"Einmal nahm ich"

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Ms01
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"Einmal nahm ich"

Beitrag von Ms01 » 24. Jul 2012, 20:48

Guten Abend!

Ich verzweifel gerade etwas an der Analyse des Gedichtes "Einmal nahm ich".
Sonst macht mir die Interpretation von Gedichten viel Spaß, hier bekomme ich jedoch absolut keinen Zugang zu dem Text. Vor allem den letzten beiden Strophen kann ich überhaupt nichts abgewinnen.
Ich habe mich nun ein wenig durch das Forum gelesen und bin auf viele interessante Aspekte gestoßen, jedoch bringen sie mich leider im Verständnis dieses Gedichtes nicht weiter.

Wenn jemand sich die Mühe machen würde, mir zu helfen, wäre ich dafür wirklich sehr dankbar.

Hier das Gedicht:

Einmal nahm ich

Einmal nahm ich zwischen meine Hände
dein Gesicht. Der Mond fiel darauf ein.
Unbegreiflichster der Gegenstände
unter überfließendem Gewein.

Wie ein williges, das still besteht,
beinah war es wie ein Ding zu halten.
Und doch war kein Wesen in der kalten
Nacht, das mir unendlicher entgeht.

O da strömen wir zu diesen Stellen,
drängen in die kleine Oberfläche
alle Wellen unsres Herzens,
Lust und Schwäche,
und wem halten wir sie schließlich hin?

Ach dem Fremden, der uns missverstanden,
ach dem andern, den wir niemals fanden,
denen Knechten, die uns banden,
Frühlingswinden, die damit entschwanden,
und der Stille, der Verliererin.

stilz
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Re: "Einmal nahm ich"

Beitrag von stilz » 31. Jul 2012, 13:05

Wenn Du sagst, Du bekommst keinen Zugang zum Text, und Du kannst vor allem den letzten beiden Strophen „nichts abgewinnen“ – meinst Du damit, es gelingt Dir nicht, zu begreifen, wovon in diesem Gedicht die Rede ist?

Es handelt sich um das Gesicht – zunächst um ein bestimmtes, das das „Lyrische Ich“ einmal zwischen seinen Händen hielt, und dann um das menschliche Gesicht im allgemeinen.
Um diese kleine Oberfläche, in die wir alle unsere Gefühle hineintragen, sodaß sie im Gesichtsausdruck sichtbar werden... und das Gesicht ist die einzige Stelle an uns, die wir unentwegt nackt und bloß der Welt „hinhalten“ (neben den Händen, über die Rilke auch Berührendes gedichtet hat – aber immerhin: es gibt Handschuhe...).
Einer Welt, die uns fremd gegenübersteht, zumindest (wie der Wind) gleichgültig, wenn nicht sogar feindlich...

Ich denke dabei auch an die Gedanken über Gesichter aus der fünften Aufzeichnung des Malte Laurids Brigge.

Nun weiß ich nicht, ob diese wenigen Zeilen Dir eine Hilfe sein können...
Wenn Du dazu gern noch Ausführlicheres lesen magst, dann schreib doch bitte, was Du glaubst, verstanden zu haben, und für welche Zeilen Du gern eine „Übesetzung“ hättest.
(Wenn mir ein Gedicht zunächst dunkel und rätselhaft erscheint, dann hilft es mir meistens, mich zunächst mal ganz prosaisch mit der Grammatik zu befassen...)

Herzlichen Gruß,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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