Orpheus. Eurydike. Hermes

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Rikmanfredson
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Orpheus. Eurydike. Hermes

Beitrag von Rikmanfredson » 2. Sep 2013, 22:27

Werte Freunde der Rilkschen Gedichte!

Beim Durchstöbern des Forums schien mir ein Gedicht zu kurz zu kommen - es ist mein Lieblingsgedicht, im Vergleich zu dem ich kein besseres, kein schöneres kenne:

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunke
l. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen waren da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große graue blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft
.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
erschien des einen Weges blasser Streifen,
wie eine lange Bleiche hingelegt.

Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen
; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand, -
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wärens zwei
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben: sie.

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt, ganz so
wie um die andre Erde, eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen - :
Diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
und dachte nicht des Mannes, der voranging,
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.
Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,

so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.

Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise, leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.

Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -,
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.


Aus: Neue Gedichte (1907)

Als mir dieses Gedicht zum ersten Mal vorgelesen wurde, war ich erschüttert über Eurydikes "Wer?". Ich war fassungslos! Weder aus Ovids Fassung ist mir diese Reaktion bekannt, noch aus Glucks Oper. Ach, es gibt so viele Varianten und Interpretationen des Orpheus-Mythos, aber dieses "Wer?" bewegt mich doch am allermeisten...

Ich würde gerne das Gedicht sprachlich untersuchen und die Wendungen herausnehmen, die irgendwie "typisch Rilke" sind. Ich bin (leider) keine Germanistin und kann nur das einbringen, was mir auffällt. Was würdet ihr sagen? Was zeichnet Rilke aus?

- grandiose Vergleiche und Metaphern
- neuartige Substantivierungen
- wunderbare Lautwiederholungen bzw. Alliterationen
- besondere Satz-Konstruktionen: ein langer Konsekutivsatz hängt von der Substantivierung "die SO-Geliebte" ab
- der besondere Rhythmus, den die einzelnen Sätze haben.

Ich bin auf eure Entdeckungen gespannt!

Schönen Abend,

Rik

stilz
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Re: Orpheus. Eurydike. Hermes

Beitrag von stilz » 5. Sep 2013, 07:39

Liebe Rik,

herzlich willkommen im Forum, und danke für Deine schönen und interessanten Beiträge!

Besonders danke fürs Aufmerksammachen auf dieses wunderbare Gedicht, das ich bis jetzt nicht kannte.
Rikmanfredson hat geschrieben:Als mir dieses Gedicht zum ersten Mal vorgelesen wurde, war ich erschüttert über Eurydikes "Wer?". Ich war fassungslos! Weder aus Ovids Fassung ist mir diese Reaktion bekannt, noch aus Glucks Oper. Ach, es gibt so viele Varianten und Interpretationen des Orpheus-Mythos, aber dieses "Wer?" bewegt mich doch am allermeisten...
Auch ich bin sehr berührt von dieser Frage Eurydikes.
Sie erinnert mich an eine Erzählung Urs Widmers, die ich vor längerer Zeit im Radio gehört habe.
Sein »Orpheus, zweiter Abstieg« ist gewissermaßen eine zu dieser Eurydike-Frage komplementäre Geschichte: Orpheus macht sich ein zweites Mal auf die Suche nach Eurydike und passiert noch einmal den »Riß der Schöpfung, der das Hier vom Dort trennt«, fest entschlossen, sich diesmal nicht umzudrehen. Und er sucht, sieht in Milliarden von »Geistergesichtern«, geht an unendlich vielen Toten vorbei...
»Als Orpheus bei der letzten Furie ankam, einer kleinen, traurigen, als sie ihn auch an niemanden erinnerte, an nichts, da schrie er auf und stürzte den steilen Weg nach oben. An der alten Stelle von damals war er so außer Atem, daß er stehenblieb und sich umwandte. Die Seelen waren verschwunden. Nur die eine, die kleine, stand noch da und sah zu ihm hoch. [...] „Ich habe sie nicht erkannt“, murmelte er. „Stell dir vor, ich habe Eurydike nicht erkannt!“«

- - -
Rikmanfredson hat geschrieben:Was würdet ihr sagen? Was zeichnet Rilke aus?
Danke auch für diese Frage, auf die ich später zurückkommen will...

Herzlichen Gruß,
Ingrid (stilz)
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)

Rikmanfredson
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Re: Orpheus. Eurydike. Hermes

Beitrag von Rikmanfredson » 5. Sep 2013, 10:36

Hallo Stilz!

Danke für die nette Begrüßung!

Urs Widmer kenne ich nicht, muss ich mir aber merken. Was Du zitiert hast, klingt sehr interessant!

Ein kurzer Ausflug in die Rezeption dieses Mythos: In Glucks Oper ist die Sache ja sehr anders als in der antiken Erzählung: Dort ist es Eurydike, die Orpheus beim Aufstieg provoziert: "Liebst Du mich nicht mehr? Bin ich hier so hässlich geworden, dass Du mich nicht mehr ansehen willst?" - bis er sich halt umdreht... Da die Oper aber in Verbindung mit einer Hochzeitsfeier aufgeführt wurde, braucht sie ein gutes Ende. Orpheus geht zwar nicht wieder in die Unterwelt hinab, bekommt seine geliebt Frau aber von den Göttern zurück, als diese erkennen, dass seine Trauer so unendlich tief ist und nicht wieder beruhigt werden kann. Die Liebe hat gesiegt!

In neugieriger Erwartung Eurer Antworten, was in diesem Gedicht so typisch für Rilkes Stil ist, verbleibe ich mit vielen Grüßen!

Rik

stilz
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Re: Orpheus. Eurydike. Hermes

Beitrag von stilz » 13. Sep 2013, 17:57

Liebe Rik,

nun habe ich viele Gedichte Rilkes wieder gelesen und mich dabei gefragt, was ich als „typisch Rilke“ ansehen würde.
Freilich gibt es Wendungen, bei denen ich, auch ohne ein Gedicht zu kennen, sofort an Rilke denke --- und mir fällt Karl Kraus ein, dem es offenbar auch so ging :D

Dennoch: was für mich am „typischsten“ für Rilke ist, das ist weniger etwas Lautliches, es sind auch nicht die Metaphern (obwohl die schon sehr „besonders“ sind), sondern es ist seine Art, die Dinge (in diesem Fall: den Orpheus-Mythos) gewissermaßen „umzustülpen“: man sieht sie dann nicht mehr „von außen“, man sieht auch nicht die „gewöhnliche Innenansicht“, sondern Rilke beleuchtet jeweils eine unerwartete, bisher verborgene Stelle dieses „Inneren“.

Oft sind das „Einblicke“, die mich im alltäglichen Leben überraschen, manchmal sogar schockieren würden --- aber Rilke nimmt mich gewissermaßen an der Hand und führt mich an einen „Ort“, von dem aus ich „sehen“ kann, daß es sich auch bei dem „Schockierenden“ um eine Facette handelt, um ein funkelndes Mosaiksteinchen, das notwendig ist, damit das „Ganze“ da sein kann...
Rilke singt gewissermaßen die Gärten, die ich nicht kenne, und ich fühl, daß der ganze, der rühmliche Teppich gemeint ist . . .

Herzlichen Gruß,
stilz
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