’est et trop molle et trop dure.
    I’ay grans ennuis entremeslez de joye:

    Tout à un coup ie ris et ie larmoye,
    Et en plaisir maint grief tourment i’endure:
    Mon bien s’en va, et à iamais il dure:
    Tout à un coup ie seiche et ie verdoye,

    Ainsi Amour inconstamment me meine:
    Et quand ie pens auoir plus de douleur,
    Sans y penser ie me treuue hors de peine.

    Puis quand ie croy ma ioye estre certeine,
    Et estre au haut de mon desiré heur,
    Il me remet en mon premier malheur.
Das achte Sonett

Ich leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke,
ich dulde Glut und bin doch wie im Eise;
mein Leben übertreibt die harte Weise
und die verwöhnende und mischt das Linke

mir mit dem Rechten, Tränen und Gelächter.
Ganz im Vergnügen find ich Stellen Leides,
was ich besitz, geht hin und wird doch ächter:
ich dörr in einem und ich grüne, beides.

So nimmt der Gott mich her und hin. Und wenn
ich manchmal mein, nun wird der Schmerz am größten,
fühl ich mich plötzlich ganz gestillt und leicht.

Und glaub ich dann, ein Dasein sei erreicht,
reißt er mich nieder aus dem schon Erlösten
in eine Trübsal, die ich wiederkenn.


  • Sonnet XII

    Lut, compagnon de ma calamité,
    De mes soupirs témoin irreprochable,
    Des mes ennuis controlleur veritable,
    Tu as souuent auec moy lamenté:

    Et tant le pleur piteus t'a molesté,
    Que commencant quelque son delectable,
    Tu le rendois tout soudein lamentable,
    Feignant le ton que plein auoit chanté.

    Et si te vois efforcer au contraire,
    Tu te destens et si me contreins taire:
    Mais me voyant tendrement soupirer,

    Donnant fauueur à ma tant triste pleinte,
    En mes ennuis me plaire suis contreinte,
    Et d'un dous mal douce fin espérer.
Das zwölfte Sonett

Laute, Genossin meiner Kümmernis,
die du ihr beiwohnst innig und bescheiden,
gewissenhafter Zeiger meiner Leiden:
wie oft schon klagtest du mit mir. Ich riß

dich so hinein in diesen Gang der Klagen,
drin ich befangen bin, daß, wo ich je
seligen Ton versuchend angeschlagen,
da unterschlugst du ihn und töntest weh.

Und will ich dennoch anders dich verwenden,
entspannst du dich und machst mich völlig stumm.
Erst wenn ich wieder stöhne und mich härme,

kommst du zu Stimme, und ich fühle Wärme
in deinem Inneren; so sei es drum:
mag sanft als Leiden (was stets Leid war) enden.


  • Sonnet XVIII

    Baise m’encor, rebaise moy et baise:
    Donne m’en un de tes plus sauoureus,
    Donne m’en un de tes plus amoureus:
    Ie t’en rendray quatre plus chaus que braise.

    Las, te pleins tu? ça que ce mal i’apaise,
    En t’en donnant dix autres doucereus.
    Ainsi meslans nos baisers tant heureus,
    Iouissons nous l’un de l’autre à notre aise.

    Lors double vie à chacun en suiura.
    Chacun en soy et son ami viura.
    Permets m’Amour penser quelque folie:

    Tousiours suis mal, viuant discrettement,
    Et ne me puis donner contentement
    Si hors de moy ne faiy quelque saillie.
Das achtzehnte Sonett

Küß mich noch einmal, küß mich wieder, küsse
mich ohne Ende. Diesen will ich schmecken,
in dem will ich an deiner Glut erschrecken,
und vier für einen will ich, Überflüsse

will ich dir wiedergeben. Warte, zehn
noch glühendere; bist du nun zufrieden?
O daß wir also, kaum mehr unterschieden,
glückströmend in einander übergehn.

In jedem wird das Leben doppelt sein.
Im Freunde und in sich ist einem jeden
jetzt Raum bereitet. Laß mich Unsinn reden:

Ich halt mich ja so mühsam in mir ein
und lebe nur und komme nur zu Freude,
wenn ich, aus mir ausbrechend, mich vergeude.


  • Sonnet XIII

    Oh si i’etois en ce beau sein rauie
    De celui là pour lequel vois mourant:
    Si auec lui viure le demeurant
    De mes cours iours ne m’empeschoit enuie.

    Si m’acollant me disoit, chere Anie,
    Contentons nous L#uns l’autre, s’asseurant
    Que ia tempeste, Euripe, ne Courant
    Ne nous pourra desioindre en notre vie:

    Si de mes bras me tenant acollé.
    Comme du Lierre est l’arbre encercelé,
    La mort venoit, de mon aise enuieuse:

    Lors que souef plus il me baiseroit,
    Et mon esprit sur ses leures fuiroit,
    Bien ie mourrois, plus que viuante, heureuse.
Das dreizehnte Sonett

Oh wär ich doch entrückt an ihn gepreßt
an seine Brust, für den ich mich verzehre.
Und daß der Neid mir länger nicht mehr wehre,
mit ihm zu sein für meiner Tage Rest.

Daß er mich nähme und mir sagte: Liebe,
wir wollen, eins im anderen genug,
uns so versichern, daß uns nichts verschiebe:
nicht Sturm, nicht Strömung oder Vogelflug.

Wenn dann, entrüstet, weil ich ihn umfasse,
wie sich um einen Stamm der Efeu schweißt,
der Tod verlangte, daß ich von ihm lasse:

Er küßte mich, es mündete mein Geist
auf seine Lippen; und der Tod wär sicher
noch süßer als das Dasein, seliglicher.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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