Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Run4waY
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Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von Run4waY » 23. Jun 2008, 18:23

Hallo liebe Forenmitglieder,

ich schreibe hier weil ich im Verständnis um jenes Gedicht etwas dazulernen möchte. Mein Interesse ist an ihm wiedererweckt worden weil es mir nunmehr während meines Lebens immer wieder begegnet ist und ich vor 2 Tagen das Gedicht über das Rilke-Projekt wiedergehört habe.
Auf Grund dessen möchte ich meine Gedanken, die ich damals ohne Kenntnis biografischer Kennntisse, in der neuten Klassen verschriftlicht hatte zur Diskussion stellen. Ich hoffe dafür ist dies Forum hier gedacht.

Liebes-Lied
Rainer Maria Rilke - Analyse des letzten Teils

Der letzte Abschnitt, die letzten drei Zeilen umfassend, ist in zwei Teile gegliedert. Erstens in zwei philosophische Fragen, welche versuchen eine Antwort auf für Menschen unbegreifbare, unfassbare und wunderbare Fragen zu finden. Als letztes steht ein kurzer Ausdruck durch den eine Erkenntnis Rilkes verdeutlicht wird. Beides bezieht sich auf die Liebe. Um die erste Frage "auf welches Instrument sind wir gespannt" zu erklären, ist unerläßlich die Bedeutung der zwei Saiten zu kennen.

Diese stehen für zwei fest verbundene Liebende, die wie zwei Saiten ihr Leben lang auf ein Instrument gespannt sind. Durch ihre Unzertrennlichkeit und Einzigartigkeit wird klar, dass sie nur zusammen zu ihrer vollen Entfaltung kommen. Einzeln klingen sie eintönig, langweilig und noch lange nicht so schön, alsob sie sich zu zweit zu einer vollkommenen Harmonie, zu einem Lied, perfekt ergänzen würden. Es ist ihr Sinn, Schicksal oder Vorbestimmung ihr ganzes Leben lang auf das Instrument gespannt zu sein, was noch lange nicht heißt es auch wirklich zu nutzen. Außerdem haben sie gar keine andere Möglichkeit als auf diesem Weg ihre Bestimmung zu erreichen. Es ist ihre einzige Möglichkeit ein Lied, das Leben, zu spielen.

Das Instrument ermöglicht den beiden Liebenden erst dieses zu tun. Der Sinn der Saiten wird nur durch dessen Klangkörper zur vollen Entfaltung gebracht. Symbolisch gesehen ist das Instrument die Möglichkeit zur Liebe, auf welches ein jeder Mensch gespannt ist. Somit ist auch die Frage "Auf welches Instrument sind wir gespannt?" beantwortet. Es gibt den Liebenden Halt und die Fähigkeit zusammen eine Melodie erklingen zu lassen. Ohne dieses wären die Saiten hilflos und ohne Sinn im Leben bis zu ihrem Tod gefangen. Aber durch die Einzigartigkeit des Menschen zu lieben bekommt er seine Kraft zu Leben und es so auch in Glück bestehen und genießen zu können.

Ebenso spielt der Geiger aus der Frage "Welcher Geiger hält uns in der Hand?" eine fazinierende Rolle in der Bedeutung zwischen Menschen, der Fähigkeit zu lieben und in dieser Erweiterung zu Gott, da er alles soeben beschriebene bestimmt, also dirigiert. Er ist das Symbol für Gott und beschreibt die Unbegreiflichkeit und Großartigkeit des Lebens, der Liebe. Dieses wird auch durch seinen Bogenstrich, mit dem er alles in Bewegung setzt, verdeutlichet. Mit einer einzigen Bewegung lässt er die Seelen zweier in Schwingung geraten. Dadurch wird auch die Fazination und die Unfassbarkeit Gottes und die durch ihn erzeugte Liebe erklärt. Er ist allmächtig und einzigartig, weil er den Menschen die Möglichkeit geschenkt hat zu lieben, was auch bedeuten kann seiner Seele Ruhe zu geben. Somit hat Rilke sich seine Antworten indirekt selbst gegeben.

Dies alles ist das unbeschreibliche Werk eines großen Gottes, dem man Vertrauen, auch in Beziehung auf Liebe, schenken soll, was Rilke mit dem ausruf "O süßes Lied" beschreibt. Dieses Werk ist das großartige Lied, welches aus dem Zusammenspiel zwischen Saiten, Instrument und dem Geiger entsteht. Es ist nahezu unverständlich und unbegreiflich, aber dennoch äußert es Harmonie und wirkt kraftschenkend. Es kann mit der Liebe gleichgesetzt werden, da es aus dem eben Beschriebendem auf unvergleichbare Art und Weise entsteht. Ich halte es auch für möglich den letzten Ausdruck als "O süßes Leben" darzulegen. So würde ausgesagt werdem, dass man die Liebe und das Leben mitsamt seinen Fragen leben soll. Im Bezug auf die Fragestellung Rilkes, wie man etwas Abstand von seiner Geliebten gewinnen kann heißt das, dass man die Ungewißheit über diese Frage auf sich beruhen lassen soll und die Liebe besser aktiv belebt, als sie, als ein Werk Gottes in Frage zu stellen. Vielleicht wird die Antwort so eines Tages gegeben.

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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von gliwi » 24. Jun 2008, 20:57

Gut, einverstanden, Run4way.
Wenn wir jetzt aber doch der Biographie ein wenig Raum geben, dann wissen wir, dass der erste Teil des Gedichts den Sieg davonträgt und dass dieser zweite Teil nur begrenzte Gültigkeit hat. Ich würde auch die beiden Fragen nicht mit solcher Sicherheit beantworten. Man sollte bei Gedichten niemals Gleichungen machen, also dieses Instrument = das; und der Geiger = Gott; wenn es so wäre, hätte Rilke es nicht als Frage formuliert. Wenn wir versuchen, solche Fragen zu beantworten, sollten wir uns immer bewusst sein, dass unsere Antwort nur eine mögliche unter vielen ist.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.


Aus: Die frühen Gedichte (Gebet der Mädchen zur Maria)

Genau das meine ich.
Gruß´
gliwi
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von stilz » 10. Jul 2008, 13:16

  • LIEBES-LIED

    Wie soll ich meine Seele halten, daß
    sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
    hinheben über dich zu andern Dingen?
    Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
    Verlorenem im Dunkel unterbringen
    an einer fremden stillen Stelle, die
    nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
    Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
    nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
    der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
    Auf welches Instrument sind wir gespannt?
    Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
    O süßes Lied.
Danke, liebe gliwi, für die Warnung davor, Gedichte als "Gleichungen" zu behandeln. Damit sprichst Du mir aus der Seele.
Da Rilke selber jedoch den Vergleich in dieses Gedicht trägt ("nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich"), finde ich es hier doch berechtigt, sich darüber Gedanken zu machen, was denn nun wirklich womit verglichen wird.

Run4way sieht es so:
"Diese [die zwei Saiten] stehen für zwei fest verbundene Liebende, die wie zwei Saiten ihr Leben lang auf ein Instrument gespannt sind. Durch ihre Unzertrennlichkeit und Einzigartigkeit wird klar, dass sie nur zusammen zu ihrer vollen Entfaltung kommen. Einzeln klingen sie eintönig, langweilig und noch lange nicht so schön, alsob sie sich zu zweit zu einer vollkommenen Harmonie, zu einem Lied, perfekt ergänzen würden. Es ist ihr Sinn, Schicksal oder Vorbestimmung ihr ganzes Leben lang auf das Instrument gespannt zu sein, was noch lange nicht heißt es auch wirklich zu nutzen. Außerdem haben sie gar keine andere Möglichkeit als auf diesem Weg ihre Bestimmung zu erreichen. Es ist ihre einzige Möglichkeit ein Lied, das Leben, zu spielen."
und übersieht dabei mindestens zwei Dinge:

Erstens ist bei Rilke nicht davon die Rede, daß auf dieses Instrument insgesamt nur zwei Saiten gespannt sind. Ganz im Gegenteil: Rilke spricht von einem "Geiger", und man kann wohl davon ausgehen, daß er dabei viel eher die Violine im Sinn hat, die ja vier Saiten hat, als zum Beispiel die chinesische "Er-hu", die tatsächlich mit zwei Saiten auskommt.

Und zweitens erklingt ein "süßes Lied" ja auch nicht schon deshalb, weil zwei Saiten auf dasselbe Instrument gespannt sind.
Dazu braucht es bei der Geige eben den Bogenstrich, der manchmal eine einzige Saite erklingen läßt, aber eben auch zwei oder mehrere Saiten für einen besonderen Klang zusammenfassen kann (auch das spricht für die Violine und gegen die Er-hu, deren Saiten sich nicht in einen einzigen Bogenstrich zusammennehmen lassen, da der Bogen sich zwischen ihnen befindet...).

So verstanden, sehe ich "o süßes Lied" auch nicht als den sich aus einem einzigen Bogenstrich ergebenden Klang, sondern als etwas viel Größeres, zu dem viele unterschiedliche Bogenstriche beitragen, und zu dem sowohl "zweisaitige" Klänge als auch "einsaitige" oder auch "mehrsaitige" zusammenklingen, mitsamt den sanft-unmerklichen oder auch jäh-schroffen Übergängen dazwischen...

Für mich löst sich damit auch das Unbehagen, das ich bei Deinem, gliwi, Satz spüre:
Wenn wir jetzt aber doch der Biographie ein wenig Raum geben, dann wissen wir, dass der erste Teil des Gedichts den Sieg davonträgt und dass dieser zweite Teil nur begrenzte Gültigkeit hat.

"Gültig" ist das Gedicht als Ganzes.
In jedem Lied allerdings hat ein einzelner Bogenstrich eine zeitlich begrenzte "Gültigkeit", an der Stelle, die ihm zukommt.

Der erste Teil dieses Gedichtes läßt sich meiner Meinung nach nicht nur auf eine einzige Weise verstehen:
Die Fragen zu Beginn "Wie soll ich...", ebenso wie das "ach gerne möcht ich..." könnten sowohl eigene Sehnsucht ausdrücken (so, glaube ich, liest Du es, gliwi) - als auch (so wie es sich für mich beim ersten Lesen unwillkürlich dargestellt hat) die Reaktion auf ein "Laß mich allein, schwing doch nicht immerzu mit" des geliebten Wesens...

Vielleicht geht es einfach darum, zu erkennen: für ein "süßes Lied" braucht es einerseits die Bereitschaft der einzelnen Saite, sich mit anderen Saiten gemeinsam in einen Bogenstrich zusammenfassen zu lassen, auch mal eine untergeordnete Aufgabe in einem bestimmten Akkord zu erfüllen... andererseits aber braucht es auch eine gewisse "Selbständigkeit" der einzelnen Saiten, jede soll für sich gut gestimmt sein und sich davor hüten, ihren eigenen, einzigartigen Ton einer anderen Saite anzupassen, und sie soll auch imstande sein, allein zu erklingen, wenn das Lied es erfordert...

Mir fällt dazu auch noch das "Stunden-Buch" ein, "Mit einem Ast...":

  • Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
    und vielen Einsamen der gleichen Art
    wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
    Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
    bis sie erkennen, nah am Weinen,
    daß durch ihr meilenweites Meinen,
    durch ihr Vernehmen und Verneinen,
    verschieden nur in hundert Seinen
    ein Gott wie eine Welle geht.

Lieben Gruß in die Runde!

stilz
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von helle » 10. Jul 2008, 15:33

ich komme eben hier nur kurz vorbei und möchte mich nicht in die Diskussion einmischen. Aber ich bezweifle, obwohl auch die google-Statistik dafür spräche, daß es "Geiger" heißt, was mir ein bißchen wie Stehgeiger klingt. Es müßte "Spieler" heißen, ein Spieler, der "uns" in der Hand hat, z.B. wie Würfel.

Grüßle, h.

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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von gliwi » 10. Jul 2008, 17:11

Tja, was machen wir nun? In meiner Insel-Ausgabe steht "Geiger", in meiner 2001-Ausgabe steht "Spieler". Eine Ausgabe der letzten Hand gibt es wohl nicht bei Rilke, dazu ist er zu früh gestorben. Vom Klang her fände ich "Spieler" schöner, aber der Bogenstrich deutet natürlich schon auf einen Geiger. Wieso "Stehgeiger"? Der Solist im Konzert steht auch und ist kein "Stehgeiger".
Gruß
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von stilz » 10. Jul 2008, 17:22

Lieber helle,

vielen Dank für den Hinweis!
In meiner Insel-Ausgabe ("Die Gedichte", in einem Band) steht tatsächlich "Spieler". :oops: Ich war halt zu faul zum selber Abtippen und gestehe, mir den Text für dieses posting aus dem Netz gezogen zu haben...

Nun - dennoch deutet der "Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht", wohl zumindest auf die Gattung der Streichinstrumente und scheint mir den "Würfelspieler" auszuschließen. Was ich geschrieben habe, kann auch für den Kontrabaß gelten...

Aber es wäre sehr interessant, herauszufinden, wie es denn nun wirklich im Original heißt.

Lieben Gruß

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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von lilaloufan » 10. Jul 2008, 20:10

helle hat geschrieben:…Es müßte "Spieler" heißen, ein Spieler, der "uns" in der Hand hat, z.B. wie Würfel.
O süßes Lied. Nein, das grölt nicht der Würfelspieler. Singt, nein: streicht es der Tod? In #7406 habe ich die Stelle ja mal in den Zusammenhang von Rilkes Schwellenerfahrungen gebracht - ich meinte nicht die mediumistisch herbeigeführten, sondern die im Sturmgesang des intuierenden Musenchores erfahrenen, wo Rilke die stets voller strenger Verantwortlichkeit geführte Schreibfeder gleichsam selbstthätig werden sieht und sich fragt: Wessen Wille geschieht (mir) hier? Und er erlebt deutlicher als in den durchwachten Stunden der Feilarbeit am seinen Alltagsgebrauch überhöhenden Wort, dass in solchem Grenzgang die «große Arbeit» über ihren ewigen Gegen-Spieler, das Leben, siegt. Eben wie der Tod, der letztanerkannte, immer schon im Leben den strömenden Blut- und Atemkräften entlang der Saiten unseres Nervenmenschen ein Bewusstsein abringt, das sie, blieben sie sich selbst überlassen, verträumen und verdämmern würden.

[Ihr denkt vielleicht an Ennio Morricones Musik in dem spätsechziger Sergio-Leone-Klassiker, aber da war’s ’ne Mundharmonika, Spaß muss sein… - Und Rilkes Metaphorik ist ja hier auch ganz und gar appollinisch: Während uns der Odem eingehaucht, geblasen wird, streicht der Schicksalsbogen über unsere Besaitung.] Gruß in Vorurlaubslaune,
l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von stilz » 10. Jul 2008, 20:49

Der "Spieler", der das "süße Lied" streicht, sei der Tod?
Ich hätte eher gesagt: dieser Spieler ist das Leben.

Aber das soll nicht heißen, daß ich Dir widersprechen will.
Sondern in einem "größeren Bezug" scheinen "Leben" und "Tod" geradezu Synonyme zu sein: während man lebt, stirbt man dem Tod entgegen - während man stirbt, lebt man sein Leben... je mehr ich darüber nachdenke, desto schwerer fällt es mir, die beiden als "Gegenspieler" zu sehen.
"Lebendiges" ist in Wandlung begriffen, das setzt Zeit voraus.
"Das Zeitliche segnen" - so sagen wir und meinen das "Sterben"...
Und die "große Arbeit" - ist das nicht gewissermaßen "Lebens-auf-gabe"?


Im Aufsatz Gerd Kluges "Ein Abend auf Schloß Muzot", auf den Renée vor kurzem aufmerksam gemacht hat, lese ich:
  • Das Schreckliche der Engel, erklärte er [Rilke, Anm.v.stilz], liege darin, daß sie im Gegensatz zum Menschen in einem Sein ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben. Ihm komme es aber entscheidend darauf an, deutlich zu machen, daß der Mensch, der Vergängliche, von seiner ersten Stunde an nicht nur lebe, sondern auch laufend stürbe. Jede Stunde sei zugleich Erfahrung und Abschied. „Wolle die Wandlung“, „sei jedem Abschied voran“ las er mit besonderer Betonung. Die mit diesem Ernst aber auch verbundene Heiterkeit strahlte sein Lesen des 13. Sonetts des ersten Teils aus:

    „Voller Apfel, Birne und Banane,
    Stachelbeere … Alles dieses spricht
    Tod und Leben in den Mund… Ich ahne …
    Lest es einem Kind vom Angesicht“,
    „O Erfahrung, Fühlung, Freude -, riesig!“

    Dieses Hineinnehmen des Lebens in den Tod und des Todes in das Leben sei etwas anderes als Goethes „Stirb und werde“, das der Gast einzuwerfen wagte.
Seit ich das gelesen habe, denke ich darüber nach, worin genau der von Rilke empfundene Unterschied zu Goethes "Stirb und werde" liegen mag.


Trotz dieser "Vorurlaubslaunengedanken" :wink: wollen wir doch nicht vergessen: im "Liebes-Lied" geht es in erster Linie darum, daß zwei Menschen unter dem Bogenstrich des Lebens/des Todes/der Liebe zu einer Stimme zusammenklingen ...

Lieben Gruß

stilz
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von lilaloufan » 10. Jul 2008, 23:14

Ja, genau dieses „Eine“ «von Lebens- und Todesbejahung» findet Rilke - im Menschen vorgebildet: «Das eine zuzugeben ohne das andere, sei, so wird hier [Elegien, Anm. l.] erfahren und gefeiert, eine schließlich alles Unendliche ausschließende Einschränkung. Der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: wir müssen versuchen, das größeste Bewusstsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt … Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete, das Blut des größesten Kreislaufs treibt durch beide: es gibt weder ein Diesseits noch Jenseits, sondern die große Einheit, in der die uns übertreffenden Wesen, die „Engel“, zu Hause sind.» Das ist aus dem letzten Brief an Witold von Hulewicz hier glaub’ ich schon mehrmals zitiert worden, aber ich hab’s in der Suchfunktion gerade nicht gefunden.

Liebe Ingrid, ich hab’ ja ein Fragezeichen gesetzt, ob es der Tod ist? Das Leben? Die große Einheit? Wir widersprechen da weder einander noch Rilke: Nur wer den Menschen so eingeschränkt ansähe, dass schließlich alles Unendliche ausgeschlossen bleiben müsste (s. o.), müsste hier ratlos bleiben, würde uns wohl gar als Spielwürfel auffassen müssen in des Zufalls Hand. Wo ich aber zwar Diesseits und Jenseits «unabgegrenzt» und koïnzident sehe, aber in aller Einheit doch unterscheidbar und durch den Menschen so verbunden, dass dies sogar sichtbar (!) wird in seiner «wahre(n) Lebensgestalt», da darf ich auch versuchen zu unterscheiden: Von welcher Seite aus blickt der Künstler hier auf sein Sujet?

Während ich zu meinem Fragezeichen verpflichtet bin, wo auch Rilke es setzt: «Und welcher Spieler hält uns in der Hand?» und auch, ebenso wie Du, die Instrument-Frage nicht auf er-Hu, Geige oder Psalter verenge, kann ich doch versuchen, im eigenen Gedankengang einmal in dieses unbezäunte Feld benachbarter Daseins- und Wahrheitsgebiete hineinzutasten, das uns von Rilkes dichterischem Bild her rätselvoll ahnbar geworden ist.

Und nur da kann ich das Fragezeichen weglassen: Das Unendliche, Ewige im Menschenwesen selbst kann ja Auskunft geben über Instrument und Spieler.

Gerade auch da, wo es darum sich handelt, dass uns durch dieses „uns Übertreffende“ zugetraut wird, dem Entschluss zum Du gerecht zu werden, die Liebe zu erbilden, nach und nach. Auch ihr Lied vereint, wie alle Lieder, die musikalischen Elemente aus dem Sphärenklang des Lebens und dem Taktgeber des großen Trommlers - sonst käme das „allergrößeste Bewusstsein“ nicht auf, in welchem wir aneinander und füreinander zu erwachen haben - statt verliebt ineinander hineinzuträumen oder uns aneinander abstumpfend nachlässig auseinanderzuleben. Wo nehmen wir denn solches Vermögen her, wie halten wir es entwicklungsfähig, wenn nicht aus einem Vertrauen, dass solcher Zusammenklang von Seelen in den großen weisheitsvollen Ordnungen des Kosmos vorgebildet ist, aber durch unsere freie Schwingung individuell erfüllt sein will.

Was rührt uns an? Was uns interessiert. Nicht, was uns trifft, sich uns aufzwingt, aber auch nicht, was wir nur behaglich genießen oder unachtsam ausbeuten, rührt uns an. Sondern das, dem wir uns neigen, im Schillerschen Sinne. Darin, im Interesse, finden wir uns mit anderen zu neuer Gemeinschaft, da haben wir miteinander zu tun anders als in den alten, abgetragenen Banden von Sippe und Nation, da entsteht neues Schicksal. Das haben wir Menschen in der Hand. Du und ich, mit kaum zu haltender Seele. - O süßes Lied.

Christoph
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von helle » 11. Jul 2008, 17:41

Etwas gehässig, wie ich hier wiedergegeben werde, warum auch immer. Von »grölen« hatte ich eigentlich gar nicht gesprochen. Die Rede war auch nicht vom »Würfelspieler«, sondern von einem »Spieler« (im Gegensatz zum »Geiger«), »der ›uns‹ in der Hand hat, z.B. wie Würfel« – »zum Beispiel«, notabene, beim »in der Hand haben« schwingen ja mehrere Konnotationen mit. Und auch wenn ich v.a. an Mallarmés »Un coup de dés« (»Ein Würfelwurf«) gedacht habe, das Rilke natürlich kannte, kann man vom Text her nicht behaupten, daß das »Liebes-Lied« darauf anspielt.

Aber das eine ist das Lied, das »Liebes-Lied« (und zwar in seiner Ratlosigkeit, dochdoch, auch die gehört dazu, nicht nur Glanz und Gloria und »freie Schwingung « und »unendlich«) und das andere ist der »Spieler« oder meinethalben »Geiger« (offenbar gibt's ja beide Varianten), der die Liebenden in der Hand hält, und es wird nirgends gesagt, daß es sein Lied ist, egal, ob gezupft, gesungen oder auf dem Kamm geblasen, da ist der zweite Schritt vorm ersten erfolgt.

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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von stilz » 12. Jul 2008, 11:55

Nun – ob Du es bist, lieber Helle, der hier „etwas gehässig“ wiedergegeben wird, oder ob es die Assoziationen sind, die Dein Hinweis auf den „Spieler“ geweckt hat, das will ich einmal dahingestellt lassen.
Jedenfalls ist auch in mir beim allerersten Lesen Deines »der ›uns‹ in der Hand hat, z.B. wie Würfel« sofort etwas „Ablehnendes“ aufgestiegen, weshalb ich ja auch spontan geschrieben hab, »…scheint mir den "Würfelspieler" auszuschließen«.
Inzwischen ist auch Deine Antwort da, lieber Christoph (die mich ein wenig überwältigt hat, weil sie wirklich wunderschön ist), und Helles „Replik“ – und ich selber hab zweimal drüber geschlafen und denke jetzt anders darüber als beim ersten Lesen. Nun möchte ich den Versuch einer „Synthese“ machen:
lilaloufan hat geschrieben:Wo nehmen wir denn solches Vermögen her, wie halten wir es entwicklungsfähig, wenn nicht aus einem Vertrauen, dass solcher Zusammenklang von Seelen in den großen weisheitsvollen Ordnungen des Kosmos vorgebildet ist, aber durch unsere freie Schwingung individuell erfüllt sein will.
Ja.
Um diese beiden Dinge geht es - die "Vorbildung durch die weisheitsvollen Ordnungen des Kosmos" und die "individuelle Erfüllung durch unsere freie Schwingung".

Allerdings:
helle hat geschrieben:…Es müßte "Spieler" heißen, ein Spieler, der "uns" in der Hand hat, z.B. wie Würfel.
lilaloufan hat geschrieben:O süßes Lied. Nein, das grölt nicht der Würfelspieler.
Nein, lieber Christoph, so leicht möchte ich mir's nicht machen mit Helles Hinweis.
Denn wenn es wirklich "Spieler" heißt, und vor allem, wenn dieses Wort ein Ergebnis Rilkescher "Feilarbeit" sein sollte, also wenn es ursprünglich "Geiger" geheißen hat - dann ist dieser "Spieler" wohl gerade deshalb in diesem Gedicht, um die "Würfel-Assoziationen" zu erwecken. Nicht das Gegröle, davon hat ja auch Helle nichts geschrieben. Aber doch den Gedanken, die bange Frage, ob man - zumindest auch - vom "Glück" abhängig sein könnte, vom "Zufall"...
{Vor kurzem erzählte mir die zweisprachig aufwachsende Zwölfjährige einer rumänischen Kollegin, wie schwierig es für sie war, zu begreifen, daß man im Deutschen Klavier spielt, wo es doch im Rumänischen viel "richtiger" heißt: "a cânta la pian". Das hat mir sehr zu denken gegeben... und nun frage ich mich, wie die letzten Zeilen dieses Gedichts ausgesehen hätten, wenn Rilke es auf rumänisch gedichtet hätte... aber das nur am Rande}
Diese Abhängigkeit vom "Glück", die Dir, Christoph, so unbehaglich zu sein scheint - ist das nicht gerade der Hinweis auf die "weisheitsvolle Ordnung des Kosmos", die unserer begrenzten Wahrnehmung halt nicht immer in ihrer vollen Weisheit zugänglich ist? Gerade deshalb brauchen wir ja, wie Du auch sagst, Vertrauen. Was ja nicht ganz dasselbe ist wie Wissen oder Erkenntnis.

Und hier geht es ja um die Fragen im „Liebes-Lied“, das aus dem Jahr 1907 stammt, und nicht um Antworten, die Rilke vielleicht hatte, nachdem die „Elegien“ entstanden waren.
Es sind diese Fragen, in ihrer ganzen „Ratlosigkeit“, um Helles Wort nochmal aufzugreifen – die umfassenden Fragen, die er damals, 1907, „liebhatte“, sind es, die Rilke schließlich „in die Antworten hinein leben" ließen.

Diese Fragen ergeben sich aus der Empfindung, daß es etwas/jemanden gibt, das/der uns „übertrifft“, daß wir nicht „selber“ unser Schicksal in der Hand haben, wobei ich mit „selber“ hier ausschließlich den Anteil des „Ich“ in jedem von uns meine, der uns jederzeit voll bewußt ist.
Rilke stellt im „Liebes-Lied“ die Frage danach, wer/was denn dieses „Numinose“ ist, das „uns“ immer wieder "in der Hand zu haben" scheint…
Insofern finde ich es nicht leichtfertig-oberflächlich, auch den Gedanken anklingen zu lassen, wir wären in gewisser Weise wie „Würfel“ in der Hand eines (welches?) „Spielers“.
Denn "wir", in unserem irdisch-begrenzten "Ich", sind oftmals nicht in der Lage, zu begreifen, nach welchen „Regeln“ hier „gespielt“ wird. Deshalb ja haben wir es so nötig, das Vertrauen, von dem Du, Christoph, sprichst: das Vertrauen in die weisheitsvollen Ordnungen des Kosmos…

Und so finde ich es auch berechtigt, wenn Run4waY (der/die wohl leider wirklich fortgerannt ist inzwischen? Wie schade!) schreibt:
Run4waY hat geschrieben:Dies alles ist das unbeschreibliche Werk eines großen Gottes, dem man Vertrauen, auch in Beziehung auf Liebe, schenken soll, was Rilke mit dem Ausruf "O süßes Lied" beschreibt. Dieses Werk ist das großartige Lied, welches aus dem Zusammenspiel zwischen Saiten, Instrument und dem Geiger entsteht. Es ist nahezu unverständlich und unbegreiflich…
Das trifft sich mit Rilke, mit einer anderen Stelle, wo sich zeigt, daß er als Antwort auf seine Fragen Vertrauen gewonnen hat:
  • …Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
    unendlich sanft in seinen Händen hält.
lilaloufan hat geschrieben: Was rührt uns an? Was uns interessiert. Nicht, was uns trifft, sich uns aufzwingt, aber auch nicht, was wir nur behaglich genießen oder unachtsam ausbeuten, rührt uns an. Sondern das, dem wir uns neigen, im Schillerschen Sinne.
So sagst Du, lieber Christoph, ganz ohne Fragezeichen.

Ich kann mir da nicht so sicher sein, selber alleiniger und ausschließlicher und vor allem: bewußter "Herr meines Angerührt-Seins" zu sein.
Ebenso wie die Saite ja auch nicht selber darüber entscheiden kann, wann und in welcher Weise der Bogen sie berührt, scheine auch ich auf "Bogenstriche" "von außen" angewiesen sein, die mich zum "Erklingen" veranlassen.
Ebenso wie bei der Saite gibt es allerdings auf einen solchen "Anlaß" hin einen ganz individuellen, eben meinen Klang - ganz im Sinne des biblischen "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über". Erst hier kommt es natürlich auf mein "Inter-esse" an, auf meinen freien Entschluß, in welcher Weise ich mich "neigen" will - siehe Hofmannsthal, die Feldmarschallin im "Rosenkavalier" sagt es: "Und in dem »Wie«, da liegt der ganze Unterschied –"

Ob wir das „Numinose“, außerhalb unseres bewußten „Ich“ Liegende, als das „Unendliche, Ewige im Menschenwesen selbst“ bezeichnen wollen, oder ob wir es im „uns übertreffenden Wesen des Engels" angesiedelt sehen wollen, dem wir unser Leben „darleben“ … das scheint für Dich, Christoph, einen großen, entscheidenden Unterschied zu machen.
Für mich – die ich ja immer wieder Schwierigkeiten mit ganz genauem „Einordnen“ und „Gliedern“ habe :wink: – scheint es letztlich unerheblich zu sein, es sind für mich bloße Bezeichnungen, es kommt darauf an, mit welchem (nonverbalen) Gehalt, mit welcher "freien Schwingung" wir sie schließlich erfüllen.
Je nachdem, wann, wo und wie ich auf’s Wasser blicke, sehe ich einmal den einzelnen Tropfen, ein andermal die einzelne Welle, die tausende dieser Tropfen zusammenfaßt, und dann wieder das weite, unendliche Meer, in das alle Tropfen schließlich einfließen…


Leider kenne ich das von Dir, Helle, erwähnte Mallarmé-Gedicht nicht, was ich bedaure, seit ich mir die erste Zeile „Un coup de dés jamais n’abolira le hasard“ aus dem Netz geholt habe.

Aber der Gedanke des „Wurfs“ läßt mich auch noch an dieses Gedicht denken, aus dem Jahr 1922:
  • Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
    Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
    erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
    den eine ewige Mit-Spielerin
    dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
    gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
    aus Gottes großem Brücken-Bau:
    erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
    nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
    zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
    nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
    und schon geworfen hättest..... (wie das Jahr
    die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
    die eine ältre einer jungen Wärme
    hinüberschleudert über Meere -) erst
    in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
    Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
    dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
    das Meteor und rast in seine Räume...
Ich danke allen „Mitspielern“ hier im Forum!

Alles Liebe,

Ingrid
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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lilaloufan
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von lilaloufan » 12. Jul 2008, 12:28

stilz hat geschrieben:
  • Dieses Hineinnehmen des Lebens in den Tod und des Todes in das Leben sei etwas anderes als Goethes „Stirb und werde“ …
Seit ich das gelesen habe, denke ich darüber nach, worin genau der von Rilke empfundene Unterschied zu Goethes "Stirb und werde" liegen mag.
«a cânta la pian», das gefällt mir. (am Rande)

Ich glaub’ ich hab’ einen Schlüssel gefunden zu diesem - ja nicht nur Unterschied, sondern sogar - Widerwillen gegen Goethes «Stirb und Werde!» bei Rilke.

Rilke wird bemerkt haben, dass Goethe nicht zur Umwandlung alles Hiesigen «in Unsichtbares, vom sichtbar- und greifbar-sein nicht länger Abhängiges», sondern umgekehrt zur Sichtbarwerdung der Idee in der sinnlich greifbaren „hiesigen“ Erscheinung angetreten war.

Im 19. Vortrag von „Das Christentum als Mystische Tatsache“ (15.03.1902) kommt Rudolf Steiner auf das „Stirb und Werde“ der alten Initiationen zu sprechen, und dann folgt die Passage: «Wer die mystischen Schriften studiert, wird dieses "Stirb und werde" öfters finden. Da, wo das Geistige erwacht und das Niedere, das Greifliche wirklich verdunstet. Das Niedere, Greifliche wird zu dem Nichtigen gegenüber dem Höheren, das in uns auferwacht. Daher dieses mystische Bekenntnis in der verschiedensten Weise. Wer mystische Schriften studiert, wird häufig diesen Ausdruck gefunden haben. So ist er zum Beispiel zu finden bei Jakob Böhme, der ihn in die Worte fasste: "Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt". Für den, der dies nicht erreicht hat, ist die Sache so, dass er den Prozess auf höheren Ebenen oder in einem nächsten Leben durchmachen muss.
Dieser Initiationsprozess war es, welcher die Menschen hinaufläutern
[Hervorh. l., s. u.] sollte zu ihrem Ziel, sie ein Stück weiterbringen sollte auf dem Wege zur Göttlichkeit. Er war dazu ausersehen, die grobsinnliche Welt in eine rein ätherische zu verwandeln. Es wird uns gesagt, dass der Mensch dann einen neuen Leib angenommen haben wird, dass er mit einem neuen Leib begabt wird, dass er verklärt worden ist. Ein solcher Initiationsprozess wird uns so beschrieben, dass er unter gewaltigen Naturerscheinungen sich vollzog, dass es donnerte und blitzte. Dieser Prozess war es, der ihm das Erlebnis, die Erkenntnis des Geistigen vermittelte. Wenn er dieses errungen hatte, dann sah er ein, dass nicht die Materie das Wirkliche ist, sondern das Geistige.»

Und das genau will Rilke mit dem „Greiflichen“ nicht, es soll ihm nicht zum „Nichtigen“ werden: «Und so sind alle Gestaltungen des Hiesigen nicht nur zeitbegrenzt zu gebrauchen, sondern, soweit wir’s vermögen, … [Bis hierher könnte Goethe das gesagt haben, aber nun fährt Rilke fort:] … in jene überlegenen Bedeutungen einzustellen, an denen wir Teil haben. […] In einem rein irdischen, tief irdischen, selig irdischen Bewusstsein gilt es, das hier Geschaute und Berührte in den weiteren, den weitesten Umkreis einzuführen. Nicht in ein Jenseits, dessen Schatten die Erde verfinstert, sondern in ein Ganzes, in das Ganze.» Und dann kommt diese wunderbare Stelle: «So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden.»

Schon (ebenfalls) 1907 auf Capri hatte Rilke diesen achtzehn Jahre später beschriebenen Imperativ eindrucksvoll eingelöst:
  • «…Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
    und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
    und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
    und Dunkelheit der abendlichen Erde
    bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
    bis auf den vagen Einfluss ferner Sterne
    in eine Handvoll Innres zu verwandeln.
    »
(s. #6876, #7817, #7916)

Goethe hat das nur bis zu einer bestimmten Grenze gewagt zu denken, denn sein naturwissenschaftlich-künstlerisches Empfinden nahm die Dinge dort draußen:
  • «Ein Blumenglöckchen _ vom Boden empor
    War früh gesprosset _ in lieblichem Flor;
    Da kam ein Bienchen _ und naschte fein: -
    Die müssen wohl beide _ füreinander sein.
    »
und forschte nach den Metamorphosen als Bildern menschlich-seelischer Verwandlung, aber diese selbst konnte er nur anmahnen oder im Faust in dramatischen Formen, im Wilhelm Meister erzählerisch darstellen, jedoch weder in Gedankenform beschreiben wie Schiller in den aesthetischen Schriften noch poetisch den Bildrahmen der Klassik ganz überwinden.

Das alles konnte Rilke nicht befriedigen: Er war Zeitgenosse einer geistigen Wende, in deren Zusammenhang ein solches „Hinaufläutern“ gerade dadurch erst ein spirituelles Recht erfährt, dass der Mensch alles Irdisch-Elementare und den Geist in Eines hereinnimmt. In ein Ganzes, in das Ganze: Neue ανάστασις des Menschen - nicht „Leben, das den Tod nicht kennt/ das den Tod überwand“, sondern „Lebens- und Todesbejahung (…) als Eines“!

Wer damit ernst macht, kann in die nachtodliche Erlebensart der Seele eintauchen bei lebensvoll gesteigert hellwachem Geist.

Wie Rilke da formuliert: nicht etwa „rein, tief und selig irdisches Bewusstsein“ - das wäre ja eine bloße Aufzählung -, sondern er greift zur Anapher, repetiert asyndetisch: «In einem rein irdischen | tief irdischen | selig irdischen Bewusstsein…» und betont damit einen Dreischritt: PURUS, das ist das Bewusstsein, wo es die Bilder des Vorstellungslebens von all den Zufügungen unseres „Eigen-Sinns“ (!) befreit, so dass ein Sinn sich bildet für das Irdische im offenbarenden Licht des 'Jenseits'; ALTUS, das ist es, sobald unser Gefühlsleben nicht mehr nur resoniert, wo die Klöppelschläge des Gebeins temperamentmäßig Widerhall finden, sondern wo es Hörorgan für das wird, was aus allem Irdischen an Jenseitigem tönt und klingt; BEATUS ist der bewusste Mensch, wenn ihn in allem Tun am Irdischen wachsende Liebe leitet.

Ich weiß nicht, ob Rilke bemerkt hat: dass die Zeit der in esoterischen Traditionen erstarrten Initiation tatsächlich gerade ablief und zugleich dieserart „Hereinnahme“ des Todes in das Leben gerade eine Chance erhielt, „unter die Zivilisationsprinzipien aufgenommen“ zu werden - ganz öffentlich-wissenschaftlich, nicht wie in den verborgenen und abgeschiedenen Initiationskammern der Pyramiden. Und dass damit, als schulungsfähiger Bewusstseins-Entwicklungsprozess, eine Synthese des Goetheschen (und des mystischen) «Stirb und Werde» mit Rilkes existentieller 'Hereinnahme des Todes in das Leben' zu seiner Lebenszeit möglich wurde - etwas, das Goethe zwar in Bildern verhieß, aber nicht in spiritueller Erkundung vollendete.

Es lag nicht in Rilkes Wesen, sich solcher Bewegung anzuschließen; er wählte den künstlerisch noch einsameren Weg. Wir Heutigen werden davon beschenkt, dass beide Einsichtsarten sich gegenseitig schöpferisch bestätigen.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Bo
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von Bo » 13. Jul 2008, 13:30

Vielleicht ist die Antwort schon obsolet, aber es scheint eine zu geben:
In der Erstausgabe der Neuen Gedichte (1907) steht "Spieler", wie jetzt auch wieder in der Kommentierten Ausgabe Bd.1, S.450 und bei allen neueren Ausgaben, die davon abgeleitet sind. Im Kommentar (S.921-922) wird erläutert, dass der Herausgeber der Ausgabe der Sämtlichen Werke, sich für "Geiger" entschlossen hat, da in einer späteren Abschrift des Texts (1918/19) Rilke "Geiger" geschrieben hat. Inzwischen schätzt man diese Abschrift nicht mehr so hoch ein und ist zur ursprünglichen Version "Spieler" zurückgekehrt.
Zumindest wissen wir jetzt, was sich Rilke unter dem Spieler (auch und zeitweise) vorstellen konnte.
Zu unserer Beruhigung!
Bo

Henry Lou

„Auf welches Instrument sind wir gespannt?“

Beitrag von Henry Lou » 13. Jan 2010, 21:03

„Und welcher Geiger hat uns in der Hand?“ Dieser vielleicht...

http://commons.wikimedia.org/wiki/File: ... y-2007.jpg
(Orfeo Palazzo dei Giureconsulti a Milano, del 1563)

”Und welcher Spieler hat uns in der Hand?“ Vielleicht auch dieser...

http://commons.wikimedia.org/wiki/File: ... _1_CAC.JPG

(Orpheus hatte doch eine Leier, keinen Leierkasten....)

feixt

Henry Lou

joni
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Re: Liebes-Lied - Analyse der letzten 3 Zeilen

Beitrag von joni » 14. Jan 2010, 19:49

Mir kommt zu kurz (oder vielleicht habe ich es überlesen), dass das Lied ja erst das Schwingen der Saiten möglich macht. Die nur nebeneinander gespannten, nicht klingenden Saiten können sich nichts bedeuten, weil sie sich nur schwingend bemerken. Das Lied ist die Voraussetzung des Klangs, die Bedingung der Möglichkeit. Und darum ist es "süß": Es versüßt die pure klanglose Existenz zu einem klingenden Ereignis.
Der "Spieler" hat m.E. gegenüber dem Geiger stärker die Bedeutungskomponente des Zufälligen, Improvisierten, des Disparaten; der Spieler spielt auch mal falsch, während ein falsch spielender Geiger eher kein Geiger mehr ist. Das kommt dem auch schon verschiedentlich erwähnten Mythos vom Gott als dem Urbeweger entgegen, der anstößt, aber auch irrationale, dissonante Schicksale laufen lässt.
Ingrid u.a. haben darauf ja auch hingewiesen:
stilz hat geschrieben:Denn "wir", in unserem irdisch-begrenzten "Ich", sind oftmals nicht in der Lage, zu begreifen, nach welchen „Regeln“ hier „gespielt“ wird. Deshalb ja haben wir es so nötig, das Vertrauen, von dem Du, Christoph, sprichst: das Vertrauen in die weisheitsvollen Ordnungen des Kosmos…
Die Schlussfolgerung teile ich aber nicht, oder anders, ich lese sie im Gedicht nicht. Ich lese da alles andere als ein Urvertrauen heraus, sondern eher eine Reduktion des als unbegreiflich empfundenen Schicksals auf den begriffenen Gleichklang durch die Liebe, also eine Abwendung von der Frage nach dem Grund und einer Hinwendung zum menschlichen Schwung. Etwa in dem Sinne: Letzlich ist es mir egal, wer verursacht, dass ich schwingen kann. Hauptsache es gibt das Lied, das mich schwingen lässt.
Gruß,
Reinhard

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