Der Reisende

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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lilaloufan
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Der Reisende

Beitrag von lilaloufan » 6. Feb 2009, 23:04

"Auf einer Reise geschrieben, für den aus unerschöpflichen Vertrauen mitwirkenden Freund so vieler Jahre, Wege und Wandlungen"
steht über dem Gedicht, in dem - gegen Ende - diese Zeilen vorkommen:

Wer wirft unser Herz vor uns her, und wir jagen
dieses köstliche Herz, das wir nur in der Kindheit ertragen,
das uns seither trug.
  • (Aber wer war ihm Flug genug?)


Wovon spricht dieses Gedicht, wie fasst Ihr es auf?

Könnte es sein, dass die Dedikationszeilen nicht einer Persönlichkeit (wem?) gelten, sondern dem Herzen, das schließlich in vielerlei Hinsicht auch ein "aus unerschöpflichem Vertrauen mitwirkender Freund so vieler Jahre, Wege und Wandlungen" ist?

Gruß, lilaloufan
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

Renée
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Re: Der Reisende

Beitrag von Renée » 7. Feb 2009, 08:27

Guten Morgen!

"Der Reisende" ist Anton Kippenberg gewidmet zu seinem 50. Geburtstag und zuerst veröffentlicht in der Festschrift "Navigare necesse est" von 1924.

Gerade hat Görner in einer Anthologie "Schlüsselgedichte" dieses Gedicht Rilkes ausgewählt.

Einen guten Tag wünscht Renée

Harald
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Re: Der Reisende

Beitrag von Harald » 7. Feb 2009, 09:52

Der Reisende

Auf einer Reise geschrieben, für den aus unerschöpflichen Vertrauen
mitwirkenden Freund so vieler Jahre, Wege und Wandlungen


Wie sind sie klein in der Landschaft, die beiden,
die sich gegenseitig mit dem bekleiden,
das sie mit zärtlichen Händen weben;
und der Zug, der nicht Zeit hat, zu unterscheiden,
wirft einen Wind von Meineiden
über diese unendlichen Leben.
Ach, das Vorbei, das Vorbei der zahllosen Züge,
und die Wiesen wie widerrufen;
Abschiede streifen die Straßen und Stufen,
wo noch eben in heiler Genüge
Menschen sich halten. Wer sie doch größer
machte, mindestens wie die Gebäude,
diese einander Freude-Einflößer,
diese offenen Opfer der Freude.


Kenn ich sie nicht, diese innig Beschwingten,
die von den plötzlich unbedingten
Herzen in endlose Räume gerissen,
schweben —,
oder die eben
von der gemeinsamen Wasserscheide
niedergleiten ins Weiche der Täler?
War ich nicht immer ihr leiser Erzähler?
Bin ich nicht einer? Bin ich nicht beide?
Bin ich nicht täglich ihr Aufstehn zum Ganzen,
ihr unsäglich reines Beginnen
und das kleine Besinnen mitten im Tanzen,
das sie vergessen?


Laßt uns an ihnen langsam ermessen,
was ein Grab ist, ein Grab in der Erde,
und die Beschwerde dessen,
was unterm Fuß war, nun überm Herzen für immer.
Schlimmer kann es nicht kommen. Aber auch an den bangen
Gräbern fahren die Züge vorüber,
und Über des Lebens
stehn unbefangen
an zitternden Fenstern.
     Nach welchen Klimaten
ziehn wir im Reisen? Wer gibt uns den Wink?
Woher wissen wir, daß die Stete verging,
und lassen uns plötzlich weiterweisen
von Ding zu Ding?
Wer wirft unser Herz vor uns her, und wir jagen
dieses köstliche Herz, das wir nur in der Kindheit ertragen,
das uns seither trug.
(Aber wer war ihm Flug genug?)


Wie sehn sie die Landschaft, die rascheren hohen
Herzen, die uns im Schwung übertrafen,
diese Landschaft aus trüben und frohen
Blicken und Schlafen.
Wie mag sie den freien
Herzen erscheinen, die sich entzweien
von unserem Zögern ...
                                              Wie sehn sie die Häuser,
wie jene Gräber und wie die zu kleinen
Gestalten der Liebenden, abseits, —
wie aber die Bücher, die von dem Winde der Sehnsucht
aufgeschlagenen Bücher der Einsamen?


---------------------------------------------------------------------
Wir könnten doch ein close reading versuchen.
Drei Scherflein als Anfang:
Es scheint mir Anhaltspunkte zu geben, dass die allegorische Zugfahrt den Beobachtungen einer realen entwächst. "Landschaft" oszilliert im gleichen Spannungsfeld:
Immer wieder, ob wir der Liebe Landschaft auch kennen
und den kleinen Kirchhof mit seinen klagenden Namen
und die furchtbar verschweigende Schlucht, in welcher die andern
enden: immer wieder gehn wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.


Klimaten: Das sind wohl die spätestens seit Plato geläufigen Klimazonen. Dass in diesem Gedicht alles sogartig ins Allegorische driftet, in diesem Fall also zu seelischen Klimazonen, soll als vorausgesetzt gelten.
Zuletzt geändert von Harald am 8. Feb 2009, 23:30, insgesamt 1-mal geändert.
... und Anfang glänzt / an allen Bruchstelln unseres Mißlingens

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lilaloufan
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Re: Der Reisende

Beitrag von lilaloufan » 7. Feb 2009, 09:59

Kippenberg! Danke, @Renée.
Ja, das Buch mit dem Görner-Beitrag ist leider noch nicht im Handel: Schlüsselgedichte, Königshausen&Neumann.
Danke, @Harald, fürs Hereinstellen - auch der Scherflein.
l.
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Re: Der Reisende

Beitrag von stilz » 8. Feb 2009, 22:36

Vielen Dank fürs Aufmerksammachen auf dieses Gedicht, das mich sehr berührt.
Ich habe diesmal ausnahmsweise gleich in der Rilke-Chronik nachgelesen. Und weil es etwas Licht darauf wirft, wovon dieses Gedicht spricht (unter anderem eine Bestätigung für Haralds "Scherflein",
dass die allegorische Zugfahrt den Beobachtungen einer realen entwächst.
), möchte ich diese beiden Eintragungen (beide betreffen das Jahr 1923)hier hereinstellen:

20. JUNI: Auf der Heimfahrt nach Muzot schreibt R. im Zug über den Lötschberg ins Wallis das Gedicht "Der Reisende", das er für die Kippenberg-Festschrift "Navigare necesse est" bestimmt."
(Es folgen die erste Zeile und die Widmung)

17. JULI: R. sendet Katharina Kippenberg das Gedicht "Der Reisende" für die Festschrift: "[...] Sie müssen mir sagen, ob es Ihnen (obwohl Wünschendes und Feierndes darin nicht ausgesprochen scheint) passend wäre, diese gelegentlichen Verse (: ich sah einen jungen Mann und ein Mädchen, von meinem Zuge aus, beieinander in der sie übersteigenden Landschaft stehen -, was plötzlich in Anlaß überschlug - ) als meinen verschwiegenen Fest-Beitrag anzuerkennen. Bedenken Sie's."

:D
stilz
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Re: Der Reisende

Beitrag von Paula » 8. Feb 2009, 22:51

...ich sah einen jungen Mann und ein Mädchen, von meinem Zuge aus, beieinander in der sie übersteigenden Landschaft stehen

... wobei zu fragen bliebe, ob er eben zur genaueren Identifizierung der beiden Herzen auf dem Felde noch an den örtlichen Heimatverein geschrieben :wink: ?!


Paula :D

gliwi
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Re: Der Reisende

Beitrag von gliwi » 9. Feb 2009, 17:32

Dazu fällt mir ein Text von Prévert ein!
Rappelle-toi Barbara
Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante
Epanouie ravie ruisselante
Sous la pluie
Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest
Et je t'ai croisée rue de Siam
Tu souriais
Et moi je souriais de même
Rappelle-toi Barbara
Toi que je ne connaissais pas
Toi qui ne me connaissais pas
Rappelle-toi
Rappelle toi quand même ce jour-là
N'oublie pas
Un homme sous un porche s'abritait
Et il a crié ton nom
Barbara
Et tu as couru vers lui sous la pluie
Ruisselante ravie épanouie
Et tu t'es jetée dans ses bras
Rappelle-toi cela Barbara
Et ne m'en veux pas si je te tutoie
Je dis tu à tous ceux que j'aime
Même si je ne les ai vus qu'une seule fois
Je dis tu à tous ceux qui s'aiment
Même si je ne les connais pas
Rappelle-toi Barbara
N'oublie pas
Cette pluie sage et heureuse
Sur ton visage heureux
Sur cette ville heureuse

Cette pluie sur la mer
Sur l'arsenal
Sur le bateau d'Ouessant
Oh Barbara
Quelle connerie la guerre
Qu'es-tu devenue maintenant
Sous cette pluie de fer
De feu d'acier de sang
Et celui qui te serrait dans ses bras
Amoureusement
Est-il mort disparu ou bien encore vivant
Oh Barbara
Il pleut sans cesse sur Brest
Comme il pleuvait avant
Mais ce n'est plus pareil et tout est abîmé
C'est une pluie de deuil terrible et désolée
Ce n'est même plus l'orage
De fer d'acier de sang
Tout simplement des nuages
Qui crèvent comme des chiens
Des chiens qui disparaissent
Au fil de l'eau sur Brest
Et vont pourrir au loin
Au loin très loin de Brest
Dont il ne reste rien.



Jacques Prévert, "Paroles", Gallimard,

Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

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