neu aufgefunden (noch nicht in der Gesamtausgabe): Herbst

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

Moderatoren: Thilo, stilz

Antworten
stilz
Beiträge: 1182
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

neu aufgefunden (noch nicht in der Gesamtausgabe): Herbst

Beitrag von stilz » 26. Okt 2009, 18:35

Das zweite "Jahrbuch für Schöne Wissenschaften" (erschienen 2006 im Verlag am Goetheanum) trägt den Untertitel: "...das Wort nur eine Gebärde". Darin findet sich (in einem sehr lesenswerten Rilke-Schwerpunkt), als Aperçu zum Essay "Die Wertigkeit des Wortes" von Martina Maria Sam, auch dieses (damit zum ersten Mal veröffentlichte) Gedicht:

  • Herbst.

    Warum zwei Bettelkinder gehn
    immer die blassen Pappelalleen,
    die sich bange im Winde biegen?
    Dort wo die kranken Pappeln stehn
    kann nicht ihre Heimat liegen.

    Der Regen weht ihnen ins Gesicht.
    Und das hilflose Mädchen wärmt sich dicht
    an dem hilflosen Knaben.
    Sie gehn durch die Pappeln und ahnen nicht,
    daß die kein Ende haben.

    Rainer Maria Rilke.

Dazu heißt es:

"... ist vor kurzem im Rudolf Steiner Archiv ein Gedicht Rilkes in seiner eigenen Handschrift aufgetaucht, das noch nicht in der Gesamtausgabe (Rainer Maria Rilke, Sämtliche Werke, 1955-1966) enthalten ist. ... darf man annehmen, daß dem oben erwähnten Brief Rilkes an Steiner ... das Gedicht gleichsam als Gabe ... beilag. Dafür spricht zusätzlich, daß es den Titel "Herbst" trägt - der Jahreszeit des Briefwechsels entsprechend."

Über den erwähnten Briefwechsel hat lilaloufan hier bereits ausführlich informiert.
Das Gedicht stammt also wohl aus dem Herbst des Jahres 1898.

Hier noch die ebenfalls im Jahrbuch abgedruckte Handschrift:
(Hier hatte ich ursprünglich ein Faksimile hereingestellt - leider ist es beim letzten Update verschwunden, und es gelingt mir nicht, es nochmals hereinzustellen.)
Zuletzt geändert von stilz am 23. Okt 2017, 19:25, insgesamt 3-mal geändert.
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Renée
Beiträge: 145
Registriert: 4. Feb 2004, 22:44
Wohnort: Marburg

Re: neu aufgefunden (noch nicht in der Gesamtausgabe): Herbst

Beitrag von Renée » 28. Okt 2009, 08:46

Liebe Stilz,

kann man das Gedicht über den Brief an Steiner, dem es beigelegt war, genauer datieren?
Das wäre wünschenswert!

Alles Gute! Renée

stilz
Beiträge: 1182
Registriert: 26. Okt 2004, 10:25
Wohnort: Klosterneuburg

Re: neu aufgefunden (noch nicht in der Gesamtausgabe): Herbst

Beitrag von stilz » 28. Okt 2009, 23:13

Liebe Renée,

Rilkes Aufsatz „Der Wert des Monologs“, mitsamt den „Bemerkungen“ Rudolf Steiners dazu, ist im Heft 38 der „Dramaturgischen Blätter“ erschienen, am 24. September 1898.

Zu dem Brief, den Rilke daraufhin an Steiner schrieb, und von dem Martina Maria Sam naheliegenderweise vermutet, daß ihm sowohl ein Exemplar des Dramas „Ohne Gegenwart“ mit handschriftlicher Widmung als auch das „Herbst“-Gedicht beilagen, nennt das Jahrbuch leider das Datum nicht. Die Fußnote weist auf folgende Fundstelle hin: Rainer Maria Rilke, Bücher - Theater - Kunst. Aufsätze 1896 - 1905. Hg. von Richard von Mises, Frankfurt 1991, S 143.

Unten hänge ich noch das Deckblatt des Widmungsexemplars "Ohne Gegenwart" an.

Lieben Gruß!

stilz
Dateianhänge
OhneGegenwart_Buchdeckel.PNG
OhneGegenwart_Buchdeckel.PNG (246 KiB) 5263 mal betrachtet
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Benutzeravatar
lilaloufan
Beiträge: 846
Registriert: 18. Apr 2006, 18:05
Wohnort: Otzberg (Südhessen)
Kontaktdaten:

Re: neu aufgefunden (noch nicht in der Gesamtausgabe): Herbs

Beitrag von lilaloufan » 28. Feb 2014, 23:47

Im Jahre 1900 erschien bei J. E. E. Bruns (Minden in Westfalen) das Bändchen: „Über moderne Lyrik“. Darin schreibt Steiner: „Von wunderbar zarter Empfänglichkeit für die intimen Beziehungen der Naturwesen und der Menschenerlebnisse ist die Phantasie Rainer Maria Rilkes. Und dabei hat er eine Treffsicherheit im Ausdrucke, die alle die feinen Verhältnisse zwischen den Dingen, die sich dem Dichter entdecken, mit vollen, satten Tönen vor uns hinzustellen vermag. Das ist nicht die Treffsicherheit des großen Charakteristikers, das ist diejenige des naturkundigen Wanderers, der die Dinge liebt, denen er auf seinen Wanderungen begegnet, und dem sie viel vorplaudern von ihren stillen Geheimnissen, weil auch sie ihn lieben und Vertrauen zu ihm gewonnen haben.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«

sedna
Beiträge: 368
Registriert: 3. Mai 2010, 14:15
Wohnort: Preußisch Sibirien

Re: neu aufgefunden (noch nicht in der Gesamtausgabe): Herbs

Beitrag von sedna » 1. Mär 2014, 12:23

Und später dann ... als herzkundiger Wanderer ...

sedna :)
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

Antworten