Viele Fragen zu dem Gedicht "DAS KARUSSELL"

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Gast

Viele Fragen zu dem Gedicht "DAS KARUSSELL"

Beitrag von Gast » 11. Jun 2004, 11:23

Hallo,
Denkt ihr das Gedicht ist für Kinder? Von wegen Identifikation mit dem Karussell durch Erlebnisse und Erfahrungen?
Ist das Gedicht negativ belastet oder das Karussell als Ding positiv dargestellt? Ist nicht auch die Grenze zwischen Realität und Fantasie beschrieben und diese Verwischung?

Habe heute darüber mein Examen geschrieben, bitte nehmt dazu Stellung.

Lieben Gruß

Barbara
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Beitrag von Barbara » 12. Jun 2004, 16:27

Hallo,

was hast Du denn geschrieben - im Examen ?

Meine Meinung, die sicher nur eine unter vielen ist:

Natürlich können auch Kinder "Das Karusell" lesen. Ich kann mich erinnern, dass wir "Das Karusell" von R.M. Rilke in der Schule gelesen haben - so in der achten oder neunten Klasse. Das ist aber schon eine ganze Weile her - so ca 30 Jahre. Meiner Meinung nach können auch Kinder (oder Jugendliche) "Das Karusell" lesen und verstehen, aber vielleicht aus einer anderen Perspektive und vielleicht auch mit Erläuterungen. Sie sind eher mitten im Geschehen, während Erwachsene "Das Karusell" eher betrachten, zuschauen. Das Kind sieht dann vielleicht auch nur einen Teil, das Tier, auf dem es gerade sitzt, während der Erwachsene das Ganze sieht. Erwachsene erinnern sich dann an ihre Kindheit zurück, während Kinder ja noch keine weiteren Erfahrungen gemacht haben und auch unbefangener sind . Ich finde, "Das Karusell" ist eine Einladung an Erwachsene, wieder Phantasie zu entwickeln, in die Kindheit zurück ... Auch habe ich entdeckt, dass - wenn man Gedichte öfter liest, oder immer mal wieder, man die neuen Erfahrungen mitnimmt, die man in der Zwischenzeit gemacht hat und dann natürlich auch wieder mit ganz anderen Augen Gedichte neu entdecken kann.

Mir gefällt dieses Gedicht - nach 30 Jahren immer noch - sehr gut!

Was meinen denn die anderen hier im Forum dazu ? Vielleicht gibt es auch noch weitere interessante Aspekte ?

Viele Grüße von Barbara

gliwi
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Beitrag von gliwi » 12. Jun 2004, 22:14

Hallo,
für Kinder? Eher nicht, denn was sollen sie mit "...dem Land, das lange zögert, eh es untergeht." Sie sind doch noch mittendrin in dem Land, in der Kindheit, und wissen noch nicht, dass es untergeht. nur die Mädchen, die "diesem Pferdesprunge fast schon entwachsen " sind und die auch schon hinaus-
schauen aus diesem Kreis, sie sind schon auf der Schwelle des Kindheitslandes und werden es bald verlassen. Die anderen kreisen noch ganz selbstvergessen, ganz an den Augenblick hingegeben, wie es eben Kinder tun. Das Ka. ist nicht gut und nicht böse, es ist ein "Ding".
Gruß
gliwi

Barbara
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Beitrag von Barbara » 13. Jun 2004, 09:55

Hallo gliwi,

Meiner Meinung nach können auch Kinder das heute schon verstehen
"...dem Land, das lange zögert, eh es untergeht." Es gibt so viele Probleme, die sie bereits mitbekommen - auch wenn sie vielleicht noch nicht direkt betroffen sind, dass sie vermutlich merken, dass die Kindheit im Land der Phantasie nicht von Bestand ist. Zb wenn jemand in ihrem Bekanntenkreis , in ihrer Familie arbeitslos ist, wenn die Eltern sich scheiden lassen, wenn eine Strasse gebaut wird, die Umwelt zerstört wird, wenn die Kosten für den Schulbus oder die Schulbücher steigen... Es kommt darauf an, wieweit Kinder an der Erwachsenenwelt beteiligt, miteinbezogen werden...

Schreib mir, wenn Du anderer Meinung bist . Es gibt immer verschiedene Sichtweisen...

Barbara

Gast

Beitrag von Gast » 13. Jun 2004, 18:39

Ich habe geschrieben, daß es sich für Kinder eignet, da sie sich in der sogenannten magischen Phase befinden und sich somit der Phantasiewelt voll und ganz hingeben können.
Zusätzlich können sie ihre Erfahren und Erinnerungen mit einem Karussell in dem Gedicht wiederfinden und sich somit mit der dargestellten Thematik identifizieren.

Was meint ihr?

Danke im voraus.

Lieben Gruß
Sassy

Barbara
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Beitrag von Barbara » 14. Jun 2004, 06:34

Hallo,

eine Ergänzung zu meinem letzten Beitrag: auch im Land der Phantasie (oder auch der Kindheit) muss man manchmal mutig und stark sein, zb wenn man auf einem "bösen roten Löwen" reitet . (Ich denke das "rot" zeigt hier, dass es ein Phantasielöwe ist, genauso wie es auch keine "weissen Elefanten" gibt....)

Sassy, was mich interessieren würde, wie interpretierst Du denn "...dem Land, das lange zögert, eh es untergeht." ?

Liebe Grüße von Barbara :)

gliwi
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Beitrag von gliwi » 14. Jun 2004, 16:59

Also aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: als Kind fand ich Rilke-Gedichte langweilig, sie haben mich nicht interessiert. magisch her, magisch hin; was mich damals vom Sessel gerissen hat, waren Balladen, besonders die von Schiller. Diese feinen Töne, das zart Hingetupfte bei Rilke, das habe ich erst als Erwachsene lieben gelernt. Da müsste man jetzt die Probe aufs Exempel machen und ein paar Kinder fragen, wie sie es finden. Habe leider keine zur Hand!
Gruß
gliwi

Barbara
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Beitrag von Barbara » 15. Jun 2004, 18:03

Hallo,

also ich habe die Frage von Sassy so verstanden, ob Kinder überhaupt das Gedicht "Das Karussell" schon verstehen können, ob es etwas für sie "ist" !? Man kann ja auch durchs Lesen oder Kennenlernen von Gedichten - zb in der Schule - diese erst entdecken und interessant finden. ... Man muss aber dafür nicht unbedingt wissen, was zb ein "Ding-Gedicht" ist.

Vielleicht hängt das auch vom Alter der Kinder ab? Balladen habe ich zb wesentlich früher gelesen , als Rilke-Gedichte... Auch diese haben mir gut gefallen...

Schade, dass Sassy nicht mehr schreibt :(

Liebe Grüße von Barbara

gliwi
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Beitrag von gliwi » 15. Jun 2004, 18:37

Genau das wollte ich ja sagen: aus meiner Erfahrung waren Rilke-Gedichte im allgemeinen und das K. im besonderen nichts "für mich", als ich ein Kind war. Gerade diesen Refrain z. B. fand ich doof. Aber es gibt ja noch andere Kinder, anstatt darüber zu theoretisieren, sollten wir einfach mal eins fragen. Also wer hat ein Kind "greifbar", das er mal fragen könnte? :?: :?: :lol:
Gruß
gliwi

Barbara
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Beitrag von Barbara » 15. Jun 2004, 20:29

Hallo,

... das ist doch aber irgendwie alles ziemlich subjektiv dann, oder ? Eigentlich sollten wir dann gleich eine ganze Schulklasse... (oder mehrere Schulklassen) fragen ... ?! Leider habe ich auch keine Kinder. Du bist doch - nach Deinem Profil - Lehrerin ?! Kannst Du da nicht mal an Deiner Schule fragen ?

Viele Grüße von Barbara :)

Elvis
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Beitrag von Elvis » 16. Jun 2004, 07:45

Hallo,
ich nehme mal an, dass jedes "Karussel-Tier" die Ausprägung der jeweiligen Kindheit bzw. den Charakter des reitenden Kindes beschreiben soll.
Was symbolisiert dann der "weiße Elephant"? Ihm scheint ja wegen seiner häufigen Wiederholung eine besondere Bedeutung zuzukommen.
Grüsse,
Elvis

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Beitrag von e.u. » 16. Jun 2004, 08:37

Hallo,
vielleicht interessieren euch die Fotos vomKarussel ('manège') im Jardin du Luxembourg. Rilke hat es immer wieder besucht. Vermutlich geht das Gedicht darauf zurück. Auch der Elefant ist hier zu sehen. Es könnte schon sein, dass Rilke hier einfach das nahm, was er sah - und die Figuren erst im Gedicht ihre 'zweite' Bedeutung bekommen haben.
Quelle:
http://www.xpo-photo.com/paris/jardin-l ... -027.shtml
man muss im Fenster ein bisschen blättern.
Das Karussel ist schon ziemlich alt (von Garnier, dem Erbauer der opéra, 1879), natürlich wurden Bemalungen und manchmal sicher auch ganze Tiere erneuert.
Aber ich finde, das ergibt doch immer noch einen guten Eindruck.
e.u.

Barbara
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Beitrag von Barbara » 17. Jun 2004, 17:59

Hallo,

die Bilder vom "Karussell" sind wirklich sehenswert - danke e.u. - für den Linktipp ! Allerdings habe ich mir die Elefanten in dem Gedicht schon etwas majestätischer vorgestellt :) !

Die Elefanten, die in dem Gedicht immer wieder vorkommen, unterstützen (durch die Wiederholung) den Eindruck , dass das Karussell sich im Kreis dreht . Dadurch wird es erst zu einer "runden Sache" :wink: .

Viele Grüße von Barbara

Flugente
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Beitrag von Flugente » 31. Jan 2005, 14:09

Huhuu!

Was ist noch mal ein Binnenreim?

Und ich habe Probleme mit dem Versmaß. Ich weiß zwar, um was für Reime (bis auf den Binnenreim) es sich handelt, aber weiß nicht wie genau ich mir das Reimschema aufschreiben soll. Steht z.B. für "und dann und wann ein weißer Elefant" immer ein "b"? Vielleicht kann mir da jemand mit der richtigen Schreibweise helfen. Ich weiß nicht ob ich bei jeder Strophe mit einem neuen Buchstaben anfangen muss oder wiederkehrende Reime den gleichen Buchstaben wie am Anfang tragen usw. Wäre toll wenn das mal jemand für das Gedicht 'Das Karussell' machen könnte.

Dann habe ich irgendwo etwas zum Thema Karussell gefunden. Dort steht u.a.:

"Der Zusammenhang zwischen formalen Elementen und dem Inhalt wird mehr als deutlich.
Für eine weitere sprachliche Analyse sei u.a. auf die dynamischen Verben und die Farbadjektive (v.a. in V. 23) verwiesen: wie kommt es zu der Farbe "Grau"? Auch hier lässt das lyrische Ich das Karussell in seinem Wesen, nicht in seiner Dinglichkeit lebendig werden.

Hiermit habe ich noch etwas Probleme. Was meint der Verfassser dieses Textes mit "Der Zusammenhang zwischen formalen Elementen und dem Inhalt"? Was hat die Entstehung der Farben mit dem Wesen des Karussells zu tun? Ich habe es so verstanden, wie hier auch schon gesagt, nämlich dass die Farben einfach die Kleidung der Kinder auf den Tieren oder auch der Tiere selbst darstellt. Farben, die einem ins Auge stechen während das Karussell sich dreht. Vielleicht entstehen durch die Vermischung der schnell gesehenenen Farben andere Farben, die eigentlich gar nicht vorhanden sind, sondern nur vom Auge so wahrgenommen, sprich die Vermischung vom wahrgenommenen weißen Elefanten mit etwas Schwarzem ergibt Grau.
Die dynamischen Verben sind klar: drehen, gehen, vorüber kommen, endet, kreisen, usw. zeigen alle die Drehbewegung des Karussells an.

Danke für Eure Hilfe!
Flugentchen

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Anna B.
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Beitrag von Anna B. » 31. Jan 2005, 20:31

Hallo Flugentchen,

meiner Meinung nach geht es so mit dem Reim im Karussell :

Das Karussell
Jardin du Luxemburg

a: Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
b: sich eine kleine Weile der Bestand
b: von bunten Pferden, alle aus dem Land,
a: das lange zögert, eh es untergeht.

b: Zwar manche sind an Wagen angespannt,
c: doch alle haben Mut in ihren Mienen;
c: ein böser roter Löwe geht mit ihnen
b: und dann und wann ein weißer Elefant.

---------

d: Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
e: nur daß er einen Sattel trägt und drüber
d: ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

f: Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
g: und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
f: dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

g: Und dann und wann ein weißer Elefant.

-----------

h: Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
i: auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
i: fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
h: schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

j: Und dann und wann ein weißer Elefant.

k: Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
l: und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
k: Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
l: ein kleines kaum begonnenes Profil -.
k: Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
k: ein seliges, das blendet und verschwendet
l: an dieses atemlose blinde Spiel...

Und ein Binnenreim müsste es sein zb abba , dann ist b der Binnenreim ...
Kann aber auch sein, ich habe es vergessen ... Wenn jemand schlauer ist, bitte korrigieren :wink: !

Viele Grüße von Anna B. :lol:

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