grabspruch interpretation

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Friesen
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grabspruch interpretation

Beitrag von Friesen » 22. Sep 2012, 16:55

Rainer Maria Rilke – Grabspruch
Interpretation von Ilse D.


Rainer Maria Rilke, dessen Ringen darum ging, alles Sein – vom Leben bis zum Tod – als Einheit, als Ganzes zu erfahren, hat sich mit seinem eigenen realen Sterben und Tod sehr schwer getan.
Er fragte nicht nach dem letzten Grund seiner Krankheit und sprach schon gar nicht über seinen persönlichen Tod.
Trotzdem bestimmte er den Ort seines Grabes und verfasste seinen Grabspruch:

„Rose, oh reiner Widerspruch,
Lust, niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern“.

Rilke liebte die Rose, als duftende Blume und als kühlendes Element für seine Augenlider.
Sie verschmolz sozusagen mit seinen Augenlidern und verschaffte ihm das Gefühl der Einheit mit der Rose.
Der Duft schenkte ihm Lust am Schlaf, waren seine Augenlider doch von einer süßen Last vervielfacht.
Aber Rilke spricht von der Rose als „reiner Widerspruch“ und über „Lust niemandes Schlaf“ zu sein!
Für mich ist in dem Grabspruch neben dem Hauptwort „Rose“ das Wort „rein“ sehr wichtig.
Rilke sagt: „Wir sagen Reinheit und wir sagen Rose und klingen an, an alles, was geschieht, dahinter aber ist das Namenlose und eigentlich Gebilde und Gebiet“.
(Für M. Th. Von Thurn u. Taxis)

Es lösen sich in „Reinheit“ und „das Namenlose“ alle Widersprüche auf.
Die Rose ist kein „reiner Widerspruch“, wie wir aus unserem normalen Sprachgebrauch heraus diese Worte verstehen, sondern die Rose im reinen Widerspruch ist die Erhabene, die Überwinderin aller Widersprüche.
Alle Phasen des Schlafs „unter so viel Lidern“ wie z. B. im Rosengedicht:

„Schlaf der tausend Rosenaugenlider,
heller Schläfer deiner Düfte,
tiefer Schläfer deiner kühlen Innigkeiten“.






Oder aus der „Rosenschale“:

…dass eins sich aufschlägt wie ein Lid,
und drunter liegen lauter Augenlider,
geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend
zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft…

alle beschriebenen Phasen eines innigen, genießerischen Schlafs werden erhöht durch den reinen Schlaf, bei dem der Schlaf namenlos und dadurch zu „niemandes Schlaf“ wird.
Die von Rilke beschriebene „Lust“ am Schlaf überhöht sich also zum „reinen“ Schlaf im „Namenlosen“. (dahinter aber ist das Namenlose)
Mit dem „reinen Schlaf im Namenlosen“ sind wir beim letzten ewigen Schlaf, dem Tod.
Rilke hat in wunderbarer Weise mit diesen Worten auf seinem Grabstein den großen Bogen geschlagen – vom Leben zum Tod – unser aller Tod - niemandes Tod –

Sei – und wisse zugleich des Nicht – Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

Aus XIII. Sonett 2. Teil

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