Was denkt ihr darüber?

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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salomé
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Was denkt ihr darüber?

Beitrag von salomé » 29. Jan 2011, 21:08

Werd ich vergessen? Und wenn irgendwas
viel später zu mir kommt und mich daran
erinnert werd ich fremdhin fragen-: wann-?
Kann Leben heißen zu vergessen, dass

mir Seligkeit, endlose unverkürzte
an einem Tage ward der rasch verrann
und dass dein Wesen sich in meines stürzte
aus deinen Augen, da ich kaum begann

dich anzusehn. Ich weiß von dir nicht mehr,
nur kommen musstest du um jeden Preis
und eine Stelle in mir ist jetzt leer
für alles das von dir was ich nicht weiß.
Ungewöhnlich und schön sind die Enjambements. Irgendwie wirkt das Gedicht fast wie Prosa, also man kann es als Gedicht oder als ... einfach Text lesen. Das ist besonders, finde ich.
Es beginnt so laut, irgendwie, so leidenschaftlich, mit diesen Fragen, dir einfach so... verzweifelt ausgerufen scheinen und wird ruhiger in der letzten Strophe.
Thema ist wohl die Begegnung mit einem Menschen, der großen Eindruck auf das lyrische Ich gemacht hat und die Person des lyrischen Ichs bedeutend beeinflusst hat, wobei das lyrische ich diesen besonderen Menschen nicht so gut zu kennen scheint, der sich anscheinend auch nicht mehr in der näheren Umgebung befindet. Vielleicht gab es auch nur eine Begegnung...

Ich möchte hier nicht eine komplette Interpretation hinschreiben, jedoch einige Gedanken, die ich mir zu diesem Gedicht gemacht habe und würde gern wissen, wie die Nutzer hier das sehen.
Weiß jemand zufällig Näheres darüber? Gibt es irgendwelche Meinungen, Interpretationsansätze, etc.?
Bin sehr interessiert!

Grüße,
...

gliwi
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von gliwi » 29. Jan 2011, 21:25

Hallo salomé,

in meiner Ausgabe finde ich dieses Gedicht nicht. Deshalb kann ich nicht nachprüfen, ob alle die Kommas, die du weggelassen hast, tatsächlich fehlen (Vers 3, 6, 12). Wobei gedruckte Ausgaben oft unzuverlässig sind.
Ansonsten leuchtet mir dein Ansatz ein. Ich hoffe, jemand findet heraus, wer diese Person war, für die Rilke sich so sanguinisch begeistert.
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

salomé
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von salomé » 29. Jan 2011, 21:33

Hi gliwi.
Habe das Gedicht aus dem roten Rilke-Gedichtband vom Insel-Verlag genau so übernommen, wie es da drinstand. Das mit den Kommata fand ich auch etwas seltsam, aber nun gut. Im Internet ist es eben leider nicht zu finden, ebensowenig wie in einem andern Band, den ich von Rilke habe. Nachprüfen ist also schwer..

Aber vielen Dank und Grüße nochmals,
salomé, die sich auf weitere Antworten freut.

sedna
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von sedna » 29. Jan 2011, 22:36

salomé,

es ist ohne Titel und gehört einer Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926 an.
So steht es in RAINER MARIA RILKE: Sämtliche Werke, Bd. 2. Frankfurt/Main: Insel Verlag 1963, S. 342:

"Werd ich vergessen? Und wenn irgendwas
viel später zu mir kommt und mich daran
erinnert: werd ich fremdhin fragen —: wann —?
Kann Leben heißen: zu vergessen, daß

mir Seligkeit, endlose unverkürzte
an einem Tage ward der rasch verrann
und daß dein Wesen sich in meines stürzte
aus deinen Augen, da ich kaum begann

dich anzusehn. Ich weiß von dir nicht mehr;
nur kommen mußtest du um jeden Preis,
und eine Stelle in mir ist jetzt leer
für alles das von dir was ich nicht weiß."

Es ist davon auszugehen, daß dies nun die korrekte Fassung ist.
Geschrieben auf Capri, Mitte März 1907.
Dort weilte auch die junge Gräfin Manon zu Solms-Laubach, für sie hat er kurz vorher, im Februar 1907, "Migliera" geschrieben.
Für Ellen Key, die ihn Mitte März auf Capri besuchte, schrieb er auch wieder andere Zeilen.
Ein kleiner Zyklus von sieben Gedichten, wozu Dein zitiertes jedoch nicht gehört, entsteht Ende Februar 1907. In der Rilke-Chronik steht zu lesen (Rilke spricht von Anacapri zu Elisabeth von der Heydt): "Santa Maria a Cetrella heißt es dort, und ich habe angefangen, für diese arme, vergessene Maria da oben ein bißchen zu dichten."

Es muß ja auch nicht unbedingt eine Frau sein, vielleicht eine überraschende Begegnung mit einem Tier ... :)

sedna
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

salomé
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von salomé » 30. Jan 2011, 13:57

Danke, sedna!

Es könnte auch ein Tier sein, das angesprochen wird; das ist komisch, ja, würde dennoch auch ein bisschen passen, wegen des Wesens vielleicht, das "sich in meines stürzte" (V. 7).

Aber irgendwie scheint's mir doch eine Art Liebesgedicht zu sein. Schade, dass man nicht genau sagen kann, an wen sich das richtet.

salomé.

helle
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von helle » 1. Feb 2011, 15:37

salomé hat geschrieben:Schade, dass man nicht genau sagen kann, an wen sich das richtet.
Das finde ich nicht. So ist es gerechter – nicht einmal die Einmaligkeit des Erlebnisses leidet darunter, daß die biographischen Spuren verwischt sind. Jeder kann sich dann darin erkennen, auch die Beteiligten. Kann zwar sein, daß sich der Text einer konkreten Begegnung und Situation verdankt und daß es unsere Neugierde befriedigen würde, die näheren Umstände zu kennen, aber die biographische Befriedigung hätte auch etwas Kurzfristiges und Äußerliches. Während so ins Anonyme gehoben und in der Schwebe gehalten, das Gedicht jeden meinen kann, jeden, den es angeht, eine Frau könnte es ebenso äußern wie ein Mann, es ist weder an ein Lebensalter gebunden noch beschränkt auf die Zeit seines Entstehens. Vielleicht trägt es ja auch deshalb, weil es seine Erfahrung so ins Allgemeine der Sprache wendet, nicht einmal einen Titel. Ich meine, so gehört es jedem, etwa auch Dir.

stilz
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von stilz » 2. Feb 2011, 19:39

Ich stimme helle zu.
Ein Kunstwerk ist weder eine Tagebucheintragung noch ein persönlicher Brief - in einem Kunstwerk geht es um "Überpersönliches", und das persönliche Erlebnis muß dazu, wie helle sagt, "ins Anonyme gehoben werden".
Oder, wie Rilke sagt (in einem Brief vom 9. August 1924 aus Muzot, lilaloufan hat diese Stelle hier vor langer Zeit schon einmal zitiert):
Rainer Maria Rilke hat geschrieben:Oft ist es seltsam für die Lage des Hervorbringenden, an den dünneren Tagen des Lebens (den vielen!) solche Essenz des eigenen Daseins, in ihrem unbeschreiblichen Überwiegen, neben sich zu fühlen. Die Vorhandenheit eines solchen Gedichts steht eigentümlich hinaus über die Flachheit und Nebensächlichkeit des täglichen Lebens, und doch ist aus ihm dieses Größere, Gültigere abgewonnen und abgeleitet worden, man weiß selbst kaum wie; denn kaum ist es getan, gehört man schon wieder ins allgemeinere blindere Schicksal, zu denen, die vergessen oder wissen als wüßten sie nicht, und die durch ein geläufiges Ungefähr- oder Ungenau-Sein dazu beitragen, die Fehlersummen des Lebens zu vermehren. So ist jede große künstlerische Leistung, bis in ihr letztes und mögliches Gelingen hinein, zugleich Auszeichnung und Demütigung für den, der dazu fähig war. Freilich hat das künstlerische Wort eine Atmosphäre der Freiheit um sich, die uns fehlt; es hat keine Nachbaren, außer wieder andere gleichwertige Bildungen, und zwischen ihm und ihnen mag eine Geräumigkeit sich ausgestalten, ähnlich der des gestirnten Himmels: ungeheure Distanzen und die unabsehlichen Bewegungen höherer Ordnung, für die uns jede Übersicht abgeht.
In diesem Gedicht geht es also meiner Meinung nach nicht um die Person des "Du", in dessen Augen das "Ich" blickte. Sondern es geht um die Frage, die in der vierten Zeile gestellt wird:
"Kann Leben heißen, zu vergessen,..." --- zu vergessen selbst dann, wenn es um solch "unvergeßliche" Augen-blicke geht?

Bei solchen Erlebnissen, da "dein Wesen sich in meines stürzte aus deinen Augen", denke ich an dieses Gedicht:
  • NÄCHTLICHER GANG

    NICHTS ist vergleichbar. Denn was ist nicht ganz
    mit sich allein und was je auszusagen;
    wir nennen nichts, wir dürfen nur ertragen
    und uns verständigen, daß da ein Glanz
    und dort ein Blick vielleicht uns so gestreift
    als wäre grade das darin gelebt
    was unser Leben ist. Wer widerstrebt
    dem wird nicht Welt. Und wer zuviel begreift
    dem geht das Ewige vorbei. Zuweilen
    in solchen großen Nächten sind wir wie
    außer Gefahr, in gleichen leichten Teilen
    den Sternen ausgeteilt. Wie drängen sie.
Und die "drängenden Sterne" führen mich zu dieser Stelle in der Siebenten Elegie:

  • O einst tot sein und sie wissen unendlich,
    alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!

... und sie führen mich zum Schluß des Gedichtes "Der Tod" (in dieser Diskussion findet man es ganz):
  • O Sternenfall,
    von einer Brücke einmal eingesehn -:
    dich nicht vergessen, Stehn!

Und ich denke daran, daß wir besondere Augenblicke in unserem Leben gerne "Sternstunden" nennen...
Und ich frage, mit Rilke: werden wir dereinst, viel später, vielleicht auch: nach unserem Tode - werden wir dann selbst diese "Sternstunden" vergessen haben?
Und: was wird schließlich die "Essenz" sein, die wir aus solchen Erlebnissen gezogen haben werden? Das, was bleibt, wenn das, was "Stein" wird in uns, abgefallen sein wird? Das, "was Stern wird jede Nacht und steigt"?
(Hier beziehe ich mich auf den Abend...)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

sedna
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Re: Was denkt ihr darüber?

Beitrag von sedna » 1. Mär 2011, 23:44

Eine Schilderung Rilkes aus einem Brief vom 23. August 1905 an seine Frau Clara erinnert mich jetzt wieder an dieses Gedicht.

"Im Walde, beim rabenauschen Erbbegräbnis, habe ich einen Fuchs gesehen, der schlank und wild an mir vorbeisprang, das Gesicht mit den raschen Augen voll mir zugekehrt ..."

sedna :)
die ein ausbrechendes Lied in die Unsichtbarkeit wirft!

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