Einmal nahm ich

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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anikabug
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Einmal nahm ich

Beitrag von anikabug » 16. Aug 2012, 14:34

Hallo,

ich brauche dringend Hilfe bei der Interpretation des Gedichtes "Einmal nahm ich". Ich habe einen anderen Beitrag zu dem Thema gelesen und habe jetzt zumindest schonmal verstanden, dass es wohl um das menschliche Gesicht geht, jedoch hilft mir das in der Interpretation nur bedingt weiter. Was ist denn mit den beiden letzten Strophen gemeint? Welche Verliererin ist gemeint? Zu welchen Stellen wird hingeströmt? Es wäre wirklich ganz toll, wenn mir jemand eine Art "Übersetzung" geben könnte, damit ich überhaupt erstmal verstehe, was ich interpretieren soll :)

Wenn sich jemand damit auskennt, wäre es auch super hilfreich, wenn er mir ein paar Tipps zu den stilistischen Merkmalen, Versmaß usw geben könnte.

Aber eine inhaltliche "Übersetzung" wäre mir das Wichtigste :)
Viele liebe Grüße :)

stilz
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Re: Einmal nahm ich

Beitrag von stilz » 17. Aug 2012, 08:38

Liebe Anika,

also, zuerst hier nochmal der Text:

  • Einmal nahm ich zwischen meine Hände
    dein Gesicht. Der Mond fiel darauf ein.
    Unbegreiflichster der Gegenstände
    unter überfließendem Gewein.

    Wie ein williges, das still besteht,
    beinah war es wie ein Ding zu halten.
    Und doch war kein Wesen in der kalten
    Nacht, das mir unendlicher entgeht.

    O da strömen wir zu diesen Stellen,
    drängen in die kleine Oberfläche
    alle Wellen unsres Herzens,
    Lust und Schwäche,
    und wem halten wir sie schließlich hin?

    Ach dem Fremden, der uns mißverstanden,
    ach dem andern, den wir niemals fanden,
    denen Knechten, die uns banden,
    Frühlingswinden, die damit entschwanden,
    und der Stille, der Verliererin.
Du bittest um eine „Übersetzung“ der letzten beiden Strophen, insbesondere fragst Du:
„Zu welchen Stellen wird hingeströmt?“ und „Welche Verliererin ist gemeint?“
Offenbar habe ich mich hier nicht klar genug ausgedrückt: diese »Stellen«, zu denen wir (will heißen: unser „Inneres“) »hinströmen« --- das sind für mich eben unsere Gesichter. Diese kleinen Teile unserer Hautoberfläche, die – vermittels unseres Gesichts-ausdrucks – »alle Wellen unsres Herzens« sichtbar machen (wenn wir nicht gerade ein pokerface aufsetzen)...

Und wir »halten es hin«, unser Gesicht: nackt und schutzlos (jedenfalls wenn wir nicht verschleiert sind) geben wir es den Blicken anderer preis, denen des »Fremden, der uns mißverstanden« und auch denen des anderen Menschen, der uns vielleicht hätte nah sein können, den wir aber dennoch »niemals fanden«; den Blicken all der Menschen, die uns in irgendeiner Weise Fesseln angelegt haben im Leben, »die uns banden«... und nicht nur Menschen halten wir unser Gesicht hin, mit dem Ausdruck unserer innersten Lust und all unserer Schwäche. Auch dem »Frühlingswind« halten wir es hin – und er »entschwindet«: was mag er mitnehmen von der Berührung mit unserem Gesicht?
Und schließlich halten wir unser Gesicht auch der »Stille« hin. Sie ist es, die im letzten Satz als »Verliererin« bezeichnet ist.

Was mag Rilke damit meinen?
Ich empfinde es so: unser Gesichtsausdruck scheint nach einem Gegenüber zu verlangen, einem anderen Gesicht, in dem wir uns gewissermaßen „spiegeln“ können, sodaß es eine Art „Echo“ gibt (selbst wenn es oft ein verzerrtes „Spiegelbild“, ein entstelltes „Echo“ sein mag) …
Die Stille aber gibt kein solches Echo. In ihr scheint sich alles, was wir in diese kleine Stelle unserer Hautoberfläche hineingetragen haben, zu verlieren...

Dieses Gedicht stammt aus dem Jahr 1913.
Ich denke auch an das Gedicht Die Stille aus dem einige Jahre davor entstandenen „Buch der Bilder“. Hier heißt es noch (Hervorhebung von mir):
  • ...
    Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
    bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
    unvernichtbar drückt die geringste Erregung
    in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
    ...

Und ich frage mich: was mag für Rilke der Unterschied sein zwischen dieser »geringsten Erregung«, die »unvernichtbar« bleibt, und demjenigen, das die Stille verliert?

Ich hoffe, diese Zeilen können Dir ein wenig weiterhelfen.

Herzlichen Gruß,
stilz
Zuletzt geändert von stilz am 17. Aug 2012, 13:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Einmal nahm ich

Beitrag von stilz » 17. Aug 2012, 08:56

P.S.:
Als weitere Anregung für Fragen und Gedanken:

Ich denke bei Rilkes »Stille« auch an die Erste Duineser Elegie, an diese Stelle:
  • ... Aber das Wehende höre,
    die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.


LG
stilz
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