Weißt du von jenen Heiligen

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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stilz
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Weißt du von jenen Heiligen

Beitrag von stilz » 12. Apr 2013, 16:23

  • Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr?

    Sie fühlten auch verschloßne Klosterstuben
    zu nahe an Gelächter und Geplärr,
    so daß sie tief sich in die Erde gruben.

    Ein jeder atmete mit seinem Licht
    die kleine Luft in seiner Grube aus,
    vergaß sein Alter und sein Angesicht
    und lebte wie ein fensterloses Haus
    und starb nichtmehr, als wär er lange tot.

    Sie lasen selten; alles war verdorrt,
    als wäre Frost in jedes Buch gekrochen,
    und wie die Kutte hing von ihren Knochen,
    so hing der Sinn herab von jedem Wort.
    Sie redeten einander nichtmehr an,
    wenn sie sich fühlten in den schwarzen Gängen,
    sie ließen ihre langen Haare hängen,
    und keiner wußte, ob sein Nachbarmann
    nicht stehend starb.

    . . . . . . . . . . . . . . .In einem runden Raum,
    wo Silberlampen sich von Balsam nährten,
    versammelten sich manchmal die Gefährten
    vor goldnen Türen wie vor goldnen Gärten
    und schauten voller Mißtraun in den Traum
    und rauschten leise mit den langen Bärten.

    Ihr Leben war wie tausend Jahre groß,
    seit es sich nichtmehr schied in Nacht und Helle;
    sie waren, wie gewälzt von einer Welle,
    zurückgekehrt in ihrer Mutter Schooß.
    Sie saßen rundgekrümmt wie Embryos
    mit großen Köpfen und mit kleinen Händen
    und aßen nicht, als ob sie Nahrung fänden
    aus jener Erde, die sie schwarz umschloß.

    Jetzt zeigt man sie den tausend Pilgern, die
    aus Stadt und Steppe zu dem Kloster wallen.
    Seit dreimal hundert Jahren liegen sie,
    und ihre Leiber können nicht zerfallen.
    Das Dunkel häuft sich wie ein Licht das rußt
    auf ihren langen lagernden Gestalten,
    die unter Tüchern heimlich sich erhalten, -
    und ihrer Hände ungelöstes Falten
    liegt ihnen wie Gebirge auf der Brust.

    Du großer alter Herzog des Erhabnen:
    hast du vergessen, diesen Eingegrabnen
    den Tod zu schicken, der sie ganz verbraucht,
    weil sie sich tief in Erde eingetaucht?
    Sind die, die sich Verstorbenen vergleichen,
    am ähnlichsten der Unvergänglichkeit?
    Ist das das große Leben deiner Leichen,
    das überdauern soll den Tod der Zeit?

    Sind sie dir noch zu deinen Plänen gut?
    Erhältst du unvergängliche Gefäße,
    die du, der allen Maßen Ungemäße,
    einmal erfüllen willst mit deinem Blut?


Dieses Gedicht aus dem „Buch von der Pilgerschaft“ berührt mich ganz eigenartig - einerseits ist es mir sehr sehr fremd, andererseits wird auch etwas in mir angerührt, das ich am ehesten mit dem englischen „awe“ ausdrücken möchte: es hat sowohl mit „Ehrfurcht“ zu tun als auch mit „Schrecknis“ und „Grauen“... Diese Empfindung ist mir sehr viel weniger fremd als das tatsächlich in diesem Gedicht Geschilderte.

Und Rilkes Frage in der letzten Strophe: „Sind sie dir noch zu deinen Plänen gut?“ läßt mich an alle Menschen, an alle Völker und Kulturen denken, die jemals etwas „Altes“ für würdig gehalten haben, „aufbewahrt“ zu werden, wenn nicht zum heutigen täglichen Gebrauch, so doch für unbekannte, künftige Zeiten... und ohne mit Sicherheit zu wissen, ob es „Pläne“ geben könnte, zu denen das in Zukunft einmal „gut“ sein würde...


Vor kurzem bin ich in ganz anderem Zusammenhang auf eine Schilderung dieses Höhlenklosters gestoßen, die ich mit den Mitlesern hier im Forum teilen will:
  • Wenn man heute nach Kiew kommt, in das große Kloster, welches Kiewa-Petschorskaja-Lawra heißt, dann hört man, es gebe auch ein zweites Kloster unter der Erde in den Höhlen. Steigt man herunter, sieht man da in den offenen Sarkophagen die auf natürliche Weise mumifizierten Heiligen, die in diesem unterirdischen Kloster vom zehnten Jahrhundert an gelebt haben und dort gestorben sind. Man muß sich vorstellen: Die Menschen stiegen unter die Erde und lebten dort über vierzig Jahre lang von sehr wenig Essen und oft von der Kommunion allein. Vor allem aber haben sie keine Sonne, keinen blauen Himmel, kein Grün der Bäume gesehen. Das Gebet und die Liturgie waren ihnen Licht! Ihr ganzes Leben lebten sie unter dieser Erde, wurden dort bestattet und in diesem trockenen Klima und durch ihre geistige Arbeit wie von selbst mumifiziert. Jetzt liegen sie dort in ihren Särgen, nur zum Teil zugedeckt, so daß man ihre Hände sieht. Auf ihre wunderbaren ziselierten Finger schauend, kann man fasziniert sagen: «Das ist ein Kunstwerk.» Und man beginnt zu ahnen, was der Geist aus dem Leibe machen kann.

    (Sergej O. Prokofieff, Sommer 2000, Vortrag „Die Esoterik im östlichen Christentum“, in: „Esoterik der Weltreligionen“, Hrsg: Virginia Sease)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

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