Interpretation: Herbsttag

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Nora

Interpretation: Herbsttag

Beitrag von Nora » 7. Jun 2004, 16:33

Hallo!
Ich fertige gerade eine Interpretation von "Herbsttag" an, ich weiß nicht so richtig, ob ich das alles ungefähr richtig gemacht habe und einen richtig guten abschließenden Schluss habe ich auch noch nicht. Hat jemand die Interpretation oder soll ich mal meine ins web stellen, damit ihr sie euch mal ankucken und euren Senf dazu ablassen könnt?
Wäre nett, wenn ihr mir helft!
Tschüß
Nora

gliwi
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Beitrag von gliwi » 7. Jun 2004, 22:20

Liebe Nora,
DIE Interpretation gibt es nicht, es gibt immer nur Interpretationen. Ich fände es gut, wenn du das von dir Gefundene schon mal reinschreibst, dann kann man daran anknüpfen. Schreib auch dazu, was dir noch fragwürdig ist oder noch fehlt. Das gibt dann oft schöne Diskussionen. :D
Gruß gliwi

Gast

Beitrag von Gast » 8. Jun 2004, 19:33

Also okay, meine Interpretation, ich hafte nicht für den Inhalt und es ist ja eh alles relativ sowie subjektiv. Ich bin eigentlich relativ zufrieden, weiß aber halt noch nicht den krönenden Abschluss oder ob ich das einfach so wie es ist lassen soll. Es ist auch meine erste richtige Interpretation und ich hoffe ich habe alles drin. Also danke!


Interpretation „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 als Sohn eines ehemaligen Unteroffiziers in Prag geboren. Er hatte ein bewegtes Leben. Dass er von seinem Vater mit elf Jahren zur Militärschule geschickt wurde, bedeutete für Rilke einschneidende Erlebnisse. Sein weiteres Leben und auch sein Werk war geprägt durch die Studienzeit in Städten wie Prag, München, Berlin und Wien, durch die in den Folgejahren unternommenen Reisen nach Russland (1899-1900), wo ihn die Frömmigkeit der russischen Bevölkerung selbst zu einer religiösen Person haben werden lassen, durch Aufenthalte in Paris (1905-1914), wo er als Privatsekretär des Bildhauers und Künstlers Rodin tätig war und durch dessen Einfluss Rilkes Werk stark geprägt wurde; diese Zeit wurde mitunter länger unterbrochen durch Reisen nach Flandern, Capri, in die Provence oder in skandinavische Länder. Ab 1919 hielt sich Rilke zumeist in der Schweiz auf, wo der Dichter am 29.12.1926 verstarb. Bereits im Jahre 1898 begann Rilke mit den ersten Gedichten aus dem Buch der Bilder.
Ein Gedicht daraus ist „Herbsttag“. Es entstand im September 1902 in Paris. Rilke, des Familienstipendiums verlustigt, entwarf damals ein Lebenskonzept.
Das Gedicht wirkt melancholisch, wehmütig und so wirkt es beruhigend. Das lyrische Ich bittet Gott den Sommer für das Land und die Früchte zu beenden und so den Herbst kommen zu lassen. Außerdem macht es sich Gedanken, wie der Herbst für die Menschen ist und verbindet damit auch negatives.
Rilkes Herbstgedicht zeigt einen kunstvollen Aufbau: drei um jeweils eine Zeile vermehrte Strophen (drei Zeilen, vier Zeilen, fünf Zeilen). Diese steigende Form entspricht der Steigerung im Inhalt. Die Strophen bestehen immer nur aus einem oder zwei Sätzen mit wenigen Zeilensprüngen. Das Enjambement zwischen der 11. und 12. Zeile wirkt durch die Inversion, „unruhig“ wird hinter „hin und her“ geschoben, noch einmal ein wenig spannungsverstärkend.
Durch den Jambus wirkt das Gedicht regelmäßig, ruhig und in sich geschlossen. Man spürt beim Lesen den ruhigen Gang des Herbstes. Auffallende stilistische Besonderheiten im Werk sind u.a. Anaphern in den Zeilen 8 und 9 sowie 10 und 11 („Wer jetzt...“ und „wird...“ bzw. „und wird“). Weiterhin hervorstechend ist die Wahl ungewöhnlicher Adjektive durch den Autor im Text, wie z.B. „sehr großer Sommer“ und „südlichere Tage“. Diese Umschreibungen erwecken das Interesse des Lesers.
Im Gedicht kann man unterschiedliche Reimschemen erkennen. Die erste Strophe ist vom Reimschema her als Kreuzreim geschrieben, welcher allerdings unvollständig ist, da ein vierter Vers und somit der zweite B-Teil fehlt. In der zweiten Strophe erkennt man eindeutig einen reinen umarmenden Reim. Die dritte Strophe besteht aus einen umschließenden Reim, an den aber ein weiterer Vertreter des inneren B-Reimes anschließt. So wirkt das Gedicht, als ob man mit Absicht den fehlenden ersten Vers aus der ersten Strophe an die dritte Strophe angefügt hat.
Das lyrische Ich des Gedichtes wird dem Leser nicht näher vorgestellt, es scheint aber an Gott zu glauben. Das ganze Gedicht ist partnerbezogen und wirkt wie ein Gebet, welches vom lyrischen Ich an Gott (den „Herr[n]“)gerichtet ist. Es möchte den „sehr großen Sommer“ hinter sich lassen und in eine weniger angenehme Jahreszeit, den Herbst, übergehen.
Das Gedicht besitzt ein Situationsmotiv, in diesem Fall der Herbst, schon am Titel und durch die Verwendung von verschiedenen Wörtern erkennbar, wie zum Beispiel Z.2 „Schatten“, Z.3 „Winde“ und Z.12 „Blätter treiben“.
Im Herbst scheint die Sonne weniger, es herrscht mehr Schatten und die Winden toben durchs Land.
In der zweiten Strophe verlangt das lyrische Ich von seinem Herrn noch „zwei südlichere Tage“, um eine „Vollendung“ der „letzten Früchte“ zu erreichen sowie „die letzte Süße“ in den „schweren Wein“ zu bringen. Man erkennt, dass das lyrische Ich die Natur liebt.
In der dritten Strophe beschreibt die lyrische Person eindeutig seine Vorstellung der Zeit, der sie sich entgegensehnt. Er erwartet in dieser Strophe eine Zeit des eingeschränkten Arbeitens (Z.8 „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“).
Vor allem an der dritten Strophe kann man nun das wirkliche Hauptmotiv herausfinden. Es könnte der Alterungsprozess eines Menschen sein. Der Sommer symbolisiert die Jugend und das mittlere Alter und der Herbst das Alter. Man hatte eine(n) „groß[en]“ Jugend/„Sommer“, nun möchte man sich zur Ruhe setzen und seinen Lebensabend genießen. Wer er also bis zu seinem Lebensabend nicht geschafft hat ein eigenes Haus zu bauen oder, wie noch genannt wird, sich eine Partnerin zu suchen, wird dann auch keine mehr finden.
Man kann also auf zwei mögliche Bedeutungen schließen, die eben genannte sowie die bildliche, d.h. die Bitte des lyrischen Ichs an Gott den Sommer zu beenden, den Herbst anfangen zu lassen und die Lebensumstände von Menschen im Herbst.
Alle sprachlichen Bilder und die innere Form sprechen dafür.
Eigene Meinung...?

gliwi
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Beitrag von gliwi » 9. Jun 2004, 18:04

Ja, das ist doch schon ganz gut!
Zunächst Kleinigkeiten: ein "reiner" Reim ist was anderes! Diesen Ausdruck hier nicht verwenden. Reiner Reim bedeutet: zwei identische Reimwörter.
Der Ende des zweiten Verses hängt nicht in der Luft, sondern reimt mit "Fluren", also dem Ende der ersten Hälfte des dritten Verses. Aber das sind schon fast Spitzfindigkeiten.
In dem Satz von der Frömmigkeit muss es "hat" heißen, nicht "haben".

ich würde weniger auf den "Genuss" abheben, denn was in der letzten Strophe beschrieben wird, klingt nicht sehr genießerisch, sondern mehr auf die "Reife", die "Vollendung". Wenn man ein bisschen was über Rilke weiß, könnte man sagen, es ist die Dichterexistenz, die er hier beschreibt. ein Zunehmen an "Vollendung" als Dichter, aber dabei im realen Leben ohne festen Wohnsitz (er selbst lebte meistens bei GönnerInnen), ohne Familie (er hat sich nach kurzem Versuch wieder getrennt) und niemals selbstzufrieden, immer auf der Suche nach noch vollkommenrem Dichten. Und dieses "Wachen, Lesen, lange Briefe schreiben" ist ja geanu das, womit er seine Tage, bzw. Nächte verbracht hat.
So, das waren meine eigenen Gedanken. Jetzt schlage ich noch in einer "offiziellen" Interpretation nach und zitiere ein paar Sätze: "...Das Naturgeschehen ist in der Ordnung und soll sich der Ordnung gemäß vollziehen. "Zeit" als zentraler Begriff, Herbst als Gegenwart, eingespannt zwischen Präteritum (Sommer) und Futur (III). ...Zeit= göttliches Gebot/natürliches Gesetz. Blick auf den Menschen: Nicht Ordnung und Vollendung, sondern mögliche Heimatlosigkeit und Einsamkeit....Dualismus Welt - Mensch. Sinnbilder...: Sonnenuhren (als Künder der kosmischen Ordnung) - die treibenden Blätter."
Und nun ist mir noch etwas ganz Aktuelles dazu eingefallen. Ich denke an den typischen Auftrumpfer:"Mein Haus! Mein Auto! Meine Frau!" Demgegenüber ist der andere ein Looser, er hat nur etwas anzubieten, was in der kapitalistischen Welt nicht zählt: "Meine Gedichte!" Die werden nicht an der Börse gehandelt. Nicht mal leben kann man von der Lyrik, selbst bei bescheidensten Ansprüchen. :cry:
So, und bevor ich jetzt in Tränen ausbreche und renne, mir einen Gedichtband einer armen Lyrikerin zu kaufen, möchte ich die Aufforderung zur Diskussion ins Forum zurückgeben.
Grüße
Christiane

Gast

Beitrag von Gast » 10. Jun 2004, 13:53

Vielen, vielen Dank, das mit der dritten Strophe war ein wirklich guter Einfall. Ich hätte nur noch eine Frage und zwar ob das wirklich ein Jambus ist, ich bin nämlich nicht so gut in Metren bestimmen. Deine Vorschläge haben mir wirklich ein bischen geholfen, aber ich denke das mit dem aktuellen Bezug werde ich nicht reinschreiben, höchstens als Abschluss meine eigene Meinung wie das Gedicht mir gefallen hat.
Das 2.Motiv des gedichtes ist die Vollendung, oder? Das ist mir blos gerade eingefallen, also die Vollendung der Jahreszeiten, der Natur und der Menschen/des dichterischen Lebens.
Okay nochmal danke
Tschüß
Nora

gliwi
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Beitrag von gliwi » 10. Jun 2004, 21:56

Ich zitiere nochmal aus meiner Profi-Interpretation: "I u. II ruhiges, fast gebetheft-feierliches Schreiten der fünfhebigen Jamben.... III: Bei gleichemMetrum völlig veränderter Ton: langsam, zögernd, besinnlich, fast ängstlich." Meiner Meinung nach sind das in III aber Trochäen. Der Akzent liegt auf dem Fallen, nicht auf dem Steigen.
Thema Vollendung: In der Natur findet sie statt, beim Menschen nicht (sagt mein schlaues Buch).
Das Aktuelle: das war meine Meinung, die sich im Lauf der Interpretation gebildet hat. An deren Stelle solltest du zu einer eigenen kommen, die du auch vertreten kannst. So, wie ich es da hingeschrieben habe, würde ich es nie in einen Schulaufsatz schreiben, sondern viel abstrakter, in gewählteren Worten.
Viel Erfolg! Gruß
Christiane

Gast

Beitrag von Gast » 4. Nov 2005, 17:10

hallo!
würde gerne wissen, welches buch du als 'offizilelle' interpretation genutzt hast!

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Beitrag von gliwi » 4. Nov 2005, 20:16

Jetzt hab' ich aber gesucht! Dank "Schlepper" habe ich es sogar rausgekriegt:
aus dem Lehrerheft zum Klett Lesebuch A 9. erschienen Stgt.1967, 9. Auflage 76. Dort steht es S. 48
Gruß
gliwi
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. KANT

Gast

Beitrag von Gast » 17. Nov 2005, 19:04

hey !! muss auch eine interpretation über den herbsttag schreiben...und nora, kannst deine ja mal reinschreiben!! mfg julia

Maren

Beitrag von Maren » 20. Nov 2005, 12:18

hi
ich muss auch ne interpretation von herbsttag schreiben ....

(sone interpretationen versauen einem immer das ganze gedicht :cry:

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Beitrag von gliwi » 20. Nov 2005, 14:21

Nein, das tun sie nicht, wenn man sich endlich mal der MÜHE unterzogen hat, das zu lernen! Im Gegenteil: sie erhellen es einem!!! :twisted: :twisted:
gliwi
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Paul A.
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Beitrag von Paul A. » 21. Nov 2005, 16:45

Hi, Christiane,

...lassmal, ist nur`n Schüler :wink: !


Paul :oops:
"... Knaben, o werft den Mut/ nicht in die Schnelligkeit,/ nicht in den Flugversuch./ Alles ist ausgeruht:/ Dunkel und Helligkeit,/ Blume und Buch." (R.M. Rilke)

Antoninus Rainer
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Ergänzende, fundamentale Analyse von R. Kirsch

Beitrag von Antoninus Rainer » 29. Nov 2005, 12:03

"Herbsttag"....?
Interpretation:

Eine essayistische Besonderheit von Rainer Kirsch, ja!
Keine Schulinterpretation – nix von Strophenform, Kadenzen, dynamischen Verben, besonderen Adjektiven:

Aber eine eigenständige, kundige, attraktive Deutung, die man für sich und sein Verständnis „ausschlachten“ kann:
Rilkes frühere Gottes-Metaphern bilden einen grundlegenden Teil des Verständnisses und der Erklärung bei Kirsch hier!

*

Rainer Kirsch
(geb. 1934; Lyriker, Erzähler; früher: Partner der Sarah "Sound" Kirsch)
zu Rilkes „Herbsttag“:

*

RAINER KIRSCH: CHEFSACHE UND ARBEIT

Wer spricht? Der Dichter. Zu wem? Zu Gott. Wer ist der? Vor drei Jahren und einem Tag hatte Rilke angefangen, ihm merkwürdige Rollen zuzuweisen: Gott war „uralter Turm“, um den das lyrische Subjekt windig als Falke, Sturm oder großer Gesang kreiste, wurde bald „Nachbar, Gesetz, Ball, raunender Verrußter„ [frühere wichtige Stichworte für Rilkes Gottes-Verständnis in Gedichten] auf russischen Öfen und fortan immer ruppiger kleingehauen, bis er mitunter wegblieb und im Herbst 1901 gar log und sich dem Redenden als Mühlstein um dien Hals hängte. [Also: biblische Metaphern, die Rilke in seine Gedichte einbezog.]
Nun, am 21. September 1902, des Familienstipendiums verlustig und mit einer Rodin-Monographie beauftragt, sitzt der Atheist Rilke in Paris und ist mit Gott offenbar im reinen - er kann sich ihm klassisch nähern: höflich, selbstbewußt und m Anerkenntnis der Weltwerdung.

Wo steht das? Im ersten Vers. Die Anrede ist “Herr“ (betont auf unbetonter Silbe, Rilke hat gelernt, mit dem Metrum zu spielen, und setzt sich sozusagen die professionelle Dichtermütze auf. Bisher hatte Gott „Gott, du bist Gott, du Ast“ usw. geheißen, einmal, frech und französisch, als gelte es ein Tänzchen, „mein Herr“).

Der respektvoll-knappen Anrede folgt die Mahnung „es ist Zeit“: man trifft sich dienstlich, und der Redende ist vortragsberechtigt. Doch hütet er sich, gleich auf den Punkt zu kommen. Hochmögende bedürfen des Lobs wie unsereins der Speise, ohne das tun sie nichts oder kriegen den Unmut; die ungeheuerliche Lobfloskel "Der Sommer war sehr groß" erweist des Redenden Weltkenntnis, definiert Gott und läßt den Vers in den klassischen Jambus einrasten, zugleich eröffnet sie den Handlungsort, eine Landschaft. Wer ist Gott? Er wirkt, zeigt sich, am Wetter und den Jahreszeiten. Nun ist Wettermachen das Urgeschäft aller ernstlich großen Götter von Aton über Jahwe und Zeus bis zu Wotan; Gott ist demnach bedeutend, die Agenda der nächsten sechs Verse Chefsache.

Was muß auch nicht alles geleistet werden! Die „Schatten auf die Sonnenuhren“ legen - Massen an Wolken sind aufzubringen! „Die Winde los“ lassen - aber so, daß sie weder einander zunichte blasen noch sich zu Zyklonen zusammenrotten! „Letzte Süße in den schweren Wein“ jagen — biochemischer Feinzauber in unterschiedlichsten Hanglagen! Gott, somit, wird vorgestellt als nördlich des Mittelmeers waltender Groß-Gutsbesitzer, dessen Herrschaft durch Atmo- und Stratosphäre bis zur Sonne reicht; der Redende, sein Majordomus [Hausmeister], sorgt, daß IHM das Rechte zur rechten Zeit in den Kopf kommt, und braucht sachgemäß schöne Verse - ein durchheiterter Gott ist ein besserer Gott.

Wir lesen Vers 8, und stocken. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“ - an wen geht das? Gott? Interessierte ihn derlei, wüßte es eh; er wird wohl davon sein, arbeiten. Sonst ist niemand zugegen, der Majordomus redet zu sich selber. Jammert er? Kein Stück. Vielmehr bleibt ihm, nach erledigter Dienstsache, Muße, Privates zu bedenken: Er macht ein Lebenskonzept.

Rilkes Haushalt in Westerwede [bei Worpswede] war aufgelöst, die Reserven kärglich, Honorare kaum in Sicht; wie weiter? Hausdiener werden? Sich aufhängen? Ein Manifest der Moderne verfassen, wie Hofmannsthal das gleichenjahrs mit dem Lord-Chandos-Brief angeblich getan hat? Nichts dergleichen. Der Redende wird „wachen, lesen, lange Briefe schreiben“ - er wird sich einschränken, Mäzene suchen und dichten.
Vor sechzehn Tagen hatte Rilke Rodins Lebens-Grundregel „Il faut travailler, rien que travailler. Et il faut avoir patience“ erfahren, es ist, lesen wir, inzwischen seine.
Die Schlußwendung von den „Alleen“, in denen „die Blätter treiben“, rundet das Gedicht und dehnt die Berichtszeit in die nächste Zukunft, den Spätherbst; an Rodins Maxime halten wird Rilke sich noch gut dreiundzwanzig Jahre, bis zum Tod, den er als was beschrieben hat? als „Arbeit“.
*
[i[(Aus: Frankfurter Anthologie. 1994. Abgedruckt in: M. Reich-Ranicki (Hrsg.): Von Arno Holz bis R.M. Rilke. 1000 Gedichte und ihre Interpretationen. Bd. 5. 1996: Insel Verlag. S. 347ff.)[/i]

*
Rilke hatte viele Vorteile durch seine unglückliche Erziehung, die er bald überwinden konnte, gehabt: psychische, religiöse, politische!

*
Für mich gilt, besonders nach Kirschs Beitrag:

Rilke hat niemanden verurteilt, bekriegt, verdammt, ausgegrenzt! ER hat alle, die lesen wollen, sprachlich und kulturell beschenkt.

Er hat als mächtiger Poet, als Prophet, Erfahrungen aller Religionen, aller Nationen, aller Geschlechts- oder Standesunterschiede durch eine neue, lyrische Bibel in alten Gleichnissen weitergeschenkt!
Der "Herr" der Herbstes ist hier bei Rilke kein Schöpfergott; er ist der Erhalter, der Gestalter, der Gewährer des Überganges, der Fähigkeit, sich zu Gott, zu Natur, zu Menschen zu verhalten - auch in Briefen, in Gedichten, in Interpretationen und Antworten auf sie, auch das sind kommunikative Briefe.


*
Rilkes "Herbsttag" - bebildert:

http://www.fuchsenbigl.at/poesie/herbsttag.html

*
Naturgeheimnisse nachstammeln; stimmig fassen.

Gast

Parodie aus "Herbsttag"

Beitrag von Gast » 29. Nov 2005, 14:18

Zu Rilke gibt es nicht viele Parodien; dafür sind seine Gedichte zu intensiv, zu ernsthaft un authentisch, zu gefühlsecht, einmalig; eben provoziernd ansprechend, nicht kitschig... - man kann ihnen, ohne albern zu werden, nicht widersprechen!

*

Der Satiriker Werner Schneyder hat nach der Form und den bekannten Sätzen des "Herbsttags" als einen Abschied vom Sommer einen Gegentext geschrieben, eigentlich einen neuen - seinen - Herbsttag (nach einer lustvollen Sommerferienzeit), eben keine Parodie, die auch nicht das Original-Gedicht denunzieren oder lächerlich machen kann.
Es ist das Vergänglichkeits-Thema, neu interpretiert, fortgeschrieben - zu seinen Erwahrungen wit Wein, Weibern und worhandenen, wönen Wörtern (wardon wür so wiele W.s, die kein Weh werraten, nur Wernerliches..!)

*

WERNER SCHNEYDER:
Herbsttag

(Nach Rainer Maria Rilke)

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenbrände,
nach Urlaubsende geht der Wirbel los.

Befiehl den guten Zöllnern, mild zu sein;
gib ihnen noch zwei gütlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
mich durch den Zoll mit dem gepanschten Wein.

Wer jetzt nach Haus kommt, riecht nach Mittelmeer.
Wer jetzt allein ist, wird es nicht lang bleiben,
wird viel erzählen und in Briefen schreiben,
wie man am Sandstrand hin und her
zu Mädchen wandert, wenn die Triebe treiben.
*
(1985; aus „Auf weißen Wiesen weiden grüne Schafe“. Parodien. Ausgewählt von Karl Riha und Hans Wald. 2001. it 2735. S. 139)

Paula
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Registriert: 29. Feb 2004, 11:01

Beitrag von Paula » 1. Dez 2005, 21:34

Hallo,

ein Herbstgedicht von Paul Celan:


Corona


Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.


Paula

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